27.07.1992

FilmEs röhrt der Stör

„Otto - der Liebesfilm“. Spielfilm von Otto Waalkes. Deutschland 1992; 100 Minuten; Farbe.
Der Mensch auf Erden, Zierstück des kosmischen Schöpfungswillens, ist dem Allmächtigen längst nicht mehr ein pures Wohlgefallen.
"Krieg herrscht zwischen den Geschlechtern", ruft er zürnend hinüber zum Liebesdiener Amor, dem das terrestrische Beziehungselend schon über den Kopf gewachsen ist. "Bald leben nur noch Singles" auf dem lieblosen Planeten, so spricht der Herr verdrießlich und befiehlt seinem himmlischen Sexualbeauftragten, unverzüglich "zwei Herzen füreinander zu entflammen".
Amor setzt den Bogen an und trifft drehbuchgerecht einen flachshaarigen, hektischen Berufshumoristen, der sofort der vollbrüstigen Medizinalassistentin Tina verfällt - und damit einen erotischen Komödienstadl in Gang bringt. Otto Waalkes, 44, ist wieder da, mit einer neuen Volksbelustigung, die in dieser Woche ins Kino kommt. "Otto - der Liebesfilm" ist Waalkes vierte Lichtspielkomödie, und sie soll nun die humoristische Wiedergeburt des gewerblichen Blödlers einleiten.
Denn in der Fachwelt hatte Ottos Ansehen schwer gelitten. Unter lachbereiten Intellektuellen, die langjährig viel Spaß mit dem anarchisch verspielten Wirrkopf hatten, herrscht eine ausgeprägte Otto-Phobie, seit er sich vom angestammten Bildschirm zum Kino verabschiedet hat.
Nach dem Debüt "Otto - Der Film", das mehr als neun Millionen Otto-Freaks stürmten, sanken kontinuierlich Niveau und Besucherzahlen. "Otto - Der neue Film" kam als Meisterwerk unverschämten Product Placements in üble Nachrede. Der "Außerfriesische", Opus drei, war nur noch ein "witzloses Fürzchen" (taz) und vertiefte das Leid, das der vertrocknete Midlife-Komiker über seine Gemeinde brachte.
"Ich habe nicht mehr soviel auf der Pfanne", so hat sich der Schelm kürzlich selbstkritisch geäußert, und das gilt wohl auch für seine Kumpane Robert Gernhardt, Peter Knorr und Bernd Eilert, die als "Vollender der Frankfurter Schule für angewandte Brachialverblödung" (Süddeutsche Zeitung) jedes Otto-Produkt mit Witz und Unverstand ausstatten. Unter Ottos Regie haben nun alle zusammen für das Liebesdrama eine echt hirnrissige Story zusammengebosselt, die Otto leider nur selten mit parodistischem Tabasco würzt.
Die partnerschaftlichen Bemühungen des Bogenschützen Amor sind zunächst unersprießlich für den angeschossenen Erotomanen Otto. Ein zweiter Liebespfeil, der eigentlich für die Gesundheitsfee Tina bestimmt ist, trifft unglücklich deren Hund Seppi, der augenblicklich geil über den verdutzten Otto herfällt und leidenschaftlich sein zerlumptes Hosenbein rammelt.
Zum libidinösen Vollzug kommt es erst auf einem ärztlichen Faschingsball, wo Otto, als "Beulenpest" maskiert, die begehrte Tina einem brünstigen Schönheitschirurgen entreißt und massive Kritik am zugelassenen Kassenarzt übt: "Noch jeden, der ins Gras gebissen, hat er von Kopf bis Fuß beschissen" - eine wiederaufbereitete Sottise aus der Fernseh-Steinzeit.
Im weiteren Verlauf der Hanswurstiade versucht der priapeisch geschärfte Chirurg, eine Witwe um ihren Immobilienbesitz zu betrügen. Doch verschwindet dieser bescheidene erzählerische Rahmen konturenlos unter Ottos unvermindert verzappelten Pantomimen und Kalauern, die wohl nur noch hartleibigste Ottomanen ergötzen.
Er moderiert eine Modenschau aus dem "Hause Alptraum" mit "hocherotischen Hosenträgern aus naturbelassenem Babybiber". Er veräppelt die TV-Werbung, witzelt über Onanie und fernöstliche Liebespraktiken von Herrn "Karl Masutra". Eine Volksmusik-Gala krönt der Irrwisch mit einem getanzten "Keuschgauer Reinheitsreigen". Dazu singen die "Original Negerländer" sowie - Höhepunkt der neuottonischen Komik - die "Helgaländer Seichtmatrosen vom Segelschwulschiff Oarsch Fack mit ihrer Hymne auf die kalte Heimat: ,Es ist zum Quieken, röhrt der Stör, ganz ungeniert in Quiek auf Röhr.'"
Dann stürzt sich der Hampelmann in die Arme seiner Konkubine, an den Busen der Tina-Darstellerin Jessika Cardinahl, die bereits im ersten Otto-Werk mitwirkte und immer noch über die Ausstrahlung eines erloschenen Glühwürmchens verfügt.
Otto war der infantile, aufsässige Hofnarr der antiautoritären siebziger Jahre. Nun ist er nur noch ein rührend albernes Kind. "Film macht Spaß, Geldverdienen macht Spaß", hat er einmal gesagt. Geld allein macht doch auch glücklich.

DER SPIEGEL 31/1992
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