27.04.1992

Die Lehren der Affen

Es war ein lauer Sommerabend, auf einer Wiese in Florida schimmerten und flimmerten die Glühwürmchen, ein jedes nach seiner Art: Da ein langsam pulsierendes Licht, dort ein synkopisches Blitzen und da drüben ein länger anhaltendes Glühen - im Zusammenspiel eine funkelnde Pracht und ein Inbild der Romantik für einen Schwarmgeist. Einer, von Beruf Insektenforscher, sah genau hin, und Abgründe der Gemeinheit taten sich auf.
Die Männchen der Spezies Photinus collustrans schwirrten paarungswillig umher und sandten zur Brautwerbung ihr 0,3 Sekunden dauerndes Blinksignal aus, 455mal je Flugkilometer. Mit der für sie charakteristischen Helligkeit und Frequenz - jede der etwa 2000 Glühwürmchenarten hat ihren ureigenen Code - antworteten die Weibchen. Doch nicht nur sie. Falsche Bräute der räuberischen Photuris-Arten lockten mit nachgeahmten Lichtblitzen statt zur Hochzeit zum Fraß, und so mancher Collustrans-Freier fiel tödlich herein.
Als ob sie so eine mörderische Femme fatale der Photuris wären - genauso funkelten wiederum Männchen einer anderen Art, der Macdermotti. Mit diesem Trick jagten sie Konkurrenten in den eigenen Reihen Angst vor dem Gefressenwerden ein. Durch deren Irritation ergatterten sie einen Sekundenvorteil bei der Eroberung eines der äußerst raren Weibchen.
Indessen übertölpelten bei den Photuris gewisse Freier ihre räuberischen, ganz aufs Beutemachen versessenen Weibchen, indem sie sich als Beute gerierten und genauso blinkten wie wohlschmeckende Männchen anderer Arten. Doch statt zu einem guten Happen zu kommen, wurden die freßlüsternen Weibchen von den wesentlich kleineren, aber raffinierten Männchen zur Kopulation herangenommen.
"Arglist und Täuschung" machte der an der Universität von Florida lehrende Insektenforscher James Lloyd, 59, im märchenhaften Glitzern auf der Wiese aus. Diese Erkenntnis begründete seinen Weltruf als Experte für Leuchtkäfer. Mehr noch: Seine Glühwürmchen fügen sich fabelhaft ein in eine Kette der Indizien. Lug und Trug erweisen sich als Strategie in der Evolution.
Von Fischen, die zu täuschen vermögen, führt ein roter Faden über betrügerische Affen bis zum Glykol im Wein und Saddam Husseins Panzer-Attrappen. Der Filmstar Rock Hudson, der seine Welt als Inbegriff eines Frauenhelden foppte und in Wirklichkeit Männer liebte, kann als Prachtexemplar unserer Gattung ebenso gelten wie der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich zum Weltmeister der Bestätigungsdementis und Dementibestätigungen erhob.
Als Günstlinge der Auslese stehen sie da, die Lügner, die auf einen falschen Glauben bei anderen zielen, die Betrüger, die auf falsche Handlungen setzen, die Heuchler, die ihr Wesen fälschen.
Aus der kühlen, von Moral wenig verengten Sicht der Evolutionsbiologen verhielt sich so manche unrühmliche Berühmtheit nach den Regeln unserer Spezies erwartungsgemäß: Hans Filbinger, der als badenwürttembergischer Ministerpräsident sein furchtbares Richtertum in der Nazi-Zeit leugnete ebenso wie sein Kieler Kollege Uwe Barschel, der im Brustton von Wohlanständigkeit ein falsches Ehrenwort abgab, schließlich auch der Politstar der Wende, Lothar de Maiziere, der von seinem Stasi-Alter-ego Czerni nichts mehr wissen wollte, oder, nicht zu vergessen, der für manche Teile Bayerns unsterbliche Franz Josef Strauß, der (im Verlauf der SPIEGEL-Affäre) den Bundestag belog und darüber als Verteidigungsminister stürzte.
Zwar stimmen, wie der Brockhaus kurz und bündig erklärt, "alle Richtungen der Ethik in der Verwerfung der Lüge überein". Aber dem hohen Standard entspricht leider Gottes nicht die menschliche Natur.
Warum wir geworden sind, wie wir sind, und wie eigentlich wir sind, beschäftigt Soziobiologen und Evolutionstheoretiker, Anthropologen und Verhaltensforscher. Aus der internationalen Diskussion hat der deutsche Wissenschaftler Volker Sommer Highlights herausgezogen und verdichtet zu einem "Lob der Lüge", so der Titel seines Mitte April erschienenen Buches*.
Es ist ein unpolitisches Buch, ein Buch von Gemeinsamkeiten bei Tier und Mensch, und doch ein gesellschaftspolitischer Scoop. Denn es entwickelt anhand von fast 400 Quellen eine Gegenposition zum hohen Anspruch bei der Wahrheitsfindung über das in diesem Jahrhundert nun schon zweite totalitäre System auf deutschem Boden.
Einer Gesellschaft, die bewegt Verstrickung und Schuld prominenter Symbolfiguren gewichtet, präsentieren sich lavierende und taktierende Verdächtige. Moralisten wie der Pfarrer Rainer Eppelmann wollen runtergelassene "Hosen" und nichts als den nackten Arsch der Wahrheit sehen. Entgegengesetzt zu dieser hehren Haltung hängen die Evolutionsbiologen das aus neuer Forschung abgeleitete Menschenbild ein ganzes Stück tiefer. Buch-Autor Sommer, 37, der sich in Göttingen als Anthropologe und Primatologe habilitierte, hält sich gegenwärtig mit einem der exquisiten Heisenberg-Forschungsstipendien an der als Ideenbrutstätte geltenden University of California auf.
Zuvor hatte er in Indien Tempelaffen studiert und einen Sachbuchklassiker "Die Affen" verfaßt, auch schon einen philosophischen Roman namens "Yeti" geschrieben und schließlich im vorletzten Jahr die gesellschaftliche Legende von der Widernatürlichkeit der Homosexualität soziobiologisch widerlegt. "Meerschweinchen tun es, Wanzen und Würmer, Eidechsen und Stichlinge tun es, Makaken tun es, Schimpansen tun es erst recht", so pointierte die FAZ Sommers Darlegungen.
Wenn sie nicht gerade hetero oder auch homo kopulieren, tun Affen allerdings mit Vorliebe, was auf "Machiavellische Intelligenz" schließen läßt**. Unter diesem Titel bündelten die schottischen Psychologen und Primatologen Richard Byrne, 42, und Andrew Whiten, 44, von der traditionsreichen University of St. Andrews Fälle taktischer Täuschung unter Affen (SPIEGEL 5/1988). Damit stürzten sie ein biologisches Weltbild.
Koryphäen wie die Nobelpreisträger Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen hielten die Übermittlung korrekter Botschaften zwischen Individuen einer Art für eine tragende Säule der Arterhaltung, die ihnen als eigentlicher Antrieb jeglichen Verhaltens galt. Kein Platz also für Lug und Trug, wie philosophisch schon Kant meinte, hielt er doch derlei menschliche Schwächen für "naturwidrig", während sein Kollege Schopenhauer noch einen Schritt weiterging und das einzige "lügenhafte Wesen auf der Welt" als einen "Schandfleck in der Natur" ansah.
Allerdings hat, wie auch die neuzeitlichen Bio-Nestoren Lorenz und Tinbergen wußten, ihre Majestät, die Evolution, das Prinzip Täuschung mit Mimese und Mimikry*** phantastisch bedient: etwa in Gestalt der Orchidee, die als äußerliche Fälschung einer Wespenfrau die Wespenmännchen zur Bestäubung anlockt, oder des Schmetterlings, der sich dank seiner blättergleichen Flügel mit vorgetäuschten Fraßspuren beinahe unsichtbar für Freßfeinde macht, oder des Anglerfisches, der einen Hautlappen wie einen schlängelnden Wurm heraushängen *** Mimese: Nachahmung eines belebten oder _(unbelebten Objekts, das für den ) _(Freßfeind uninteressant ist; Mimikry: ) _(Ähnlichkeit zwischen Lebewesen, die ) _(nicht auf stammesgeschichtlicher ) _(Verwandschaft, sondern auf der ) _(täuschenden Nachahmung von Signalen ) _(beruht. ) ** Der Florentiner Renaissance-Politiker und _(Dichter Niccolo Machiavelli entwarf das ) _(schillernde Ideal eines an schierer ) _(Macht orientierten und durch Moral nicht ) _(gehemmten Herrschers: "Der Fürst muß ein ) _(begabter Heuchler und Täuscher sein." * ) _("Lob der Lüge - Täuschung und ) _(Selbstbetrug bei Tier und Mensch". C. H. ) _(Beck Verlag, München; 250 Seiten; 44 ) _(Mark. ) läßt und damit gefräßige Fische als eigene Beute ködert.
Täuschung wurde als Überlebensstrategie im grausamen Kampf ums Dasein zwischen den Arten begriffen. Doch innerartlich konnte nach dem alten Dogma nicht sein, was nicht sein durfte. Getreu der herrschenden Erwartungshaltung hatten die Primatologen bei ihren Forschungsobjekten nach Arglist und Täuschung gar nicht gefahndet.
Erst als die beiden Schotten in ihrer Kollegen-Internationale danach gezielt fragten, gingen die Schleusen auf und aus allen möglichen Ecken der Welt die Meldungen ein. Der fortgeschriebene St.-Andrews-Katalog enthält inzwischen 253 Episoden. Verbreitet sind unter den Affen diverse Methoden, die Aufmerksamkeit ihrer Mitaffen zu manipulieren. Zum Beispiel heucheln sie Desinteresse und lenken so einen Futterkonkurrenten von einem Leckerbissen ab, oder sie schreien, wenn sie einen taktischen Gewinn davon haben, falschen Alarm. Sie führen Artgenossen in die Irre, sie verbergen Dinge oder sich selber.
So mancher Verführer unter den Schimpansen präsentiert seinen erigierten Penis, der auffällig rosa vom schwarzbraunen Fell absticht, so geschickt hinter halb vorgehaltener Hand, daß er auf ein ihm nicht gebührendes Weibchen sehr wohl wirkt, aber der Pascha nichts davon merkt. Ein tüchtiges Männchen versteht sich, wenn es bedroht wird, auf den Trick, Konfusion zu erzeugen, indem es sofort ein rangniederes drittes angreift.
Listige Exemplare vermögen einen Täuscher zu täuschen, wozu ein Vorstellungsvermögen vierter Ordnung gehört, das auch einem Homo sapiens nicht leichtfällt: "Wenn er denkt, daß ich denke, daß er wirklich genauso denkt, wie er tut, ist er schief gewickelt." In der Affengesellschaft kommt sogar, wenn auch selten, eine atavistische Vorform vom Bruderkuß des Verräters vor, wie ihn etwa der einstige Sowjetführer Michail Gorbatschow seinem einstigen Vasallen Erich Honecker zum 40. Geburtstag der DDR gab.
Die in streng monogamer Partnerschaft und nur mit ihren Kindern lebenden Gibbons sind recht untalentiert im Täuschen: Es lohnt nicht in der Familienintimität, man kennt sich zu genau.
Hochbegabt für jede Art von Schmu sind dagegen die Schimpansen. In ihrer sogenannten "Fusion-fission"-Gesellschaft, in der sich zahlreiche Individuen wie unsereiner im Büro regelmäßig begegnen ("fusion"), um in immer neu zusammengesetzten Kleingruppen wieder auseinanderzugehen ("fission"), bringt es Vorteile, andere auszutricksen. Diese Art von Sozialkontakten schärft offenbar die Machiavellische Intelligenz.
Die betrügerischen Affen stützen eine "Informationstheorie des zynischen Gens", die der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, 51, schon Ende der siebziger Jahre aufgestellt und inzwischen ausgebaut hat. Der Oxford-Professor, "ein Champion darwinistischer Auslese und eine Art Haßfigur für Parteigänger der Linken" (Financial Times), setzte zu den elementaren Kränkungen der Moderne eine weitere in die Welt, die im Grunde ein biologisches Pendant zu Sartres Existentialismus, einem Sein ohne Sinn, darstellt.
Das Individuum schnurpelte zusammen zu einer Dawkinsschen "Überlebensmaschine", programmiert von Genen mit dem einzigen Zweck, mehr Gene zu machen. Nicht das Artwohl, sondern Egoismus - auch und, wenn es hart wird, gerade gegenüber Artgenossen - muß nach Ansicht des Zoologen der essentielle Antrieb sein.
Jedes Tier sei darauf aus, "die Objekte seiner Umwelt zu manipulieren" und die Sinnesorgane jedes anderen Tieres so zu beeinflussen, "daß sich dessen Verhalten zu seinem Vorteil ändert". Nach der These des Soziobiologen macht darin das intelligenteste Tier keine Ausnahme.
Nach Dawkins müssen wir damit rechnen, "daß wir Lügen und Täuschung und selbstsüchtiges Ausnutzen der Verständigung immer dann finden werden, wenn die Interessen der Gene verschiedener Individuen nicht übereinstimmen". So sollten wir klugerweise erwarten, daß nicht nur Ehemänner ihre Frauen betrügen, sondern auch Kinder ihre Eltern täuschen und Brüder einander belügen, decken sich doch die Egoismen ihrer Gene nicht hundertprozentig, sondern nur teilweise. Kooperation hingegen sollte - wenn sie sich denn ergibt - "als etwas Überraschendes angesehen werden, was eine spezielle Erklärung erfordert, anstatt als etwas, was automatisch zu erwarten ist".
Übereinstimmend spekulieren Dawkins und führende US-Vertreter der Evolutionsbiologie, daß sich im Laufe der "Hominisation", der Menschwerdung, das Gehirn vergrößerte, weil es sich in einem immer komplexer werdenden Geflecht von Täuschungsmanövern bewähren und mit den immer pefekter werdenden Lügendetektoren in den Hirnen der Mitmenschen auseinandersetzen mußte.
So stringent dem Anthropologen Sommer diese Sicht erscheint, ist sie ihm gleichwohl eine "ungeheuerliche" Sicht: "Die Lüge also Eckstein - ja, Fundament! - der prächtigsten Paläste des menschlichen Geistes, der Erkenntnisfähigkeit und der Sprache."
Warum alle bekannten Gesellschaften ihre Mitglieder zur Wahrhaftigkeit verdonnerten, versuchte der Evolutionsbiologe Richard Alexander, 62, von Haus aus Insektenexperte an der University of Michigan, zu ergründen. In einer "Biologie moralischer Systeme" legte er dar, daß in der letzten Phase der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Mensch dem Menschen die größte Gefahr geworden sein muß. Gegen mörderische Konkurrenz empfahl sich der Zusammenschluß.
Größere, kooperierende Sozialeinheiten konnten sich aber nur entwickeln, wenn sie von direkten Hilfeleistungen, wie sie in einem Familienclan dem Egoismus der Gene förderlich waren, zu einem indirekten Verrechnungssystem übergingen. Man bekam, was man anderen angedeihen ließ, nicht unbedingt von ihnen zurück, begründete aber gesellschaftliches Ansehen, was wiederum den Eigeninteressen förderlich war.
Doch stets spielte ein Risiko mit: Soziale Investitionen konnten sich, mußten sich aber nicht auszahlen. Um der Tendenz entgegenzuwirken, daß jeder den eigenen Beitrag möglichst gering auf Kosten der Hilfsbereitschaft anderer hielt, bedurfte es der Einführung moralischer Systeme.
Wie immer sie im Detail ausgestaltet waren, eröffneten sie eine Einfallschneise für eine neue Form von Lug und Trug. Es wurde vorteilhaft, sich hilfreicher und ehrlicher, anständiger und besser darzustellen, als man in Wir war.
Was als "freier Wille" gilt, ist nach Alexanders Auffassung das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung: Gedanklich würden Szenarien entworfen, die den größtmöglichen Vorteil bringen; doch eine leise Stimme, die "Gewissen" zu nennen wir uns angewöhnt haben, warne davor, bei der Verwirklichung des vorgestellten Ego-Plots zu große Risiken einzugehen.
In einer "Welt von Egoisten", so Alexander, schaukelten sich Betrüger, Lügner und Heuchler gegenseitig hoch, immer universalere moralische Normen zu erreichen. Es lohnt sich tatsächlich für die Allgemeinheit, aber nur bis zu einem gewissen Grad für das Individuum.
Wehe dem, der das hehre Ziel erlangen und etwa wie Jesus werden könnte: Der erste (siehe die abschreckende Saga vom Gekreuzigten) und nicht der letzte werde von den Hunden gebissen.
Auf dem Rüttelsieb der Evolution mögen ja nicht die Besten vorangekommen sein, sondern die mit der berüchtigten Darwinschen Fitneß, wozu letztendlich dann doch, wenn auch nicht in herausragender Position, eine Bereitschaft zur Wahrhaftigkeit gehört haben dürfte. Schließlich mußte der Informationstransfer im großen und ganzen vorteilhaft sein, sonst hätte er sich gar nicht erst entwickelt.
Nur Lügen hin- und herzuschicken wäre sinnlos gewesen. Ein Teil der Botschaften hatte schon zu stimmen, damit es für den Homo sapiens lohnte, ein gewisses Maß an Vertrauenskredit zu entwickeln. Jedes Kind mußte als lebenswichtig lernen, fremden Wahrheiten blindlings zu vertrauen - Vorsicht, heiß!, Achtung, tief! -, sonst wäre es in grauer Vorzeit ins Feuer oder schließlich aus dem Fenster der Zivilisation gefallen, anstatt daß seine Gene weiterkamen bis in unsere Zeit.
Erst recht verdankt sich die Blütezeit der Medien einer kollektiven Vertrauensseligkeit: Man weiß, was los ist, etwa am Kap oder in Kroatien, ohne dagewesen zu sein. Wer argwöhnt schon, daß der erste Mann auf dem Mond gar nicht dort oben, sondern nur in Hollywood war. Man übernimmt, was Autoritäten oder deren Apparate vorgeben und baut darauf, daß einem keine Hitler-Tagebücher untergejubelt werden.
Gleichwohl beruht bei jedem der größte Teil des Wissens auf gutem Glauben. Paradoxerweise bildet sich aus lauter subjektiven Wahrheiten das heraus, was einer dann für die objektive Wahrheit hält.
Gerade durch die kollektiven Anstrengungen zur Ehrlichkeit steigen auch die Chancen für den Bluff, der schließlich nur klappt, wenn er mit der Maske der Seriosität und Wohlanständigkeit getarnt werden kann. Andererseits muß sich das Maß der Täuschungen, das sich eine Gesellschaft leisten kann, in Grenzen halten, so wie eine Geldwirtschaft nur funktioniert, wenn nicht zuviel Falschgeld im Umlauf ist.
Daß die Schwindeleien nicht überborden, hat seine Gründe: Zur Inszenierung eines Coups gehören mehr Talente als zu seiner Entlarvung. Nach simpler Kosten-Nutzen-Rechnung muß sich ein falsches Spiel schließlich lohnen, kostet es doch einen beträchtlichen Einsatz an Energie, wie der Priester und Schriftsteller Johann Geiler von Kaysersberg schon im 16. Jahrhundert ausrechnete: "Wo der mensch ein lügin aussprichet, so bedarf es darnach vierzig unwahrheiten uf das er der ersten lügy mög ein gestalt machen."
Recht hat er damit, daß eine Lüge, bis sie schließlich rund und stimmig wirkt, einen Rattenschwanz von Anschlußlügen nach sich zieht, wenn es auch nicht unbedingt immer 40 sein müssen, sondern auch 836 sein können: unkomfortabel und unökonomisch.
Die Wahrheitsliebe bringt so manche Vorteile, Lug und Trug, sofern geschickt gemacht, können sich auf andere Weise günstig auswirken: zwei konkurrierende Strategien. Der Ausleseprozeß begünstigte eine, wie die Soziobiologen sagen, "Mixed Evolutionary Stable Strategy", kurz MESS, was in etwa bedeutet, daß sich ein Gemisch von Strategien als evolutionär stabil erwies.
So hat sich denn beides, die Fähigkeit zur Täuschung wie auch ein gewisser Sinn für Ehrlichkeit, dem Körper eingeschrieben. Wenn einer abweicht von der Wahrheit, wobei es nicht etwa um die absolute, sondern nur um das geht, was er subjektiv für wahr hält, zeigen sich Symptome der Erregung.
Sie können so stark sein, daß sie meßbar werden (worauf auch die monströsen Lügendetektoren in den USA basieren): Die Atemfrequenz nimmt zu, der Blutdruck steigt, der elektrische Hautwiderstand sinkt. Ist die Lüge ausgesprochen, verlängert sich das Luftholen zu einem charakteristischen Aufatmen nach der überwundenen Hemmung.
Andererseits entwickelte sich das Pokerface. Damit ein Täuschungsmanöver gelingt, müssen Absichten und Gefühle zurückgehalten werden. Affen, die hierin noch nicht so perfekt sind, zeigen zum Beispiel in bedrohlichen Situationen ein Furchtgrinsen und ziehen dann mit den Fingern schnell die Lippen über die verräterisch bleckenden Zähne, um wieder cool zu wirken.
Der Mensch ist schon etwas weiter. Sein Gesicht als besonderes Signalfeld unterlag einem starken Selektionsdruck. So kann ein Lügner seinen Ausdruck normalerweise recht gut kontrollieren, während die Haut eher die Wahrheit sagt, wie schon Freud wußte: "Verrat sickert durch jede seiner Poren."
Weniger leicht zu entlarven im weiten Feld der Täuschungen ist der, der erst einmal sich selber vor allen anderen täuscht. Der Ausleseprozeß muß den Selbstbetrug begünstigt haben, schon aus Gründen der Effektivität, wie Sommer darlegt: "Wir wirken besonders überzeugend, wenn wir nicht wissen, daß wir betrügen."
Ungünstige Informationen werden ins Unterbewußte weggedrückt oder gar nicht erst wahrgenommen. Die Methode wirkt wie ein Tranquilizer, und im Hirn besorgen morphinähnliche Zauberstoffe, die Endorphine, den einlullenden Part.
Als Produkt von Selbsttäuschung ergibt sich das Selbstwertgefühl. Bei einem Erfolg bläst es sich auf wie ein Ballon, bei einem Mißerfolg fällt es zusammen - ein irrationaler Prozeß, der Mensch bleibt schließlich ein und derselbe. Beharrlich neigt er auch noch dazu, einen Glücksfall den eigenen Leistungen, aber eine Pechsträhne den äußeren Umständen zuzuschreiben.
Wer ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein hat, kann andere bestens manipulieren, ihn so zu sehen, wie er es gern hätte, anstatt so, wie sie es gern hätten. Wer sich als Star im Lebenstheater definiert, ist nach soziobiologischen Kategorien besser gerüstet als einer, der sich bloß trostlos als Dawkinssche Überlebensmaschine seiner Gene begreift.
Die Evolution dürfte eine positive, wenn auch nicht unbedingt realistische Weltsicht favorisiert haben. So bagatellisieren die meisten Menschen zum Beispiel das statistische Risiko, Opfer eines Unfalls zu werden, und überschätzen die Wahrscheinlichkeit, den 80. Geburtstag zu erleben. Im größeren Rahmen täuscht sich die Zivilisation liebend gern hinweg über die Folgen ihres Hantierens mit Umweltgiften.
In der menschlichen Mikrowelt erweist sich das Immunsystem bei Optimisten stabiler als bei Pessimisten, was sich bis hin zur Anfälligkeit für Schnupfen zeigt. Schwerkranke genesen, wie Untersuchungen ergaben, besonders gut, wenn sie sich über ihren Zustand täuschen und ihn besser einschätzen, als er ist. Ebenso vermögen Placebos als Hoffnungspillen ohne irgendeinen Wirkstoff tatsächlich zu wirken.
Lebenslügen können von Vorteil sein, Bewältigungsstrategien müssen nicht der Logik folgen, um Nutzen zu erbringen. Jeder törichte Glaube ist dienlich, wenn er zur Streßminderung taugt.
Der gemeinschaftlichen Identität, wie sie Angehörige von Institutionen oder auch Parteien pflegen, bekommt es außerordentlich, "herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen", wie schon Nietzsche wußte: "Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind."
Allerdings hat der Ausleseprozeß dem hemmungslosen Wuchern von selektiver Wahrnehmung und Selbstbetrug Grenzen gesetzt. In Gefahrenzonen durften diese Eigenschaften nicht führen, und deshalb ist dem Menschen auch ein Habacht einprogrammiert. MESS, der strategisch günstigen Mixtur sei Dank - unserer Spezies ist denn doch ein gewisser Sinn für manche Realitäten erwachsen.
Wenngleich das Menschenbild, das die Evolutionsbiologen zeichnen, nicht gerade schmeichelhaft ist, so schafft es dennoch Raum für eine gnädige und gelassene Sicht auf eigene und anderer Leute Schwächen. Den wahrhaftigen Menschen, hilfreich und gut, konnte die Evolution nicht hervorbringen.
Wenn sich die öffentliche Meinung auf jene stürzt, die entlarvt wurden, so vollzieht sich ein gesellschaftlicher Stellvertreterprozeß. Sommer: "Geredet wird nur über Schwindel, der aufflog. Der größere Teil bleibt verborgen."
*** Mimese: Nachahmung eines belebten oder unbelebten Objekts, das für den Freßfeind uninteressant ist; Mimikry: Ähnlichkeit zwischen Lebewesen, die nicht auf stammesgeschichtlicher Verwandschaft, sondern auf der täuschenden Nachahmung von Signalen beruht. ** Der Florentiner Renaissance-Politiker und Dichter Niccolo Machiavelli entwarf das schillernde Ideal eines an schierer Macht orientierten und durch Moral nicht gehemmten Herrschers: "Der Fürst muß ein begabter Heuchler und Täuscher sein." * "Lob der Lüge - Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch". C. H. Beck Verlag, München; 250 Seiten; 44 Mark.
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 18/1992
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