27.07.1992

„Freier sind heimliche Sadisten“

Obrist, 29, arbeitet seit neun Jahren als Prostituierte. Sie besitzt in der Nähe von Zürich einen Salon und engagiert sich in der europäischen Hurenbewegung.
SPIEGEL: Frau Obrist, Sie haben Ihren Salon von Mittag bis Mitternacht geöffnet. Wie halten Sie dieses anstrengende Programm durch?
OBRIST: Wir arbeiten in unserem Salon in zwei Schichten: ein Team von 12 Uhr mittags bis 18 Uhr, das andere Team von 18 Uhr bis Mitternacht. Pro Schicht arbeiten mindestens zwei Frauen, schon aus Sicherheitsgründen, falls einer der Freier ausrastet.
SPIEGEL: Ist das schon vorgekommen?
OBRIST: Ja. Aggressive Übergriffe passieren immer häufiger. Unsere Kundschaft ist das gesamte europäische Männersortiment, nämlich Schweizer, Deutsche, Italiener, Spanier, Franzosen, Engländer und so weiter. Die gehen nicht gerade sanft mit uns um. Türken und Jugoslawen nehmen wir als Kunden inzwischen nicht mehr, sie sind einfach zu gefährlich. Ein Jugoslawe hat mir mal die Faust ins Gesicht gedonnert und mich niedergeschlagen. Türken sind schwierig, weil sie keine Kondome nehmen wollen. Generell ist mein Eindruck: Die Aggressivität der Männer ist umgekehrt proportional zu ihrer Potenz.
SPIEGEL: Wächst die Brutalität der Freier?
OBRIST: Das Milieu entwickelt sich zusehends in diese Richtung. Am schlimmsten dran sind Frauen aus der Dritten Welt und Beschaffungsprostituierte auf dem Straßenstrich, weil sie relativ isoliert arbeiten. Da passieren immer häufiger Vergewaltigungen, Prügeleien oder auch Morde.
SPIEGEL: Ihr Beruf ist also härter und gefährlicher geworden?
OBRIST: Ja, eindeutig. Vor zehn Jahren kosteten unsere Dienstleistungen genausoviel wie heute, in Deutschland sind die Preise sogar noch gefallen. Außerdem ist der Anbietermarkt enorm gewachsen. Das Hauptproblem ist aber, daß sich die Wünsche und das Verhalten der Kunden erheblich verändert haben in den letzten ein, zwei Jahren.
SPIEGEL: Sind sie anspruchsvoller geworden?
OBRIST: Sie sind ungeduldiger, aggressiver und ruppiger. Anspruchsvolle Rauhbeine, könnte man sagen. Bei uns häufen sich neuerdings die Anfragen nach Sklavinnen, manchmal habe ich den Eindruck, alle Freier sind heimliche Sadisten. Kinofilme tun da offenkundig ihre Wirkung und, in sehr viel stärkerem Maße, der Konsum von Brutalo-Pornos.
SPIEGEL: Welche Art von Pornos meinen Sie?
OBRIST: Es gibt Brutalo-Pornos und Sadomaso-Streifen, in Videotheken oder per Versand, in denen regelrechte Folterszenen zu sehen sind. Beispielsweise werden Frauen an den Brüsten aufgehängt, mit dampfenden Bügeleisen attackiert oder mit ihrer Vagina an eine Steckdose angeschlossen. Mir wird schlecht bei solchen Szenen, aber es gibt eine Menge Männer, denen so was gut gefällt.
SPIEGEL: Sind Gewaltvideos ein neuer Schwerpunkt in der Pornoproduktion?
OBRIST: Da bin ich sicher. Wer Pornos regelmäßig konsumiert, sucht nach immer neuen Reizsteigerungen, die Spielarten werden zwangsläufig immer extremer. Irgendwann greift man aus Neugier zu Tier-, Kinder- oder Sadomaso-Pornos. Ich bin strikt gegen diese brutalisierte Sexualität im Film. Auspeitschen, gut, das kann lustvoll sein, das akzeptiere ich noch. Aber Filmszenen, in denen Frauen erst halbtot geschlagen und dann brutal durchgevögelt werden, haben für mich mit Sexualität überhaupt nichts zu tun.
SPIEGEL: Die Freier erkundigen sich bei Ihnen telefonisch danach, was Sie zu bieten haben?
OBRIST: Ja. Manche rufen zum Beispiel an und fragen: Machst du''s auch mit einem Hund, ich möchte gern meinen Schäferhund mitbringen. Andere wollen ihre Frau anschleppen, damit wir die in der Folterkammer zur Sklavin abrichten. Er will dabei zusehen. Das sind letztlich Wunschphantasien, noch keiner hat seine Frau mitgebracht.
SPIEGEL: Wie konkret äußern Freier ihre Wünsche?
OBRIST: Das ist unterschiedlich. Manche fragen ganz klar: Was kann ich mit einer Sklavin bei euch machen? Kann ich sie auspeitschen, kann ich ihr Klammern anmachen, oder was? Andere sagen nur, daß sie mit einer in die Folterkammer wollen, das ist der Raum, in dem wir diese Art von Service anbieten. Aber sie drucksen herum, wenn es darum geht, was genau sie da drinnen mit dem Mädchen machen wollen. Um aufzupassen und ihn zu kontrollieren, lassen wir immer die Türe auf.
SPIEGEL: Arbeiten Sie auch als Sklavin?
OBRIST: Ich war früher mal, im Rahmen meiner Ausbildung zur Domina, als Zofe tätig. Dabei habe ich mit Sadisten gearbeitet, die den Meister spielten und mich kommandierten. Es handelt sich um eine ritualisierte Form des Gehorchens, die durchaus lustvoll sein kann. Es ging um Unterwerfung und Dominanz, aber nie darum, mich zu verletzen. Aber bei dem, was Freier heute unter Sklavin verstehen, mache ich nicht mit. Wir haben allerdings in unserem Salon auf der sogeannnten Speisekarte stehen: "Sklavin auf Anfrage" und besorgen gelegentlich auch eine.
SPIEGEL: Was sind das für Frauen, die als Sklavinnen anschaffen?
OBRIST: Ich weiß von Frauen, die halten als Sklavinnen hin aus einer extremen finanziellen Notlage heraus. Die, die ich kenne, haben eine deutlich herabgesetzte Schmerzgrenze, sind aber nach einer Foltersession über Stunden hinweg völlig unansprechbar. Ich weiß von Salons, in denen die Behandlung mit Kerzenwachs, mit Nadeln und auch das Zunähen von Schamlippen angeboten wird. Natürlich verdienen die Mädchen überdurchschnittlich gut - 1000 Mark aufwärts für eine Session.
SPIEGEL: Nach gängigen Vorstellungen sind doch gerade bei reichen, sogenannten Machtmännern Dominas sehr beliebt.
OBRIST: Quatsch. Das wird in den Medien immerzu behauptet. Klar, hochrangige Politiker oder Manager ordern zur Abwechslung auch mal eine Domina. Aber der typische Masochist, das ist der angepaßte kleine Angestellte aus der Buchhaltungsabteilung, Platz 7 am Fenster. Die Nachfrage nach Sklavinnen liegt momentan sehr viel höher als die nach Dominas.
SPIEGEL: Mit Videos macht die deutsche Pornobranche pro Jahr 803 Millionen Mark Umsatz. Bald werden harte Pornos auch im Fernsehen gezeigt, vermuten Experten.
OBRIST: Ja, das sehe ich auch kommen. Aber es sind nicht nur Pornos, in denen sexualisierte Gewalt gegen Frauen dargestellt wird. Auch in normalen _(* Am "Tag der Hure" Ende Mai in Berlin. ) Kinofilmen sind Gewaltdarstellungen massiver geworden. Mit Frauen wird insgesamt brutaler umgesprungen. Und Filmbilder verändern was im Kopf bei den Männern. Freier leben bei uns im Salon nicht ihre eigenen Erotik-Phantasien aus, von denen sind sie meist völlig entfremdet. Sie wollen das erleben, was sie irgendwo gelesen oder gesehen haben.
Sie wollen zum Beispiel akrobatische Stellungen ausprobieren, die im Film vielleicht wahnsinnig scharf aussehen, letztlich aber unrealisierbar sind, es sei denn, ich wäre aus Gummi. Sie inszenieren den Geschlechtsakt gern als eine Art Zweikampf im Bett. Sie drehen an meinen Brüsten, als wären es die Knöpfe eines Radios, nageln einen aufs Bett, daß einem fast die Rippen brechen, und rammeln, als ginge es um ihr Leben. Bei Französisch bestehen sie darauf: So weit rein wie irgend möglich. Wehrt man sich, wird einem brutal der Kopf nach hinten gedrückt, und man muß sich gewaltsam befreien.
SPIEGEL: Wie reagieren aggressive Freier, wenn Sie sich wehren?
OBRIST: Unterschiedlich. Schweizer reagieren in der Regel ganz gut, deutsche oft pampig und sauer. Es gibt neuerdings einen besonders unangenehmen deutschen Kundentyp: 18, 20 Jahre alt, smart, schick gekleidet, Geld von Papi. Die kaufen sich ''ne Nutte wie ''ne Flasche Champagner. Und sie stehen sehr drauf, uns Huren wehzutun. Wenn ich so einem sage, laß das, du tust mir weh, sagt er: Na und, stell dich nicht so an, ich hab'' schließlich auch bezahlt.
Der ganze Ton ist aggressiver geworden. Früher hatten die James Bond zum Vorbild, der war ja noch charmant. Heute stehen sie auf klotzige Rambos wie Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger. Die dazugehörige Philosophie heißt: Frauen mögen''s hart. Sie wollen auch immerzu hören, daß das, was sie machen, einem gefällt, auch und gerade, wenn sie einen grob anfassen.
SPIEGEL: Was ist mit Ihren älteren Kunden?
OBRIST: Naja, der Prototyp des älteren Kunden ist so ''ne Art Hauspantoffelpapi. Diese Typen haben Gehorsam sehr stark verinnerlicht. Wenn ich da einem streng sage, laß das, dann pariert er sofort. Eben genau der klassische Untertan, den Heinrich Mann beschrieben hat. Aber, wie gesagt, auffallend ist die Zunahme an jungen Freiern, das ist schon erschreckend.
SPIEGEL: Die 18- bis 29jährigen sind, wie Untersuchungen zeigen, auch die Hauptkonsumenten von Pornos. Kommen die denn regelmäßig?
OBRIST: Ja. Sie erklären ganz offen, sie hätten keine Lust auf eine Beziehung, das sei ihnen zu mühsam. Und wer regelmäßig Pornos guckt und ins Bordell geht, der konditioniert eben sich und seine Sexualität sehr stark. Freiern kann ja tatsächlich zu einer Art Sucht werden. Ich kenne viele Männer, die monatlich bis zu 2000 Franken für Huren ausgeben.
Hinterher sind sie zwar körperlich befriedigt, aber innerlich total frustriert. Sie suchen nach Steigerungserlebnissen und versuchen es mit technischen Raffinessen. Die emotionale Befriedigung stellt sich aber nie ein.
SPIEGEL: Ist das denn überhaupt möglich bei einem Geschäft?
OBRIST: Emotionale Befriedigung ist sehr selten. Es geht ja um kontrollierte Nähe bei der Prostitution. Männer holen sich über Bezahlung und die daraus resultierende Macht ihre Streicheleinheiten. Sie leasen eine Frau wie ein Auto. Emotionale Hingabe und Genuß sind aber mit Kontrolle nur schwer vereinbar. Und ich habe schließlich auch keine Gefühle im Angebot. Ich verkaufe Sex pur. Nichts anderes.
* Am "Tag der Hure" Ende Mai in Berlin.

DER SPIEGEL 31/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 31/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Freier sind heimliche Sadisten“

Video 01:48

Manchester nach dem Terror "Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern"

  • Video "Manchester nach dem Terror: Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern" Video 01:48
    Manchester nach dem Terror: "Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern"
  • Video "Augenzeugen vom Attentat in Manchester: Überall lagen Schuhe und Handys rum" Video 02:21
    Augenzeugen vom Attentat in Manchester: "Überall lagen Schuhe und Handys rum"
  • Video "Video aus Manchester: Der Schock ist umso größer" Video 01:40
    Video aus Manchester: "Der Schock ist umso größer"
  • Video "Manchester: Schock und Trauer nach Terroranschlag" Video 01:28
    Manchester: Schock und Trauer nach Terroranschlag
  • Video "Trumps Israel-Reise: Drei Szenen, drei Fragezeichen" Video 01:45
    Trumps Israel-Reise: Drei Szenen, drei Fragezeichen
  • Video "Manchester: Da waren gar keine Sicherheitsvorkehrungen" Video 01:44
    Manchester: "Da waren gar keine Sicherheitsvorkehrungen"
  • Video "Während Trump-Rede: US-Handelsminister vom Schlaf übermannt" Video 00:29
    Während Trump-Rede: US-Handelsminister vom Schlaf übermannt
  • Video "Papst beichtet: Ich war nie gut im Fußball" Video 01:05
    Papst beichtet: "Ich war nie gut im Fußball"
  • Video "#TrumpOrb: Illuminati in Riad?" Video 01:05
    #TrumpOrb: Illuminati in Riad?
  • Video "Staatsbesuch am Golf: Donald Trump beim Säbeltanz im saudischen Königshaus" Video 00:58
    Staatsbesuch am Golf: Donald Trump beim Säbeltanz im saudischen Königshaus
  • Video "Hochgeschwindigkeits-U-Bahn für Autos: Neue Transportvision von Tesla-Gründer Musk" Video 01:38
    Hochgeschwindigkeits-U-Bahn für Autos: Neue Transportvision von Tesla-Gründer Musk
  • Video "Kalifornien: 10-Meter-Wal verirrt sich in Jachthafen" Video 00:47
    Kalifornien: 10-Meter-Wal verirrt sich in Jachthafen
  • Video "Sechs Auto-Lifehacks im Reality-Check: Humbug oder toller Trick?" Video 02:10
    Sechs Auto-Lifehacks im Reality-Check: Humbug oder toller Trick?
  • Video "Bierdusche auf Pressekonferenz: Köln feiert die Rückkehr in den Europapokal" Video 00:52
    Bierdusche auf Pressekonferenz: Köln feiert die Rückkehr in den Europapokal
  • Video "Videoanalyse zum AKP-Parteitag: Erdogan geht es um eine Machtdemonstration" Video 02:14
    Videoanalyse zum AKP-Parteitag: "Erdogan geht es um eine Machtdemonstration"