26.10.1992

KriminalitätCash und ohne Quittung

Mit aberwitzigen Konditionen warben Zigeuner um Kredite - Geschäftsleute gaben Millionen.
Normalerweise schreibt Janosch Frolian, 45, Kaufmann im rheinischen Wassenberg, flüssiges Deutsch. Auch seinem Vater Wenzel Frolian, 66, aus Mönchengladbach, fließen die Worte flott aus der Feder. Wenn beide allerdings Verträge mit Dritten machen, signieren sie die Abmachungen mit drei Kreuzen.
Manchem imponiert so etwas. Ein erfahrener Ingenieur und Kaufmann aus Osnabrück etwa machte mit den beiden gern seine Geschäfte.
"Alles Geld", berichtet der Geschäftsmann, "fließt bei denen in bar, ohne jeden Papierkrieg." Statt per Überweisungen über die Banken werden selbst Millionensummen Cash "per Kurier" vereinnahmt. "Diese Zahlungsweise ist bei den Sinti und Roma so üblich und wird allgemein akzeptiert", ließ sich der Osnabrücker von beiden belehren.
Die Weisheiten der Zigeuner überzeugten zahlreiche Geschäftsleute in Deutschland. Mit Kreuzchen-Verträgen und ohne Papierkrieg ließen sich selbst gewiefte Unternehmer auf Millionengeschäfte mit den Frolians ein.
Jetzt haben alle einen Termin vor dem Landgericht in Mönchengladbach. Dort hat die Staatsanwaltschaft Vater und Sohn Frolian angeklagt, ihre gutgläubigen Geschäftspartner um rund 20 Millionen Mark betrogen zu haben: einer der größten Wirtschaftsprozesse, in die jemals Zigeuner verwickelt waren.
Die Frolian-Opfer wähnen sich ähnlich geprellt wie nach Ermittlerschätzungen 10 000 bis 15 000 Sinti und Roma aus Deutschland, Frankreich, Polen und den Niederlanden. Sie hatten bei einem ihrer Blutsbrüder, dem saarländischen Dachdecker und Autohändler Karl-Josef Zulier, ihre Ersparnisse zu versprochenen Zinsen bis 30 Prozent angelegt und schauen jetzt offenbar in die Röhre. Die Internationale der Deppen, die Anfang _(* Mit seinen Rechtsanwälten Reiner ) _(Hollender und Jörg Mäder im Landgericht ) _(Mönchengladbach. ) des Monats vereint im pfälzischen Kusel ihr Geld bei Zulier eintreiben wollte, mußte mit leeren Taschen wieder abziehen.
Zulier will "am 15. Dezember" die Darlehen in Höhe von geschätzt 330 Millionen Mark tilgen. Nur hat er dabei, wie Helmut Bleh, der Leitende Oberstaatsanwalt in Kaiserslautern, hinzufügt, "keine Jahreszahl angegeben".
Die Frolians hingegen versuchten es gar nicht mehr mit Vertröstungen. Gelder, in Cash und ohne Quittung, halten sie ihren Gläubigern entgegen, hätten sie nie erhalten. Wer würde sich auch auf so etwas einlassen?
Tatsächlich müssen die Geschädigten nun in dem inzwischen angelaufenen Prozeß geradezu unglaubliches Geschäftsgebaren einräumen.
So zum Beispiel eine 62 Jahre alte Kauffrau aus dem Westerwald: Mit Rostschutzmitteln für Autos hatte sie über Jahre Millionen gemacht. Als einer ihrer Hauptkunden, die Firma Porsche, Absatzeinbußen meldete, sah sich die Inhaberin eines Chemie-Unternehmens "nach einer anderen Einkommensmöglichkeit" um. Die bot ihr ein Teppichhändler, der sich mal "Adam Weiß", mal "Jan" oder "Michael Kierpacz" nannte und mit günstigen Persern an Haustüren klingelte.
Der Hausierer kennt seine Leute. Diskret vermittelte er der Frau, die aus Geld mehr Geld machen wollte, einen Kontakt zu den Frolians. Die Rostschutz-Unternehmerin machte 3,7 Millionen Mark flüssig.
Frolian junior und senior hatten ihr - so die Staatsanwaltschaft - den Unsinn erzählt, die Vereinten Nationen wollten 1800 VW-Busse anschaffen und weltweit verteilen, um Zigeunerkindern die Fahrt aus ihren Camps zu den nächst gelegenen Schulen zu ermöglichen. 40 Millionen Mark habe die Uno für dieses Projekt zugesagt, weitere 14 Millionen müßten von privaten Investoren zugeschossen werden.
Die Darlehenskonditionen, die Janosch Frolian der Unternehmerin nannte, klangen sensationell: Zinsen fünf Prozent über dem Diskontsatz; zudem waren ihr 40 000 Mark Monatssalär, ein Haus in Spanien und ein 500er Mercedes versprochen. Später, als sie gezahlt hatte und nach mehreren geplatzten Terminen die Versprechen anmahnte, erhielt sie einen anonymen Anruf: "Wenn du was unternimmst, bist du eine tote Frau."
Ähnlich albern waren die Umstände, unter denen ein Konfektionär aus Kamp-Lintfort mit den Frolians ins Geschäft kam. Der Kaufmann will 2,8 Millionen Mark hingeblättert haben, damit der Clan für ihn über eine fiktive Organisation namens "Romano Congresso" billige Lederwaren auf dem Weltmarkt einkaufen konnte.
Der Konfektionär, wen wundert''s, sagt, er habe von seinem Geld "nichts wiedergesehen". Ähnliche Verluste meldet eine Frau, die in Franken ein privates Alten- und Pflegeheim betreibt. Dabei seien ihr, so sagt sie, "27 Prozent Zinsen im Monat" versprochen worden.
Das Geschäftsgebaren der Zigeuner-Bankiers machte begehrlich. So zahlte der Clan ein 50 000-Mark-Darlehen schon nach vier Wochen mit 10 000 Mark Zinsen zurück. Das verleitete manchen der im ambulanten Teppichhandel angeworbenen Roma-Förderer dazu, seine Einlagen so lange zu erhöhen, bis plötzlich gar nichts mehr zurückfloß.
Eigene Erfahrungen machten auch eine Zürcher Architektin und ihr Partner, denen das Management eines 500-Millionen-Projekts, Wohnungsbau in einem Sinti- und Roma-Center, versprochen worden war. Zuvor durften sie mit 350 000 Mark den Ankauf von Teppichen finanzieren, die man, so Janosch Frolian, "von hohen iranischen Beamten günstig erstanden" habe. Statt "mindestens 300 Prozent Gewinn" zahlte der Darlehensnehmer dreimal je 4570 Schweizer Franken an Zinsen. Ein Treffen in Dublin, wo endlich der Rest fließen sollte, platzte, weil der Senior des Clans "in den USA schwer erkrankt" war.
Als Sicherheit waren den Geldgebern Dutzende von Teppichen überlassen worden. Erst als einer der Frolian-Sponsoren bei seiner Hausratsversicherung vorstellig wurde, weil ein Hund einen vorgeblich wertvollen Perserteppich angenagt hatte, flog der Schwindel auf. Ein vereidigter Gutachter befand, es handele sich um "indische Billigware".
Die aberwitzige Gutgläubigkeit, auf die sich die Geldgeber nun vor Gericht berufen, hat mittlerweile Prozeßbeobachter mit besonderem dienstlichen Interesse angelockt: Sie sind von der Steuerfahndung.
Die Ermittler gehen demselben Verdacht nach, den nun mit leisem Eifer die Anwälte der Familie Frolian nähren: Möglicherweise hat ja mancher der Finanziers den Totalverlust seiner Kredite riskiert, um das Geld nicht versteuern zu müssen.
Frolian-Anwalt Reiner Hollender deckt seine Mandanten mit einer besonders gerissenen Version der Geschichte: Wenn die Frolians das Geld in Wahrheit nie erhalten hätten, so der Verteidiger, könne es jetzt womöglich auf Schweizer Konten den angeblichen Opfern Zinsen bringen. Die müßten dann zudem ihre Geschäftsgewinne, da offiziell verloren, nicht versteuern und hätten so "ganz gut verdient".
* Mit seinen Rechtsanwälten Reiner Hollender und Jörg Mäder im Landgericht Mönchengladbach.

DER SPIEGEL 44/1992
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