27.07.1992

LeichtathletikSchweizer Geheimbund

Im Kugelstoßring trifft sich die Doping-Elite. Der Favorit, der Schweizer Werner Günthör, wurde mit Wissen der Funktionäre stark gemacht.
Eine schnelle Drehung um die eigene Achse, dann verläßt die Kugel die Hand von Kent Larsson. Nach knapp 20 Metern versinken mehr als sieben Kilogramm Eisen im tiefen Gras des Trainingsplatzes in der Nähe des Flughafens von Barcelona. "Ja, Ja, Ja", ruft die Frau mit dem lila T-Shirt, "viel besser."
Der bullige Athlet aus Schweden bereitet sich unter Anleitung seiner amerikanischen Ehefrau Rebecca auf Olympia vor. Seitdem viele Konkurrenten zwei Meter kürzer als noch vor vier Jahren stoßen, sagt Larsson, 29, will er dank seiner "guten Technik" wenigstens in den Endkampf kommen.
Doch wenn am Freitag das erste Gold in der Leichtathletik vergeben wird, hat Larsson keine Chance. Denn wie bisher verspricht auch in Barcelona nur Fachwissen eine Medaille - im Kugelstoßring des Olympiastadions trifft sich die internationale Doping-Elite.
Die kräftigen Deutschen setzen gleich auf drei einschlägig Belastete. Für die USA tritt Mike Stulce an, dessen zweijährige Dopingsperre erst im April abgelaufen ist. Und kurz vor den Spielen hob eine amerikanische Schiedsstelle "wegen Verfahrensfehler" sogar noch schnell eine zweijährige Dopingsperre gegen Jim Doehring auf.
Selbst als der Medaillenanwärter vor sechs Wochen als Drogendealer entlarvt wurde, mochten die US-Funktionäre nicht auf Doehring verzichten. Der Zweite der US-Qualifikation mußte sich allerdings auf ungewöhnliche Weise vorbereiten: Weil er gleich mit einem ganzen Pfund Aufputschmittel gehandelt hatte, verurteilte ihn der District Court von San Diego zu 125 Stunden Sozialarbeit und zur Teilnahme an einem Drogen-Entzugsprogramm im offenen Strafvollzug. Der Paß wurde ihm abgenommen.
Doch die Olympier tun, als wüßten sie von nichts. IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch lobte sich als entschiedenen Dopingbekämpfer. Und Ulrich Feldhoff, Chef de Mission des deutschen Teams, fände es "schön, wenn das Kugelstoßen mit 20 Metern und ein paar Zentimetern" entschieden würde. Das würde der Öffentlichkeit zeigen, daß der "Kampf gegen Doping greift".
Feldhoffs frommer Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Der Schweizer Werner Günthör, der als sicherer Goldmedaillengewinner gilt, wuchtet die Eisenkugel regelmäßig über 21 Meter.
Mit einer Art Rütli-Schwur sorgt ein Schweizer Geheimbund aus Ärzten und Funktionären dafür, daß der Weltmeister schon vor den Spielen als "letzter Herkules" (Sport, Zürich) gefeiert wird. "Der Werni", so die demonstrative Botschaft aus dem Alpenland, sei eben noch ein Naturbursche, wie er allein auf satten Almen zu finden ist.
Doch die Mär vom Bio-Athleten dient nur der Tarnung. Seit Jahren wird, das zeigen jetzt aufgetauchte Briefe, Günthörs fortgesetzte Anabolikaeinnahme geduldet und totgeschwiegen.
Bereits vor neun Jahren wurde ein Schweizer Sportmediziner von Günthörs Betreuern aufgefordert, die Leistung des Kugelstoßers mit Kraftpillen zu unterstützen, um bei den Olympischen Spielen 1984 "eine fast sichere Medaille sichern zu helfen". Der Wissenschaftler lehnte ab, weil er glaubte, "der Werni ist eines der wenigen Naturtalente". Doch ohne die chemischen Starkmacher wurde Günthör in Los Angeles nur Fünfter.
Vier Jahre später fand sich ein Dopingarzt. Vor den Spielen in Seoul bekam der Kugelstoßer eine durchschnittliche Dosierung von 12 bis 15 Milligramm Anabolika pro Tag, schluckte insgesamt für Olympia rund 2000 Milligramm Dope - das reichte für die Bronzemedaille. Die Mengenangaben nahm ein eifriger Studiosus in seine Magisterarbeit auf, so kam Günthörs Dopingpraxis ans Licht (SPIEGEL 13/1990).
Als gehe es darum, das Schweizer Bankgeheimnis zu wahren, inszenierte Günthörs Coach Jean-Pierre Egger sogleich eine konzertierte Vertuschungsaktion. In einer zehnstündigen Geheimsitzung wurde in einem Baseler Hotel zusammen mit Rechtsanwälten und dem Autoren der Studie zunächst eine einvernehmliche Sprachregelung und dann die undichte Stelle im Dopingkartell gesucht. Olympiaarzt Bernhard Segesser rechtfertigte sich mit einer "medizinisch-therapeutischen Indikation".
Den Schweizern war der Fall Günthör besonders peinlich, weil das angesehene Forschungsinstitut der Eidgenössischen Turn- und Sportschule Magglinaen an der Anabolikakur des Kugelstoßers beteiligt war. Wenige Tage nach der Krisensitzung verlangte Magglingens Direktor Heinz Keller per Brief vom ehemaligen Institutsleiter Hans Howald, in dem man den Verräter vermutete, die Herausgabe "Deiner Informationen".
Doch Howald, der sich wegen der Dopingmachenschaften aus dem Sport zurückgezogen hatte, antwortete seinem ehemaligen Vorgesetzten Keller nur knapp: "Prinzipiell habe ich mich an Deine Anordung gehalten, wonach die uns damals von Herrn Egger vermittelten Informationen über regelmäßige Anabolika-,Behandlungen' im Falle Günthör geheimzuhalten seien."
Gewinnt er Gold, reiht sich Günthör nahtlos in die Reihe der Kugelstoß-Olympiasieger der letzten 16 Jahre ein: *___1976 siegte der Potsdamer Udo Beyer, der in internen ____DDR-Papieren mit außergewöhnlich hohen Anabolikadosen ____von bis zu 3955 Milligramm pro Jahr geführt wird. *___Vier Jahre später holte Wladimir Kisseljow die ____Goldmedaille. Der Sowjetrusse gab später zu, schon von ____Jugend an mit Hormonpräparaten "hochgezüchtet" worden ____zu sein. *___1984 gewann der Italiener Alessandro Andrei, der später ____von heimischen Trainern des Dopens beschuldigt wurde. ____Als er danach stärker kontrolliert wurde, flog seine ____Kugel drei Meter kürzer. *___Vor vier Jahren wurde Ulf Timmermann Olympiasieger. ____Geheime DDR-Studien feierten ihn als Paradebeispiel für ____den Nutzen des Hausmittels Oral-Turinabol.
Wie verseucht gerade die Disziplin Kugelstoßen trotz vollmundiger Anti-Doping-Reden der Funktionäre immer noch ist, zeigt das Beispiel Norwegen:
Innerhalb des letzten Jahres mußten die Skandinavier ihre drei besten Stoßer nach positiven Kontrollen aus dem Verkehr ziehen - darunter auch zwei Medaillenkandidaten, die noch bei der Weltmeisterschaft im letzten Jahr in Tokio die beiden Plätze hinter Günthör belegt hatten. Vize-Weltmeister Lars Arvid Nilsen wurde bereits zum dritten Mal in seiner Sportkarriere positiv getestet.
Die Deutschen, die so gern auf ihre intensiven Kontrollen verweisen, sind da weniger pingelig. Sie nominierten neben den Olympiasiegern Beyer und Timmermann noch den Kornwestheimer Kalman Konya für Barcelona, dessen Anabolikakuren der SPIEGEL vor zwei Jahren aufdeckte. Gegenüber dem Staatsanwalt, der wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz ermittelte, stritt Konya jede Anabolikaeinnahme ab.
Professsor Helmut Weicker indes, der mitbetreuende Mediziner, gab zu Protokoll, daß Konya die Kraftpillen sehr wohl genommen habe. Während sich Konya in dieser Woche in Barcelona auf den Wettkampf vorbereitet, ermittelt nun die Heidelberger Staatsanwaltschaft gegen ihn - in einem "Verfahren wegen Falschaussage".
Kent Larssons Dopingkontrollen sind rigider. Sie wolle "gesunde Kinder" bekommen, sagt Ehefrau Rebecca. Wenn Kent Anabolika nimmt, "bringe ich ihn um".

DER SPIEGEL 31/1992
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