DER SPIEGEL



PDS

Angeblich ahnungslos

Ein palästinensischer Waffenschieber soll als Strohmann für das Parteivermögen der SED-Nachfolger dienen.

Der palästinensische Geschäftsmann Abdel Majid Younes, 55, ist mit sich zufrieden. Jahrelang konnte er in und mit der DDR Geld verdienen; später hat er von ihrem Untergang profitiert. Im Millionenpoker um das Vermögen der PDS ist Younes eine der schillerndsten Figuren.

Als die SED-Erben nach dem Zusammenbruch in der DDR versuchten, vom Parteivermögen vor der drohenden Beschlagnahme zu retten, was zu retten war, stand Younes bereit: Mehr als 130 Millionen Ost-Mark und einige Immobilien in erstklassiger Lage fielen ihm zu - mehr als jedem anderen. Gregor Gysis Parteipräsidium machte es möglich.

Warum der Palästinenser derart großzügig bedient wurde, bleibt ein Rätsel. Die Unabhängige Kommission, zur Prüfung der ostdeutschen Parteivermögen eingesetzt, ist ratlos. Kommissionsprüfer Karsten Kloth: "Younes stellt für uns ein großes Fragezeichen dar."

Die PDS-Oberen geben sich ahnungslos: "Weder bei mir noch bei Gregor Gysi", so der PDS-Schatzmeister Dietmar Bartsch, "hat sich der Herr bisher vorgestellt."

Das ist auch gar nicht nötig.

Neue Funde aus dem Archiv des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) weisen Younes als alten Bekannten aus. Mehr als ein Jahrzehnt war Ost-Berlin für Younes ein staatlich geschützter Marktplatz für gewinnträchtige "Kontakte zu Personen in leitenden Funktionen der Wirtschaft der DDR".

Laut Stasi-Dokumenten fädelte er Waffengeschäfte mit dem Nahen Osten ein, hielt Kontakt zu arabischen Terroristen und zur PLO - lange Zeit auch zu Jassir Arafat. Auch in diverse Geheimdienst-Aktionen, die über Ost-Berlin liefen, soll er verwickelt gewesen sein. Mielkes Truppe war er nicht geheuer: Younes sei, so notierte ein MfS-Offizier, "eine undurchsichtige Person".

Die SED-Nachlaßverwalter hatten da im Frühjahr 1990 weniger Skrupel. Ohne nach Sicherheiten zu fragen, schütteten sie mehr als 130 Millionen DDR-Mark an Younes aus:
* 52 Millionen Mark erhielt der Palästinenser als
zinsgünstiges Darlehen, um drei ehemalige Gästehäuser
der SED, zwei Ferienheime in Lychen und Wendisch-Rietz
sowie das Strandhotel in Wandlitz auf die
Marktwirtschaft umzustellen - so die Parteiversion.
Gegen eine Beschäftigungsgarantie für die Angestellten
erhielt Younes das Nutzungs- und Vorkaufsrecht für die
drei Immobilien.
* 9,4 Millionen Mark überwies die PDS einem
neugegründeten Reisebüro, der Touristik-Union-Kontakt
International (TUK) in Berlin - diesmal nicht als
Darlehen. Verfügungsberechtigt: Abdel Majid Younes.
* 75 Millionen Mark gingen schließlich als Spende an die
Islamische Religionsgemeinschaft mit Sitz in Berlin.
Dessen Vorsitzender: der große Unbekannte Younes.

Die Parteienkommission hält die Millionen-Transfers für "reine Scheingeschäfte", mit denen die PDS per Strohmann ihr Vermögen vor dem Staatszugriff sichern wollte. Vor allem die 75-Millionen-Spende begründet den Verdacht.

Entschieden wurde über den Transfer kurz vor dem 1. Juni im Präsidium der PDS. Es war die letzte Möglichkeit, dieses Geld vor dem Zugriff der Treuhänder zu retten. Der PDS lag lediglich ein Schreiben von Younes vor, in dem er ein gigantisches Projekt vorstellte.

Die Islamische Religionsgemeinschaft, erst einige Tage zuvor gegründet, wolle in Berlin ein riesiges multikulturelles Zentrum bauen mit einer Moschee, einer christlichen Kirche und einer Synagoge. Geschätzte Gesamtkosten: 600 bis 800 Millionen Dollar.

Die angeblich Ahnungslosen bewilligten die Millionen einem Mann, der bereits zu Honeckers Zeiten wußte, wie bei den Sozialisten Geld zu machen ist.

Ende der siebziger Jahre war Younes, der in Hannover Elektrotechnik studiert und dort seine erste Firma gegründet hatte, nach Ost-Berlin gezogen. Er quartierte sich nahe dem Bahnhof Friedrichstraße im Internationalen Handelszentrum (IHZ) ein - damals ein Dorado für Ausländer, die hier nahezu steuerfrei ihre Geschäfte abwickeln konnten.

Auch Younes, der im IHZ ein Büro unter dem Firmennamen Gulf International Trading führte, gelang binnen kurzer Zeit eine erstaunliche Geldvermehrung. So notierte das MfS bereits im November 1985, daß sich der Palästinenser "eine beträchtliche materielle Basis in der DDR" aufgebaut habe, "die in keinem Verhältnis zur kommerziellen Tätigkeit des Younes" stehe.

Obwohl die offiziellen Geschäfte mit der DDR nur mäßig liefen, habe der Händler in der DDR-Hauptstadt Verfügungsgewalt über mindestens zwei Häuser und fünf Wohnungen. Zudem besitze er sieben Autos, vom Datsun Kleinbus bis zum Rolls-Royce.

Besonders irritiert waren die Stasi-Kontrolleure über die Kontakte, die Younes zu arabischen Diplomaten in Ost-Berlin entwickelte, vor allem zu den Syrern. Ab Mitte 1984 verfügte der geborene Jordanier über einen syrischen Diplomaten-Paß mit falschem Namen, während er weiterhin als privater Geschäftsmann sein Büro im IHZ unterhielt.

Dieser Doppelstatus und das Geschäftsgebaren von Younes waren in den Augen des MfS nur durch eines erklärbar: Hinter dem Händler und Diplomaten, so ihre Überzeugung, müsse die palästinensische Befreiungsorganisation PLO stehen. Die Younes-Firma Gulf International, so behauptet ein MfS-Vermerk vom November 1985, sei in Wahrheit "eine Deckfirma der PLO-Teilorganisation ,El-Fatah''".

Tatsächlich sind die Younes-Unterlagen des ehemaligen MfS gespickt mit Hinweisen auf PLO- und Geheimdienstverbindungen des Palästinensers. Immer wieder rühmte sich Younes seiner engen Beziehungen zu PLO-Chef Jassir Arafat. Bei dessen Besuch in der DDR 1979 habe man sich in Ost-Berlin getroffen. Wenn er nach Beirut fliege, prahlte Younes gegenüber MfS-Offizieren, könne er auf Wunsch noch am selben Tag eine Audienz bei Arafat erhalten.

Nach den Stasi-Dokumenten hatte Younes zumindest Anfang der achtziger Jahre Kontakt zu Abu Ijad, dem inzwischen ermordeten Chef des palästinensischen Geheimdienstes, und zu Abu Daud gepflegt. Der gilt nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft München als einer der Planer und Drahtzieher des Münchner Olympia-Massakers, bei dem am 5. September 1972 elf israelische Sportler ermordet wurden.

Zudem, so ein Vermerk der MfS-Hauptverwaltung Aufklärung vom Dezember 1984, sei Younes "ein Freund" des Fatah-Führers Abu Mussa, für dessen Gruppierung er auch Waffen verschiebe - eine Darstellung, die Younes dementiert. "Ich war Diplomat", erklärte der Palästinenser vorige Woche, und "in keinerlei Waffengeschäfte" verwickelt. Seit 1982 habe er "mit der PLO praktisch nichts mehr zu tun".

Die Stasi-Akten lesen sich anders. In mehreren Vermerken hielt die MfS-Hauptabteilung XVIII (Kontrolle der Volkswirtschaft) fest, daß Mitte 1985 ein Container mit 300 AKM-Maschinenpistolen inklusive Schalldämpfern und Zielfernrohren von dem Frachter MS "Franz Stenzer" über Antwerpen nach Syrien transportiert wurden.

Diese Lieferung, abgewickelt über den Bereich Kommerzielle Koordinierung (siehe Seite 66) von Alexander Schalck-Golodkowski und den Ingenieur-Technischen Außenhandel (Ita), sei für die Fatah bestimmt. Die Rolle des Vermittlers habe Abdel Majid Younes übernommen. _(* 1979 in Ost-Berlin. )

Im März 1986, so ein MfS-Vermerk vom April desselben Jahres, klopfte Younes erneut bei Ita an und orderte "die Lieferung ähnlicher Gegenstände" - angeblich als Mustersendung für Spezialtruppen des libyschen Staatschefs Gaddafi. "Zum Abschluß dieses Geschäftes", notierten die Stasi-Offiziere damals, "ist es bisher nicht gekommen." Unklar bleibt, ob es später dazu kam.

Die bundesdeutschen Behörden glauben nicht, daß Younes, wie er beteuert, einfach nur ein redlicher Kaufmann ist. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn seit Monaten, seine Wohnungen und Büroräume wurden bereits durchsucht. Derweil bemüht sich die Parteienkommission, jene PDS-Gelder und -Immobilien zu sichern, die Gregor Gysis Finanzmanager im Sommer 1990 so großzügig an den Palästinenser verteilt hatte. So wurden schon im April vorigen Jahres alle betroffenen Younes-Konten gesperrt und somit fast das gesamte Vermögen eingefroren.

Ein Schnäppchen allerdings hat der noch zu DDR-Zeiten eingedeutschte Araber mit dem PDS-Handel gemacht: Fast ein Jahr lang, vom Juni 1990 bis zur Kontensperrung im April 1991, konnte Younes völlig frei mit den Partei-Millionen arbeiten. Allein die Zinsen reichten aus, so bestätigte er vorige Woche, seine mehr als 120 Kellner, Köche und Zimmermädchen in den drei Gästehäusern ein Jahr lang zu beschäftigen.

* 1979 in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 19/1992
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