03.08.1992

StasiBeweglicher Mensch

Mehrere der angeblichen Mitwisser seiner Stasi-Kontakte, die Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe im Mai präsentiert hatte, sind selbst schwer belastet.
Die DDR-Staatssicherheit legte Wert auf ordentliche Buchführung. Ob sie den Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) mit "Süßwaren" für 52 Mark lockte oder ihm im Rostocker Centrum-Warenhaus eine Geldbörse für 74 Mark besorgte, ob sie ihm eine "Blumenwaage" für 145 Mark schenkte oder für 135 Mark eine "Fl. Uhr" spendierte - stets wurden die Belege säuberlich in den Akten abgeheftet.
Abgerechnet wurden "Wodka, Mandarinen, Käse" aus dem "Delikat"-Laden, vor allem aber "französischer Kognak" und "Zigarren". Dem Weinbrand und Nikotin sprach der IM offenbar besonders zu, aber auch Bares nahm er entgegen, was er bisweilen mit seinem Decknamen "Hiller" quittierte.
Unter diesem Pseudonym, Aktenzeichen I/4844/60, war der Greifswalder Oberkonsistorialrat Siegfried Plath, 60, seit 1. September 1960 bei der Stasi-Bezirksverwaltung Rostock registriert.
Plath ist einer der acht Kirchenmänner, die der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe, 56, am 3. Mai als Mitwisser seiner eigenen Stasi-Kontakte vorgestellt hatte. Doch Plath taugt kaum als Kronzeuge: Nach Aktenlage ist er selber schwer belastet.
Ausweislich noch vorhandener Belege erhielt Plath von der Stasi Geld- und Sachgeschenke im Wert von mindestens 6000 DDR-Mark, mal als Anerkennung "für gute inoffizielle Arbeit", mal zu Festtagen. Für "vorbildliche Einsatzbereitschaft" wurde Plath 1980 auch ausgezeichnet: mit dem Stasi-Kampforden "Für Verdienste um Volk und Vaterland" in Bronze.
Bis zum Untergang der DDR, fast 30 Jahre lang, lieferte Plath nach Aktenlage der Stasi fleißig Berichte, "insbesondere zu Tagungen der Konferenz der Kirchenleitungen, der Synoden des Bundes der evangelischen Kirchen" oder zu sonstigen "kirchenpolitisch bedeutsamen Ereignissen, Erscheinungen und Personen".
Wie Plath scheint auch Hans-Martin Harder, 49, Konsistorialpräsident der vorpommerschen Landeskirche, tief im Stasi-Sumpf zu stecken. In seiner Akte, Registrier-Nummer I/1588/88, finden sich etliche Berichte, nach denen Harder Vorschläge zur "Disziplinierung" oppositioneller Gruppen gemacht hat.
Vor dem Stolpe-Untersuchungsausschuß des Potsdamer Landtags hatten Harder und Plath im Mai bestritten, jemals wissentlich als IM für die Stasi tätig gewesen zu sein. Doch die Akten stehen im Widerspruch zu den Aussagen, weshalb die CDU-Landtagsfraktion am Mittwoch voriger Woche gegen beide Strafanzeige wegen uneidlicher Falschaussage erstattete.
Harder will erst im April von seinem früheren Rostocker Stasi-Gesprächspartner erfahren haben, daß er als IM "Dr. Winzer" geführt worden sei - eine Behauptung, die derzeit nicht zu widerlegen ist. Plath jedoch muß seinen Decknamen "Hiller" gekannt haben; der Tarnname wurde, wie aus Aktenvermerken hervorgeht, als Losungswort am Telefon benutzt.
Plath saß in Synoden und in den Leitungsgremien des DDR-Kirchenbunds häufig neben IM "Sekretär" Stolpe und IM "Karl", dem Eisenacher Oberkirchenrat Gerhard Lotz (SPIEGEL 26/1992). Von besonderem Nutzen für die Stasi waren, den Aufzeichnungen zufolge, Plaths "vertrauliche Beziehungen" zu "negativ-feindlichen kirchenleitenden Amtsträgern". "Durch ihn konnten", vermerkte der Rostocker Kirchenabteilungsleiter Oberstleutnant Krull, "bedeutsame Informationen über Pläne und Absichten dieser Personenkreise zur Belastung des Verhältnisses Staat-Kirche erarbeitet werden."
Daß sich Plath mit den Stasi-Offizieren regelmäßig in einer konspirativen Wohnung traf, notierten die Protokollanten 1985, "gehört mittlerweile zur Selbstverständlichkeit". Der IM, lobte sein Führungsoffizier, sei "ein sehr beweglicher Mensch, der bereit ist, bei Notwendigkeit auch nachts oder in den frühen Morgenstunden zum Treff zu kommen".
Auch Harder spurte, den Akten zufolge, wann immer die Stasi nach ihm rief. So fand er sich etwa am 18. September 1989, während einer Synode des Kirchenbunds in Eisenach, morgens um 7.30 Uhr nach "telef. Vereinb." am Treffort ("Pkw/im Freien") ein, um "planmäßig" im Rahmen seines "Sicherungseinsatzes" zu berichten.
Harder bestreitet derlei Willfährigkeit. "Wer meine Lebensgewohnheiten kennt", sagt er, "weiß, daß es ganz ungewöhnlich wäre." Mit "Sicherheit" könne er ausschließen, zum Stasi-Gespräch in ein Auto eingestiegen zu sein. Fakt ist jedenfalls, daß Stasi-Hauptmann Wegner seitenweise Harders Berichte zu Papier gebracht hat - und danach ging es kaum je um humanitäre Angelegenheiten.
Harder versuchte seine Beziehungen mitunter lieber für ein persönliches Privileg zu nutzen. So bat er seinen Stasi-Partner mal um eine Sonderbescheinigung, um sich beim Autofahren nicht an Tempolimits halten zu müssen. Der Stasi-Mann wich aus: "Kaum realisierbar, wird jedoch geprüft."
Harder war erst Mitte der achtziger Jahre ins Visier der Stasi geraten, als er Chef des Konsistoriums wurde. Der Chef der Kirchenabteilung in der Berliner Stasi-Zentrale, Oberst Joachim Wiegand, kam sogar persönlich nach Rostock und diskutierte mit den örtlichen Statthaltern das drehbuchartige Vorgehen der Kontaktaufnahme.
Am 20. Mai 1987 kam es zum ersten Kontaktgespräch in Harders Wohnung - unter einem Vorwand: Die Stasi übergab Harder, zwecks Prüfung, eine Liste mit angeblich sichergestellten Gegenständen aus Kircheneinbrüchen. Daß sich Wegner als Stasi-Offizier zu erkennen gab, irritierte den Kirchenmann offenbar nicht: Harder, heißt es in der Akte, "zeigte weiter eine normale Haltung".
Resignation spricht aus dem letzten Treffbericht. Harder, der sich laut Stasi-Akte "offensiv für den Abbau der Konfrontation zum Staat" eingesetzt hatte, konstatierte nur "die Wirkungslosigkeit realistischer Kräfte".
Zu denen zählte auch ein weiterer Kronzeuge Stolpes: Rolf-Dieter Günther, 59, langjähriger Pressesprecher des DDR-Kirchenbunds. Er war als IM "Wilhelm" seit 1968 für die Stasi aktiv, indem er, laut "Beurteilung", "vorbehaltlos über alle innerkirchl. Probleme u. Amtsträger offen spricht".
Bei Stolpes Geheimbündler-Präsentation tat sich Günther damit hervor, daß er sich vehement gegen das Etikett "IM" für Stolpe wehrte. Richtiger, meinte er, wäre das Kürzel "VKI" gewesen: "Vertreter kirchlicher Interessen".

DER SPIEGEL 32/1992
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