25.01.1993

Die ängstliche Margarete

Die Schriftstellerin Christa Wolf hat vergangene Woche zugegeben, daß sie sich 1959 von der Staatssicherheit der DDR anwerben ließ. Was sie dabei verschwieg: Unter dem selbstgewählten Decknamen "Margarete" plauderte sie drei Jahre lang Details über Kollegen aus, politische, aber auch intime. Die Galionsfigur der DDR-Identität als zaghafte Opportunistin - später wurde sie selbst von der Stasi bespitzelt.

Was bleibt jetzt noch von Christa Wolf? Vor mehr als zwei Jahren, im Sommer 1990, überraschte die berühmteste Dichterin der DDR die Öffentlichkeit zum ersten Mal damit, daß sie sich selbst mit den Machenschaften der Stasi in Verbindung brachte. Die wenig verklausulierte Botschaft ihrer Erzählung "Was bleibt": Sie sei ein Opfer von Bewachung und Bespitzelung gewesen, all ihrer Berühmtheit und Loyalität dem Staat gegenüber zum Trotz.

Am vergangenen Donnerstag verblüffte Christa Wolf, 63, mit einer zweiten Offenbarung. Im Klartext: Sie war nicht nur Opfer, sie war - vor langer Zeit - auch Täter. In der Berliner Zeitung gab sie "Auskunft": Die Stasi habe sie drei Jahre lang als "GI"* und "Inoffizieller Mitarbeiter" (IM) geführt und ihr auch - woran sie sich freilich nicht mehr erinnere - einen Decknamen gegeben. Dieser Sachverhalt, auf den sie erst im Mai 1992 beim Studium ihrer Akten gestoßen sein will, habe sie "völlig unvorbereitet" getroffen.

Ist das glaubwürdig? Und warum hat Christa Wolf die bittere Wahrheit dann noch ein Dreivierteljahr zurückgehalten?

Nach Berlin gelangte ihre komplettierende Darstellung in eigener Stasi-Sache per Fax aus Santa Monica (Kalifornien), _(* Geheimer Informator. ) wo die Autorin seit September 1992 als Stipendiatin des Getty Centers lebt und arbeitet. Eine Bedingung, die sie vor Antritt ihres neunmonatigen Aufenthalts dort stellte: daß sie von der Presse abgeschirmt werde. Diese Anstrengung wird jetzt wohl zu forcieren sein.

Mit ihrer Selbstenthüllung ist Christa Wolf der Aufdeckung ihrer frühen Stasi-Verstrickungen zuvorgekommen. Mitte vergangener Woche gelangte ein Teil der Wolf-Akten aus der Gauck-Behörde an die Öffentlichkeit. Ob das der Anlaß für den Zeitungsbeitrag war ("über den ich seit einigen Monaten nachdenke") oder ob, wie Christa Wolf behauptet, die "Vorgänge um Heiner Müller" den letzten Anstoß dazu gaben?

Eindeutig ist: Das Material wirkt - anders als im Fall des Dramatikers Müller - erdrückend. Christa Wolf täuscht sich selbst und die Öffentlichkeit, wenn sie die belastenden Unterlagen als "dünnes Faszikel" herunterspielt.

Und ihre Beteuerung, sie habe in Halle - dorthin war sie 1959 gezogen - mit dem "hauptamtlichen Mitarbeiter der Stasi" nur noch über kulturpolitische Fragen gesprochen, und das in der Annahme, "über diesen Weg Kritik wirksamer befördern zu können", ist ein mittlerweile allzu geläufiges Bekennermuster - und widerspricht zumindest deutlich den Dokumenten.

Christa Wolf hat sich zuerst 1959 - sechs Tage nach ihrem 30. Geburtstag - in Berlin für Spitzeldienste anwerben lassen. Zwar hat sie später ihrer Zuarbeit den konspirativen Charakter nehmen wollen, indem sie sich Treffen in entsprechenden Wohnungen verbat. Doch fand ihre eifrige Dienstbarkeit bei der Stasi gut drei Jahre lang Anerkennung und Beachtung.

Das dunkelste Kapitel im Leben der weltberühmten Autorin begann - dem drei Seiten langen "Anwerbungsbericht" zufolge - so: "Am 24.3.1959 wurde in der Zeit von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr in Anwesenheit des stellv. Abteilungsleiters Gen. Seidel und des Sachbearbeiters Gen. Paroch in einem inoffiziellen Zimmer in der Französischen Str. Nr. 12 die Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin Christa Wolf als geheimer Informator angeworben."

Die beiden Herren stellten sich ihr gleich zu Beginn unmißverständlich als "Mitarbeiter des MfS" vor, zeigten sogar ihre Ausweise. Sie fragten sodann gezielt nach dem westdeutschen Schriftsteller Gert Ledig, zu dem Christa Wolf persönlichen Kontakt unterhielt. "Sie berichtete über ihr Zusammentreffen mit Ledig im Schriftstellererholungsheim am Schwielowsee" und "charakterisierte ihn als einen Wirrkopf, der letztlich zum Gegner der DDR in seiner Publizistik wurde". Weiter - so das Protokoll - "berichtete sie über die Verbindungen Ledigs in der DDR".

Die Offiziere freuten sich, daß sie zur Person Ledigs "alles genau und ausführlich" erzählte und daß die von ihr gegebenen Antworten mit dem Wissensstand der Stasi übereinstimmten. So gewannen sie einen positiven "Eindruck hinsichtlich der Ehrlichkeit der Kandidatin".

Im weiteren Verlauf des dreistündigen Treffens suchten und fanden die Anwerber mit der damaligen Redakteurin der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur (NDL) ideologische Gemeinsamkeiten: Sie wetterten gegen Schriftsteller, die "nicht auf dem Boden der Kulturpolitik von Partei und Regierung stehen" - und Christa Wolf steuerte im Gespräch sogleich Namen zu dieser Gattung bei: "wie Wolfgang Schreyer und andere".

Angesichts solch großer Bereitschaft der Stasi-Kandidatin Wolf konnte alsbald zum direkten Werbegespräch "übergeleitet" werden. Sie wurde "befragt, inwieweit sie zu einer Unterstützung entsprechend ihren Möglichkeiten - die ihr dabei ausführlich aufgezeigt wurden - gegenüber dem MfS bereit ist". Die beiden Offiziere vermerkten: "Ohne großes Zögern gab sie ihre Zustimmung." Sie bat allerdings zu bedenken, daß sie in ihren Urteilen über Schriftsteller "auch irren könne".

Die Offiziere verpflichteten sie nun noch zur "Konspiration", zum _(* Bei einer Preisübergabe in Berlin. ) Schweigen über ihre inoffizielle Mitarbeit gegenüber dritten Personen. Christa Wolf kamen da Bedenken wegen ihres Mannes Gerhard, der ja "auch Genosse sei". In ihrer Ehe hätten sie bisher "noch nie Geheimnisse" voreinander gehabt. Doch sie ließ sich schließlich auf eine Variante festlegen, die ihr die Offiziere als Entgegenkommen anboten: Sie könne erzählen, sie habe nur ein kurzes Gespräch mit dem MfS geführt, denn auch ihrem Mann gegenüber solle "nicht die Rede von einer Zusammenarbeit" sein.

Zum "Prinzip der Konspiration" gehöre auch die "Notwendigkeit eines Decknamens", erläuterten ihr die beiden Anwerber als nächstes. Christa Wolf, so ist dem Stasi-Protokoll zu entnehmen, wählte selbst den Decknamen "Margarete". Keine überraschende Wahl: Margarete ist ihr zweiter Vorname, zudem ein von Goethe bis Celan prominent literarisch verwendeter Name. Alles vergessen?

Von einer schriftlichen Verpflichtung wurde "wegen ihrer Mentalität" Abstand genommen. Dies war nach der Stasi-Richtlinie 1/58 bei Intellektuellen durchaus möglich und üblich, ist also kein Beleg für Harmlosigkeit. Abschließend tauschte Christa Wolf mit den Offizieren Telefonnummern aus, und ein nächstes Treffen wurde verabredet: in der konspirativen Wohnung (Tarnname: KW "Höhe") in der Nähe ihrer Arbeitsstelle, vier Wochen später.

Führungsoffizier Benno Paroch hatte vor dem Anwerbungsgespräch die "Genossin Wolf" gründlich inspiziert. So wurden "im Wohngebiet des Kandidaten konkrete Ermittlungen" geführt, der Ehemann Gerhard abgeklopft, Kontakte ins Ausland überprüft und auch die "charakterlichen Seiten" der Autorin durch Informantin "Lotti" eingeschätzt.

Die "Lotti" empfahl dem Führungsoffizier Christa Wolf wärmstens: "Als Literaturkritikerin tritt sie parteilich auf." Parteiaufträge führe sie "ordentlich aus". So habe sie "in Hausversammlungen gesprochen und auch zur westberliner Senatswahl in Westberlin Flugblätter" verteilt.

Leutnant Paroch konnte seine Einschätzungen noch durch Informationen von "Herbert", "Hannes" und "Hanna" vervollständigen. Manche dieser Beschreibungen hatten übrigens überraschende Parallelen zu jenen Schmähungen, die die Schriftstellerin viel später, nach der Wende des Jahres 1989, hart trafen. So charakterisierte "Hannes" im Sommer 1958 die damals noch wenig bekannte Literaturwissenschaftlerin auf ihrem Weg nach oben:
" Sie schrieb Buchkritiken, deren Titel sie klug "
" auswählte, vor allem über solche Bücher, die in der "
" Öffentlichkeit von sich reden machten. Sie gehört zu den "
" Menschen, die stets warten, was die anderen sagen, ihre "
" Meinung dann wohldosiert und klug abwartend zum Ausdruck "
" bringen. Sie kam zum Verlag "Neues Leben" als Cheflektor, "
" wo sie sich nicht bewähren konnte - wahrscheinlich, weil "
" auf einer solchen Stelle viel Initiative verlangt wird "
" und man auch stets ein gewisses Risiko auf sich nehmen "
" muß. Vor allem das letzte scheut sie stets, sie wird sich "
" stets bemühen, sich auf das Urteil bekannter Genossen "
" stützen zu können. "

Christa Wolf, so urteilt Stasi-Informant "Hannes" weiter, sei "sehr auf Karriere bedacht" und "will unter keinen Umständen etwas tun, wo Neuland zu betreten ist oder wo sie gegen die Meinung bekannter Leute ankämpfen müßte. Wenn schon, dann nur im Kollektiv, das sie deckt . . ."

Die Stasi interessierte damals vor allem eins: Als geheimer Informant sei sie "für operative Zwecke von großem Nutzen, da sie in der Lage ist, uns Informationen über einzelne Schriftsteller zu geben, die . . . nicht die Kulturpolitik unserer Partei und Regierung unterstützen oder bürgerlichen Tendenzen unterworfen sind". Im übrigen sei die Wolf "abwehrmäßig von großem Nutzen" hinsichtlich "des Kampfes gegen die ideologische Diversion auf dem Gebiet der Literatur". Da sie sich viel mit Neuerscheinungen beschäftigen müsse, sei sie in der Lage, "Einschätzungen" und Gutachten zu "Einzelwerken von Autoren" anzufertigen, "die sie in Gesprächen erweitern kann".

Der zweite konspirative Treff des GI "Margarete" fand am 22. April 1959 spätnachmittags statt. Er dauerte wieder rund drei Stunden. Christa Wolf gab "bereitwillig Antwort" auf "die gestellten Fragen", die Personen aus ihrer Umgebung, aus der Redaktionsarbeit bei der NDL oder aus dem Schriftstellerverband betrafen: Walter Kaufmann, Manfred Bieler oder Walter Gorrish.

Sie lieferte politische Urteile und literarische; der Führungsoffizier schrieb danach den Treffbericht: fünf Seiten lang. Über den Schriftsteller Manfred Bieler ("Der Mädchenkrieg") erfuhr der Stasi-Mann von ihr, "daß er 1956 auf dem Kongreß Junger Künstler in Karl-Marx-Stadt mit unberechtigten Forderungen aufgetreten ist . . . und Umgang mit sehr . . . labilen Menschen pflegt. Hinsichtlich seiner literarischen Fähigkeiten setzt (gemeint ist: "schätzt", Anm. d. Red.) sie Bieler nicht sehr hoch ein . . . Seine schwankende Haltung schätzt der GI so ein, daß ohne weiteres als Hauptursache sein Umgang anzusehen ist, dabei nannte der GI Namen wie Kahlau, Gerlach u.a."

In demselben Bericht taucht auch der heutige Generalsekretär des ostdeutschen Pen-Clubs, Walter Kaufmann, 69, auf, der 1955 aus australischem Exil in die DDR übersiedelte. Mit Kaufmann habe es, so berichtet "Margarete" der Stasi, "mehrere Auseinandersetzungen" über ein Manuskript gegeben, "das in der NDL veröffentlicht werden sollte, aber wegen Fehler in der ideologischen Konzeption nicht gebracht wurde". Obwohl Kaufmann dabei "durchaus die Argumente seines Diskussionspartners anerkannte", wird er vom GI "Margarete" schließlich als "labiler Mensch" eingestuft.

"Margarete" plaudert auch über andere Interna ihrer Redaktionsarbeit bei der NDL, etwa über Personalquerelen.

Führungsoffizier Paroch war es wichtig, "nochmals über die Regeln der Konspiration" zu sprechen. Er unterrichtete "Margarete" angeblich genauestens über geheimdienstliches Verhalten bei Begegnungen, Betreten und Verlassen konspirativer Wohnungen und beim Schreiben von Berichten. Paroch vermerkte: "Der GI hatte zu diesem Problem keine Fragen." Auftrag bis zum nächsten Treffen: Sie sollte selbst Einschätzungen zweier Schriftsteller anfertigen.

Bei einem "Kurztreff" im Freien, in der Nähe des Ost-Berliner Thälmannplatzes, übergab "Margarete" neue "Materialien", darunter eine "genaue Aufstellung über diejenigen Arbeiten, an denen Schriftsteller des Berliner Verbandes 1959 und 1960 schreiben". Selbst einen persönlichen Brief von Karl Heinz Berger, an sie adressiert, überließ sie dem Führungsoffizier zwecks Kopie. Beides wollte sie unbedingt "beim nächsten Treffen zurückerhalten".

Christa Wolf lieferte laut Akte bei diesem Kurztreff außerdem noch eine handschriftliche Einschätzung über Walter Kaufmann - unterschrieben mit "Margarete" (das erste Kaufmann-Dossier hatte sie mündlich gegeben).

Zu dem nächsten vereinbarten Treffen mit ihrem Berliner Führungsoffizier kam es nicht mehr. Christa Wolf zog nach Halle um. Stasi-Resümee über die Berliner Zeit: Sie "hatte . . . die gegebenen Aufträge erfüllt". Doch müsse man eine "Zurückhaltung und überbetonte Vorsicht" bei ihr feststellen, "die aus einer gewissen intellektuellen Ängstlichkeit herrührt". Dies sei aber durch "intensive Erziehungsarbeit" zu überwinden. Erste Zeichen einer Entfremdung?

Am 28. Juli 1960, mehr als ein halbes Jahr nach dem Umzug, besuchte Leutnant Alfred Richter - der neue Führungsoffizier - sie in ihrer Wohnung. Richter erlebte "Margarete" als "aufgeschlossen". Sie bat jedoch darum, "die Zusammenarbeit nicht so übertrieben konspirativ durchzuführen". Vereinbart wurde weiteres "Schweigen über Gespräche und Verbindung", treffen wollte man sich in ihrer Wohnung.

Nun begannen jene Aktivitäten, bei denen zwischen der heutigen Selbsteinschätzung der Autorin und der Aktenlage der größte Widerspruch klafft. Während die Schriftstellerin angibt, ihre IM-Akte sei in Halle ohne ihr Wissen weitergeführt worden, ferner habe sie die Besuche des "Genossen R. in unserer Wohnung" nicht im Zusammenhang "mit den Berliner Vorgängen" betrachtet, geht aus den Archiven der Gauck-Behörde anderes hervor.

Richter beauftragte den IM mit der Beobachtung eines Schriftstellers aus der Region, zudem sollte "Margarete" erkunden, wie sich die Leitung des Schriftstellerverbandes bei der Aufnahme eines Autors verhalte. Christa Wolf erhielt eine Telefonnummer der Stasi-Bezirksverwaltung, die sie angeblich auch benutzte.

Bei den weiteren Treffen erlebte Leutnant Richter sie als "sehr gesprächig und offen". Immer wieder ging es um
* die politisch-literarische Einschätzung der
Schriftsteller des Bezirkes,
* die "Behandlung von Manuskripten",
* Interna des Schriftstellerverbandes Halle,
* das Verhalten einzelner Schriftsteller,
* Vorgänge im Mitteldeutschen Verlag, für den Christa
Wolf tätig war.

"Margarete" war stets pünktlich und sagte erforderliche Treff-Verschiebungen ordentlich und rechtzeitig ab. Sie "berichtet" weiterhin "aufgeschlossen und umfassend", doch fehle ihr noch die "Sicht" für "unsere Aufgaben", notierte Leutnant Richter im Herbst 1960. Zum Teil waren die Treffen bis zu vier Stunden lang, und Führungsoffizier Richter durfte in Christa Wolfs Gegenwart mitstenographieren, was sie sagte.

So etwa über Heinz Sachs, den stellvertretenden Cheflektor im Mitteldeutschen Verlag. Über den erzählte sie laut Stasi-Protokoll viel Gutes ("vertritt konsequent die Politik der Partei ohne Einschränkungen"), aber gab - neben politischen Urteilen - auch Persönliches über ihn preis ("angespanntes Ehe-Verhältnis", aber derzeitiger "ehelicher Waffenstillstand").

Umgekehrt ließ sich Leutnant Richter von einem GI "Weinert" über Christa Wolf informieren. Nach Aktenlage spricht manches dafür, daß ebenjener Lektorkollege aus dem Mitteldeutschen Verlag, den Christa Wolf für die Stasi begutachtete, seinerseits Urteile über die Wolf abgab ("sehr parteiverbunden", "hat ein sicheres ideologisches Urteil bei der Begutachtung von Manuskripten").

Im Frühjahr 1962 verfaßte Leutnant Richter einen "Auskunftsbericht" über "Margarete": "Die IM ist ehrlich und gibt auf alle interessierenden Fragen bereitwillig Auskunft." Die gegenwärtige Verbindung halte man durch "persönliche Treffs in Abständen von 20 - 25 Tagen in der Wohnung des IM". "Margarete" berichte über "die Situation im Schriftstellerverband und im Verlagswesen".

Als Christa Wolf 1962 von Halle nach Kleinmachnow bei Berlin umzog, erklärte ein "Genosse Unrat", die Bezirksverwaltung Potsdam sei an einer Übernahme des IM "Margarete" schlichtweg "nicht interessiert".

Bevor die Stasi die IM-Akte schloß und archivierte, fügte sie als letztes Blatt noch eine Beobachtung der Volkspolizei, Revier Kleinmachnow, bei. "Frau Wolf", heißt es darin, sei "eine gute Genossin". Sie habe aktive Arbeit im Wahllokal geleistet. Im Wohngebiet habe sie ein "nettes und höfliches" Auftreten. "Ihre Kinder sind immer sauber gekleidet und haben eine gute Erziehung. Irgendwelche Klagen gibt es . . . über die Wolf, Christa, nicht."

Da hatte Christa Wolf den Zenit ihrer Beliebtheit bei Staat und Partei schon überschritten. Noch Anfang der sechziger Jahre war sie ein Lieblingskind der Herrschenden gewesen: "Ein Kind der DDR" - so nannte sie das Neue Deutschland, und die National-Zeitung brachte ein ganzseitiges Porträt mit Fotos, die eine so adrette wie biedere junge Schriftstellerin zeigen. Pflichtgemäß bezeichnete die den Mauerbau 1961 als "Chance". In jener Berliner Zeitung, in der jetzt ihre allzu zaghafte Selbstbezichtigung erschienen ist, tönte Christa Wolf im März 1962: "Die letzten drei Jahre . . . waren eine Probe auf die Reife und Festigkeit unserer Gesellschaft."

Die Probe auf ihre eigene Festigkeit durfte die Autorin drei Jahre später nachholen. Auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED erlaubte sie sich kulturpolitischen Eigensinn, der vom Pfad des braven Sozialistischen Realismus allzu deutlich abwich: ein Plädoyer für das damals streng verpönte Subjektive in der Literatur, das dann 1968 ihr legendäres Buch "Nachdenken über Christa T." prägte.

Als dieser Roman, der die Autorin berühmt machte, in der DDR nach vielen Verzögerungen in minimaler Auflage herauskam, war Christa Wolf schon nicht mehr Kandidatin des SED-Zentralkomitees, und die einst so Wohlgelittene tauchte in den Spalten der DDR-Presse danach lange nicht mehr auf.

Sie spürte den Gegenwind. Im Briefwechsel mit ihrer Kollegin Brigitte Reimann aus dieser Zeit (er soll im Februar unter dem Titel "Sei gegrüßt und lebe" im Aufbau-Verlag erscheinen) ist viel von Ängsten und Bedrückungen die Rede.

Was Christa Wolf damals nicht wußte: Aus der Zulieferin für die Stasi war längst eine wachsam und mit wachsendem Einsatz Beobachtete geworden.

1968 wurde aus der Bespitzelung ein "Operativer Vorgang": Das war die intensivste Form der Stasi-Überwachung. Christa Wolf und ihr Mann Gerhard wurden fortan unter dem Decknamen "Doppelzüngler" ausgeforscht.

Vom Umfang dieser Aktivitäten konnte sich das Ehepaar erstmals im Mai 1992 einen Begriff machen. "Wir sahen uns mit 42 Bänden konfrontiert, allein für die Zeit zwischen 1968 und 1980 - die Akten über die letzten zehn Jahre scheinen vernichtet zu sein", berichtet Christa Wolf. Das Paar sah sich rückwirkend von einem "Netz von ,IM''" umgeben ("was wir erwartet hatten"), darunter enge Freunde ("was wir so nicht erwartet hatten").

Vielleicht ist es verständlich, daß die Taten der anderen den Blick auf eigene Sünden verstellen - zumal ein einzelner Ordner wenig zu bedeuten scheint im Verhältnis zu dem Wust an schwer Verdaubarem. Dennoch kann nicht einfach von einer Jugendsünde die Rede sein - Christa Wolf war 30 Jahre alt, als sie sich mit der Geheimdienst-Firma einließ.

Verwunderlich bleibt, daß eine, wie sich jetzt zeigt, so überaus angepaßte, ängstliche Opportunistin wie sie zu einer Schlüsselfigur des Friedens und der Hoffnung, wenn schon nicht des Widerstands werden konnte.

Nur selten zeigte sie ihre Standfestigkeit in aller Öffentlichkeit, wie 1976, als sie zusammen mit anderen Kollegen gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte. Daß später immer wieder behauptet wurde, sie habe heimlich ihre Unterschrift zurückgezogen, stellt sich nun, so hat es Christa Wolf ihren Akten entnommen, als geschickt lanciertes "Zersetzungs"-Gerücht der Stasi heraus. Auch eine Entdeckung.

Eine Beschädigung ihres Bildes wird Christa Wolf hinnehmen müssen. Daß sie vorgehabt hat, ihre eigene Entwicklung in einem "größeren Zusammenhang" darzustellen, "in dem auch diese Aktenerkenntnisse ihren Platz finden sollten", wird man ihr gern glauben. Die knappe "Auskunft", die sie sich nun abgerungen hat, kann dem Prestigeverlust wohl kaum entgegenwirken.

Es bleibt von Christa Wolf vor allem ein international beachtetes literarisches Werk. Bücher wie "Kassandra" (1983) oder "Störfall" (1987) haben nie einen Zweifel daran gelassen, daß hier keine Apologetin des DDR-Staates und schon gar nicht, wie immer behauptet, eine "Staatsdichterin" schrieb.

Manches im weitverzweigten Prosawerk der Autorin liest der Argwohn jetzt mit anderen Augen. Die immer wiederkehrenden dunklen Botschaften, das schwebend Vieldeutige in vielen sonst eigentlich recht klaren Texten (der Autorin nicht selten als verschwommen und verschwiemelt angekreidet) - findet dies nun nachträglich eine Erklärung?

So wirkt der verrätselte Anfang der Erzählung "Was bleibt", um die 1990 die Feuilletons sich heftig stritten, plötzlich einleuchtend - auf fatale Weise.

"Nur keine Angst", heißt es dort. "In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden. Heute, das wußte ich, wäre es noch zu früh. Aber würde ich spüren, wenn es an der Zeit ist?" Christa Wolf hat es - gerade noch - gespürt. Die richtige Sprache hat sie nicht gefunden.

* Geheimer Informator. * Bei einer Preisübergabe in Berlin.

DER SPIEGEL 4/1993
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