26.10.1992

„Fußball gut, alles gut“

SPIEGEL: Herr Yeboah, kennen Sie die Band "Böhse Onkelz"?
YEBOAH: Nein, welche Musik spielen die denn?
SPIEGEL: Die Kultband rechtsradikaler Jugendlicher verhöhnte mit faschistischen Texten Ausländer.
YEBOAH: Solche Leute wird es immer geben.
SPIEGEL: Gehört es zum alltäglichen Rassismus in Deutschland, daß Sie, anders als ihre deutschen Kollegen, von den Medien mit Tieren wie Gazelle oder Seehund verglichen werden?
YEBOAH: Damit kann ich leben.
SPIEGEL: Noch im letzten Jahr haben Sie zusammen mit anderen schwarzen Profis die Ausländerfeindlichkeit in den deutschen Stadien angeprangert.
YEBOAH: Ich habe mich daran gewöhnt. Helfen würde wohl nur, wenn jedes Team einen Afrikaner hätte. Wer dann "Nigger raus" brüllt, schadet automatisch auch seiner Mannschaft.
SPIEGEL: Was empfinden Sie, wenn Sie brennende Asylbewerberheime sehen?
YEBOAH: Die Randalierer sind Verrückte. Aber solche Bilder kenne ich nur aus dem Fernsehen, für mich ist das weit weg. Zum Glück schieße ich Tore, die Leute kommen meinetwegen ins Stadion. Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl: Wäre ich kein Star, müßte ich mich auch verprügeln lassen. Ich möchte in Deutschland nicht um Asyl bitten müssen.
SPIEGEL: Können Sie die Ängste der Deutschen, die zu den Ausschreitungen führen, nachvollziehen?
YEBOAH: Die Deutschen fürchten um ihre Jobs. Hier zählt nur, wer Arbeit hat.
SPIEGEL: Wann wurden Sie zuletzt angepöbelt?
YEBOAH: Die Deutschen mögen Leute, die Leistung bringen, egal woher die kommen. Solange ich gut spiele, werde ich auch keine Probleme haben: Fußball gut, alles gut.
SPIEGEL: In sieben Bundesligaspielen haben Sie sieben Treffer erzielt, im Europapokal gegen Lodz sogar drei Tore in einer Halbzeit. Jetzt haben alle großen Fußballklubs in Deutschland und Europa Interesse, Sie zu verpflichten.
YEBOAH: Die einzigen, die immer bei mir klingeln, sind Kinder, die Autogramme wollen. Unterhändler anderer Klubs hätten auch gar keine Chance: Ich habe erst vor dreieinhalb Monaten einen Dreijahres-Vertrag bei Eintracht Frankfurt unterschrieben.
SPIEGEL: Gültige Verträge haben einen Wechsel nach Italien noch nie verhindert. Im Gegenteil, sie helfen den Profis sogar beim Geldverdienen, weil dadurch Ablösesummen und Gehälter in die Höhe getrieben werden. Wollen Sie nicht Millionär werden?
YEBOAH: Natürlich. Aber Italien ist gefährlich. Karlheinz Riedle ist Mittelstürmer des Weltmeisters, der deutschen Nationalmannschaft. Jetzt sitzt er in Rom auf der Tribüne und will zurück.
SPIEGEL: Könnten Sie sich einen Wechsel zu einem anderen deutschen Verein vorstellen?
YEBOAH: Nein. Frankfurt ist der stärkste Klub, ich bin der beste Stürmer der Bundesliga - das paßt gut.
SPIEGEL: Ihre Klasse zeigte sich erst, seit Andreas Möller von Frankfurt zu Juventus Turin gewechselt ist. Haben Sie von seinem Weggang profitiert?
YEBOAH: Mit ihm und seinem Manager Klaus Gerster gab es immer Ärger. Es ist gut für ihn und für uns, daß Möller in Italien spielt. Er hat sich verbessert, und die Eintracht ist stärker geworden.
SPIEGEL: Mit 800 000 Mark Jahreseinkommen gehören Sie zu den bestverdienenden Eintracht-Profis. Stehen Sie auch in der Mannschaftshierarchie oben?
YEBOAH: Taktische Probleme bespricht Trainer Dragoslav Stepanovic mit Kapitän Uli Stein und Mittelfeldregisseur Uwe Bein. Ich gehöre zu denen, die von den Jüngeren respektiert werden. Zudem bekomme ich die meisten Fan-Briefe von allen, ungefähr 250 in der Woche, und habe sogar einen eigenen Fan-Klub, die "Zeugen Yeboahs". Das reicht mir.
SPIEGEL: Sie reden oft von Leistung, fahren einen BMW, wohnen im Reihenhaus mit Schrankwand und Vorgarten. Ist Ihnen bewußt, daß Sie wie ein deutscher Musterbürger wirken?
YEBOAH: Soll ich ein Lagerfeuer im Wohnzimmer machen? Ich fühle mich wohl so, ich verstelle mich nicht.
SPIEGEL: Es drängt Sie aber oft nach Hause. Um für Ghana in der Weltmeisterschafts-Qualifikation gegen Burundi anzutreten, verzichteten Sie am letzten Samstag auf das Spitzenspiel gegen Bayer Leverkusen und kehren erst kurz vor dem Frankfurter Heimspiel gegen den FC Bayern am Dienstag zurück.
YEBOAH: Länderspiele muß ich nach dem Reglement des Fußball-Weltverbandes mitmachen. Ghana bedeutet die WM-Teilnahme ebensoviel wie Eintracht Frankfurt der Titelgewinn.
SPIEGEL: Ihr Trainer Stepanovic hat beobachtet, daß Sie gut gelaunt aus Ghana zurückkehren, aber nach ein paar Wochen in Frankfurt wieder zu Trübsinn neigen.
YEBOAH: In Deutschland verdiene ich mein Geld, aber Ghana ist mein Mutterland. Für junge Spieler bin ich ein Vorbild, die wollen auch in die Bundesliga. Im letzten Jahr stand sogar ein Landsmann vor der Tür und wollte, daß ich ihm helfe.
SPIEGEL: Was antworten Sie dann?
YEBOAH: Viele machen sich falsche Vorstellungen. In Deutschland wird viel Kraft trainiert, man muß laufen, laufen, laufen. Hier wird härter gekämpft, mit mehr Körperkontakt. Das Spielerische ist nicht so wichtig.
SPIEGEL: Hat es deshalb vier Jahre gedauert, ehe Sie zu einer festen Größe im deutschen Bundesliga-Fußball wurden?
YEBOAH: Ich habe zuerst ein Probetraining bei Borussia Dortmund absolviert. Da mußte ich Runden laufen, einen Belastungstest machen, mir wurde Blut abgenommen und meine Laktatwerte wurden gemessen - schließlich haben sie mich nicht gewollt. Da habe ich an mir gezweifelt und bin nach Saarbrücken in die Zweite Liga gegangen.
SPIEGEL: Dort hieß Ihr Trainer Klaus Schlappner, der deutsche Tugenden predigt. Hatten Sie da mit Vorurteilen zu kämpfen?
YEBOAH: Es waren die, die immer gegen Afrikaner vorgebracht werden: Der Schwarze ist undiszipliniert, verträgt den Winter nicht und hat Malaria.
SPIEGEL: Haben Sie auch Fehler gemacht?
YEBOAH: Ich war zu ängstlich. Ich habe immer englisch gesprochen, habe mich privat nur mit Ghanaern getroffen und viel nach Hause telefoniert, jeden Monat für über 900 Mark. Diese Isolation war nicht gut, ich hätte früher Deutsch lernen sollen. Nur wer mit seinen Kollegen reden kann, bekommt auch den Ball von ihnen.
SPIEGEL: War Ihr größter Fehler nicht die Unterschrift unter einen Knebelvertrag, der Ihrem Entdecker 7,5 Prozent Ihres Einkommens zusicherte und Ihnen bei einer Konventionalstrafe von 500 000 Mark verbot, ohne Zustimmung den Klub zu wechseln?
YEBOAH: Dieser Vertrag gilt nicht mehr. Es hat lange gedauert, bis ich das Geschäft verstanden habe. Aber jetzt lasse ich mich nicht mehr verschaukeln.
SPIEGEL: Bei Ihrem Wechsel von Saarbrücken nach Frankfurt sollen Ihre Berater 450 000 Mark Vermittlungsgebühr kassiert haben.
YEBOAH: Ich habe von Frankfurt einen guten Vertrag bekommen, der mich ab einer bestimmten Summe an künftigen Transfererlösen beteiligt. Was sonst passiert ist, ist mir egal.
SPIEGEL: Aber auch in Frankfurt hatten Sie zunächst Probleme.
YEBOAH: Der damalige Trainer Jörg Berger hat mir nicht vertraut, verstand auch keinen Spaß. Bei Stepanovic ist das anders: lockerer, professioneller, freundlicher. Bei ihm vergesse ich oft, daß ich der schwarze Mann bin.

DER SPIEGEL 44/1992
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