19.04.1993

„Auf des Messers Schneide“

Südafrika in Aufruhr: Weiße Extremisten solidarisieren sich mit dem mutmaßlichen Mörder des schwarzen Politikers Chris Hani. Radikale Schwarze rufen auf Demonstrationen zum Krieg gegen alle Weißen. Sie finden immer mehr Anhänger unter der Ghetto-Jugend, die nicht mehr auf gemäßigte Führer wie Nelson Mandela hört.
Retha und Daan Harmse aus der Kleinstadt Boksburg bei Johannesburg packen ihre Koffer. Ihr Telefon haben sie abgestellt, an ihrem schmucken Einfamilienhaus hängt ein Schild: Verkauft. Daan Harmse sagt: "Wir fühlen uns hier nicht mehr sicher."
Nicht die übliche Furcht vor dem schwarzen Mob der umliegenden Ghettos treibt das burische Ehepaar aus ihrem idyllischen Wohnort. Retha Harmse, 36, erzählt von Drohanrufen weißer Südafrikaner; sie kann nur noch unter Polizeischutz zur Arbeit fahren.
Die Nachbarin des ermordeten Kommunistenführers Chris Hani hatte die Schüsse auf dem Nebengrundstück gehört und war dem Schützen hinterhergefahren. Sie merkte sich dessen Autonummer und informierte die Polizei, die den Mann kurz darauf verhaften konnte.
Was Retha Harmse als menschliche Pflicht betrachtet - "für uns war Hani ein freundlicher Nachbar, auch wenn wir seine Ansichten nicht teilen" -, macht sie bei radikalen Weißen zur Verräterin. Der Afrikanische Nationalkongreß (ANC) aber nutzt die Tat der Frau, um gegen den drohenden Rassenkrieg anzukämpfen.
"Es war die Hand eines weißen Mannes, die Chris Hani tötete", rief Tokyo Sexwale, ANC-Chef der Region Johannesburg, auf einer Kundgebung im Zentrum der Stadt, "aber es waren die Augen einer weißen Frau, die halfen, den Verbrecher festzunehmen." Nelson Mandela lobte "die weiße Frau burischer Abstammung, die ihr Leben riskiert hat", in einer Fernsehansprache, in der er zu Disziplin und Besonnenheit aufrief.
Solche Appelle konnten indes nicht verhindern, daß es beim Generalstreik und bei mehr als hundert Prostestdemonstrationen des ANC in der vergangenen Woche zu Gewaltausbrüchen kam. Die Trauer um Chris Hani schlug um in blinde Wut.
In Kapstadt verloren die ANC-Ordner die Kontrolle über einen Zug von über 50 000 Menschen. Jugendliche verwüsteten Geschäfte in der Innenstadt, griffen jeden an, der sie daran hindern wollte.
In Soweto belagerten Demonstranten eine Polizeistation. 4 Menschen starben, und mehr als 260 wurden verletzt, als die eingekesselten Polizisten ohne Warnung das Feuer eröffneten.
In Durban und Pietermaritzburg zogen Demonstranten plündernd durch die City, Autos gingen in Flammen auf. Bilanz des Trauertages: mehr als 17 Tote und zwischen 500 und 600 Verletzte. Seit dem Mord an Hani kommt es zu Racheakten - bis Freitag abend wurden 5 weiße Südafrikaner umgebracht.
Die Regierung verkündete Notstandsmaßnahmen. Die Wirtschaft schätzt den Schaden bei den Ausschreitungen nach den Gedenkkundgebungen auf 250 Millionen Mark. Nicht meßbar ist der Vertrauensverlust bei potentiellen Investoren aus dem Ausland.
Sprecher der Polizei machten den ANC für die Welle der Gewalt verantwortlich. Die Führer der Schwarzen widersprachen. "Hunderttausende verhielten sich friedlich, einige hundert haben geplündert. Der ANC hat dafür gesorgt, daß es nicht umgekehrt war", verteidigte Sexwale die Massenaktionen. "Wir kanalisieren die Wut der Menschen, damit in diesem Land nicht die Hölle losbricht."
Sehr weit scheint die Republik am Kap von einem Inferno nicht mehr entfernt zu sein: Wenigstens 10 000 Menschen starben in den vergangenen drei Jahren bei politischen Gewalttaten. Die überwältigende Zahl der Opfer waren Schwarze. Doch neuerdings machen radikale Organisationen wie Apla (Azanian People's Liberation Army), der bewaffnete Arm des Panafrikanistischen Kongresses (PAC), Jagd auf weiße Zivilisten.
Apla-Kommandeur Barney Mtolo rechtfertigt nach dem Mord an Hani die Politik des bewaffneten Kampfes gegen alle Weißen und für eine rein schwarze Mehrheitsregierung.
Der immer noch für ein demokratisches Südafrika aller Rassen eintretende ANC gerät in die Defensive. Im Jabulani-Stadion von Soweto wurde Friedensprediger Nelson Mandela am vergangenen Mittwoch von Zehntausenden Jugendlichen ausgebuht. "Ich mag die Nationale Partei auch nicht", rief Mandela, "aber ich bin bereit, mit de Klerk zusammenzuarbeiten, um ein neues Südafrika aufzubauen."
Immer mehr der jungen Menschen aus den schwarzen Elendsstädten weigern sich, jenen gemäßigten ANC-Führern weiter zu folgen, die bereit sind, die Macht mit den Weißen zu teilen. Tragisch, daß der einzige, der sie hätte zügeln können, sterben mußte - KP-Generalsekretär und ANC-Spitzenpolitiker Chris Hani, 50, nach einer jüngsten Umfrage populärster Mann unter den Schwarzen Südafrikas nach Mandela.
Der frühere Guerilla-Kommandeur des ANC war das Idol der militanten Township-Jugend - auch dann noch, als er den Verhandlungskurs seiner Partei und des ANC verteidigte und wenige Tage vor seinem Tod die Gewaltakte der schwarzen Extremisten gegen Weiße als rassistisch verurteilte.
Sein mutmaßlicher Mörder Janusz Walusz, 40, war 1981 aus dem kommunistischen Polen ins vermeintliche Paradies Südafrika ausgewandert. Er schloß sich ultrarechten weißen Gruppierungen an und war wohl kein einsamer Täter. Südafrikas überparteiliches Nationales Friedenssekretariat bat nach Absprache mit der Regierung und dem ANC Deutschland und Großbritannien um Fachleute, die bei der Suche nach möglichen Hintermännern helfen sollen.
Ballistische Untersuchungen ergaben, daß die Kugeln, die Hani in der Einfahrt zu seinem Haus niederstreckten, aus einer Waffe stammen, die Piet Rudolph, Chef der weißen Extremistengruppe "Orde Boerevolk", 1990 aus einem Depot der südafrikanischen Luftwaffe gestohlen hatte. Rudolph verteilte die Waffen unter Gesinnungsgenossen.
Janusz Walusz verfügte über etliche Waffenscheine, besaß auch die Lizenz für ein Schnellfeuergewehr, die nur von höchster Stelle ausgegeben wird. In seiner Wohnung in Pretoria fand die Polizei eine Todesliste mit den Namen von prominenten ANC-Politikern, darunter Nelson Mandela.
Nun solidarisieren sich rechtsradikale Rassisten-Organisationen wie die Wit Wolwe (Weiße Wölfe) und die Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) öffentlich mit dem mutmaßlichen Mörder von Chris Hani. AWB-Boß Eugene TerreBlanche fordert für Walusz den Status eines politischen Gefangenen.
Solche Äußerungen steigern die Wut der schwarzen Bevölkerung. "Südafrikas Zukunft steht auf des Messers Schneide", fürchtet der Politologe Peter Esterhuizen, "erst wenn wir durch die nächste Woche kommen, können wir aufatmen." Von einer "hochgefährlichen Testphase" spricht auch Frederik van Zyl Slabbert, Direktor des angesehenen Instituts für eine demokratische Alternative in Südafrika.
Nach Ansicht Slabberts könnte das Attentat den Verhandlungsprozeß für einen demokratischen Wechsel sogar beschleunigen, der erst vor drei Wochen nach monatelanger Unterbrechung wiederaufgenommen worden war. Denn der Gewaltausbruch nach Hanis Tod verdeutlichte, wie schnell das Land im Chaos versinken kann.
Die 26 Parteien, die sich im World Trade Centre von Johannesburg um den Runden Tisch versammeln, stehen vor einer gigantischen Aufgabe: So unterschiedliche Gruppierungen wie die weiße Konservative Partei und der radikalschwarze PAC sollen sich auf einen Weg zur Demokratie einigen.
Nach dem Tode Chris Hanis drängt der ANC auf schnelle Ergebnisse: die Errichtung einer Übergangsregierung, in der alle politisch relevanten Kräfte vertreten sind; gemeinsame Kontrolle über die Armee und die Polizei; einen Termin für Wahlen, bei denen zum erstenmal die knapp 30 Millionen Schwarzen ihre Stimme abgeben dürfen.
Bisher hatte sich Südafrikas Runder Tisch eher mit Formalitäten herumgeschlagen. So konnten sich die Parteien bisher nicht einmal darüber einigen, welchen Namen die Verhandlungen erhalten sollten.
In der vergangenen Woche hatte der ANC die Gespräche erst einmal bis nach der Beerdigung des ermordeten Chris Hani an diesem Montag ausgesetzt. Doch die Zeit wird knapp.
"Seit drei Jahren warten wir auf Ergebnisse", grollt Peter Mokaba, Vorsitzender der Jugendorganisation des ANC, "wenn die Verhandlungen nicht endlich Ergebnisse bringen, sind wir nicht länger bereit, die Jugendlichen zu Ruhe und Zurückhaltung zu mahnen."

DER SPIEGEL 16/1993
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