03.08.1992

Salto mortale vom sechsten Stock

Billy Wilder - Eine Nahaufnahme von Hellmuth Karasek (III): Die Arbeit mit dem Sex-Idol Marilyn Monroe

Von Karasek, Hellmuth

Hollywoods Uhren gehen anders. Auch in der Filmstadt ist das Jahr 1939 - wie für Europa, wo die Lichter ausgingen - ein unvergeßliches Jahr. "Vom Winde verweht", der bis dahin aufwendigste Film aller Zeiten, erhält den Oscar. Er erringt die Auszeichnung gleich neunmal.

Und "Ninotschka" war nominiert, der Film, in dem die Garbo erstmals lachte. Sie lachte in einem Film aus Europa, das sich anschickte, unterzugehen. In der eleganten Komödie hatte Billy Wilder der Garbo immerhin einen sardonischen Satz über Stalins Schauprozesse und Massenhinrichtungen in den Mund gelegt. Auf die Frage: "How are things in Moskau?" (Wie läuft''s in Moskau?) sagt sie nach ihrer Ankunft auf dem Pariser Gare de l''Est: "The last mass trials were a great success. There are going to be fewer - but better - Russians." (Die jüngsten Massenprozesse waren ein großer Erfolg. Künftig wird es zwar weniger, dafür aber bessere Russen geben.)

Um einer schönen Frau und romantischen Film-Heroine einen solchen Satz in den Mund legen zu können, muß man schon einen Humor von Swiftscher Bitterkeit und Schärfe haben.

Für das moralische Klima jener Zeit in Hollywood weiß Wilder eine typische Geschichte, die einem Freund von ihm, dem Regisseur Anatole Litvak ("Entscheidung vor Morgengrauen", "Anastasia"), widerfuhr.

Ich kannte Litvak sehr gut, erzählt Wilder. Der gebürtige Russe, der in den zwanziger Jahren in Deutschland arbeitete und über England und Frankreich nach Hollywood kam, besaß um 1940 ein Haus am Meer, ganz in meiner Nähe, auf dem Weg nach Malibu. Er hatte damals ein Verhältnis mit Paulette Goddard, die Chaplins Frau war und später Erich Maria Remarque heiratete.

Paulette Goddard und Anatole Litvak besuchten eines Nachts als Frischverliebte den Nachtklub "Ciro''s". Und der Skandal war da. Ich war einer der wenigen in der Stadt, die damals nicht dabei waren. Als die Gerüchte über den Vorfall, den Skandal, über das Unmögliche entstanden, durch Hollywood schwirrten, lawinenartig anwuchsen, wollten immer mehr Leute wirklich als Augenzeugen _(* Bei den Dreharbeiten zu "Das verflixte ) _(7. Jahr". y 1992, Hoffmann & Campe ) _(Verlag, Hamburg. ) dabeigewesen sein. Was man sich mit wachsender Lüsternheit und Entrüstung erzählte, klang immer unglaublicher. Vor allen Gästen sollen die beiden kopuliert haben. Sie soll ihn unter den Tisch gezerrt haben, getrieben von unbezähmbarem Verlangen. Er soll unter den Tisch gekrochen sein, um dort . . . Falsch, das Ganze soll sich auf der Damentoilette abgespielt haben. Bei offener Tür. Nein, auf der Herrentoilette! Falsch! Auf der Tanzfläche seien die beiden übereinander hergefallen. Von Fellatio war die Rede, sie habe ihn vor aller Augen . . . man stelle sich vor.

Litvak, von Gerüchten eingekreist, erlitt einen Nervenzusammenbruch. Er floh in ein Sanatorium nach Europa, in die Schweiz. Er hatte Glück in einem allgemeinen Unglück: Amerika trat unmittelbar darauf in den Krieg ein. Litvak kehrte zurück, meldete sich sofort freiwillig, wurde eingezogen, kämpfte tapfer, wurde zum Colonel befördert - und so wuchs glücklicherweise Gras über den berüchtigten Vorfall im "Ciro''s", denn, alles was recht ist: Pearl Harbor war dann doch der größere Skandal.

Jahre nach der japanischen Bombardierung der US-Flotte in Pearl Harbor wurde in Kalifornien die Politikerin Helen Gahagan Douglas - sie war die Frau des Ninotschka-Stars und Garbo-Partners Melvyn Douglas - als Demokratin in das Repräsentantenhaus gewählt. Da sie mit den Roosevelts befreundet war, hatte ihr die Frau des Präsidenten angeboten, die ersten paar Tage in Washington als Gast im Weißen Haus zu verbringen - bis sie eine Wohnung gefunden hätte.

Am ersten Abend saß sie also bei Mrs. und Mr. President beim Abendbrot, man war zu dritt, war unter sich. Während gegessen wurde, kam der Butler herein und sagte: "Mr. President, da ist ein Anruf für Sie aus London. Der Prime Minister, Mr. Churchill, möchte Sie sprechen." Und Roosevelt war etwas unwillig, und noch bevor er im Rollstuhl aus dem Zimmer gefahren wurde, sagte er zu seinem Gast aus Kalifornien, sie möge doch bitte noch auf ihn warten und nicht zu Bett gehen, bevor er mit ihr gesprochen habe. Er müsse sie nach dem Telefonat mit England noch etwas sehr, sehr Wichtiges fragen.

Der Präsident verließ den Raum, das Telefonat dauerte gut 20 Minuten, es ging um Waffenlieferungen an England, um Rüstungsgüter im Kampf gegen Deutschland, es ging um Flugzeuge und Schiffe. Man sprach also über lebenswichtige Fragen, über Weltpolitik.

Der Präsident kam schließlich zurück, die Abgeordnete hatte sich mühsam mit Kaffee wachgehalten. Als die Tür endlich geschlossen war, wandte sich Roosevelt ganz aufgeregt an Helen und fragte: "Helen, Sie sind doch aus Kalifornien. Und Sie kennen die Wahrheit ganz bestimmt. Sie müssen mir sagen, was sich wirklich zwischen Paulette Goddard und Mr. Litvak im ,Ciro''s'' abgespielt hat."

1945, der Krieg war zu Ende und gewonnen, traf ich Litvak in New York. Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Krankenbesuch gerieten wir in ein so gewaltiges Unwetter, daß wir mit unserem Wagen stehenbleiben mußten. Ich hatte Litvak fünf Jahre zuvor als sein Freund und Nachbar am Pazifik nie nach dem verhängnisvollen Abend gefragt - dazu war ich viel zu diskret gewesen. Jetzt, in dem Augenblick, als uns wieder ein gewaltiger Blitz umzuckte, sagte ich in das Grollen und die darauffolgende regenrauschende Stille: "Toja, das hier könnte unser Ende sein. Sag mir im Angesicht des Todes die Wahrheit! Was ist damals im ,Ciro''s'' wirklich passiert?"

Und Litvak antwortete, während erneut ein Blitz aus dem Himmel fuhr und er seine Hand unwillkürlich zum Schwur in die Höhe streckte: "Billy, ich schwöre dir, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit! Du weißt, wie sehr ich damals in Paulette verliebt war. Ich habe mit ihr getanzt. Sie trug ein hinreißendes Kleid. Mit diesen Spaghetti-Trägern über den Schultern. Einer der Spaghetti-Träger rutschte, während wir tanzten, herunter und gab für den Bruchteil eines Augenblicks einen Bruchteil ihrer einen Brust frei. Und so habe ich sie auf den Busen geküßt und dann mit dem Mund den Spaghettiträger schnell wieder hochgeschoben. So wahr mir Gott helfe!"

Da sich das Gewitter bald darauf mit einem schwächer werdenden Grollen verzog, nehme ich an, daß Anatole mir nichts als die Wahrheit erzählt hat.

Billy Wilder hat es nicht weit zu Marilyn Monroe. Er wohnt am Wilshire Boulevard in Westwood, da, wo die Straße ansteigt und eine sanfte Kurve hinter sich hat. Es sind nur zwei, drei Minuten bis Beverly Hills, bis in sein Büro. Fährt man in die andere Richtung, also Richtung Santa Monica, dann ist da in Westwood ein kleiner Friedhof, unmittelbar bei einem Kino. Kein schlechter Platz für Marilyn, wie Billy Wilder findet.

Die Urne mit der Asche der Monroe ist in einer Wandnische eingeschlossen - es gibt da "Schließfächer" für die Verstorbenen. Wilder vermutet, daß die vielen Schauspieler, die hier bestattet sind, Nacht für Nacht eine Party mit Marilyn Monroe feiern.

Fahrtzeit zwischen Wilders Domizil und dem Friedhof: eine Minute und 40 Sekunden. Billy Wilder erzählt, daß er sich da zwei Grabplätze gekauft hat. Der Friedhof hat auch eine wunderbare kleine Kapelle. Preis für die beiden Grabstätten: 900 Dollar.

Die Monroe hat mit vielen namhaften Regisseuren Filme gedreht. Mit John Huston, mit Joseph Mankiewicz, mit Henry Hathaway, mit Otto Preminger, mit Jean Negulesco und Howard Hawks, mit Laurence Olivier oder Joshua Logan und mit George Cukor.

Sie hat mit Billy Wilder weder ihren ersten noch ihren letzten Film gedreht, und dennoch: Wenn einem die Monroe als Monroe einfällt, dann denkt man zuerst an ihre Billy-Wilder-Rollen.

Wollte man die typischste Hollywood-Szene überhaupt aus allen großen und typischen Hollywood-Filmen herausdestillieren, dann wäre das wohl: Marilyn über dem New Yorker U-Bahn-Schacht, wie ihr der Zugwind den Rock hochweht, sie es mit einem wunderbar lüstern-gelösten Gesicht genießt - diese Szene aus "Das verflixte 7. Jahr" (1955) wäre die Ikone Hollywoods, das Leitmotiv der MM, die Geburt der neuen Venus über dem Luftschacht aus dem Meer der Kinoträume.

Und will man sich die Rolle vor Augen halten, in der Marilyn am meisten Marilyn war: rührend und kitschig, sentimental und praktisch, versoffen und nüchtern, betrogen und heißgeliebt, ein Dummchen und eine Frau mit einem unendlich klugen Herzen, eine Komikerin, die einem die Tränen in die Augen treibt, ein Mädchen, das singt, sie sei mit der Liebe durch, und das in dem Augenblick, in dem sie sich wieder verliebt.

Richtig: Die Rede ist von Sugar Kane, der Ukulele-Spielerin und Sängerin in der Damenkapelle, in die Jack _(* Bei den Dreharbeiten zu "Das verflixte ) _(7. Jahr" in New York. ) Lemmon und Tony Curtis fliehen müssen. Hier ist Marilyn ganz sie selbst und ganz Komödienkunst. Billy Wilder hat all ihre Widersprüche und Spannungen verarbeitet und zu einer unsterblichen Figur gemacht. "Manche mögen''s heiß" (1959) ist der beste Monroe-Film, weil er überhaupt kein Monroe-Film, sondern ein Wilder-Film ist. In "Manche mögen''s heiß" kommt das Thema Wilders, die Maskerade, am glücklichsten zu sich selbst.

Schon am Anfang: Ein Polizeiauto jagt einen Bestattungswagen - aus den Särgen tropft Alkohol; nichts ist, wie es scheint. Das Fest der Liebe, der Valentinstag, wird zum Blutbad; eine Geburtstagstorte ist ein Maschinengewehrnest, ein Geburtstagslied ein Signal zum Morden. Ein Millionär auf einer Yacht ist in Wahrheit ein armer Schlucker; einer, der vorgibt, gefühllos zu sein, glüht vor Leidenschaft.

Aber vor allem sind Frauen Männer. Und die Monroe: die Frau mit dem scheinbar transparenten Kleid, den aufregenden Kurven, der vor Sex bibbernden Stimme - sie ist in Wirklichkeit ein kleines, geducktes Mädchen, das ihren Kummer in der Flasche ertränkt. Sugar Kane, das ist die perfekte Maskerade für MM. Sie ist so gründlich maskiert, daß sie fast sie selbst ist.

Wie er Marilyn zum erstenmal gesehen hat, erinnert sich Billy Wilder noch genau:

Es war an einem Wochenende, an einem Nachmittag im Hause eines Bekannten. Wir spielten mit ein paar Freunden Gin Romme. Mit von der Partie war der Agent Johnny Hyde, und er hatte sie mitgebracht.

Sie saß artig und ruhig abseits von unserem Kartentisch in einer Ecke und wartete geduldig, bis Hyde mit dem Kartenspielen fertig war. Das hat sicher einige Stunden gedauert. Anschließend gingen die Monroe und Hyde gemeinsam weg. Ich müßte lügen, wollte ich behaupten, sie sei mir damals besonders aufgefallen. Sie sah aus, wie damals junge Mädchen eben aussahen, die jemanden zum Kartenspielen begleiten. Sicher war sie hübsch, aber sie war bestimmt nicht so auffallend, daß man keinen Blick von ihr wenden konnte.

Zur auffallenden Schönheit wurde sie erst auf der Leinwand, da war sie einmalig. Aus dem Rückblick muß ich sagen: Ich habe niemals jemanden getroffen, der so eklig wie sie sein konnte. Aber auch niemanden, der so wunderbar auf dem Zelluloid war, und das einschließlich der Garbo.

Damals jedoch war es nicht so, daß ich vor Aufregung nicht hätte weiterspielen können, weil mir die Hände bei ihrem Anblick gezittert hätten. Ich behaupte ohnehin, daß die meisten Männer sich beim Kartenspiel von einer Frau nicht ablenken lassen. Ich glaube, 98 Prozent aller Kartenspieler, vor die Wahl zwischen einer Frau und einer Kartenpartie gestellt, wüßten, was sie wählen würden: das Kartenspiel. Es wäre sowieso keine Frage, wenn es sich um die eigene Frau handelte. Aber auch sonst. Man kann ja auch vorher Karten spielen oder nachher.

Jedenfalls hat niemand aus unserer Spielrunde besonders auf die still und gelangweilt dasitzende Monroe geachtet. Es ging bei unserem Spiel ja auch um ziemlich viel Geld. Und da setzen die meisten Männer Prioritäten. Erst die Partie gewinnen und dann mit der Begleiterin zum Abendessen oder whatever.

Als ich mit ihr die Szene über dem Luftschacht drehte, hatte sie alle Aufmerksamkeit der Erde. 20 000 Leute hatten sich versammelt, es gab ein Verkehrschaos, es gab eine Ehekrise.

Daß ich mit ihr "Das verflixte 7. Jahr" filmen konnte, lag daran, daß Charles K. Feldman, mit dem zusammen ich die Filmrechte des Riesenerfolgs am Broadway gekauft hatte, mit Darryl Zanuck von der Fox befreundet war und Zanuck eine Rolle für seinen Star MM suchte.

Ich wollte für die Rolle des Mannes, dessen Frau mitsamt Kind den New Yorker Hundstagen entflieht, den jungen, damals unbekannten Walter Matthau. Aber die Fox wollte auf Nummer Sicher gehen und engagierte Tom Ewell, der dem Stück schon am Broadway zum Erfolg verholfen hatte.

Sicher hätte Matthau der Rolle einen stärker sexuellen Hintergrund gegeben, aber im Film konnte man damals ohnehin nicht daran denken, die beiden "ehebrecherisch" miteinander schlafen zu lassen. Nicht einmal eine Haarnadel in seinem Bett am Morgen danach hat man mir durchgehen lassen. Ich denke, daß die Prüderie von 1955 dem Film geschadet hat. Andererseits hat es sehr geholfen, daß wir mit Andeutungen arbeiten mußten; die Unerfülltheit Tom Ewells hat die Lust und Unerfülltheit des Publikums gespiegelt.

Noch heute erinnere ich mich lebhaft an eine Szene, in der Marilyn im Nachthemd die Treppe hinabgeht, um in die klimatisierte Wohnung des schlafenden Ewell zu kommen. Sie trug ein Nachthemd, und ich vermeinte den Büstenhalter darunter zu sehen. "Man trägt keinen Büstenhalter unter einem Nachthemd", sagte ich zu ihr. "Man wird Ihre Brüste sehen, bloß weil Sie sie durch Ihren Büstenhalter betonen." - "Was für ein Büstenhalter?" fragte sie, nahm meine Hand und legte sie auf ihre Brust. Sie trug keinen Büstenhalter. Ihr Busen war ein Wunder an Form, Festigkeit und einer offenkundigen Resistenz gegen die Schwerkraft.

Wie gesagt: Das Thema des Films war die Atmosphäre der Hundstage in New York. Die Hitze draußen und die Hitze, die Marilyn in der Phantasie des Strohwitwers entfachte. Sie kommen fast zueinander, weil er eine Klimaanlage hat - damals noch keine Selbstverständlichkeit in New York.

Den Mann, mit dem Marilyn damals verheiratet war, hatte ich schon lange, bevor ich sie kennenlernte, bewundert. Joe DiMaggio, der Baseballstar, war mein Idol, er hatte 1941 eine sagenhafte Serie hingelegt: In 56 Spielen hintereinander schlug er jeweils die meisten Hits, was bis dahin kein anderer Baseballspieler erreicht hatte. Er war ein Herr. Einmal, als ich sie abholen kam und auf sie warten mußte, haben wir beide uns großartig unterhalten - über Baseball, nicht über seine Frau oder das Kino.

Mit ihrem anderen Mann, mit Arthur Miller, habe ich mich nie unterhalten. Er hatte den Hochmut der Ostküste gegenüber Hollywood, verachtete das Filmgeschäft. Er hat "Manche mögen''s heiß" gar nicht zur Kenntnis genommen; es war weit unter seinem Niveau und unter seinem Blickwinkel. Anders als Joe DiMaggio ist Arthur Miller für mich ein Angeber.

Joe DiMaggio war damals in New York, als wir die Luftschachtszenen an der 52nd Street und der Lexington Avenue drehten und jenen unvorstellbaren Volksauflauf inszenierten. Er saß ein paar Blocks weiter mit einem Freund, dem New Yorker Broker George Solitaire, in einer Bar.

Der Kolumnist Walter Winchell hat sie dann zum Drehort geschleppt, wo DiMaggio nicht nur die röhrende Menge und ihre schmutzigen oder aufmunternden Zurufe hörte, sondern auch sah (sehen mußte!), wie sehr Marilyn das laszive Bad in der Menge genoß. Ich gebe zu, ich wäre auch etwas beunruhigt gewesen, wenn da 20 000 Leute wären, die nur eines beobachteten: wie meiner Frau der Rock über den Kopf weht.

Die Ironie wollte es, daß ich die Szene im Studio nachdrehen mußte - der Luftschacht lieferte nicht genügend Luft, auch nicht, nachdem wir ein zusätzliches Gebläse installiert hatten.

Marilyn und viele Leute meines Teams wohnten im St. Regis Hotel in New York und haben mir am nächsten Morgen erzählt, was es für lautstarke Szenen zwischen ihr und ihrem Mann wegen der Luftschachtszene gegeben hatte.

Aber ohnehin war die Arbeit mit ihr schon damals nicht leicht. Sie nahm bereits, so hat es mir jedenfalls ihr Partner Tom Ewell erzählt, eine Unmenge Pillen, kam statt um neun erst um elf ins Studio und benutzte dazu Ausreden wie ein Schulkind ("Der Wecker hat nicht geklingelt . . ." "Die Bahnschranke war geschlossen . . ."): Sie hat tatsächlich eines Tages ihre Verspätung auf meine Frage damit entschuldigt, daß sie sagte: "Ich habe die Studios nicht finden können." Studios, bei denen sie seit fünf Jahren unter Vertrag stand!

Von mir werden seit der Zeit Sätze wie dieser zitiert: "Früher kam sie am Donnerstag, wenn wir am Montag zu drehen anfingen. Jetzt kommt sie im Herbst, wenn wir im Frühjahr Drehbeginn haben." Die Sätze sind lustig, weniger lustig waren die Rückenbeschwerden, _(* Oben: mit Jack Lemmon, Tony Curtis, ) _(Marilyn Monroe; unten: mit Marilyn ) _(Monroe, Billy Wilder. ) die mir die Arbeit mit ihr bescherte.

Bei "Manche mögen''s heiß" hat sich das ins Extrem gesteigert. Was mich als Regisseur vollkommen zur Verzweiflung brachte, war nicht die Tatsache, daß sie zu spät kam und ihre Texte nur sehr schwer behalten konnte. Mit solchen Unzuverlässigkeiten kann man rechnen, man kann sie einkalkulieren.

Womit man nicht rechnen kann, das ist die Unzuverlässigkeit in der Unzuverlässigkeit. Das macht einem Regisseur am meisten zu schaffen. Und das hat sicher dazu geführt, daß ich nach den Dreharbeiten mit ihr, vor allem nach "Manche mögen''s heiß", vor Rückenschmerzen monatelang nicht mehr schlafen konnte.

Wir haben beispielsweise für "Manche mögen''s heiß" eine komplizierte Szene mit sehr viel Dialog im Freien gedreht. Es war die Szene, in der die Monroe am Strand Tony Curtis als vermeintlichen Millionär kennenlernt. Das haben wir in Coronado, am Strand von San Diego, etwa 100 Meilen südlich von Los Angeles, gefilmt.

Und die zusätzliche Schwierigkeit war die, daß in der Nähe ein Militärflughafen war, von dem aus in bestimmten Abständen mit furchtbarem Getöse Jets starteten. Und die Pausen zwischen den Starts mußte man zum Drehen nutzen. Ich dachte also, daß ich bei ihrer Disziplinlosigkeit und Textunsicherheit angesichts der komplizierten Szene vier Tage ansetzen müßte, bis ich die Szene so haben würde, wie ich wollte.

Keine Rede davon. Sie hat den Text völlig fehlerfrei gespielt und gesprochen. Wir waren nach dem ersten Mal fertig. Obwohl es sich um fast zwei Seiten reinen Dialog handelte. Statt vier Tage dauerte das Drehen der Szene keine 20 Minuten.

Aber dann gab es eben ganz andere Szenen, wie die, wo Sugar enttäuscht und traurig zu Curtis und Lemmon ins Hotelzimmer kommt und aus Verzweiflung wieder zu trinken anfangen möchte. Und nur zu sagen hat: "Where is the Bourbon?"

Diese Szene mußten wir, sage und schreibe, 65mal drehen. Sie hatte nur an die Tür zu klopfen und auf die Frage "Wer ist da?" zu antworten: "It''s me, Sugar", dann auf die Aufforderung "Come in!" hereinzukommen und den Whiskey zu suchen: "Wo ist der Bourbon?", und dabei sollte sie die Schublade einer Kommode aufziehen.

Wir stehen also mit schußbereiter Kamera, Curtis und Lemmon in den schrecklich unbequemen Schuhen mit den hohen Absätzen, und sie schmeißt den simplen Satz. 30mal. "Wo ist der äh . . .?" "Ist der Whiskey da?" . . . Und wir fangen an, ihr die Sätze an die Tür zu schreiben. Und wir legen Zettel in jede der Schubladen: "Where is the Bourbon?" Und wir sagen ihr: "Marilyn, das ist einfach! Du brauchst es nur abzulesen." Und sie sagt: "Ich will''s aber nicht ablesen!"

Und wir drehen und drehen. Und nach dem 60. Take nehme ich sie beiseite, um sie erst mal zu beruhigen. Ich sage: "Marilyn, it''s all right. Just relax! Don''t worry!" Und sie sagt: "Worry? About what?" - Ich mich aufregen?! Worüber denn?

Wir haben also eineinhalb Tage gebraucht, um diesen einen Satz zu filmen. Denn es ist ja nicht so, daß man das nur 65mal drehen muß. Und daß Curtis und Lemmon stundenlang in den unbequemen hochhackigen Schuhen und Fummeln warten mußten. Nein, nach jedem verpatzten Take fing sie an zu weinen. Es mußte also unterbrochen werden. Sie mußte sich beruhigen, mußte neu geschminkt werden. Und so vergingen zwischen jeder neuen Einstellung 15 bis 20 Minuten.

Über den Riesenerfolg als Sugar Kane in "Manche mögen''s heiß" konnte sich Marilyn Monroe (wohl auch unter dem Einfluß Arthur Millers) nicht so recht freuen. Die Leute hätten sie gefeiert, aber "sie haben nicht gedacht, daß ich auch ''ne ernsthafte Schauspielerin sein könnte", klagte sie Lee Strasberg ihr Leid. Die Monroe fühlte sich verkannt und verkannte dabei, daß ihre komischste Rolle auch ihre tragischste war - auch ohne Strasberg-Methode gespielt von einer "richtigen" Schauspielerin.

Ich glaube, ihr großes Geheimnis beruhte darauf, daß sie einfach dastehen konnte und sich wundern: Warum schauen mich die Leute so an? Sie war in dieser Hinsicht völlig naiv, und ihre Verwunderung schien auszudrücken: Hat mir etwa jemand ein Schild an den Rücken gehängt? Oder ist mein Gürtel offen? Was ist denn so Besonderes an mir? Den Leuten läuft schon längst das Wasser im Mund zusammen, aber sie weiß immer noch nicht, was los ist. Die Monroe war immer erstaunt darüber, was denn an ihr so ungewöhnlich sein sollte.

Die Schwierigkeit war nur, sie auf den Set zu bekommen. Und dann zu beten, daß sie den Text konnte. Aber sie hatte den Zauber, den keine andere Schauspielerin hatte: den Schimmer um die Stirn. Marilyn war ein absolutes Genie als komische Schauspielerin, mit einem außergewöhnlichen Sinn für komischen Dialog. Sie war begnadet. Niemals danach habe ich eine solche Schauspielerin erlebt.

Dabei konnte sie manchmal äußerst gemein sein. Daß sie es zu mir war, hat mich nicht gestört. Aber sie hat ihre Wut, ihre Launen, ihre Ausbrüche an wehrlosen Leuten ausgelassen. Als ich einmal auf dem Set mit 300 Komparsen auf sie wartete und einen Assistenten zum zehntenmal in ihre Garderobe schickte, saß sie da, las in Thomas Paines "Rights of Man" und sagte zu dem Assistenten, während sie die Tür zuschlug: "Go fuck yourself!"

Als sie sich eines Tages, noch zu einem ziemlich frühen Stadium der Dreharbeiten, Muster zu "Manche mögen''s heiß" ansah, sagte sie: "Ich werd'' an diesem Scheißfilm nicht mehr weiterarbeiten, bevor Wilder meine Eingangsszene nicht noch einmal gedreht hat. Wenn Marilyn Monroe einen Raum betritt, will niemand Tony Curtis sehen, wie der Joan Crawford spielt. Sie wollen Marilyn Monroe sehen."

Wilder drehte also Take um Take, bis die Monroe gut war - egal, ob Tony _(* Während einer Drehpause von "Nicht ) _(gesellschaftsfähig" 1961. ) Curtis von Take zu Take stärker abbaute und schwächer wurde. Er setzte Prioritäten - und die hießen MM. Er wußte: Auch im Film würde jeder nur sie anschauen, ganz gleich, wer neben ihr stand, lag oder saß. Verständlich, daß Curtis nach Ende der Dreharbeiten sauer war und sagte: "Marilyn Monroe zu küssen, das war wie Adolf Hitler küssen."

Als sich die Dreharbeiten vor allem wegen ihrer Verspätungen hinzogen, erinnert sich Wilder, kam eines Morgens ein ziemlich nervöser Arthur Miller zu mir. Er bat mich, Marilyn wegen ihrer Schwangerschaft schon am frühen Nachmittag nach Hause zu lassen.

Ich habe ihm geantwortet: "Aber Arthur, wie soll das gehen? Ich kann kaum vor drei Uhr nachmittags zu drehen anfangen. Was macht sie denn an den Vormittagen?" Miller sah mich verstört an: Er könne nur sagen, daß sie jeden Morgen um sieben ihren Bungalow verlasse.

Nachdem "Manche mögen''s heiß" abgedreht war, wurde Wilder von einem Reporter nach seinem Befinden gefragt. Wilder, der seine Schandschnauze nicht halten konnte, erklärte: "Ich esse wieder besser. Mein Rücken tut nicht mehr weh. Seit Monaten kann ich zum erstenmal wieder schlafen. Und ich kann meine Frau anschauen, ohne sie zu verprügeln, bloß weil sie eine Frau ist."

Als der Reporter fragte, ob er denn noch einen Film mit MM drehen wolle, antwortete Wilder: "Ich habe das mit meinem Hausarzt, meinem Psychiater und meinem Buchhalter diskutiert, und sie haben mir gesagt, ich sei zu alt und zu reich, um das noch einmal durchzumachen."

Nach diesem Interview erhielt Billy Wilder ein Telegramm von Arthur Miller:

"Lieber Billy: Ich kann Ihren schmählichen Angriff auf Marilyn nicht unerwidert lassen. Sie sind durch Marilyns Arzt in Kenntnis gesetzt worden, daß Marilyn wegen ihrer Schwangerschaft nicht in der Lage war, ganztägig zu arbeiten . . . Zwölf Stunden nach dem letzten Drehtag begann ihre Fehlgeburt. Jetzt, da Sie den Erfolg, an dem sie so maßgeblich beteiligt ist, in Händen halten und Ihr Gewinn garantiert ist, wirkt Ihr Angriff verächtlich. Sie sind ungerecht und grausam dazu. Mein einziger Trost ist, daß Ihnen zum Trotz ihre Schönheit und ihre Menschlichkeit ans Licht kommt, wie es immer geschehen ist."

Wilder antwortete:

"Lieber Arthur: Die Welt ist klein und hat viele hellhörige Ohren. Schon von den frühen Drehtagen an, als die ersten Gerüchte von Marilyns unprofessionellem Verhalten durchsickerten, wurde ich von Journalisten aus London, Paris und Berlin zu einer Stellungnahme gedrängt. Ich habe sie fortgeschickt, ich habe sie belogen. Was die Geschichte in der Herald Tribune anlangt, so wäre sie doppelt so schlimm geworden, hätte ich ein Interview verweigert.

"Natürlich bedaure ich aufs tiefste, daß sie ihr Baby verloren hat, aber ich muß die Unterstellung auf das entschiedenste zurückweisen, daß Überarbeitung oder gedankenlose Behandlung durch mich oder irgend jemanden, der mit der Produktion zu tun hatte, auf irgendeine Weise dafür verantwortlich wären. Tatsache ist, daß die Company sie in Watte gepackt, sie behütet und jede ihrer Launen ertragen hat. Der einzige, der mangelnde Rücksicht zeigte, war Marilyn in der Behandlung ihrer Mit-Stars und Mitarbeiter vom ersten Tag an, bevor es auch nur das geringste Zeichen ihrer Schwangerschaft gab.

"Wären Sie, lieber Arthur, nicht ihr Ehemann, sondern ihr Drehbuchautor und Regisseur, und wären Sie all den unwürdigen Behandlungen ausgesetzt gewesen wie ich, hätten sie mit Ihrer Cola-Büchse, Ihrer Thermosflasche und allem sonst geworfen, um einen Nervenzusammenbruch zu vermeiden. Ich wählte den tapferen Weg. Ich hatte den Nervenzusammenbruch. Hochachtungsvoll."

Der Telegrammkrieg ging weiter. Denn das konnte Miller nicht unbeantwortet auf seiner Frau und sich sitzen lassen. Also kabelte er wütend zurück, und Wilder antwortete:

"Lieber Arthur: Um das Begraben des Kriegsbeils zu beschleunigen, bestätige ich hiermit, daß die gute Seele Marilyn eine einzigartige Persönlichkeit ist, während ich die Bestie von Bergen-Belsen bin. Aber in den unsterblichen Worten von Joe E. Brown: ,Nobody is perfect.''"

Die ausgleichende Gerechtigkeit wollte es, daß Miller 1961, nur zwei Jahre nach "Manche mögen''s heiß", bei der Verfilmung seiner "Misfits" ("Nicht gesellschaftsfähig") Wilders schmerzliche Erfahrungen mit seiner Frau und dem Star des Films verschärft selbst machen mußte - am Ende stand die Scheidung.

MM und B.W. versöhnten sich auf einem Empfang, den Hollywood für den Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, gab. Diesmal war Marilyn pünktlich. Darauf Wilder, der seine Zunge nicht im Zaum halten konnte: "Wenigstens einer, der sie zur Pünktlichkeit bringt. Ich weiß, wer künftig bei all ihren Filmen Regie führen sollte: Nikita Chruschtschow."

Am 5. August 1962 starb MM an einer Überdosis Schlaftabletten. Wilder war, als ihr Tod bekannt wurde, auf dem Flug nach Paris, wo er "Irma La Douce" drehte.

"Diesmal", so erzählte er, "waren mehr Reporter als sonst am Flughafen Orly. Sie alle fragten mich nach Marilyn. Und ich erzählte ihnen, was ich auch sonst über sie erzählte - nur daß ich nicht wußte, daß sie gerade gestorben war. Deshalb wirkten meine Sätze auf einmal böse und gefühllos." Noch heute gerät Billy Wilder in Rage, wenn er an die Journalisten denkt, die ihn da böswillig reingelegt hatten.

Es war das seltsame Ende einer seltsamen Affäre. Und noch ein abschließendes Wort Wilders über seinen blonden Star: "Es gibt über Marilyn Monroe mehr Bücher als über den Zweiten Weltkrieg. Darin liegt eine gewisse Ähnlichkeit. Es war die Hölle, aber es hat sich gelohnt." *HINWEIS: Im nächsten Heft Eine Komödie gegen die Nazis - Wiedersehen mit Deutschland 1945 als US-Besatzer - "Eins, zwei, drei" vom Flop zum Kultfilm

* Bei den Dreharbeiten zu "Das verflixte 7. Jahr". y 1992, Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg. * Bei den Dreharbeiten zu "Das verflixte 7. Jahr" in New York. * Oben: mit Jack Lemmon, Tony Curtis, Marilyn Monroe; unten: mit Marilyn Monroe, Billy Wilder. * Während einer Drehpause von "Nicht gesellschaftsfähig" 1961.

DER SPIEGEL 32/1992
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