10.08.1992

Mitschuldig? Natürlich

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Schuldsuche und Identitätsfindung an der Kunsthochschule Halle

Von Leinemann, Jürgen

So nicht, Herr Minister. Das wird von uns nicht hingenommen. Das dulden wir nicht. Wir legen energisch Widerspruch ein.

In ihren Protestbriefen an das Wissenschaftsministerium von Sachsen-Anhalt drücken sich die "StudentInnen" der Hochschule für Kunst und Design in Halle sehr viel rüder aus als an diesem Sommermorgen, da sie Rolf Frick im Hof der "Burg Giebichenstein" gestellt haben.

Nicht daß ihr Zorn wegen der "Demontierung" eines ihrer beliebtesten Dozenten, des Kunsthistorikers Peter Guth, plötzlich verraucht gewesen wäre. Und schon gar nicht fühlen sich die Keramikstudentin Maria Petra Doehring, 27, ihr Malerei-Kollege Thomas Pluschke, 28, und das knappe Dutzend anderer Kommilitonen von ihrem Magdeburger Minister eingeschüchtert.

Eher sind sie irritiert. Denn während sie ihm die Geheimniskrämerei des Verfahrens gegen Guth vorwerfen, sich beschweren, daß er "die Studenten völlig außen vor gelassen" habe, scheint Rolf Frick, 55, in nervöser Abwesenheit in sich hineinzulächeln. Hört er überhaupt zu? Hat es überhaupt Sinn, nach einem halben Jahr noch im "Fall Peter Guth" weiter Druck zu machen?

Zum zweiten Mal im Abstand von wenigen Wochen hat sich nahezu die Hälfte der Studenten in einer Resolution für den früheren FDJ-Sekretär eingesetzt, der angeblich schon von Frankreich und den USA umworben wird. Und in Halle soll er wegen seiner Vergangenheit untragbar sein?

Minister Frick versucht, seine "lieben Studenten" zu beschwichtigen. Er versteht ja ihre Unruhe, er kennt doch ihre Sorgen "in dieser revolutionären Situation". Ist er nicht selbst daheim an der "Burg"? Hat er nicht selbst jahrelang mit Guth zusammengearbeitet?

Im Grunde sei es doch, versucht der Minister abzuwiegeln, nicht schlecht gelaufen in der Sache Guth, oder? Gewiß, erst hatte die Personalkommission - ein unabhängig "evaluierendes" Gremium von Professoren, Studenten und Honoratioren aus dem öffentlichen Leben, das in der "Burg" von Halle wie überall im Lande die persönliche Qualifikation der ehemaligen DDR-Dozenten überprüfte - den Kunsthistoriker Peter Guth, 39, als "Galionsfigur" der SED und "Karrieristen" charakterlich abqualifiziert und damit praktisch gefeuert. Daß er als Hochschullehrer nicht geeignet sei, konnte Guth einer zehnzeiligen Mitteilung entnehmen, die er in seinem Fach fand.

Hinter dieser Entscheidung vom Januar, daran läßt Frick an diesem Morgen keinen Zweifel, steht er noch immer. Vor der Kommission, die "eine schlimme Arbeit hatte leisten müssen, menschlich und psychologisch", zieht der Minister den Hut. Und daß sich "der Guth auch noch so schnoddrig aufführen tut vor solchen Leuten", das findet Frick empörend.

Andererseits hatte dann aber - aufgeschreckt durch eine studentische Protestaktion - die Landes-Personalkommission, eine Art Berufungsinstanz, die charakterliche Einschätzung des Ästheten Peter Guth stark aufgehellt und seine Weiterbeschäftigung befürwortet. Frick freudig zu den verblüfft aufjuchzenden Studenten: "Der Oberassistent Guth wird bleiben."

Auch hinter dieser Umkehr der ersten Entscheidung steht der Minister unerschütterlich, schließlich hat er sie selbst herbeiempfohlen. Denn daß "der Fall Guth" ein "Graufall" war, das hat Rolf Frick natürlich sofort gesehen, sogar "daß da viel mehr Weiß drin ist in diesem Grau, so viel, daß es im Grunde ein Weißfall ist". Ganz glücklich sieht der Minister in diesem Augenblick aus, wie selbst entlastet.

Natürlich kann man sein Hin und Her in Sachen Guth als taktische Vorsichtshaltung interpretieren. Gerade weil Frick von dieser Hochschule kommt, will er "keine Rache oder das Gegenteil angehangen bekommen". Aber reicht das aus zur Erklärung der emotionalen Heftigkeit, mit der Rolf Frick einerseits die Abstrafung der alten "Galionsfigur" Guth verteidigt, andererseits sich über die "neuen Chancen für den Peter" freut, "der keinem persönlich geschadet" hat und den er jetzt "für den Neuaufbau gut gebrauchen kann"?

Verständlicher wird die gefühlsgeladene Ambivalenz, wenn man den Werdegang des heutigen FDP-Ministers betrachtet. Denn so himmelweit unterschieden von der Karriere des SED-Genossen Guth, mit dem gemeinsam er jahrelang Diplomprüfungen abgenommen hat, ist die akademische Laufbahn des LDPD-Mitglieds Rolf Frick nicht. Guth über die Rolle des Blockpartei-Kollegen von einst: "Der Rolf war doch 'ne Quotenfrau."

Den Mitgliedern der Personalkommission dürften die Unterschiede zwischen den Männern, die beide vor ihnen aussagten, stärker aufgefallen sein als die Gemeinsamkeiten. In ihrer Unsicherheit über Kriterien zur Bewertung von "schuldhaftem Handeln" in der Vergangenheit, wie sie die Bonner CDU-Ministerin Angela Merkel von ihren ostdeutschen Mitbürgern unermüdlich verlangt, muß es für die Mehrheit der Kommissionsmitglieder eine gewaltige Hilfe gewesen sein, daß der Frick als neuer Minister vor sie hingetreten ist, der Guth hingegen nur als ein sarkastischer Ex-SED-Hallodri, in dessen Vorlesung die Studenten drängen.

Hier der endlich erfolgreiche kleinbürgerlich-korrekte Aufsteiger, der jovial über seine neuen Privilegien hinwegzuscherzen sucht, dessen einst knackige Sprache aber schon in politischen Leerformeln zu wabbeln beginnt wie ein Sülzkotelett in Gelee. Dort der empfindsame Selbststilist eines in der DDR raren Schickimicki-Sozialismus, dessen dandyhafter Habitus in Schwabing gewiß weniger exotisch und provozierend wirkte als in Halle. Daß Guth beim Anblick der Kommission seinen Verdacht bestätigt sieht, in der DDR habe jetzt "die dritte Reihe" das Regiment übernommen, weiß er wortlos, aber unmißverständlich zu verbreiten.

Kann eine "unbefangene Evaluierung" so stattfinden? Minister Frick glaubt es. Er tut so, als habe er der Kommission in einstündiger Sitzung tatsächlich ein "Bild vom Gesamtmenschen" Rolf Frick bieten können. Er beharrt darauf, daß Peter Guth in 25 Minuten den 12 Kommissionsmitgliedern Zeit und Gelegenheit genug gegeben habe, "seine Persönlichkeitsmerkmale wie ein Puzzle zusammensetzen zu können". In Wahrheit wußten die Evaluierer anfangs nicht einmal, was und wie sie fragen sollten.

Vielleicht wäre es für sie hilfreich gewesen, hätte sich der Minister gemeinsam mit seinem Kollegen Guth zur Vergangenheit äußern können. Sie hätten nicht so sehr über Schuld, wohl aber über die Notwendigkeit von Kompromissen in einem autoritären Regime sowie über sehr verschiedenartige Mechanismen nachträglicher Rechtfertigung lernen können.

So unterschiedlich wie Frick und Guth jetzt auftreten, so gegensätzlich war ihr Lebensweg. Von entfernteren Punkten als diese beiden Männer konnte man in der DDR kaum starten, um am Ende in die fast gleiche Position an der Hallenser Hochschule zu gelangen.

Als Sohn eines Faschisten durfte Rolf Frick, Jahrgang 1936, kein Abitur machen. Sein Vater, Verlagsdirektor des Chemnitzer Tageblatts während der Nazi-Zeit, saß vier Jahre in Bautzen, dann in Sibirien. Sohn Rolf lernte Schriftsetzer. Über Fernschulen und Abendkurse erkämpfte er sich einen Werdegang, von dessen Stolz jede Position im Handbuch des Landtags von Sachsen-Anhalt kündet: "Schriftsetzer; Ingenieur für Polygrafie; Dipl.-Ing. für Maschinenbau. Facharbeiter, Fachschüler, Berufsschullehrer, Assistent, Oberassistent, Dozent Dr. sc. techn., ordentlicher Professor, Wissenschaftsbereichsleiter Designmethodik an der Hochschule für Kunst und Design Halle."

Peter Guth, Jahrgang 1953, hatte Eltern, die ihm die Zugehörigkeit zur Antikriegspartei SED als eine Selbstverständlichkeit schilderten. Der Sohn des Export-Direktors einer Landmaschinenfabrik wuchs auf mit allen Privilegien, die das Regime seiner Nachwuchselite zu vergeben hatte: Studium, Autos, "sehr viel Geld"; freie Schriftstellerei. In der Messestadt Leipzig hatte er Zugänge "zur Welt", die den meisten DDR-Bürgern versperrt blieben. Guth heute: "Ich habe mich im Kopf nie einsperren lassen." Als Mitautor eines Buches über die Umwelt von Leipzig hat er sich sogar in der Gefahr gesehen, "als Staatsfeind zu gelten".

Nun gut, ein Dissidententyp sei er gewiß nicht gewesen, räumt Guth bereitwillig ein, aber keine Sekunde habe er sich vor irgendeinem Studenten oder Kollegen zu schämen. Zwar ärgern ihn "die Dämlichkeit, Naivität und mangelnde Lebenserfahrung", die ihn glauben ließen, er könne durch bloße Parteizugehörigkeit etwas mitbewirken. Aber die einzige Charakterschwäche, die man ihm vorwerfen könne, bestehe darin, "Kompromisse geschlossen zu haben, über die ich nicht glücklich war".

Das Wort Kompromiß kommt Frick nicht über die Lippen, wenn er das folgenreichste Zugeständnis seines DDR-Lebens beschreibt. Er sagt, als rede er über eine Lausbüberei: "Ich bin in die LDPD ausgerissen." Vier Wochen hatte er noch bis zur Dissertation, da meldete sich 1968 die Fakultätsparteileitung, um Rolf Frick auf seine "gesellschaftlichen Verpflichtungen" aufmerksam zu machen: In die SED aufgenommen zu werden wäre doch eine Ehre für ihn.

Blockpartei? Aber ja, nur ohne Macht: "Ich durfte gerade noch entscheiden, welche Farbe die Blumenkästen in meinem Büro haben sollen." Fühlt er sich schuldig? "Mitschuldig, natürlich, weil ich mir so meine Ruhe verschafft habe." Deshalb macht er ja jetzt den Versuch, "den Karren mit aus dem Dreck zu ziehen".

Die Personalkommission hat nach Schuld aber nicht gefragt. Guth hätte wohl, läßt er von oben durchblicken, die Herrschaften nicht für legitimiert gehalten für solche Erkundungen. Daß er weder hauptamtlich noch inoffiziell für die Stasi gearbeitet habe und auch sonst niemanden denunzierte, ließ er die Kommission schriftlich wissen. Schuld? Gerechtigkeit? Wahrheit? "Was ich mir persönlich vorzuwerfen habe, muß ich mit mir selber abmachen."

Weil natürlich ein Minister wie Rolf Frick wissen muß, daß die Ossis beim demokratischen Umbau nicht vorankommen, wenn nicht helfend einer aus dem Westen zur Stelle ist, hat er in die Personalkommission einen Alt-Bundesbürger als Fachmann delegiert - den bayerischen Ministerialrat Leo Pfennig, 42. Der trumpft, staunt Studentin Anna Hartmann, als bekennender Antikommunist und aktiver CSU-Mann dort auf "wie einer, der von einem anderen Planeten kommt".

Es beginnt damit, daß der laufbahnbewußte Pfennig den zur Anhörung erschienenen Guth in Halle auf der Stelle als "Karrieristen" entlarvt. Zur Überführung von Guth reicht ihm das schlichte Wort "Ja" in einem Protokoll. Das ist ja wohl eindeutig, oder?

Über die Einwände des Kommunisten Guth kann einer wie Pfennig natürlich nur kichern. Was soll denn das schon heißen - Guth habe, um 1980 die attraktive Assistentenstelle für Ästhetik an der Kunsthochschule in Halle bekommen zu können, "einen Kuhhandel" akzeptiert, Job gegen "ein ungeliebtes Amt"? Wer soll denn das glauben, daß er die FDJ nicht geliebt, sondern allenfalls in Kauf genommen habe? Zwischentöne? Persönliche Lage? Ach was: Im Protokoll des Kadergesprächs von damals steht klipp und klar die Frage, ob er "notfalls auch FDJ-Sekretär werden würde", und Peter Guth hat ebenso klipp und klar "Ja" gesagt. Und 1984 ist er es dann ja auch geworden.

Hat der SED-Genosse nicht widerstandslos hingenommen, daß ihm der Zensor aus seinem Buch über "Leipziger Landschaften" systembeschmutzende Zahlen strich? Na, also. Und da wagt er noch von "kleinen Siegen" zu reden, nur weil andere heikle Informationen zur Umweltzerstörung drinblieben. Als "schneidend" hat Guth den Ton des Bayern in Erinnerung: "Danke, das reicht für Ihre Persönlichkeitsstruktur."

Die Fronten sind klar, kein Zweifel. Leider jedoch entsteht so nicht jene "reinigende Aura", die sich Leo Pfennig aus der "Konfrontation eines jeden mit seiner Geschichte" versprochen hat; sondern es schaukeln sich bloß Anti-Stimmungen hoch. Denn Guth, in seinen Vorurteilen nicht minder "eindeutig", ledert zurück.

Daß am Ende neben Pfennig sieben andere Mitglieder der Personalkommission glauben, dieser hochnäsige Erfolgstyp mit SED-Vergangenheit erfülle charakterlich die "besonders hohen Anforderungen" nicht, die laut Ministeriumsvorgabe an "belastete Hochschulangehörige im Hinblick auf das Ansehen des Öffentlichen Dienstes in der Bevölkerung" zu stellen seien, das ist Guths eigener Erfolg.

Provoziert durch die Attitüde des Bayern, voller Zorn auf diese Kommission, "die versucht, mein Berufsleben zu beenden", zieht er süffisant ihre Legitimation in Zweifel. Ihre Fragen hält er für "scheinheilig", manche Mitglieder, über die er auch "Geschichten" zu wissen glaubt, für befangen.

Daß "die mein Verhalten wohl als Arroganz auslegen würden", hat Peter Guth gewußt und gewollt: Klar hat er politisch auf der SED-Linie gelegen, schließlich ist er in einem "geschlossenen System" aufgewachsen und hat darin gut gelebt. Klar wollte er was machen in der DDR, und auch was werden. Warum also sollte er nicht den FDJ"Firlefanz" übernehmen, wenn sie schon keinen anderen Dummen fänden? Guths anzüglicher Tonfall - so empfinden es die Betroffenen - suggeriert: Und Sie, meine Damen und Herren? Was machen Sie denn hier? Ist das etwa kein Karrierismus?

Solche Vorwürfe schweißen zusammen. Immer scheint sich in dieser Phase der deutsch-deutschen Entwicklung jeder einmal mit den falschen Leuten im richtigen Boot wiederzufinden, oder umgekehrt - freiwillig oder von den Umständen gezwungen. So wie Peter Guth im Januar die Mehrheit der Kommissionsmitglieder gegen sich in eine unfreiwillige Solidarität treibt, so schließt sich dagegen später eine Ossi-Front von Studenten zusammen. Und Monate später - an diesem Sommermorgen in Halle - erwischt der Sog auch Minister Rolf Frick.

Der Jubel der Studenten überspringt für einen Augenblick die ursprünglichen Fronten, schafft ein hitziges "Wir-Gefühl". Die grauen Gemäuer der "Burg" im Rücken, wo die mühsam von ihm erkämpften Robotron-Computer stehen, über deren Primitivität die Wessi-Kollegen heute nur mitleidig lächeln, scheint Frick den Minister des neuen Bundeslandes in sich für einen Moment verdrängt zu haben.

Plötzlich sind sie eine Einheit: der alte Rolf, Professor für Computer-Design, seine "lieben Studenten" und "der Peter". Die jungen Leute haben gesiegt, und auf einmal sieht es so aus, als hätte Frick immer an ihrer Seite gekämpft. Alle verschmelzen in jener DDR-Nostalgie, die den "Fall Guth" von Anbeginn mit emotionaler Zündkraft auflud - und die ihn damit exemplarisch macht für viele Klischees, Automatismen und Mißverständnisse, die das deutsche Klima vergiften.

Natürlich ist der ehemalige FDJ-Sekretär und SED-Genosse Peter Guth, ein cooler, intellektueller Mann, dem "dämliche Betroffenheitsgesten" eigentlich nicht liegen, eitel genug, um sich von den Sympathie-Kundgebungen geschmeichelt zu fühlen. Wenn er daran denkt, daß von den rund 500 Studenten der "Burg" nahezu die Hälfte gleich zweimal für ihn schriftlich protestiert haben, läuft ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Und daß sie ihn für "unersetzbar" halten, das, behauptet der Wortgewandte, verschlage ihm die Sprache.

In Wahrheit ist er gescheit genug, um zu wissen, daß er vor allem als Ostdeutscher gefragt ist. Gewiß - sein von den Studenten gepriesenes "fundiertes Wissen", sein "überaus guter und anregender Unterricht" und vielleicht gar "sein aufrechter Gang als Pädagoge in der Vergangenheit" und heute sind ihnen wichtig. Ihren aufgeregten Widerstand aber löst nur eines aus: Er ist einer von uns.

In einem Protestbrief haben sie es ziemlich unverblümt ausgedrückt: "Herr Dr. Guth ist unserer Meinung nach nicht durch einen ähnlichen Mann (z. B. aus dem Westteil dieses Landes) zu ersetzen, weil das Leben in der ehemaligen DDR eine Sprache und einen Erfahrungsschatz herausgebildet hat, die er durch seine bisherige Lehrtätigkeit und seinen Pragmatismus uns zu vermitteln versteht."

Ist das nun jene "Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Vergangenheit", die das Schreiben verspricht? Oder ist es eher Ausdruck einer Verweigerung von Gegenwart? Sicher ist, daß der Protest die Stimmung im Lande trifft. So wie Guth hatten auch die Studenten den Verdacht, daß "hier konkrete Stellen freigeschossen werden sollen". Für drittklassige Westdeutsche, versteht sich.

Das kann Minister Frick natürlich so nicht bestätigen. Aber daß er das auch denkt, soll man ruhig ahnen. Auf jeden Fall ist Frick stolz, daß - nach der Revision des Falles Guth - die Personalkommission an der "Burg" nur 2 von 190 Lehrkräften abgelehnt hat. Im Schnitt ist in Sachsen-Anhalt etwa jeder vierte Dozent "evaluiert" worden.

Die allenthalben gereizte Stimmung, in die sich die Guth-Abwicklung nahtlos eingefügt hatte, ist durch die zurückgenommene Kündigung keineswegs entspannt. Die Stichworte von anderen Universitäten griffen auch in Halle: "Säuberung", "Zermürbung", "Inquisition ohne Kopf ab". Schnell konnte so der Protest gegen die "Demontierung" Peter Guths zu einer Art studentischer Glaubensfrage werden: Auf welcher Seite stehst du? Bist du für den Osten oder nicht?

"Das kriegte so was wie bei DT 64", erinnert sich ein Student an die Kampagne für den einstigen DDR-Jugendsender. "Auch damals wurde der Protest von dem Gefühl getragen, uns solle was weggenommen werden, das kannst du nicht dulden."

Nun ist es wieder so, gereizter denn je. Im "Studentenclub Turm" in Halle gibt es plötzlich "Ostfeten", die "Ostkultur" wird gefeiert, "Ostsongs" von einst - damals eher abgetan - kriegen plötzlich Kult-Qualität.

"Einmal wissen, dieses bleibt für immer" - wenn die Band "City" den Song "Am Fenster" anstimmt, einen Hit aus dem Jahre 1978, dann erschauern 500 bis 600 Studenten, für die der Oldie plötzlich in ungeahnten Seelengründen vibriert: "Einmal fassen, tief im Blute fühlen, dies ist mein . . ."

Spöttisch fragt der Sänger Toni dann, wo denn all die sozialistischen Helden von früher geblieben wären? Und von den Leuten im Saal will er wissen, ob sie sich denn nun schuldig fühlen.

"Und auf einmal", sagt der Philosophie-Student Nico Wingert, der wegen systemkritischer Haltung jahrelang schikaniert wurde, bevor er von der Uni flog, "überfällt dich das Gefühl: Das kennen eben nur wir. Das kann kein Wessi nachvollziehen." Und irritiert fügt er hinzu: "Und dann entsteht plötzlich diese Identität, die man gar nicht hat." *GESCHICHTE-3 *VORSPANN:

Wie schwer wiegt politische Schuld aus DDR-Zeit jetzt im deutschen Osten? Wie ist sie meßbar? An Universitäten und im Öffentlichen Dienst der neuen Bundesländer bewerten Personalkommissionen Vergangenheit und Verantwortung alter - und neuer - Funktionsträger.


DER SPIEGEL 33/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 33/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Mitschuldig? Natürlich