10.02.1992

ParteienWucherndes Grün

Von Umfragen ermutigt, tritt zu den baden-württembergischen Landtagswahlen eine Autofahrer-Partei an. Wahlziel: zehn Prozent.
Das Heilbronner Insel-Hotel hat in der Gegend einen guten Namen. Der Koch brät leckere Wachteln, Solarium und Sauna gibt es auch.
Das Wichtigste an dem Hause aber, findet Anton K. Marth, 50, sei dies: Man kann "dort hinfahren und mit dem Auto auch parken". Deshalb wählte Marth, Bundesvorsitzender der "Autofahrer-Partei Deutschlands" (AFP), gerade diesen Ort, seine Freunde zu einem historischen Treffen zu versammeln.
Mit einem kleinen Häuflein seiner Anhänger gründete er dort am Montag vergangener Woche einen Landesverband: Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 5. April will die Automobilistenpartei erstmals in Deutschland antreten.
Sogar einen Anwärter fürs Stuttgarter Parlament kann die AFP schon vorweisen: Kurt Juninger, 53, ein von den Republikanern übergelaufener Stadtrat zu Heilbronn. Daß die Basis bald breiter wird, dafür ist auch schon vorgesorgt: In Bayern wurde vergangene Woche ebenfalls ein Landesverband gegründet.
Die Aktivitäten der organisierten Autofahrer sind offenbar mehr als eine Spinnerei. Die Partei darf auf Zulauf hoffen.
Bei einer im Januar veröffentlichten Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF bekannten 9,8 Prozent aller Befragten in den alten Bundesländern, sie könnten sich vorstellen, "eine Partei zu wählen, die als einziges Ziel hat, die Interessen der Autofahrer zu vertreten". Diese Umfrage, sagt Marth, "war für uns der Auslöser", gleich zu den nächsten Wahlen anzutreten.
Vor allem bei bildungsfernen Schichten sind die bekennenden PS-Fans zu finden: 17,1 Prozent der Befragten mit Volksschule ohne Lehre, aber nur 4,3 Prozent der Abiturienten und Hochschul-Absolventen optierten für die Auto-Partei. Als mögliche Parteigänger bekannten sich, merkwürdigerweise, 11,2 Prozent der Grünen-Wähler.
Vorfahrer Marth, vormals Autojournalist bei dem mittlerweile eingestellten Kfz-Blatt Auto Tuning Freizeit und Besitzer eines angejahrten Mercedes vom Typ 200 Diesel, wertet den Zuspruch für seine 3000-Mitglieder-Vereinigung als Reaktion auf zunehmende "Auto- und Tempofeindlichkeit": "Man hat das Autofahren ein bißchen viel verteufelt."
In der benachbarten Schweiz hat ein geistesverwandter PS-Trutzbund in den vergangenen Jahren überraschende Erfolge erzielt: Schon 1987 zog die Schweizer Autopartei mit zwei Mandaten ins Berner Bundesparlament ein. Im St. Gallener Kantonalrat sind die Motoristen seit den Kantonswahlen im letzten Monat mit 19 von 180 Abgeordneten vertreten, im Großrat von Basel-Stadt (130 Sitze) haben sie 3 Mitglieder. Überrascht mußte ein Funktionär der freisinnigen FDP einräumen, daß "die uns das Kotflügeli ein bißchen ankratzen".
Politisch fahren die automobilen Außenseiter in der Schweiz stramm rechts. Sie sind gegen Abtreibung und "Öko-Hysterie", für Steuersenkungen und eine scharfe Anti-Asyl-Politik.
Volkstümlich frech geben sich dagegen die bundesdeutschen PS-Propagandisten. So fordert die AFP unter anderem ein Fahrverbot für Beamte, Rathausangestellte und Politiker, weil "die mit ihren Autos tagtäglich den innerstädtischen Verkehr zum Erliegen bringen".
Ziel einer autogerechten Politik müsse dagegen "ein Höchstmaß an Mobilität" sein, um dem Bürger "Freiheit und Unabhängigkeit von Zeit und Ort" zu garantieren.
Bis ins Detail verfolgt die Partei deshalb alles, was beim Fahren stört, beispielsweise "wild wucherndes Grün", vor allem an "Innenkurven". In wild wucherndem Deutsch fordern die Programm-Autoren: "Dieses Grün muß unterbleiben!"
Ebenso entschlossen stellt sich die kleine Partei den großen Fragen außerhalb des Straßenverkehrs. Beispiel Asyl-Mißbrauch: In einer Art Schnellgericht sollen "Wirtschaftsflüchtlinge" von deutschen Beamten schon an der Grenze aussortiert und abgewiesen werden. "Asylbewerber, die mit Vermögen kommen", seien "von geschulten Beamten leicht als solche festzustellen" - und durchzulassen.
Manfred Berger, 51, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, bemüht sich nun, die Siegesgewißheit der Autofahrer etwas zu bremsen. Die ZDF-Umfrage sei mit Vorsicht zu genießen. "Was das für 'ne Partei ist", gibt Berger zu bedenken, sei den Befragten vielleicht nicht "bewußt klar gewesen". o

DER SPIEGEL 7/1992
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