02.11.1992

„Ein Ausholen zum Gegenschlag“

und "Bestie von Beelitz" wird er in den einschlägigen Gazetten genannt. Wie ein streunender Hund habe er Frauen gesucht und getötet. Ein Monster sei er, das sich - in Damenunterwäsche - nur an Toten erregen könne. Schon als Kind habe er Eichhörnchen lebend zerstückelt und Hunde mit Knüppeln gequält. Nun sitze er kaltblütig im Prozeß, ein erbärmlicher Mensch, allein darauf bedacht, sein Inneres "mit gestelzten Worten" zu schützen: So urteilt nur, wer den Hintergrund der Geschichte des Wolfgang Schmidt aus Rädel bei Potsdam nicht wahrhaben will. *GESCHICHTE-3 *ÜBERSCHRIFT:
"Ein Ausholen zum Gegenschlag" *UNTERZEILE: SPIEGEL-Reporterin Gisela Friedrichsen im Prozeß gegen Wolfgang Schmidt, der fünf Frauen getötet hat *
Ein Mensch hat Schreckliches getan. Es scheint, als seien seine Taten in ihrer Monstrosität unerreicht. Er hat es immer wieder getan. Wenn es über ihn kam, von ihm Besitz nahm, ihn trieb - dann gab es kein Halten.
Er wollte es nicht. Er versuchte, davon loszukommen. Er schämte sich seines schrecklichen Andersseins. Er hatte panische Angst vor der Entdeckung dieses Andersseins. Er verkroch sich und verwischte die Spur, in die es ihn immer weiter trieb.
Doch wenn es wiederkam, zunehmend schlimmer, konnte niemand sich vor ihm schützen. Er brach über seine Opfer herein wie eine Naturkatastrophe oder ein Flugzeug, das auf ein Hochhaus stürzt. Da war nichts mehr zu verhindern, zu bremsen oder zu zügeln.
Er gibt, nachdem er wegen seiner schrecklichen Taten festgenommen wurde, dem Psychiater intimste Details preis. Er öffnet sich dem Sachverständigen, wie es noch kein Angeklagter, der so schrecklicher Taten beschuldigt wurde, je getan hat.
Vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit aber schämt er sich und preßt sein entsetzliches Anderssein in hölzerne, unpersönliche Vokabeln, in blasse, Distanz schaffende, klischeehafte Formeln. Ein Ungeheuer, das sich schämt?
Täter wie Wolfgang Schmidt, 26, werden abgewehrt und ausgegrenzt als bedrohliche, gefühllose, brutale Bestien, als Monster außerhalb der menschlichen Gesellschaft. Rache und Vergeltung wird gefordert, qualvolles Leiden bis zum Tod, auch das Abschneiden von Gliedern zum Beispiel. Dem Täter, diesem Unmenschen, soll möglichst das Gleiche, wenn nicht Schlimmeres zugefügt werden als seinen Opfern.
Zu den Phantasien, denen bei solchen Gelegenheiten öffentlich freier Lauf gelassen wird, schrieb 1977 der vor einem Jahr gestorbene Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch: "Die Geschichten und Greueltaten der ,großen Massen- und Lustmörder' finden immer wieder soviel Anklang, daß sie für die Boulevardpresse verläßliche Evergreens in Zeiten der Flaute sind. Solche Berichte füllen offenbar eine Lücke und decken einen Bedarf. Ihre sozialpsychologische Funktion wird an den elementaren, urtümlichen und ungebremsten Reaktionen einer breiten Bevölkerung auf sexuelle Gewalttaten sichtbar: Es tauchen archaische Affekte von Rache und Vergeltung auf . . . Solche Reaktionen tragen offensichtlich selbst ein sadistisches Gepräge . . ."
Wolfgang Schmidt, gegen den seit dem 20. Oktober vor dem Bezirksgericht Potsdam verhandelt wird, ist und bleibt in den Gazetten der "Rosa Riese", die "Bestie von Beelitz", selbst während der Hauptverhandlung und vermutlich auch noch später. Monster heißen nicht "Schmidt".
Monster sind nicht so leise und unscheinbar wie der Angeklagte. Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für einen Menschen namens Schmidt und dessen armselige, stinkende Lust, sondern für die Gier des Lustmörders, des besessenen Sex-Unholds. Der ist zu gebrauchen, zu mißbrauchen für saftige, befriedigende Unterhaltung. Eberhard Schorsch nannte diesen Umgang mit einem Täter wie Schmidt "ein kollektives Ausholen zum Gegenschlag".
Schmidt ist angeklagt, zwischen dem 24. Oktober 1989 und dem 5. April 1991 fünf Frauen und einen Säugling getötet, in weiteren drei Fällen Tötungsversuche an Frauen begangen zu haben. Als er am 1. August 1991 von zwei beherzten Männern im Wald bei Brandenburg aufgestöbert wurde, war er wieder auf der Suche nach einer Frau, nach irgendeiner "weiblichen Person", wie er sich ausdrückt, "die diese Handlungen mit mir durchführt".
Schmidt hat sich die Opfer nicht ausgesucht. Er hat mehr ältere als junge Frauen überfallen. Wenn es wieder soweit war, daß ihn seine "innigsten Wünsche" auf die Suche trieben, hat er wahllos und wie blind zugegriffen.
Diese Wünsche kamen nicht plötzlich. Sie haben eine bis in die Kindheit zurückreichende Vorgeschichte. Im Laufe von 20 Jahren oder noch mehr haben sie sich entwickelt, entfaltet, ausgestaltet, bis sie ihn in ihren Würgegriff nahmen.
Wolfgang Schmidt erinnert sich, daß er sechs, sieben Jahre alt war, als er Unterwäsche seiner Mutter im Schrank entdeckte. Er erinnert sich auch, daß er dabei ganz aufgeregt war. Er zog die Wäsche an, Büstenhalter, Schlüpfer, Unterröcke, und spürte überwältigend wohlige Gefühle. Noch schöner aber war es für ihn, das findet er im Lauf der Zeit heraus, wenn er die Wäsche beschmutzte, also naß machte und bekotete wie ein Baby.
Die verschmutzten Teile versteckt er im Garten oder in der Scheune, bis der Vater eines Tages darauf stößt und die Mutter holt. Der Junge wird einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen ("Meine Mutter hat mich vernommen", sagt Schmidt in der Hauptverhandlung), denn wer hätte es sonst gewesen sein können außer ihm? Der dreijährige kleine Bruder etwa?
Haben die Eltern mit dem Kind in Ruhe geredet? Haben sie sich um Rat und Hilfe bemüht? Wie sollten sie. Prügel setzte es, Theater wurde gemacht, gebrüllt, geschimpft, sagt Schmidt. Strafen gab es und Stubenarrest. Er durfte nicht mit Kindern des Dorfes spielen. Er durfte nicht zum Baden mitgehen, durfte nicht fernsehen wie die anderen.
Eberhard Schorsch schrieb zum Thema Fetischismus in seinem Buch "Angst, Lust, Zerstörung": "Das Inbesitznehmen und Anziehen der mütterlichen Kleidung bedeutet nicht nur die Befriedigung von Wünschen nach Körpernähe und Wärme, sondern zugleich eine archaische Identifizierung und Verschmelzung mit der Mutter, also eine momentane symbolische Wiederherstellung der symbiotischen Mutter-Kind-Einheit."
Die Mutter, die der Junge als unzugänglich erlebte, konnte er mit Hilfe der Wäsche ganz nah an sich heranholen. Das Abweisende spürte er dann nicht.
Im Alter von acht, neun Jahren fängt er an, sich selbst zu befriedigen. Die Lustgefühle steigen, wenn er Sperma, Urin und Kot in die Wäsche bringt. Büstenhalter stopft er aus, wenn er sich damit bekleidet, und tastet sich ab. Noch größere Gefühle durchfluten ihn, wenn er auch in die Büstenhalter kotet.
Schorsch: "Bei einer fortbestehenden primären Identifikation mit der Mutter aktualisiert das Erwachen genitaler, phallischer sexueller Strebungen die Angst, sich von der Mutter lösen zu müssen. Diese Angst wird dadurch abgewehrt, daß der Fetisch die Einheit mit der Mutter wieder herzustellen versucht durch regressive Wiederbelebung oraler Beziehungsformen."
Der Junge versetzte sich durch das Einkoten ins Babyalter zurück, wehrte aber gleichzeitig durch das Beschmutzen die beherrschende Mutter ab. Beschmutzen, das hat immer auch etwas mit Erniedrigen zu tun. Später erniedrigte er mit seinen Sexualpraktiken die Opfer.
An Mutters Schrank kommt der Junge längst nicht mehr heran, der ist abgeschlossen. Also sucht er außerhalb des Elternhauses Wäsche, später auch Kleider, Blusen und Röcke, und findet sie auf Müllkippen. Denn jedes Dorf in der ehemaligen DDR hatte seinen Abfallplatz, wo jedermann Müll, Hausrat, auch Textilien ablud. Auch in den Wäldern gab es jede Menge kleinerer Müllplätze, Flecken, wo hingeschafft wurde, was man loswerden wollte. (Diese Müllkuten, wie sie in der Gegend um Berlin genannt werden, waren andererseits auch Fundgruben, Plätze, die nicht nur er aufsuchte.)
Einmal, da ist er zehn, erwischt ihn die Mutter auf dem Heuboden, wie er halb nackt dasteht. Die vollgemachte Wäsche hat er gerade noch verschwinden lassen, den Kot am Körper notdürftig abwischen können. Denn inzwischen hatte er neue Praktiken herausgefunden, noch schönere, größere, befriedigendere: Er zog die Schlüpfer erst einmal verkehrt herum an, bekotete sie und drehte den verschmutzten Teil dann nach vorn ans Genital.
Wieder gibt es Theater mit der Mutter, vor allem weil er nicht sagt, was er getan hat. Weil er nicht zugibt, daß er wieder Wäsche vollgemacht hat. Weil die Mutter sich belogen fühlt. Auf das Lügen des Kindes, so scheint es, konnte sie reagieren, nicht aber auf seinen unheimlichen, ihr nicht bewußten Drang. Schmidt erinnert sich, daß sie entfernten Verwandten erzählte, er mache noch immer in die Hose, er sei ein Schwein, ein Ferkel.
Von da an führt er seine Rituale im Freien aus. Er sucht Müllkippen nach Wäsche ab, es ist inzwischen eine Sucht. Er kann nicht mehr an Müll vorbeigehen. Er sucht so lange, bis er sicher sein kann, daß er alles an Wäsche gefunden hat. Immer mehr muß es sein. Säcke schleppt er ab, deponiert sie in Erdlöchern, versteckt sie an sicheren Orten für den Fall, daß er einmal nichts findet.
Dann zieht er sie an, streicht sich voll Kot, onaniert. Niemand darf ihn dabei sehen. Niemand darf von der Wäsche wissen. Nichts fürchtet er so sehr, als daß man ihm die Wäsche wegnimmt.
Er führt sich Kerzen ein, um das Gefühl ("wie im siebten Himmel") zu steigern. Er zieht Badeanzüge und Korsetts an. Er findet im Müll Wäschekataloge mit Abbildungen von Frauenkörpern, Illustrierte, Pornohefte, die auch das Gefühl steigern. Doch es reicht nicht. Er will mehr - eine Frau. Eine Frau dabeihaben, die mitmacht, freiwillig, eine Frau, die das Gleiche wünscht.
Der Drang wird immer heftiger. Phantasien jagen und quälen ihn. Eine Frau. Eine weibliche Person. Jahrelang bedrängen ihn immer gräßlicher wuchernde Träume, daß die Gefühle noch größer, noch reizvoller sein könnten.
In den Mittagsstunden des 24. Oktober 1989 - er hatte schon Müllkippen abgesucht und seine Wäschedepots aufgefüllt, er hatte schon wieder Damenwäsche an und darüber eine Trainingshose und einen Damenpullover - verläßt er sein Versteck und macht sich auf die Suche nach jemandem, der "die sexuelle Befriedigung gemeinsam mit mir durchführt".
Als er das Ortsschild "Deetz" liest, fällt ihm ein, daß es dort eine große Deponie gibt, vielleicht mit Gummipuppen "und so Dingen, die bei uns in der DDR verboten waren". Mit Gummipuppen, stellt er sich vor, hätte er gern "Dinge" ausprobiert. Doch er findet nichts, weil der Müll, wie er sagt, schon "saniert" war. "Ich habe in mir eine große Enttäuschung und einen großen Schmerz festgestellt, weil die Hoffnung nicht erfüllt wurde."
Er kehrt in sein Versteck zurück, onaniert wieder, kotet ein. Der Wunsch nach einer Frau hat ihn unausweichlich im Griff. Er macht sich wieder auf.
Er wandert an Bungalows vorbei, teils noch im Rohbau, keine Menschenseele ist weit und breit. Da kommt ihm erstmals der Gedanke, in den Häusern nachzusehen, ob dort nicht auch Wäsche ist.
Er steigt in ein Haus ein, findet nur einige Schlüpfer, kann kaum noch klar denken. Er rennt herum, sucht, wühlt. Er schlägt ein Fenster ein, kriecht durch. Rennt raus. Da sieht er eine Frau, irgendwo nebenan, bei der Gartenarbeit.
In seinem Kopf überschlagen sich die Vorstellungen und Phantasien. Nur der Wunsch, der eine, immer größer, immer stärker, immer mächtiger, übermächtig schließlich.
Er bricht durch eine Hecke, dringt in das Haus ein, findet eine Tüte mit Schlüpfern und einem Bikini. Kerzen. Dann raus und auf die Frau zu, "die erhoffte Person".
Sie schreit: "Schwein, Mistsau." Mit einer Harke versucht sie sich zu wehren. Er zwingt sie nieder, zerrt sie ins Haus und schlägt, mit einem Hammer möglicherweise, auf ihren Kopf ein, daß das Hirn zerreißt und die Schädelknochen bersten. Er würgt und drosselt, bis sich nichts mehr regt.
Die Tote wickelt er in eine Bettdecke, will sie verschwinden lassen, "verstecken, um mich später mit ihr gemeinsam zu befriedigen". Vor Gericht sagt Schmidt: "Ich mußte die Frau einfach in meiner Gewalt haben. Ich wollte sie zur Ruhe zwingen, um nicht, was ich im Prinzip schon hatte, wieder zu verlieren. Daß ich sie tödlich verletzen könnte, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich wollte nur lebende Frauen."
Die Tötung der 51 Jahre alten Edeltraut Nixdorf in Deetz 1989 ist der erste Fall, dessen Wolfgang Schmidt angeklagt ist. Sieben Monate später, am 24. Mai 1990, tötete er die 45 Jahre alte Christa Naujoks durch Würgen und Drosseln auf einer Mülldeponie in Ferch. Er hatte die schwer alkoholisierte Frau (vier Promille), als er nach Wäsche suchte, schreien gehört, wollte ihr eigentlich zu Hilfe kommen. "Da hatte ich dann ihre Brust in der Hand. Ich geriet dermaßen in Erregung, daß ich mich nicht mehr bremsen konnte."
Die Tote wurde einen Tag später, mit Lumpen bedeckt, gefunden. Ihre Trainingshose war heruntergezogen, der Büstenhalter hochgeschoben.
Wenige Wochen später, am 9. Juli 1990, stach Schmidt auf einer Mülldeponie in der Nähe der Ortschaft Wust auf die 58 Jahre alte Edith Weber ein, schlug sie mit einem Pfahl nieder. "Ich war völlig besessen, die Frau unter meiner Kontrolle zu haben."
Die Frau überlebte, weil sie gerade noch rechtzeitig von Bauarbeitern, die Schutt abluden, zwischen all dem Unrat, zwischen Bettfedern und Glasscherben, bedeckt mit Lumpen, gefunden wurde.
Am 13. März 1991, also acht Monate später, traf Schmidt in einem Waldgebiet zwischen den Orten Neuendorf und Borkheide auf die 34 Jahre alte Inge Fischer, die sich auf dem Heimweg von einer Freundin befand. Sie wurde erstochen, nachdem der Täter sie offenbar zuvor mit Fußtritten ins Gesicht traktierte. Acht Tage später erst fand man sie, mit hochgeschobenem Rock und voller Kot, von Moos bedeckt.
Am 22. März 1991 tötete Schmidt die 44 Jahre alte Tamara Petrowskaja in einer Kiefernschonung südwestlich der Ortschaft Beelitz-Heilstätten. Er knebelte sie mit einem Slip und erdrosselte sie mit einem Büstenhalter. Angst und Schrecken durchfuhren ihn, sagt er, als er ihr gegenüberstand, erregt und vollgekotet wie er war. Sie schrie auf. Er habe die Frau sofort gegriffen. Er sei dermaßen erregt gewesen, er habe sich nicht mehr bremsen, nicht mehr halten können.
Das Opfer, Ehefrau eines russischen Chefarztes, hatte einen Kinderwagen geschoben, ihren drei Monate alten Sohn Stanislaw spazierengefahren, als sie überfallen wurde. "Ich kann mich entsinnen", sagt Schmidt in der Hauptverhandlung, "daß sie was in der Hand hatte, einen Kinderwagen vielleicht."
"Haben Sie das Kind gesehen", fragt der Richter. "Nein." "Später?" "Nein." "Überhaupt nicht?" "Nein."
Er könne sich nur erinnern, daß da etwas geschrien hat. Der Wagen, den die Frau nicht losließ, sei wahrscheinlich umgekippt. "Ich kann mich erinnern, daß er hängenblieb, und ich versuchte, ihn mitzuzerren."
Hat er das Kind herausgenommen und aus Schulterhöhe mit aller Gewalt auf einen Baumstumpf geschleudert? Für die Staatsanwaltschaft, die offenbar der Auffassung ist, Schmidt habe, während er wie eine Mine detonierte, während sein gestauter Drang überfloß, noch überlegt, ob und wie das Kind beiseite geschafft werden könne, sind diese Fragen wichtig. Sie meint, der Angeklagte lügt.
Der kleine Junge starb an schwersten Schädelverletzungen. Wann er sie erlitt: vor der Vergewaltigung seiner Mutter, währenddessen oder danach? Der rechtsmedizinische Sachverständige geht sehr weit in seinen Ausführungen. Er kommt der Staatsanwaltschaft entgegen. Ein absichtlicher, schwerster Fußtritt vielleicht.
Am 5. April 1991 überfiel Schmidt zwei damals zwölfjährige Schülerinnen auf einem Waldweg in der Nähe der Ortschaft Sputendorf: Jana Harder und Jana Wendtland. Die Mädchen überlebten schwere Stichverletzungen.
Am Donnerstag vergangener Woche waren sie als Zeuginnen geladen, begleitet von der Mutter, von Vater und Mutter. Jana eins erkennt Schmidt nicht wieder. Er soll aufstehen. Er ist blaß und auf eine schreckliche Weise ernst. Der Versuch eines so großgewachsenen Menschen - Schmidt ist 1,90 groß -, in den Boden zu versinken, ist ein einziger Ausdruck von Qual.
Jana zwei erkennt ihn. Welchen Ausdruck er damals im Gesicht hatte, fragt der Vorsitzende. Was erwartet man? Schaum vor dem Mund? Eine haßverzerrte Fratze? Das Mädchen hat ihm nicht ins Gesicht gesehen. Es weiß nur noch, daß er "freie Unterarme" hatte, trotz der Jahreszeit.
Schmidt rannte damals weg in Panik, über Felder, durch Wald. Es fing an, dunkel zu werden. Er kam an einem Bahngleis vorbei, an einer Autobahn, einer Brücke. An einem Kiosk kaufte er Zigaretten und etwas zu trinken. Er habe nicht gewußt, sagt er, was eigentlich los war. Nur, daß es wieder einmal fehlgeschlagen war. In einer Bahnhofhalle träumt er von den Mädchen, wie es gewesen wäre, wenn.
Dabei packt der Drang von neuem zu. Schmidt fährt mit dem Zug, steigt aus, will durch den Wald, um den Weg nach Hause abzukürzen. Die Gedanken an die Mädchen martern ihn. Er kommt an einem unbeleuchteten Haus vorbei.
Am Abend jenes 5. April 1991 tötet er in diesem Haus die 66 Jahre alte Rentnerin Talita Bremer, die schon schläft. Es ist seine letzte Tat.
Über Wolfgang Schmidt sitzen zwei Berufsrichter und zwei männliche Schöffen zu Gericht. Den Vorsitz führt Hans Walter Ehrenstein, 52, aus Köln, der den Düsseldorfer Rechtsanwalt Ulrich Bauschulte, 39, als Verteidiger nach Potsdam geholt hat. Er kennt dessen Qualität.
Ehrenstein läßt den Angeklagten in den Formeln sprechen, in denen er das, wie er selbst sagt, "Ekelerregende" sagen kann. Er gestattet Schmidt die Scham. Er verhandelt fair, hochanständig.
Wenn Ehrenstein den Angeklagten fragt, ob er denn seine Taten nicht "reflektiert" habe, schweigt Schmidt. Was ist reflektieren? Es stand damals in der Zeitung, wenn wieder eine Tote gefunden wurde. Es trieb ihn um, ja doch, aber in der Phantasie lebten die Frauen, von denen er träumte. Ist das nun als Lüge zu bewerten?
Wolfgang Schmidt ist von dem Berliner Psychiater Wilfried Rasch, 67, begutachtet worden. Wird er, der schon Jürgen Bartsch begutachtet hat, das scheinbar beziehungslose Nebeneinander einer durchschnittlichen Biographie (Schmidt hatte ein geordnetes Elternhaus, einen zwar nicht ungestörten, aber auch nicht ungewöhnlichen Berufsweg, er hatte sogar eine Verlobte) und dieser abnormen, verborgenen, heillos gestörten inneren Welt beschreiben und erläutern können?
Wie viele Kinder wachsen genauso auf wie Wolfgang Schmidt und werden nicht von solchen trostlosen Lüsten gequält. Warum einer unter Millionen ein tödliches Unglück für andere und ein Unglücklicher wird, weiß man nicht.
Auch dies schrieb Eberhard Schorsch 1977: "Die Humanität einer Gesellschaft läßt sich daran ablesen, wie sie mit ihren Gescheiterten umgeht . . . Verstehen heißt hier nicht Nachsicht, Verharmlosung und Entschuldigung, sondern rationales Erfassen und Begreifen dessen, was vorliegt."
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 45/1992
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