10.02.1992

PresseGanz scharfes Z

Ein badischer Pressemanager wurde in Paris „Mann des Jahres": Er verhilft Gruner + Jahr-Zeitschriften im Ausland zu Millionenauflagen.
Manchmal, wenn er gerade aus New York, Madrid oder Hamburg zurückgekehrt ist, sitzt Axel Ganz, 54, noch bis in die Nacht mit seinen Pariser Redakteuren am Computerschirm zusammen und tüftelt an einer Titelseite. Das Ergebnis der Feinarbeit läßt sich hinterher beim Zeitschriftenverkauf in Millionen Franc ablesen, Cash oder Crash, je nachdem.
Bei einem Klatschblatt mit dem Titel Voici, zu deutsch "Sieh da", stimmte zunächst die ganze Machart nicht. Über zwei Jahre feilte Ganz, der "Directeur de la publication", mit seinen Leuten am Konzept der Wochenzeitschrift, verschliß zwei Chefredakteure und steckte rund 50 Millionen Mark in das Projekt.
Inzwischen kommt die Mischung von Prominententratsch und Unterhaltung beim französischen Publikum an. Voici wirft jährlich sieben Millionen Mark Gewinn ab. "Die Redaktion hat's gepackt", freut sich Blattgründer Ganz, "wenn auch mit Tränen."
Bei einer kürzlich gestarteten Monatszeitschrift blieb dem Pressemann ein ähnlich "hartes Lehrstück" wie bei Voici erspart. Das von Ganz herausgebrachte Wirtschaftsmagazin Capital, eine Adaption des deutschen Titels für den französischen Pressemarkt, übertraf alle Prognosen und stieg vom Start weg zur größten Wirtschaftszeitschrift in Frankreich auf. Derzeitige Auflage, nach Erscheinen der fünften Ausgabe: 225 000 verkaufte Exemplare.
Blättermacher Ganz, schrieb die Pariser International Herald Tribune vor kurzem, sei der "Magazin-König Europas, der mit dem Midas-Effekt gesegnete Medienmann" - nach jenem antiken Sagenkönig, dem alles, was er anfaßte, zu Gold wurde. Ganz kann anfangen, was er will, es wird jedesmal ein Verkaufserfolg. Die französische Medienzeitschrift Strategies wählte den Pressemanager sowie zwei einheimische Kollegen aus der Kultur- und Werbebranche im Dezember zu "Männern des Jahres".
Im nationalstolzen Frankreich begegnet der erfolgreiche Magazinchef "keinerlei Ressentiments" - was er immerhin erwähnenswert findet. Denn Axel Ganz ist Deutscher. Er stammt aus dem Badenerland und ist im Vorstand des Hamburger Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr (G + J) für die Auslandsobjekte zuständig.
Den Dienstsitz Paris hat sich der Sohn einer französisch sprechenden Elsässerin und eines deutschen Vaters beim Hamburger Verlagshaus ausbedungen. In der französischen Medienszene legen die expansiven Deutschen mittlerweile das schnellste Wachstum vor.
Die G + J-Zweigstelle Prisma Presse ist bereits - nach dem Hachette-Konzern - der zweitgrößte Zeitschriftenverlag Frankreichs. Prisma-Chef Ganz erwirtschaftet gut eine halbe Milliarde Mark Umsatz samt einem Gewinn von rund 50 Millionen Mark - so viel wie G + J mit seinen Zeitschriften, einschließlich dem Stern, in Deutschland.
Der G + J-Mann, der von Insidern kennerisch in deutscher Aussprache als Monsieur Ganz, mit ganz scharfem Z, angesprochen wird, gilt in der Pariser Pressebranche als beinharter Arbeiter ohne Drang zu gesellschaftlicher Repräsentanz. Ihm verdankt die Bertelsmann-Tochter G + J, daß sie in Frankreich auch mit zwei Frauenzeitschriften, dem Programmblatt Tele-Loisirs, einer Französisch-Ausgabe des Erdkunde-Journals Geo sowie Ca m'interesse, einem Wissensmagazin nach Art des deutschen P.M., auf dem Markt ist.
Doch mit bisher zehn Titeln will sich Ganz noch nicht zufriedengeben. Auf Schreibmaschinenpapier skribbelt der gelernte Zeitungsredakteur, der auch für die Zeitschriftenverlage Burda und Bauer gearbeitet hat, immer wieder Seitenentwürfe für künftige Projekte.
Die realisiert er nicht nur in Frankreich. Der Kosmopolit hat entdeckt, daß sich Ableger gleichartiger Zeitschriften von Land zu Land verpflanzen und überall erfolgreich aufpäppeln lassen. Er nennt sie "Euromagazine".
So startete Ganz Ende 1984 die heute größte französische Frauenzeitschrift Femme Actuelle (Wochenauflage: 1,8 Millionen Exemplare). Keine zwei Jahre später plazierte er einen Sprößling mit dem Titel MIa (Auflage: 261 000) in Spanien und kurz danach einen weiteren namens Best (Auflage: 769 000) in England. Vom gemeinsamen Ursprung künden noch heute gleichartige Rubriken wie etwa die der Gesundheitsseiten: auf französisch "Medecine sante", auf spanisch "Medicina salud", auf englisch "Good health". Anderes Beispiel: die Rechtsberatung "Vos droits" (Femme Actuelle), "Tus derechos" (Mia) und "Your rights" (Best).
Einen ähnlichen Europa-Erfolg hatte Prisma Presse schon 1982 begonnen. Damals erschien in Paris das Monatsheft Prima. Dem Projekt gab damals Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn keine Chance: "Das wird sicher ein Flop."
Doch der tolerante Großverleger ließ Ganz gewähren. Alsbald brachte es Prima auf 1,2 Millionen verkaufte Exemplare. Vier Jahre später gab Ganz in London Prima auf englisch heraus. Eine von G + J besorgte Deutschland-Version kam jedoch über 548 000 Exemplare bisher nicht hinaus.
In Italien wollte Ganz die vierte Nationalausgabe des Frauenblatts eröffnen, wiederum mäßig im Preis, bieder in der Anmutung, mit Schnittmustern sowie praktischen Tips für Küche, Kosmetik und Gartenpflege.
Doch der Blattmacher bemerkte, daß die untere Marktnische in Italien schon reichlich bestückt war. Da zeigte Ganz, daß er auch anders kann: Der gemeinsam mit der Mondadori-Gruppe betriebene Mailänder G + J-Verlag nahm sich eine gehobene Zielgruppe der Italienerinnen vor.
Das vorletztes Jahr gestartete 3000-Lire-Blatt Vera präsentiert teuren Schick aus der Modeboutique, raffinierte Küchenfahrpläne und Einrichtungen für die Hausbibliothek. Ergebnis: Die Monatsgazette (Auflage: 430 000) stieg zum Marktführer der italienischen Frauenzeitschriften auf.
Die fremdsprachigen Auslandserfolge der Bertelsmann-Tochter verlockten auch andere westdeutsche Verlage zu Experimenten. Doch der Versuch des Axel Springer Verlags, vom überfüllten deutschen Medienmarkt nach Spanien auszuweichen, mißlang kürzlich spektakulär: Letztes Jahr mußte dort die von Springer und einem spanischen Verlag mit einem Aufwand von 150 Millionen Mark gestartete Boulevardzeitung Claro mangels Käufern wieder eingestellt werden.
Aenne Burda, 82, die Ahnfrau der bunten Branche, ist mit 18 Auslandsausgaben ihrer Burda Moden (Gesamtauflage: 3,5 Millionen) hingegen seit langem erfolgreich. Am längsten hielt der Hamburger Heinrich Bauer Verlag mit den Lokalrivalen von G + J Schritt.
In England hängte Bauer 1987 sogar das Konkurrenzblatt Best durch die erfolgreiche Gegengründung seiner eigenen Wochenzeitschrift Bella (Auflage: gut 1,2 Millionen) ab. Mit dem Wochenblatt Take a break (Auflage: 1,3 Millionen) gelang den Bauers vorletztes Jahr die Gründung der größten englischen Frauenzeitschrift überhaupt.
Ihre Auswärts-Erfolge erzielen die Konkurrenten mit ähnlichen Rezepten wie Ganz: Übertragen wird in andere Länder lediglich das hochentwickelte Know-how des Verlagsgeschäfts, nicht aber deutsche Mentalität. So unterscheidet sich Geo in Frankreich, vor einem Dutzend Jahren die erste Ganz-Gründung für Gruner + Jahr, grundlegend vom Inhalt der deutschen Geo-Ausgabe (Auflage: 530 000). Zwei Dutzend Pariser Redakteure sorgen mit angepaßter französischer Optik der Berichte, weniger Ökologie, mehr frankophone Länder, für eine profitable Auflage von 563 000 Exemplaren.
Ähnliches machte Ganz mit Capital. Die Frontseite, in Deutschland meist einer Titelfigur gewidmet, ist in der französischen Version übersät mit Schlagzeilen. Die Beiträge sind kürzer gehalten als im Original, die für Frankreich ungewohnt kritischen Berichte über einheimische Wirtschaftsbosse "werden wie toll gelesen", so Ganz.
Unterschiedliche gesellschaftliche, historische und geistige Traditionen der Länder weiß Ganz inzwischen für seine Zwecke zu nutzen - bis hin zur Farbgebung. Der Titelrand von Ca m'interesse ist gelb, der des spanischen Ablegers rot.
Spanier, so ergaben Marktumfragen, mögen kein Gelb. o

DER SPIEGEL 7/1992
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