26.04.1993

ProzesseEinziges Motiv

In Stuttgart beginnt der erste Mordprozeß gegen Täter, die aus Fremdenhaß getötet haben.
In der "Keglerklause" tranken sie ein Bier ums andere; als dort geschlossen wurde, gingen sie heim zum Weitersaufen. Sie legten eine Platte der Skinhead-Band "Kahlkopf" auf und dann eine Kassette mit Hitler-Reden.
"Sieg Heil", brüllten sie dazu und beschlossen dann, gegen zwei Uhr morgens, noch mal rauszugehen: "Pollacken klatschen."
Doch "Pollacken" gibt es nicht in Ostfildern-Kemnat bei Stuttgart. So traf es den Kosovo-Albaner Sadri Berisha, 55. Sie traten die Türe ein zu seinem Zimmer in der Ausländerunterkunft einer Baufirma, schlugen ihn mit Baseballschlägern tot und seinen Zimmergenossen Sahit Elezay krankenhausreif.
In dieser Woche beginnt vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozeß gegen die sieben Tatverdächtigen aus der Neonazi-Szene - das bundesweit erste Mordverfahren gegen Gewalttäter, die aus Fremdenfeindlichkeit getötet haben. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft sieht nur ein "einzig denkbares Motiv" für die Bluttat: "Ausländerhaß."
Thomas Wede, 25, und Michael Drigalla, 21, gelten als Haupttäter: Sie sind wegen gemeinschaftlichen Mordes und Mordversuchs angeklagt. Roland Wede, 23, der Bruder des Hauptverdächtigen, sowie Frank Neumann, 22, stehen wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht, die übrigen drei, zwischen 20 und 31 Jahre alt, wegen Beihilfe. Die Tatbeteiligung haben alle gestanden - nur den tödlichen Schlag will keiner geführt haben.
Der Mord im Juli letzten Jahres in Kemnat war Teil einer Serie rechtsradikal motivierter Anschläge, bei denen Ausländer zu Tode kamen. Die Justiz erkannte jedoch bislang nie auf vollendeten Mord und strafte meist milde: *___Wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilte ____letzten September das Bezirksgericht in Frankfurt/Oder ____drei Skinheads, die einen Angolaner getötet hatten, zu ____jeweils vier Jahren Jugendstrafe. *___Ebenfalls wegen Körperverletzung mit Todesfolge bekam ____im vergangenen Oktober in Berlin ein Maurer viereinhalb ____Jahre, der einen Vietnamesen erstochen hatte. *___Wegen Totschlags wurde im Februar 1992 in Koblenz ein ____20jähriger Skin zu sechs Jahren verurteilt, der einem ____Kurden von hinten ein Messer in den Rücken gerammt ____hatte.
Der zahme Umgang der Justiz mit rechtsradikalen Gewalttätern ist nach Überzeugung von Kurt Senne, Sozialpädagogik-Professor an der Fachhochschule Esslingen, mitverantwortlich für die Welle ausländerfeindlicher Gewalt von Jugendlichen: "Denen wurde signalisiert: Ausländer klatschen wird eher toleriert als Autos aufbrechen", sagte Senne nach dem Mord von Kemnat.
Senne ist im Prozeß gegen die sieben Angeklagten als Gutachter bestellt. Die meisten von ihnen kennt der Pädagoge seit Jahren. Den 25jährigen Thomas Wede beispielsweise, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft den Albaner zu Tode geprügelt hat.
Wede hat eine lange Vorstrafenliste: 13 Eintragungen weist das Bundeszentralregister aus, allein 6 Urteile führt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift auf, die meisten ergingen wegen Körperverletzung.
Zerrüttete Familienverhältnisse, ein Vater, der sich im Gefängnis das Leben nahm, Sonderschule, Heimkarriere, abgebrochene Metzgerlehre - Wedes Lebenslauf erklärt sich vor allem aus einem desolaten sozialen Umfeld, politisch ist er vor der Tat kaum aufgefallen, sowenig wie sein ebenfalls angeklagter Bruder Roland.
Rechtsradikales Gedankengut brachten wohl vor allem die drei Angeklagten Michael Drigalla, Frank Neumann und Rene Jähn, 20, in die Stammtischrunde. Neumann war nach Erkenntnis der Polizei bereits an Schlägereien mit Asylbewerbern daheim im sächsischen Rackwitz beteiligt. Dort hörte er auf den Spitznamen "Schönhuber".
Der Albaner Berisha wurde nur zufällig Opfer der Bande: Seine Unterkunft befand sich am Weg zum Asylantenheim, zu dem die betrunkenen Schläger eigentlich wollten. Die Haustür stand offen.
Der Gastarbeiter, der schon seit über 20 Jahren seinen Wohnsitz in der Bundesrepublik hatte, im Tiefbau Rohre verlegte und Monat für Monat die Hälfte seines Lohnes (2500 Mark netto) nach Hause an seine Familie schickte, lag im Bett, als ihn die tödlichen Schläge trafen.
An Erklärungen für die "Schandtat" (so der Stuttgarter Ministerpräsident Erwin Teufel) fiel Politikern und Pädagogen vor dem Prozeß, der auf sechs Verhandlungstage angesetzt ist, nicht viel ein.
Die 5000-Einwohner-Gemeinde Kemnat vor den Toren Stuttgarts hat nicht mehr soziale Probleme als die meisten deutschen Kleinstädte; die Arbeitslosigkeit ist niedrig, sie beträgt 3,8 Prozent. Der Republikaner-Anteil lag mit 10,2 Prozent bei der letzten Landtagswahl 1992 knapp unter dem Landesdurchschnitt von 10,9 Prozent.
Näherer Aufschluß über die Seelen-Lage der deutschen Gesellschaft ist auch vom Prozeß kaum zu erwarten.
Die Polizei verbreitete gleich nach dem Verbrechen: "Es steht eindeutig fest, daß für die Tat keine politischen Hintergründe in Betracht kommen." Die Staatsanwaltschaft hält es in ihrer Anklageschrift für möglich, daß "eine gewisse Gruppendynamik" die Tat mit ausgelöst hat.
Der Ausgang des Stuttgarter Prozesses könnte Auswirkungen auf weitere Verfahren haben: Vor dem Oberlandesgericht Schleswig etwa steht der Mordprozeß gegen jene beiden Rechtsradikalen an, die zum bösen Symbol neudeutschen Fremdenhasses geworden sind - die mutmaßlichen Täter von Mölln.

DER SPIEGEL 17/1993
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