11.05.1992

„Nicht den Frieden, sondern das Schwert“

An diesem Sonntag verlangt Reverend Calvin Butts seiner Gemeinde viel ab. Er läßt sie warten auf das erlösende Wort. Er scherzt, er singt, er betet. Doch die Gesichter dort unten bleiben gespannt. Es ist, als wären die Gläubigen noch benommen von einer sinnlosen, trostlosen Orgie der Gewalt.
Sie sitzen in den dunklen Bänken und stehen in den Gängen der Kirche, die für die Schwarzen in Harlem ein Bollwerk ist gegen die Armut und die Drogen und die Kriminalität. Ein letzter Brückenkopf der Fürsorge in einem Stadtghetto, das von der Politik in den letzten zehn Jahren aufgegeben wurde, Harlem genauso wie Miami oder South Central Los Angeles. Hier, wo die Lebenserwartung nicht höher ist als in Bangladesch, haben sie sich versammelt, um zu Gericht zu sitzen: über das Urteil einer weißen Jury und über ein System, das von Weißen für Weiße gemacht wurde.
Seit den Tagen der Sklaverei sind die Kirchen eine Stätte der Geborgenheit. "Sie sind das Herz der Schwarzen", sagt der Baptisten-Pastor Alfred Smithing aus Oakland.
Diese Kirchen kämpfen nicht nur um Seelen, sondern um irdische Gerechtigkeit. Sie proben Demonstrationen, legen Fonds für Bürgerrechtler an, übernehmen Wohlfahrtsaufgaben, wo der Staat versagt. Die größte Schwarzen-Organisation des Landes ist eine Kirche: der Nationale Baptisten-Konvent mit 7,5 Millionen Mitgliedern. Rund 22 Millionen Schwarze (von insgesamt 30 Millionen) gehen regelmäßig in die Kirche. "Und die Kirchen werden in den nächsten zehn Jahren in den Himmel wachsen, weil die Menschen sich an niemanden sonst wenden können", prophezeit Calvin Butts' Pastorenkollege Larry Little aus Baltimore.
Unter den rund 400 Kirchen in Harlem nimmt die "Abessinische" eine Sonderstellung ein. Schwarze Kaufleute haben sie in den Tagen der Apartheid gegründet; sie mochten nicht länger hinnehmen, daß sie bei den weißen Baptisten auf gesonderten Bänken zu sitzen hatten.
Die Chöre und Solisten der Abessinischen Kirche singen in der Carnegie Hall. Und ihre Reverends machen Politik, Pastoren, die wie Adam Clayton Powell die Bürgerrechtsbewegung in New York anführten. Und nun ist es Reverend Calvin Butts, dessen Stimme die profilierteste in ganz Harlem ist.
Calvin Butts, 42, ein federnder junger Intellektueller mit scharfem Verstand und dem Charisma eines Filmstars. Butts, der in New Jersey seinen Doktor der Philosophie gemacht hat und nun Bauprojekte und Armenküchen in seiner Gemeinde leitet, der ein Basketball-Crack ist und der vom Politlobbyismus ebensoviel versteht wie von Hakenwürfen in den Korb. Calvin Butts, vom Manhattan, Inc.-Magazin bereits zweimal als New Yorker "power broker" aufgeführt, ist eine Macht. Die Kirchgänger verehren ihn, sie lieben ihn.
An diesem Sonntag nach den Aufständen, den Plünderungen, den Bränden liegen Ratlosigkeit und Wut in den Gesichtern und die Erwartung einer Antwort, eines Kampfaufrufes vielleicht, eines Aufschreis.
Doch Calvin Butts, der an den jungen Sidney Poitier erinnert, steht dort vorn in seiner blauen Robe, senkt den Kopf, und er stellt die härteste aller Forderungen: "Lasset uns beten für unsere Feinde, auch für die Jury, die das tragische Urteil im Rodney-King-Prozeß gefällt hat, auch für die Polizisten, lasset uns beten." Und die Gemeindemitglieder murmeln: "Amen."
Butts fährt fort: "Lasset uns beten für die Toten in Los Angeles und für ihre Familien, für unsere Stadt und Bürgermeister Dinkins." "Amen", antworten sie, und dann singt der Chor, 80 Frauen und Männer in roten Roben, die "Schöpfung" von Haydn.
Eine Messe der Versöhnung? Vielleicht, für einige. Eine Messe des resignativen Gottvertrauens? Nie und nimmer, für keinen der tausend Gläubigen. Denn nun kommt Calvin Butts zur Sache. Nun gibt er, worauf sie alle warten: "Wir dürfen nicht alles Gott überlassen", sagt er und hebt die Stimme: "Jesus hat sich eingemischt in die Angelegenheiten der Gesellschaft." Rufe kommen aus den Bänken: "Jesus sagt, ich bin nicht gekommen, euch den Frieden zu bringen, sondern das Schwert."
Dann liest Butts Namen vor - von Teenagern, von jungen Malern, von Studenten, von Obdachlosen, die nichts gemeinsam haben, außer daß sie schwarz sind und tot. Umgekommen durch Polizistenhände, und alle diese Polizisten waren weiß und wurden freigesprochen. Einer, sagt Butts, konnte ein Gutachten beibringen, daß sein Finger, der den Abzug gedrückt hatte, in einem epileptischen Anfall zitterte. Der Kirchensaal kocht.
"Wenn ihr noch nicht von der Polizei verprügelt worden seid", sagt der Prediger und läßt seinen Blick über die herausgeputzten Gemeindemitglieder schweifen, "dann habt ihr einfach Glück gehabt bisher." Hinter ihm bündelt sich Licht, das durch die Kirchenfenster fällt, blau und glutrot und grün, und Butts spielt mit den Stimmungen seiner Gemeinde in allen Farben der Rhetorik.
"Wir Schwarzen haben in diesem Land keine Chance. Wir alle haben das Video gesehen. 56 Schläge in 81 Sekunden!" Nun stehen sie in den Bänken und feuern ihren Reverend an; schließlich ist dieser Gottesdienst doch noch ein Gospel der Wut, aber mehr noch des Schmerzes: über das Unrecht eines Urteils und das noch größere Unglück sinnloser Gewalt.
Calvin Butts ist kein populistischer Scharfmacher wie Al Sharpton, der beleibte und schwerberingte Box-Promoter-Typ, der den Mob mobilisiert für seine Sache. Butts predigt nicht blinde Gewalt. Er will die kontrollierte Aktion.
"Es macht keinen Sinn, die eigene Nachbarschaft niederzubrennen", sagt er. Er spricht über die Wahlen. "Selbst wenn Clinton oder Brown nicht gerade Offenbarungen sind - sie sind Alternativen zu Bush. Unsere Aufgabe wird es sein, George Bush zu stürzen."
Dann erinnert er an den Kampf Martin Luther Kings und an die Aktionsformen gewaltfreien Widerstandes. Er predigt zivilen Ungehorsam. "Laßt uns alle nach Washington marschieren am 16. Mai, laßt uns diesem Land zeigen, daß es so nicht weitergeht! Laßt uns Sand im Getriebe sein, laßt uns verhindern, daß man nach diesen Explosionen der Gewalt wieder zur Tagesordnung übergeht."
Der staubgraue Schmerz und die Irritation sind aus den Gesichtern gewichen. Sie strahlen. Sie rufen ihm zu: "Zeig uns den Weg, Prediger!"
Butts spricht lange an diesem Sonntagmorgen. Er bündelt die Energien, um sie dorthin zu lenken, wo sie von Nutzen sind. Er beschwört seine Gemeinde, um ihr am Schluß einzupflanzen, was er für das Wichtigste hält: "Eine Bewegung ohne moralisches Fundament ist nichts. Wir müssen kreativ sein, und wir müssen das Rechte wollen. Dann können wir die Stadt, das Land auf den Kopf stellen."
Kurz darauf sitzt der Priester in seinem Büro und empfängt Besucher. Bis auf die Straße hinaus stehen die Wartenden, manche nur, um ihm die Hand zu drücken. Die Wände des Vorzimmers sind mit Anerkennungen, Preisen und Urkunden gepflastert wie sonst nur Vereinszimmer erfolgreicher Baseball-Klubs.
Ob er glaubt, daß an diesem Sonntag das Fundament einer neuen Bewegung gelegt wurde? "Genau darauf hoffen wir. In allen Kirchen in diesem Lande. Auf eine neue Bürgerrechtsbewegung. Auf eine Wiederbelebung des Erbes von Martin Luther King. Und es wird keine rassistische Bewegung sein, sondern eine für alle Unterdrückten."
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 20/1992
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