18.10.1993

ComicsHehehe, uhuhuhu

Die Zeichentrickfiguren Beavis und Butt-Head bringen das amerikanische TV-Publikum in Wallung.
Sie sind dumm, brutal und gemein: Mit einem Frosch spielen sie Baseball, einen Pudel stopfen sie in die Waschmaschine und kotzen anschließend auf den Kadaver, einen um Gnade zirpenden Grashüpfer zerteilen sie mit der Kettensäge, und ihren Kakadu werfen sie einem Hund zum Fraß vor.
Wenn sie gerade mal kein Tier quälen und kein Dynamit in die Kloschüssel werfen, lümmeln sie auf ihrem hellroten Plüschsofa, bezichtigen sich gegenseitig des Furzens und sehen Heavy-Metal-Musikvideos. Schnelle Clips kommentieren sie mit "cool", langsame mit "that sucks" (ätzend), und in diese zwei Kategorien teilt sich ihre ganze Welt.
Beavis und Butt-Head (etwa: Vollidiot und Arschgesicht) heißen die beiden mit häßlichem Kritzelstrich gezeichneten pubertierenden Comicfiguren. Als Max und Moritz der neunziger Jahre sind sie die neuen Anti-Helden des Musiksenders MTV. Täglich eine Stunde lang pöbeln und kichern sich die "Vorstadt-Heavy-Metal-Delinquenten" (The New York Times) durch ihre Sendung, und die jungen Zuschauer kichern mit: Innerhalb eines halben Jahres stieg "Beavis und Butt-Head" zum populärsten MTV-Programm in den USA auf.
Schüler imitieren das typische Lachen (Beavis: "Hehe, hehehe", Butt-Head: "Uhuhuhu"), der Devotionalien-Handel verhökert T-Shirts, Puppen, Schlüsselanhänger und Kalender. Selbst Starmoderator David Letterman reichert seine nächtlichen Sendungen mit B&B-Gags an, und der Time-Pop-Kolumnist Kurt Andersen lobte die Comicserie als "mutigste Show, die jemals im amerikanischen Fernsehen gelaufen ist".
Die Washington Post dagegen wähnte das US-Publikum in Gefahr und fragte: "Wird die westliche Zivilisation überleben?" Das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek jammerte mit und warnte in einer Titelgeschichte über die beiden Dumpfbeutel vor dem Ende der TV-Kultur: "Ein Müll-Phänomen" sei dieses "intelligent gemachte dumme Fernsehen".
Die Zeitschrift versuchte gar nachzuweisen, daß die beiden Loser die Jugend ernsthaft gefährdeten: Kinder seien Butt-Heads Aufforderung "Hey, Beavis, laß uns zu Stuart rübergehen und einen Kracher im Hintern seiner Katze anzünden" gefolgt und hätten ein unschuldiges Tier in die Luft gesprengt. Ein kalifornischer Lotto-Millionär ließ daraufhin zur Kanalisierung des Massenprotests eine Telefon-Hotline schalten - MTV verbannte die Katzenepisode ins Archiv.
Auch für zwei von B&B-Fans gelegte Brände, bei denen ein kleines Kind ums Leben kam und ein Haus abbrannte, machten Feuerwehrleute die "schwachsinnigen, anal-fixierten Pyromanen" (so die englische Pop-Zeitschrift The Face) Beavis und Butt-Head verantwortlich.
Erfinder und Sprecher der pickligen Star-Idioten mit den Problem-Haaren ist Mike Judge, 30, ein ehemaliger Physikstudent. Er ist ein typischer Vertreter der "Generation X" - jener jungen Leute, die sich wegen der amerikanischen Wirtschaftskrise mit unterbezahlten McJobs durchschlagen, sich als Versager fühlen und Zynismus zur Lebensphilosophie gemacht haben. "Tragödie plus Gegenwart" ist Judges Interpretation der Beavis- und Butt-Head-Episoden, die das Gegenprogramm nicht nur zu Clintons Propaganda vom besseren Amerika, sondern auch zum politisch korrekten Image von MTV sind. Und deshalb geben die beiden ideale Identifikationsfiguren für gelangweilte Teenager mit undifferenziertem Welthaß ab.
Einen Film über von der Zivilisation bedrohte südamerikanische Indianer kommentiert Butt-Head mit "Oh, barbusige Stammesfrauen", den Namen "Juan" übersetzen die beiden mit "Burrito", der mexikanischen Variante eines Hamburgers. Sie haben nicht den geringsten Durchblick, wühlen aber zielsicher in Amerikas Wunden, wenn sie sich beispielsweise über das Space-Shuttle-Unglück lustig machen - Butt-Head zündet einen Kracher unter einer Rakete an und sagt: "Und so endete die erste Reise einer Lehrerin ins All."
Auf eine Art ist die Serie dennoch politisch korrekt: Sie erinnert Amerika an seinen Sexismus und Rassismus und die anderen verdrängten Probleme, und wenn Beavis und Butt-Head sich eine Fernsehwerbung für Waffen anschauen, daraufhin sofort Gewehre kaufen und versehentlich einen Jumbo-Jet abschießen, dann ist die Sendung nichts anderes als Reality-TV mit den Mitteln des Cartoons.
Vor allem aber halten die zwei Metaller einem Publikum den Spiegel vor, das genauso stumpfsinnig wie sie auf dem Sofa dahingammelt und sich an MTV-Videos ergötzt - "eine Hand an der Fernbedienung", wie The Face die Grundstellung beschreibt, "die andere in den Shorts". Y

DER SPIEGEL 42/1993
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