10.02.1992

BulgarienSüße Kugel

Der Regenschirmmord wird aufgeklärt - Moskau hat mitgewirkt. Um das Tatmotiv ranken sich die tollsten Agentengeschichten.
Der Tote auf der Bank unter dem Partisanendenkmal in Lesitschewo, 100 Kilometer südöstlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia, trug eine Generalsuniform. Im Revolver zu seinen Füßen fehlte eine Kugel.
Selbstmord durch einen Schuß in die rechte Schläfe, konstatierte die Polizei.
Für die bulgarische Justiz war der Vorfall im Januar ein herber Schlag. Denn der General, Stojan Sawow, sollte nur zwei Tage später vor Gericht aussagen - im Prozeß um den Tod des bulgarischen Schriftstellers und Dissidenten Georgi Markow, der vor 13 Jahren in London vom bulgarischen Geheimdienst ermordet worden war.
Emigrant Markow stand am 7. September 1978 auf der Waterloo-Brücke und wartete auf den Bus, als er einen Stich im Oberschenkel verspürte. Ein Fremder habe ihn mit einem Regenschirm gestochen, erzählte er einem Freund.
Vier Tage später starb Markow. Bei der Obduktion fanden die Ärzte in seinem Oberschenkel ein Platinkügelchen von 1,7 Millimeter Durchmesser mit zwei winzigen Öffnungen, die das Pflanzengift Rizin enthielten. Wahrscheinlich war die Kugel mit einer Umhüllung aus Zuckerguß versehen, die sich durch die Körperwärme aufgelöst und das Gift freigegeben hatte.
Der Fall machte weltweit als Regenschirmmord Schlagzeilen - und wurde in Sofia als Staatsgeheimnis gehütet. Mit der politischen Wende in Bulgarien aber begann die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit: Seit Oktober 1990 wird auch im Fall Markow ermittelt.
Eine Untersuchungskommission unter der Leitung von General Leonid Kazamunski stieß bei ihren Nachforschungen auf heftigen Widerstand in dem noch immer kommunistisch dominierten Staats- und Sicherheitsapparat. Gleich zu Beginn stellten die Ermittler fest, daß die Markow-Akten - sechs dicke Ordner - aus dem Archiv verschwunden waren. Der frühere Vize-Innenminister General Sawow und sein damaliger Geheimdienstchef General Todorow hatten sie bereits im Januar 1990 entwendet.
Todorow suchte im vorigen Jahr aus "gesundheitlichen Gründen" Zuflucht in Moskau. Bulgarien forderte seine Auslieferung; im November kehrte er zurück und wurde festgenommen. Er gab zu, die Markow-Unterlagen vernichtet zu haben, weil sie "weder operative noch historische Bedeutung" hätten. Ein Stasi-Genosse, der etwas anderes hätte aussagen können, starb nun auf der Parkbank - der Zeuge General Sawow.
Dafür fand sich ein anderer Mitwisser. Diese Woche will der Ex-Abteilungsleiter der Gegenspionage im Sowjetgeheimdienst KGB, Generalmajor Oleg Kalugin, vor dem Untersuchungsrichter in Sofia beeiden, was er bereits in Rußland in Interviews kundgetan hatte: Sein Arbeitgeber war, was die sowjetische Seite bisher immer strikt bestritten hatte, am Regenschirmmord beteiligt.
Kalugin hatte sich rechtzeitig von seinen Spießgesellen abgesetzt: Bereits 1990 beschuldigte er das KGB, die Demokratisierung in der Sowjetunion zu sabotieren und den Umsturz zu planen. Ein Jahr später im vorigen August gab ihm die Geschichte recht.
Mit dunklen Verlautbarungen über nach wie vor vorhandene US-Kriegsgefangene in Vietnam warb Kalugin in den USA für seine recht banalen Memoiren, Anwürfe gegen den SPIEGEL mochte er nicht belegen. Doch im Markow-Fall glaubt er sich genau erinnern zu können: Mit der Bitte um "brüderliche Hilfe" habe sich der bulgarische Geheimdienst an das KGB gewandt.
Dessen damaliger Chef Jurij Andropow zögerte zuerst, so Kalugin, wurde jedoch von seinem engen Mitarbeiter und späteren Nachfolger Wladimir Krjutschkow überredet. Als Drahtzieher des gescheiterten August-Putsches gegen Gorbatschow wartet Krjutschkow _(* Vor dem KGB-Hauptquartier Lubjanka in ) _(Moskau 1990. ) heute im Gefängnis auf ein Verfahren wegen Verschwörung.
Auf Befehl will Kalugin 1978 zwei KGB-Agenten mit den Mordwerkzeugen nach Sofia geschickt haben. Gift und Regenschirm stammten aus dem berüchtigten Labor Nummer 12 in Moskau, das sich ausschließlich mit heiklen KGB-Operationen befaßte.
Die bulgarischen Agenten probierten den todbringenden Regenschutz zuerst in Paris aus - zwei Wochen vor dem Markow-Anschlag. Dort hieß ihr Opfer Wladimir Kostow, ebenfalls Dissident und Mitarbeiter von Radio Free Europe in München. Die Giftkapsel drang in seinen Rücken, doch er überlebte - wahrscheinlich war die süße Umhüllung beschädigt und das Gift vor dem Abschuß herausgeflossen.
Fehlversuche gab es auch im Fall Markow, enthüllte Ex-KGB-Offizier Oleg Gordjewski in einem Buch über den sowjetischen Geheimdienst. Monate vor dem Schirm-Attentat strich man Markows Wohnung mit einer giftigen Substanz, berichtet Gordjewski, der 1985 in den Westen übergelaufen war. Markow erkrankte, erholte sich aber wieder.
Die Hinweise auf die Moskau-Connection des bulgarischen Geheimdienstes sind nicht der einzige Erfolg der breit angelegten Ermittlungen im befreiten Balkanland - allein im vorigen Jahr verhörten die Untersuchungsbeamten 200 Geheimdienstagenten, unter ihnen 47 Generäle. Die wichtigsten Erkenntnisse hat Untersuchungsführer Kazamunski auf 3000 Seiten zusammengefaßt.
Vor allem glauben die Ermittler, den Regenschirm-Mörder geortet zu haben. Er lebt in Sofia und bezieht eine Rente vom Innenministerium.
Seine Identifizierung gelang mit Hilfe eines Fotos aus den Archiven des britischen Geheimdienstes, der in den siebziger Jahren alle östlichen Diplomaten bei der Ein- und Ausreise ablichtete. In Zusammenhang mit dem Attentat fiel den Briten ein bulgarischer Diplomat auf, der am Mordtag aus Prag einreiste und am Tag nach dem Anschlag zurückflog. Ihn erkannte der Ex-Agent Pentscho Spassow auf dem Foto als Mitarbeiter des Geheimdienstchefs Todorow.
Das Unterfangen, Drahtzieher des Mordes an Markow beweiskräftig zu demaskieren, stößt allerdings nach wie vor auf Sabotage: Von den 6000 Mitarbeitern des alten Staatssicherheitsdienstes haben die meisten ihre Posten behalten. "Sie geben nur soviel Informationen heraus, wie unbedingt nötig", klagt die Staatsanwältin Ani Krulewa. "Wer ermittelt schon gern gegen sich selbst."
Auch das Bürgerkomitee zur Verfolgung von Korruption und Machtmißbrauch ist skeptisch: Erst wenn der alte Geheimdienst zerschlagen sei, könnten die mysteriösen Fälle geklärt werden.
General Kazamunski glaubt aber noch weitere Trümpfe in der Hand zu haben. Die Ermittler entdeckten kürzlich ein Dekret des Politbüros vom Juli 1977, das den Einsatz "aller Mittel" zur Neutralisierung von regimekritischen bulgarischen Emigranten genehmigte. Weil das Schriftstück die Unterschriften von Ex-Staatschef Todor Schiwkow und seines Innenministers Dimitar Stojanow trägt, will Kazamunski die beiden Politiker der Anstiftung zum Mord anklagen.
Die Folgen dieses Dekrets: Der Geheimdienst, der sich bis dahin damit begnügt hatte, die regimekritischen Emigranten gewaltsam heimzuholen, hinterließ fortan in ganz Europa eine blutige Spur. Todesurteile wurden auch im Ausland vollstreckt, von Killern.
Doch warum mußte Markow sterben? Der Schriftsteller war einst mit Staatschef Schiwkow befreundet gewesen. Im Ausland arbeitete er für die bulgarische Abteilung der BBC, für Radio Free Europe und für die Deutsche Welle.
Alexander Alexandrow, 30 Jahre bulgarischer Top-Agent, behauptet: "Markow war unser Mann." Die regimekritische Arbeit sei nur Tarnung gewesen. Markow habe aber ein absolutes Tabu verletzt - er machte sich über Schiwkow lustig. Dafür habe er büßen müssen.
Alexandrow spricht aus Erfahrung: Er habe selbst den Kodex des Geheimdienstes verletzt und sei dafür bestraft worden. Als Warnung habe ihm die Stasi einen Lungenflügel entfernen lassen.
Die Fernsehjournalisten Wladimir Bereanu und Kalin Todorow behaupten ebenfalls, Markow sei ein bulgarischer Spion gewesen. In ihrem Buch "Who killed Markow", das in Großbritannien erscheinen soll, zitieren sie ein Schreiben, in dem sich Markow für einen gerade angeworbenen Agenten verbürgt.
Sie entwerfen noch eine neue Theorie: Markow soll gleichzeitig auch für den britischen Geheimdienst gearbeitet haben. Als die Bulgaren davon erfuhren, ließen sie ihn umbringen.
Der britische Geheimdienst sei über das geplante Attentat auf Markow andeutungsweise informiert gewesen: Kurz vor dem Anschlag hätte der stellvertretende Außenminister Bulgariens den britischen Botschafter gewarnt, Bulgarien werde zu schärferen Maßnahmen greifen, wenn London das Geschwür Markow nicht umgehend beseitige.
Balkanische Geschichten: In Sofia hält sich das Gerücht, die verschwundenen Akten Markows hätten auch andere Geheimnisse lösen können - gemeint sind Hinweise auf das Papstattentat in Rom 1981. KGB-Kalugin hält dies für "absurd". Doch auch auf Kalugin ist kein Verlaß. o
* Vor dem KGB-Hauptquartier Lubjanka in Moskau 1990.

DER SPIEGEL 7/1992
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