10.08.1992

Unterm Leichentuch

Ceausescu-Terror und die „Judith“-Geschichte aus dem Alten Testament - blutige Bibelstunde im ZDF.
Wenn Wildgänse über Hausgänse hinwegziehen, recken die domestizierten, zum Fliegen zu schwer gewordenen Tiere die Hälse und schlagen mit den verstümmelten Flügeln, als wollten sie den Artgenossen am Himmel folgen.
Das ornithologisch nicht verbürgte Bild stammt von einem deutschen Fernsehspielchef und soll ein Gleichnis für das sein, was die sehr deutsche Institution Fernsehspiel angesichts sinkender Zuschauerzahlen und dennoch ungebrochenen Hochkulturanspruchs gern wäre: Künderin eines wahren Lebens voller stolzer Gefühle und heroischer Taten, zu dem sich verfettete Normalbürger zwar nicht mehr aufschwingen können, nach dem sie sich aber dennoch sehnen.
Um so hoch über der Realität durch den Äther zu rauschen, ist den Nils Holgerssons der TV-Anstalten auf der Suche nach dem wahren Leben kein Buch zu verstaubt und keine Montage zu kühn. Da kramen sie, wie jetzt beim ZDF, sogar die Bibel hervor, und siehe: Die Mainzer wurden im Buch der Bücher dreimal fündig.
Als fernsehfähig erkannten die Bibelforscher die Stoffe von Abrahams Frau Sara samt Magd Hagar, von Maria-Mutter Anna und, unter den Apokryphen, das Buch der jüdischen Heldin Judith.
Letztere Trouvaille wird an diesem Montag (19.30 Uhr) unter dem Titel "Judith" gesendet, die beiden anderen "biblischen Frauengeschichten" (Senderankündigung) folgen später. Judith war die schöne Witwe, die ihre Landsleute von der tödlichen Bedrohung durch den Nebukadnezar-Feldherrn Holofernes befreite. Sie tat, was Männerphantasien rotieren läßt: Auf dem Liebeslager schnitt sie dem feindlichen Krieger den Kopf ab. Die Haupt-Sache von damals präsentiert das ZDF als modernen Politkrimi.
Drehbuchautorin Dorothee Dhan, beim Südwestfunk bereits mit einigen Fernsehspielen hervorgetreten, mischt die Heldengeschichte von der treuen Dienerin Gottes mit ganz modernen Teufeln auf: Nebukadnezar ist der Rumänien-Dracula Ceausescu, Holofernes ein schmierig lächelnder Boß des Geheimdienstes Securitate, der im Westen als Leiter einer Handelsdelegation auftritt, und Judith eine ehemalige Siebenbürgerin, die ihren Mann und alle ihre unterdrückten Landsleute durch den Mord an dem Conducator-Knecht rächt.
Die patriarchalische Männergesellschaft, voller latenter Angst vor Frauen, faszinierte an der biblischen Judith-Gestalt die bedrohliche Mischung aus Grausamkeit und Schönheit, aus Liebreiz und Tücke. Verzückt beschreibt der alte Text, wie Judith sich wäscht, mit köstlichem Wasser salbt, ihre Haare flicht, sich mit Spangen und Geschmeide schmückt ("nicht aus Vorwitz, sondern Gott zu Lob"), um dann drastisch zu schildern, wie sie den trunkenen Holofernes umbringt: "Und sie hieb zweimal in den Hals mit aller Macht und schnitt ihm den Kopf ab . . . ging heraus und hieß ihre Magd das Haupt in ihren Sack stoßen."
In der Fernseh-"Judith" wird der mörderische Kontrast abgeschwächt. Zwar setzt das Spiel (Regie: Konrad Sabrautzky) voller Brunst die kosmetische Aufrüstung der Rächerin (Barbara _(* Mit Barbara Auer (M.) und Viorel ) _(Illiescu (r.). ) Auer) ins Bild, bevor sie sich zu dem liebestrunkenen transsilvanischen Ungeheuer (Viorel Illiescu) ins Hotelzimmer begibt. Die Darstellung des blutrünstigen Geschehens beschränkt sich hingegen auf diskrete Andeutungen: Ein Tranchiermesser mit gebrochener Rosenblüte erscheint, das für den Zuschauer nur ahnbare Haupt des Ceausescu-Holofernes entsorgt ein mitverschworener Leibwächter (Klaus J. Behrendt) im blauen Müllsack.
Mag die optische Entschärfung der alten Geschichte hingehen - daß die Fernsehfassung auch die seelischen Untiefen einebnet, durch die Judith gehen muß, um ihren Tyrannenmord zu begehen, irritiert. Helden, das jüngste Kursbuch ist voll von solcher Erkenntnis, sind immer auch gebrochen: Sie werden, ohne es gleich zu merken, immer auch von dem besiegt, was sie besiegen.
So hat schon der junge Friedrich Hebbel vor mehr als 150 Jahren in seiner Judith-Tragödie die tragische Verwirrung herausgearbeitet, in die die Heldin gestürzt wird, weil sie im Anblick des Monstrums ihr eigenes überdimensioniertes Wesen entdeckt, das sie ersehnt, aber töten muß. Jean Giraudoux mißtraute in seiner Judith sogar dem Sendungsbewußtsein der Protagonistin: Bei dem französischen Ironiker tötet die Heldin Holofernes nicht aus Haß, sondern aus Protest gegen die Vergänglichkeit der Liebe.
Solche Brechungen leistet sich die Fernsehfassung nicht, zu frisch ist die Gewaltherrschaft Ceausescus in Erinnerung, zu eindeutig der Abscheu. Es ist verhext: Die Aktualisierung des Bibeltextes mit Gegenwartsgeschichte entleert dessen spannende ambivalente Momente. Umgekehrt führt die Ausrichtung der rumänischen Tragödie auf die biblische Vorlage zu unangenehmen Stilisierungen.
Da laufen dann in Dorothee Dhans Spiel bedeutungsschwer dreinblickende Edelmenschen herum und raunen zu Chopin-Musik der Judith Karpatenschwere Sätze wie diesen zu: "Dein Land liegt unter einem Leichentuch, und dieser Sanct Nicolae tanzt darauf mit blutigen Pfoten. Das ist die Botschaft."
Im "Judith"-Spiel des ZDF ist trotz einer intensiv spielenden und verführerisch anzusehenden Barbara Auer die Mischung aus alt und neu mißglückt. Die Wildgänse fliegen, und die Hausgänse bleiben ruhig.
* Mit Barbara Auer (M.) und Viorel Illiescu (r.).

DER SPIEGEL 33/1992
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