26.04.1993

„Bis zum bitteren Ende“

Panic, 59, ist Generalstabschef der Streitkräfte von Rumpf-Jugoslawien, das nur mehr aus Serbien und Montenegro besteht.
SPIEGEL: General, es geht um Krieg oder Frieden, wofür steht Serbien?
PANIC: Wir sind ein souveränes Land, es gibt keinerlei Grund für eine Intervention gegen uns.
SPIEGEL: Haben die Serben mit ihrem brutalen Vorgehen gegen die Moslems im bosnischen Srebrenica eine internationale Intervention nicht geradezu herausgefordert?
PANIC: Srebrenica wurde doch nur als Medienspektakel benutzt, um die Uno-Resolution durchzusetzen, wie vorher im Fall von Sarajevo. Wir wissen, daß die Uno Ziele in Bosnien angreifen will, etwa die Brücken an der Drina . . .
SPIEGEL: . . . die Bosnien mit Serbien verbinden.
PANIC: Die westlichen Militärexperten glauben, daß sie uns mit schnellen Schlägen aus der Luft verängstigen können. Aber wir sind bereit, bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Die können 200 000 Soldaten schicken, wir sind zehn Millionen Serben.
SPIEGEL: Sie sagen immer, der Westen wolle die Serben vernichten.
PANIC: Die Serben sind die größte Nation auf dem Balkan. Das stört viele. Man will uns in Bosnien den Lebensraum nehmen.
SPIEGEL: Derzeit sind es aber die Serben, die mit ihren ethnischen Säuberungen die Moslems aus Bosnien vertreiben.
PANIC: Mit den ethnischen Säuberungen haben die anderen angefangen. Wir besitzen, was uns zusteht, haben vielleicht zehn Prozent mehr. Nach dem Vance-Owen-Plan würden die gesamten Bodenschätze Bosniens den Kroaten und Moslems zufallen und den Serben nur Unkraut und Wälder bleiben.
SPIEGEL: Ist der Vance-Owen-Plan also Makulatur?
PANIC: Dieser Plan sollte akzeptiert werden, doch mit gewissen Einschränkungen. Die strittigen Provinzen müßten bis zu einer politischen Lösung unter Uno-Protektorat gestellt werden.
SPIEGEL: Die Uno beschuldigt die jugoslawische Armee, Bosniens Serben ständig mit Waffen zu versorgen.
PANIC: Das bestreite ich kategorisch. Kein einziger Soldat der jugoslawischen Armee befindet sich in Bosnien. Wir leisten nur humanitäre Hilfe.
SPIEGEL: Und was ist mit den Tschetniks, die in Autobussen aus Serbien an die Front fahren?
PANIC: Das ist etwas anderes, das ist deren Sache. Aber: Es gibt in Bosnien-Herzegowina noch genügend Firmen, die Militärausrüstung produzieren, auf allen drei Seiten. Bosniens Serben sind hervorragende Kämpfer und gut gerüstet.
SPIEGEL: Greift die jugoslawische Armee ein, wenn es zu einer internationalen Intervention in Bosnien kommt?
PANIC: Solange die Grenzen Jugoslawiens nicht gefährdet sind, haben wir keinen Grund, in irgendwelche Kämpfe einzugreifen. Der Westen will wohl in Bosnien das Territorium des einstigen Habsburger Reichs zurückgewinnen. Daran sind vor allem Österreich und Deutschland interessiert - mit ihren Marionetten Tudjman und Izetbegovic.
SPIEGEL: Und Serbien rechnet auf den russischen Bruder - obwohl Außenminister Kosyrew jetzt auch schon energische Schritte gegen Belgrad fordert.
PANIC: Das wird man sehen. Das serbische Volk liebt seine Selbständigkeit und braucht keinen Vormund. Sollen die Russen ruhig ihre Politik führen, die sie für richtig halten. Wir erwarten von ihnen keine Hilfe, wir werden uns selbst zu helfen wissen.
SPIEGEL: Also Serbien gegen den Rest der Welt?
PANIC: Was soll's, gibt es einen Ausweg? Militärisch haben wir vielleicht keine Chance, aber der moralische Sieg ist uns gewiß. Der Westen kann unser Land okkupieren, doch jeden Tag wird es Tote geben.
SPIEGEL: Da sind wir bei der Partisanen-Nostalgie.
PANIC: Wir gehen bis zum Ende. Der Patriotismus läßt uns zusammenstehen. Und was die Sanktionen angeht: Serben können mit einer Scheibe Brot leben und mit einem Lamm am Spieß - wie es die Situation erfordert.
SPIEGEL: In Bosnien werden jetzt auch die Kämpfe zwischen Moslems und Kroaten immer heftiger. Könnte es am Ende zu einem Bündnis von Serben und Kroaten gegen die Moslems kommen?
PANIC: Das wäre die beste Lösung.
SPIEGEL: Warum?
PANIC: Weil sich damit die Frage Bosnien-Herzegowina lösen würde.
SPIEGEL: Auf Kosten der Moslems. Deren Siedlungsgebiete würden sie sich dann aufteilen.
PANIC: Das ist deren Sache, das sollen die machen, wie es ihnen paßt. Die Kroaten nutzen die Moslems aus wie schon im Zweiten Weltkrieg. Und schließlich werden sie die Moslems aus ihren Provinzen herausschmeißen. Darüber gibt es keinen Zweifel.
SPIEGEL: Sie haben unlängst behauptet, auch Europa mag die Moslems nicht.
PANIC: Dazu stehe ich. Vom Kampf im Mittelalter auf dem Amselfeld bis heute sind die Serben der Schutzschild vor dem Islam. Dafür sollte Europa dankbar sein.
SPIEGEL: Sollte der Konflikt auf dem Balkan sich ausweiten, würde dann die jugoslawische Armee versuchen, Slowenien und Kroatien zurückzuerobern?
PANIC: Auf keinen Fall. Den Serben hat dieses Jugoslawien das größte Unheil gebracht. Wir brauchen keine Slowenen, Kroaten oder Moslems durchzufüttern - nur noch die Albaner im Kosovo.

DER SPIEGEL 17/1993
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