02.11.1992

StarsSchwarzer Midas

Bill Cosby ist der reichste Entertainer der Welt. Jetzt will er den amerikanischen Fernsehgiganten NBC kaufen.
In diesen Regionen gelten Stars wie Michael Jackson oder Madonna nur als gutbezahlte Pausenfüller: Wenn das Magazin Forbes jedes Jahr seine Liste der "400 reichsten Menschen Amerikas" veröffentlicht und die Ölmagnaten, Waschmittelkönige und Medienmogule um die Ränge streiten, haben die gelifteten Teenagergötter nichts zu melden. Doch jetzt hat der Klub der wirklich Reichen einen Neuzugang aus der Entertainment-Branche: Bill Cosby, 55.
Mit seiner Seifenoper "Die Cosby Familie" hat der schwarze Fernsehstar in den achtziger Jahren groß abgeräumt - eine Milliarde Dollar hat die Serie umgesetzt. Daß die Show nach acht erfolgreichen Jahren im Frühjahr ausgelaufen ist, heißt nicht, daß sie aufhört, Geld einzuspielen. Allein die Wiederholungen bringen runde 60 Millionen Dollar Werbeeinnahmen jährlich.
Mit einer Fernseh-Spiel-Show legt Cosby, der längst selbst produziert und zur Hälfte an allen Gewinnen beteiligt ist, derzeit kräftig nach. Doch der Showstar (geschätztes Privatvermögen: 300 Millionen Dollar) hat ehrgeizigere Ziele, als nur Fernsehen zu machen. Er will es kaufen, will es besitzen.
Am Mittwoch vergangener Woche ließ Cosby über einen Vertrauensmann den Präsidenten der Fernsehanstalt NBC, Bob Wright, von seinem vorweihnachtlichen Einkaufswunsch unterrichten. Begründung, so Cosbys Agent Norman Brokaw: "Bill liebt das Fernsehen einfach. Und er weiß, was das Publikum sehen will."
Auch wenn der erste Teil der Begründung wenig überzeugend klingt - nicht jeder, der den Petersdom liebt, kauft ihn gleich -, so hat doch der zweite Teil einiges für sich. Es war Cosbys Show, die den trudelnden Fernsehgiganten NBC Mitte der achtziger Jahre vor dem Abstieg rettete. Innerhalb Jahresfrist half Cosby dem Sender im Quotenrennen an den Konkurrenten CBS und ABC vorbei an die Spitze.
In seiner Fernsehrolle als Dr. Cliff Huxtable, der mit einer attraktiven Frau und einer reichen Kinderschar gesegnet war, gab Cosby seinen Zuschauern während der Reagan-Ära das Gefühl, daß der amerikanische Traum trotz allem funktionierte. Die Show war fröhlich und sentimental und jugendfrei. Sie ignorierte so häßliche Probleme wie Drogen oder unerwünschte Schwangerschaften. Doch die großen Familienkrisen, etwa das Sterben des Goldfisches oder die gräßlichen Krawatten zum Vatertag, wurden stets mit Bravour gemeistert.
Die Cosby-Show bot mit ihrer Musterfamilie den Schwarzen ein Rollenmodell an - und den Weißen die Absolution. Vereint um den Thanksgiving-Truthahn, waren doch letztlich alle gleich. Die Seifenoper sonderte große, schillernde Blasen ab, deren letzte an der Wirklichkeit platzen sollte: Der Schlußteil der Serie, in dem der Sohn des Hauses sein College-Zeugnis erhielt, lief zeitgleich mit einer Direktübertragung vom Aufstand in Los Angeles, als das schwarze Ghetto explodierte und die Lebenslüge der Reagan-Ära, die auch die der Huxtables war, in Flammen aufgehen ließ.
Kurz nachdem die Cosby-Show abgesetzt wurde, fiel auch die Fernsehanstalt NBC wieder ans Tabellenende zurück. Hauseigene Topstars wie David Letterman verhandeln seit geraumer Zeit mit anderen Anstalten.
Cosbys Übernahme-Interesse ist so unbegründet nicht: Lieber heute als morgen, so wird seit einiger Zeit spekuliert, wolle sich der Gigant General Electric von dem angeschlagenen Sender trennen, den er 1986 für 6,4 Milliarden Dollar übernommen hatte. Geschätzter Verkaufspreis zur Zeit: vier Milliarden.
Obwohl die NBC-Chefetage prompt erklären ließ, der Sender stehe nicht zum Verkauf, gab der Fernsehstar nicht auf: Nach wie vor, meldete sein Vertrauter Brokaw, werde man nach einer potenten Investorengruppe suchen, um den Sender zu übernehmen. Und er lieferte auch eine präzisere Begründung: Er habe eine "andere Vorstellung von Qualität, besonders was die Darstellung von Schwarzen angeht".
Dr. Huxtable auf der Suche nach einer neuen Identität?
Mr. Mittelstand, der sich auf die Nöte der Ghettos zurückbesinnt? Freunde Cosbys wissen, daß der Aufruhr in Los Angeles den Entertainer tief berührt hat.
Tatsächlich verkörpert Bill Cosby ja all jene Paradoxien, die einen schwarzen Star in einer von Weißen beherrschten Gesellschaft prägen. Cosby, in den Slums Philadelphias geboren, absolvierte College und Navy und tingelte durch die Nachtklubszene des Greenwich Village in den sechziger Jahren, bis er mit der Serie "I spy" (deutscher Titel: "Tennisschläger und Kanonen") schlagartig berühmt wurde.
Er war Establishment, aber er sprach in einem Playboy-Interview aus jener Zeit auch vom "Recht der Schwarzen auf Gewalt". Er vergrößerte seinen Reichtum zielstrebig mit Werbung für Marmelade und Kodak-Filme, aber er sprach bewundernd von schwarzen Aktivisten und Black-Panther-Führern wie Eldridge Cleaver.
Mit seiner Huxtable-Familie hat er den keimfreien schwarzen Mittelstand so überzeugend vorgeführt, daß die Village Voice spöttelte: "Er ist noch nicht einmal schwarz genug, um einen brauchbaren Onkel Tom abzugeben." Trotzdem war es Cosby, der kürzlich mit einer großzügigen Investition dem schwarzen Filmemacher Spike Lee half, den Film über den Radikalenführer Malcolm X zu vollenden. Cosby - der Midas für die schwarze Sache?
Für so unwahrscheinlich hält man es in Branchenkreisen nicht, daß Cosby jene Geldleute um sich zu scharen vermag, die ihn seinem Traum näherbringen - einer eigenen Fernsehanstalt mit besserem Programm.
Nicht unbedingt, weil die Investoren eine "gerechtere Darstellung der Schwarzen" im Auge hätten. Es geht um Einschaltquoten. Cosby weiß wirklich, was das Publikum will. Die Forbes-Liste beweist es.

DER SPIEGEL 45/1992
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