17.02.1992

„Einer im Niemandsland“

Was hatte die Staatssicherheit an Leuten wie mir? Neue Informationen bekam sie nicht. Aufträge konnte sie nicht erteilen. Vermutlich hoffte sie, Einfluß zu nehmen, wies hin auf unerwünschte Aktionen oder auch "staatsfeindliche Personen".
Die Liste der frommen Zuträger ist lang und prominent. Allein in der evangelischen Landeskirche Thüringen zählt der interne Stasi-Vermerk sechs leitende Gottesmänner auf - mit Decknamen, wie es die Konspiration befiehlt: von "Ingo" ("leitender Geistlicher") bis zum Oberkirchenrat "Karl".
Auch im Protestantensprengel Greifswald baute das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf die Mitarbeit eines "leitenden Geistlichen", Deckname "Orion". Im Magdeburgischen war der IM "Platz" zu Diensten, ** Gerhard Besier/Stephan Wolf (Hrsg.): "Pfar- _(rer, Christen und Katholiken. Das ) _(Ministerium für Staatssicherheit der ) _(ehemaligen DDR und die Kirchen". ) _(Neukirchener Verlag; 867 Seiten; 68 ) _(Mark. * Nach einem Besuch in der ) _(Gauck-Behörde, am 31. Januar. ) eine "besonders zuverlässige Informationsquelle", und den als besonders "negativ-feindlich" eingestuften Bischof von Görlitz, Hans Joachim Fränkel, hielten die Aufpasser der SED mit Hilfe von "Wolfgang" ("persönliche Verbindung von Bischof Fränkel") unter Kontrolle.
Die Stasi des Erich Mielke hatte die Kirche im real existierenden Sozialismus fest im Griff. Mehrere tausend "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM) arbeiteten dem Geheimdienst aus Gemeinden und Kirchengruppen, aus Synoden und vertraulichen Sitzungen der Kirchenleitungen zu. Mehr als 100, behauptet Oberst Joachim Wiegand, 59, saßen in den Christengremien ganz oben. "Wir wußten", sagt Wiegand stolz, "fast alles."
Der Ex-Oberst ist kompetent: Wiegand leitete von 1977 bis zum Untergang der Stasi die Abteilung 4 in der MfS-Hauptabteilung XX; die war zuständig für "Kirchen und Religionsgemeinschaften".
Einige der hohen Kirchen-IM sind inzwischen enttarnt. "Ingo" etwa, so enthüllen der Theologe Gerhard Besier und Stephan Wolf von der Gauck-Behörde in ihrem Buch "Pfarrer, Christen und Katholiken"**, trug den christlichen Klarnamen Ingo Braecklein und war zwischen 1970 und 1978 Bischof der Landeskirche Thüringen. Unter "Orion" führte das MfS Braeckleins Amtsbruder in Greifswald, Horst Gienke.
Einer der wichtigsten Kontaktleute der Stasi saß fast 20 Jahre lang im Zentrum der ostdeutschen Christenheit, sein Deckname: "Sekretär". Die Funktion des IM "Sekretär" umschreibt ein Stasi-Papier vom 29. Juli 1974 lapidar mit "leitender Oberkonsistorialrat im Bund", genauer: im Sekretariat des 1969 gegründeten Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.
Sieben Jahre später, anläßlich der Synode der evangelischen Kirche im September 1981 in Güstrow, firmiert IM "Sekretär" in der Stasi-Hitliste der während der Tagung eingesetzten MfS-Lauscher als "leitender Amtsträger des Bundes".
Die Stasi nahm ihren IM "Sekretär" so wichtig, daß nur die Top-Leute der MfS-Kirchenabteilung seinen Einsatz steuerten. So führte in den frühen siebziger Jahren der damalige Chef der HA XX/4, Oberstleutnant Franz Sgraja, den kirchlichen Spitzenfunktionär. Als Sgraja 1977 die Leitung der Abteilung XX/4 abgab und nach Angola ging, übernahm dessen Nachfolger Joachim Wiegand, der sich seinen Inoffiziellen Mitarbeitern unter dem Decknamen "Wagner" vorstellte, auch die Zuständigkeit für den IM "Sekretär". Als Führungsoffizier fungierte der Wiegand-Vize Klaus Roßberg, der seinen Klarnamen nur wenig verfremdete und als "Dr. Roßbach" auftrat.
IM "Sekretär" war stets produktiv. Er berichtete - nach Aktenlage - über Synoden und aus vertraulichen Sitzungen der Leitungsgremien der DDR-Kirche, über Interna der Berlin-Brandenburgischen Kirche und von der Gründung eines "Kontakt-Ausschusses ,SPD und Kirche''" 1976 in Frankfurt am Main, über "negative Handlungen kirchlicher Personenkreise" und Aktionen regimekritischer Pfarrer.
Auch bei weltlichen Anlässen machte sich der "Sekretär" nützlich. Als - im Oktober 1981 - der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, privat Potsdam besuchte, verfertigte er ebenso einen Bericht wie im September 1983 über den Aufenthalt von Ex-Kanzler Helmut Schmidt in der DDR.
Nach Aktenlage kann der hochrangige IM "Sekretär" nur einer gewesen sein, der über all die Jahre Spitzenämter in der evangelischen Kirche der DDR bekleidete: Manfred Stolpe, heute sozialdemokratischer Ministerpräsident von Brandenburg.
Der Jurist Stolpe war schon 1962, drei Jahre nach Abschluß seines Studiums in Jena, Oberkonsistorialrat der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg geworden. 1969 bis 1982 leitete er das Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Anschließend wurde er Präsident des Konsistoriums Berlin-Brandenburg und stellvertretender Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen (KKL). Beides blieb er bis zum Untergang der DDR.
Am Donnerstag letzter Woche enttarnte Ex-Oberst Wiegand, nachdem Stolpe die Recherchen von SPIEGEL und SPIEGEL TV bekanntgeworden waren, seinen Mann offiziell - und stellte ihm zugleich einen Persilschein aus.
Im Beisein des stellvertretenden Leiters der Gauck-Behörde, Hansjörg Geiger, teilte der Ex-Stasi-Mann dem Ministerpräsidenten von Brandenburg mit, der sei seit Anfang der siebziger Jahre von der Abteilung XX/4 unter dem Decknamen "Sekretär" als IM geführt worden, ohne es zu wissen. Unter der Bezeichnung "Sekretär" habe die Stasi Informationen aus der Kirche gesammelt, indem Stolpe systematisch "abgeschöpft" worden sei. Insgesamt, so Stolpe zum SPIEGEL, habe die XX/4 nach Wiegands Angaben elf derartige Kirchen-IM der "Sonderkategorie" betreut, die von ihrem Job nichts gewußt und nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hätten.
Stolpe beteuerte am Freitag letzter Woche, die Stasi habe "überhaupt nie" versucht, ihn anzuwerben. Trotzdem räumte er ein: "Die Sache ist schon brisant."
Die Stasi-Akten über den IM "Sekretär" könnten den SPD-Mann in der Tat in Verlegenheit bringen. Denn sie legen nahe, daß Stolpe das MfS viele Jahre ausführlich über kirchliche Interna informiert hat.
So legte die MfS-Abteilung XX/4 im Juli 1974 in einem "Maßnahmeplan zur Realisierung einer politisch-operativen Zielstellung in Vorbereitung des 25. Jahrestages der DDR" fest, wie mit Hilfe mehrerer IM eine der SED genehme Erklärung der Kirche zum Staatsjubiläum formuliert werden sollte.
Die "Erarbeitung einer Erklärung", heißt es in dem Dokument, "wird wie folgt organisiert": Über die IM "Karl" (Deckname für den Thüringer Oberkirchenrat Gerhard Lotz), "Orion" (den Greifswalder Bischof Gienke) und "Sekretär" habe die Abteilung XX/4 bereits erreicht, "daß sich die Konferenz der Kirchenleitungen bei ihrer Tagung vom 12. bis 13. 7. 1974 in Berlin für die Abfassung einer Erklärung zum 25. Jahrestag aussprach und dazu erste Thesen festlegte".
Der Vorstand der Konferenz der Kirchenleitungen sei beauftragt, einen Entwurf zu erarbeiten. "Auf die Abfassung dieses Entwurfs" werde durch die IM "Sekretär" und "Karl", so das von Sgraja und Roßberg unterzeichnete Papier weiter, "Einfluß genommen".
Die Verwirklichung des Plans verlief offenbar erfolgreich: Gegen den "ersten Entwurf einer Grußadresse an den Staatsratsvorsitzenden", der nach einer internen MfS-Information "von den staatlichen Organen abgelehnt" wurde, verwahrten sich die "positiv und realistisch denkenden Kräfte in den evangelischen Landeskirchen". Namentlich erwähnt werden unter anderem die Bischöfe Braecklein und Gienke sowie Oberkirchenrat Lotz - die IM "Ingo", "Orion" und "Karl".
Die Erklärung wurde, wie von der Stasi gewünscht, verabschiedet. Der Vorstand des Bundes der Evangelischen Kirchen drückte "Freude" darüber aus, "daß die Deutsche Demokratische Republik im 25. Jahr ihrer Existenz sich uns als ein gefestigter, erblühender, international anerkannter und geachteter Staat darbietet, der auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens . . . Beachtliches leistet".
Bisweilen hatten die Berichte der IM offenbar vorrangig die Funktion, deren Aktivitäten ins rechte Licht zu rücken. So trug IM "Sekretär" 1978 der Stasi zu, daß bei einem Pressegespräch mit westlichen Journalisten "Oberkonsistorialrat Stolpe (Berlin) eine positive Erklärung zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat in der DDR" abgegeben habe.
Auch 1981 sollte IM "Sekretär" ein wichtiges Bischofswort mitformulieren. Der "Schwerpunkt des instruierenden Treffs", so die Notiz in einem Operativplan, habe darin bestanden, "den politisch relevanten Inhalt des Berichtes des Vorsitzenden der KKL", Bischof Albrecht Schönherr, zu beeinflussen. Niemand war dafür besser geeignet als Stolpe, der als Sekretär des Kirchenbundes die rechte Hand von Schönherr war.
Die Stasi verfügte zudem über Papiere, die den Entstehungsprozeß kirchlicher Beschlüsse dokumentieren. So befindet sich in den Akten beispielsweise die "Auswertung des Sachgesprächs zum Thema ,Sozialistische Lebensweise'' vom 9. 12. 1982" in verschiedenen Entstehungsstadien, vom ersten Entwurf bis zur verabschiedeten Fassung. Der Entwurf enthält handschriftliche Korrekturen des damals bereits zum Konsistorialpräsidenten aufgestiegenen Stolpe.
Haarklein und "streng geheim" berichtete IM "Sekretär" der Stasi über Weizsäckers Potsdam-Besuch 1981 einschließlich der "Schlußfolgerungen", die "Vertreter der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg" in kleinem Kreise zogen.
Protokolliert sind auf diese Weise banale Mutmaßungen etwa darüber, daß nach den DDR-Visiten anderer CDU-Spitzenpolitiker auch Weizsäcker "einen solchen Besuch" habe "aufweisen" wollen. Zudem habe Weizsäcker "ein Alibi für seine demnächst zu artikulierende Stellungnahme zu einem Besuch von Bundeskanzler Schmidt in der DDR benötigt".
Als Schmidt 1983, nun Bundeskanzler a. D., in die DDR fuhr, erstellte Abteilungsleiter Wiegand einen "Plan zur Durchführung operativer Maßnahmen", in den auch IM "Sekretär" eingebunden war - "zur Erarbeitung von Informationen" und "zu Aktivitäten von operativ interessierenden Personen".
Die Stasi-Klassifizierung als "Inoffizieller Mitarbeiter Sekretär" muß Stolpe in der Tat nicht gekannt haben: Vor allem im Kirchenbereich hat die Stasi immer wieder Gesprächspartner als IM geführt, die nie aktiv für das MfS gearbeitet haben, sondern aufgrund ihrer Funktion von Mielkes Leuten nur regelmäßig besucht und als Informationsquellen "abgeschöpft" wurden.
Zu diesen Informationsquellen gehörte der Sekretär des Kirchenbundes und spätere Konsistorialpräsident Stolpe ebenso wie etwa der Greifswalder Geistliche Gienke. Altbischof Gienke wies gegenüber dem SPIEGEL die Behauptung, er sei wissentlich IM gewesen, "entschieden zurück". Er hat seine Kirche ersucht, ihm Rechtsschutz zu geben.
Der IM-Wahn der Stasi entsprach einem verbreiteten DDR-Syndrom: der Tonnenideologie der Planwirtschaft. Die hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter standen unter starkem Leistungsdruck. Sie mußten regelmäßig Maßnahmepläne erstellen und Erfolgsnachweise liefern. Beide wurden auf dem Weg von unten nach oben geschönt - wie in allen anderen Bereichen der DDR-Gesellschaft. Die Abteilung XX/4 der Bezirksverwaltung Frankfurt/Oder etwa ernannte in den achtziger Jahren pauschal alle Pfarrer ihrer Region zu IM, um ihre Quote zu erhöhen.
Eine Karteikarte über den IM "Sekretär" gibt es nicht, wohl aber eine Registriernummer, IV 1192/64 - im Klartext: Der IM wurde seit 1964 von der Bezirksverwaltung Potsdam geführt.
Eine Karteikarte von Manfred Stolpe existiert in den Stasi-Archiven ebenfalls nicht: Sie wurde vermutlich während der Wende vernichtet, wie die von Lothar de Maiziere oder von Gregor Gysi. Über keinen Prominenten ist bislang eine belastende Karteikarte aufgetaucht.
Dabei hatte die Stasi mit bürokratischer Akkuratesse alle registriert, die mit ihr zu tun hatten, ob Freund oder Feind. Auch über Stolpe muß es eine solche Karteikarte gegeben haben, denn er hatte nach eigenem Eingeständnis seit Mitte der siebziger Jahre regelmäßigen und regen Kontakt zum MfS.
Die Stasi-Karteien wurden während der Wende auf Befehl der MfS-Spitze sorgfältig gesäubert. Oberst Wiegand vernichtete die wichtigsten IM-Akten aus dem Kirchenbereich.
Der größte Coup gelang den MfS-Oberen, kurz bevor Bürgerrechtler im Januar 1990 die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße stürmten. Mielke-Stellvertreter Generaloberst Rudi Mittig hatte sich - wider alle Regeln der Konspiration - eine private Kartei mit den Deck- und Klarnamen aller IM angelegt, um stets entschlüsseln zu können, welcher Informant hinter welchem IM-Bericht steckte. Als der Sturm losbrach, brachten Mittig und Kollegen die Karten, unter ihren Mänteln versteckt, in Sicherheit. Später vernichteten sie angeblich die Dokumente.
Die Bundesregierung ist über Stolpes Stasi-Kontakte schon seit zwei Jahren informiert. Im Januar 1990 lief ein hochrangiger MfS-Mann aus dem Kirchenbereich über. Der Stasi-Mann, der vom Verfassungsschutz den Decknamen "Renault I" erhielt, informierte die Westdeutschen unter anderem darüber, daß Stolpe seines Wissens "ein guter, starker, klarer IM unserer Firma" gewesen sei.
Stolpe selbst hat seine Rolle genau andersherum definiert. "Von Mitte der siebziger Jahre an", so seine Einlassung im SPIEGEL (4/1992), habe er "den Versuch gemacht, politische Ziele gezielt auch auf dem Umweg über die Staatssicherheit zu erreichen" - gewissermaßen ein IM der Kirche im MfS.
Am Freitag letzter Woche räumte er gegenüber dem SPIEGEL ein, er habe seine Rolle wohl überschätzt. Stolpe: "Das Buch, das ich darüber geschrieben habe, muß wohl etwas umgeschrieben werden. Es ist etwas locker herausgekommen, daß ich die Stasi überlisten wollte. Seit gestern muß ich sehr stark vermuten, daß ich von denen geleimt worden bin."
Partiell zumindest haben sich vermutlich die Ziele des Kirchenpolitikers Stolpe und der Stasi gedeckt. Viele Geistliche und Kirchenfunktionäre, sagt ein ehemaliger führender Stasi-Offizier, habe man gar nicht zur Zusammenarbeit verpflichten müssen; sie seien aus Überzeugung bereit gewesen, im Sinne von Stasi und SED auf ihre Mitbrüder und Schäflein einzuwirken.
Ein hartleibiger Widerständler gegen das Regime wie der Ost-Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann sei nicht nur für die Stasi ein staatsfeindliches Subjekt gewesen: Auch mancher auf Anpassung und Frieden mit der Obrigkeit bedachte Kirchenleiter habe den Mann für gefährlich gehalten. Schon deshalb sei die Stasi auf offene Ohren gestoßen, wenn sie von der Kirche Maßnahmen gegen Eppelmann gefordert habe.
Daß die Stasi den Kirchenfunktionär Stolpe fest zu diesem positiven Kreis rechnete, belegen Akten der Hauptabteilung XX, in denen er mit Klarnamen auftaucht - zum Beispiel aus dem Jahr 1983.
Ende Oktober besuchte damals eine Grünen-Delegation offiziell Ost-Berlin. Erich Honecker empfing die von Petra Kelly und Gert Bastian angeführte Truppe freundlich. Doch hinter den Kulissen gab es mächtig Zoff. Denn die Grünen wollten, gemeinsam mit Aktivisten aus der oppositionellen kirchlichen Friedensbewegung der DDR, vor den Botschaften der UdSSR und der USA demonstrieren und Abrüstungsappelle überreichen.
Mehrere hundert Ostdeutsche, darunter zahlreiche Mitglieder der Gruppe "Frauen für den Frieden" um Katja Havemann, die Witwe des Regimekritikers Robert Havemann, wollten sich an dem Marsch beteiligen, um ihr neues Selbstbewußtsein kundzumachen.
Der Kirche paßte das geplante Spektakel nicht in den Kram. Deren Spitzenfunktionäre fürchteten, allzu große Solidarität zwischen Grünen und kirchlicher Friedensbewegung Ost würde die Beziehungen der Kirche zum SED-Staat belasten.
Ein Fall für Manfred Stolpe. Am 1. November zitierte der Genosse Peter Heinrich, Hauptabteilungsleiter im Ost-Berliner Staatssekretariat für Kirchenfragen, den Konsistorialpräsidenten der Berlin-Brandenburgischen Kirche zu sich. Das Protokoll der Unterhaltung, unter dem Datum 2. November, findet sich in den Akten der Stasi-Hauptabteilung XX - nichts Ungewöhnliches, denn die Stasi erhielt vom Staatssekretariat für Kirchenfragen automatisch von jedem Kirchenvorgang einen Durchschlag.
Vom Genossen Heinrich erst recht. Denn der war im Hauptberuf Stasi-Offizier im besonderen Einsatz (OibE), also direkt dem Minister Mielke unterstellt. Auszug aus dem Heinrich-Protokoll: _____" Auftragsgemäß führte Genosse Heinrich am 1. 11. 1983 " _____" gegen 16.00 Uhr ein Gespräch mit Stolpe durch. Genosse " _____" Heinrich nahm Bezug auf Mitteilungen von dpa, wonach vor " _____" den Botschaften der UdSSR und der USA in Berlin eine " _____" Aktion geplant sei. " _____" Mit dem Hinweis darauf, daß Pfarrer Eppelmann in der " _____" Vergangenheit provokatorische Handlungen verschiedener " _____" Art durchführte, forderte Genosse Heinrich den Stolpe " _____" auf, seinen gesamten Einfluß geltend zu machen, daß keine " _____" Provokationen erfolgen und das Verhältnis Staat - Kirche " _____" nicht belastet wird. " _____" Daraufhin teilte Stolpe mit, daß durch die "Grünen" in " _____" Verbindung mit Pfarrer Eppelmann am 4. 11. 83, um 14.00 " _____" Uhr, tatsächlich eine Aktion vor den Botschaften der " _____" UdSSR und der USA geplant sei. Er werde den staatlichen " _____" Hinweis aufgreifen und Maßnahmen zur Disziplinierung des " _____" teilnehmenden Personenkreises veranlassen, die auch im " _____" Interesse von Bischof Forck wären. Es sei nicht die " _____" Absicht der Kirche, sich in Dinge hineinziehen zu lassen, " _____" die sie nicht verantworten könne. " _____" Stolpe habe die Absicht, noch am 1. 11. 1983 ein Gespräch " _____" mit Eppelmann durchzuführen, und werde dabei die Hinweise " _____" des Genossen Heinrich beachten. Er sicherte zu, den " _____" Genossen Gysi bzw. Heinrich über die weitere Entwicklung " _____" der geplanten Aktion in Kenntnis zu setzen. "
Das tat Stolpe, wie aus dem Heinrich-Protokoll hervorgeht, preußisch gründlich: _____" Am 1. 11. 83, gegen 22.00 Uhr, teilte Stolpe dem " _____" Genossen Heinrich telefonisch mit, " _(* Mit Erich Honecker. ) daß er eine inhaltsschwere Auseinandersetzung mit Eppelmann hatte. Er versicherte, daß im Ergebnis dieser Auseinandersetzung der Einfluß der Kirche weiter geltend gemacht wird, so daß die Kontinuität in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche gewahrt bleibt. Stolpe fühle sich als Dolmetscher, der weiter Einfluß auf die geplante Aktion nimmt, damit es zu keinen spektakulären Handlungen kommt. Er wird weitere Erkenntnisse mitteilen.
Unbegründet waren Stolpes Befürchtungen vor einer Eskalation damals nicht. Als der Kirchenmann dem Staatssekretariat mitteilte, die Aktion vor den Botschaften sei nicht mehr zu stoppen, griff ein Stasi-Rollkommando zu: Zahlreiche Friedensfreunde wurden vorübergehend festgesetzt.
Im SPIEGEL hat Stolpe sein Kungeln mit Staat und Stasi im Interesse von Kirche und DDR-Menschen vor vier Wochen so gerechtfertigt: "Meine Arbeit war auf Erfolg orientiert, die Methoden waren weithin mir überlassen. Erfolge waren aber nur möglich, wenn ich mit Mächtigen in allen Bereichen sprach - also auch mit der Staatssicherheit."
Wo aber war die moralische Grenze? Stolpe hat im SPIEGEL auch geschrieben: "Wo immer ich Gelegenheit hatte, über Eppelmann zu sprechen, versuchte ich klarzumachen, daß man über Leute wie ihn eigentlich froh sein müsse, da sie auf Probleme hinwiesen."
Wann war die Gelegenheit, wenn nicht gegenüber Stasi-Genossen wie Heinrich?
Und: Verlor Stolpe nicht beim lockeren Umgang mit der realsozialistischen Obrigkeit ab und an die Orientierung?
In den Stasi-Akten finden sich kräftig distanzierende Worte von Stolpe gegen Pfarrer Eppelmann. In einem Bericht über die Synode des Kirchenbundes im September 1982 in Halle heißt es, Stolpe habe in einem Gespräch mit einem Mitbruder aus Greifswald Eppelmann als "Krawallmacher" bezeichnet. Es werde in der Berlin-Brandenburgischen Kirche geprüft, so der Stasi-Rapport, "ob Eppelmann mit Unwahrheiten argumentiert".
Nach der Verhaftungswelle im Anschluß an die Rosa-Luxemburg-Demo am 17. Januar 1988, die Bürgerrechtler und republikmüde Antragsteller zum Protest hatten nutzen wollen, notierte der Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, nach einem Gespräch mit Stolpe als dessen Einschätzung: "Die an den Ereignissen vom 17. 1. Beteiligten wollten von vornherein Gewalt provozieren. Die ganze Aktion sei von den bekannten Kräften so angelegt gewesen, daß es zu unvermeidlichen Reaktionen des Staates kommen sollte."
Stolpe nennt, laut Gysi-Protokoll, auch Namen: die Bürgerrechtler Ralf Hirsch und Wolfgang Templin und den Liedermacher Stephan Krawczyk, der die "Aktion vom 17. 1. erfunden" habe. Zu diesem Zeitpunkt saßen die drei wegen angeblichen Landesverrats bereits im Knast.
Ein paar Wochen später äußerte sich Stolpe in einem Gespräch mit dem für Inneres zuständigen stellvertretenden Ost-Berliner Oberbürgermeister Günter Hoffmann (SED) nicht weniger deftig über jene DDR-Bürger, die für ihre Ausreise in den Westen auf die Straße gehen. O-Ton Hoffmann: "Stolpe erklärte, daß er ein ,hartes'' staatliches Reagieren für richtig und gerechtfertigt halte . . . Stolpe charakterisierte den o. g. Personenkreis als ,am Rande des Terrorismus stehend''."
War das Taktik nach dem Stolpe-Motto: "Uns blieb nur die Kraft der Schwachen, wie die des Wassers gegen den Fels"? Oder bloße Denunziation?
Zu begreifen ist die Gratwanderung des Kirchenmannes Stolpe wohl nur aus seinem protestantischen Kontext.
Die evangelische Kirche der DDR stand in ihren Leitungsstrukturen in jener klassischen protestantischen Tradition, die in den Jahrhunderten seit der Reformation diese Kirche immer anfällig gemacht hat für Anpassung und Unterwerfung unter die weltliche Macht - wer immer die gerade in Händen hatte.
Das rechte Verhältnis von Staat und Kirche leitet diese Tradition aus der Bibel ab. Im 13. Kapitel des Paulusbriefes an die Römer heißt es unmißverständlich: "Jedermann soll sich denen unterordnen, die die Regierungsgewalt ausüben. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott kommt; die bestehenden Gewalten sind von Gott eingesetzt. Wer sich also der staatlichen Gewalt widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes."
Auf diesem Glaubenssatz basierte die verhängnisvolle Liaison zwischen Thron und Altar in Preußen. Und die leitenden Kader der DDR-Kirche waren überwiegend in diesem Denken erzogen worden. Der thüringische Landesbischof Ingo Braecklein war Offizier und ein eingefleischter Deutschnationaler, bevor er in der Kirche aufstieg.
Aufsässige Pfarrer wie der Dissident Eppelmann, der vor seinem Theologiestudium Maurer war und aus einer ganz anderen Welt kam, blieben die Ausnahme. Das Gros der Kirchenführer suchte sich im realen Sozialismus gemäß dem Paulus-Wort einzurichten.
"Die Kirche und die Kirchenleitungen", so Altbischof Gienke, seien "nicht die Revolutionäre gewesen und auch keine Helden". Aber sie hätten - immerhin - den kritischen Menschen und Gruppen in der DDR "Schutz und Raum gegeben, auch wenn wir deren Weg nicht mitgehen wollten".
Entsprechend handelte der Kirchenpolitiker Stolpe, ein Jurist, kein Theologe. Und seine geistlichen Oberen waren froh, daß sie ihn hatten.
"Stolpe", sagt der thüringische Altbischof Werner Leich, "war einer, der im Niemandsland gearbeitet hat. Es gibt Situationen, in denen man Menschen braucht, die solche Funktionen übernehmen. Die anderen sind froh, wenn sie davon nichts wissen."
Eine solche Situation war für die evangelische Kirche die Deutsche Demokratische Republik.
** Gerhard Besier/Stephan Wolf (Hrsg.): "Pfarrer, Christen und Katholiken. Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR und die Kirchen". Neukirchener Verlag; 867 Seiten; 68 Mark. * Nach einem Besuch in der Gauck-Behörde, am 31. Januar. * Mit Erich Honecker.

DER SPIEGEL 8/1992
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