26.07.1993

KomponistenLump in Seide

Eine neue Dokumentensammlung rechnet mit dem „Pump-Genie“ Richard Wagner ab.
Lohengrin steckte er, laut Kleiderordnung des Librettos, in eine "glänzende Silberrüstung", hängte ihm "ein kleines goldenes Horn zur Seite" und schlug ihn zum Schwanenritter.
Gott Wotan ließ er nach einem Reif aus Rheingold gieren, und um das Geschmeide herum komponierte er seinen "Ring des Nibelungen", in dem die Musik nur so funkelt und blendet.
Aber keinen hat er edler ausstaffiert und eitler herausgeputzt als sich selbst: Richard Wagner, kein Zweifel, war der affigste Gockel seiner Zunft.
Nach Seide verlangte ihn zeitlebens und nach Satin, nach gerüschten Roben mit Schleifchen und Blümchen, mit Spitzen und mit Pelzbesatz. "Die deutsche decadence", empörte sich der dekadente Deutsche zugleich, "ist nicht mehr aufzuhalten."
In schneeweißen Pantalons, himmelblauem Frack und schwefelgelben Glacehandschuhen oder, wie es der Theaterleiter Eduard Devrient überlieferte, "in grünem Sammetschlafrock, mit violettem Atlas gefüttert, und türkischen Hosen vom selben Stoffe" lustwandelte er unter Kristallüstern und über Perserteppiche durch seine Gemächer.
Bei seiner Putzmacherin Bertha Goldwag bestellte er gleich ganze Überseekoffer voll Beinkleider, Jacken, Decken, Kissen mit und ohne Spitzen, "von dem schönen schweren Rosa-Atlas noch eine starke Partie", "im übrigen schöne Blumen und Spitzen" und "Stiefel. 1 weiß. 1 Rosa. 1 Gelb. 1 Grau. 1 Grün." Fertig war der Kakadu.
Wagners Walhall war eine einzige begehbare Bonbonniere voll Krempel und Bombast, und mittendrin hielt der Meister hof, die Welt zum Narren und stets die Hand auf.
Denn leisten konnte sich das Bayreuther Luxusgeschöpf seinen Lebensstil nie. Mittellos, überschuldet, bankrott - so hetzte er durch Europa, floh vor seinen Wiener Gläubigern gar in Frauenkleidern und bedauerte sich immer als Sozialfall der Musikgeschichte, dem alle Kapitalanleger seiner Zeit gefälligst ein standesgemäßes Leben zu finanzieren hätten.
"Ich bin", redete er sich und seinen Zeitgenossen ein, "anders organisiert" als der schnöde Rest der Menschheit. Er sei mit "reizbaren Nerven" gestraft. "Schönheit, Glanz und Licht muß ich haben. Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche."
Ein Leben lang war Pomp sein Leit- und Leidmotiv. "Pump-Genie" nannte ihn der ewige Wagnerianer Thomas Mann, und genauso nennt ihn nun auch der NDR-Kulturredakteur, Thomas-Mann-Deuter und unheilbare Wagnerianer Hanjo Kesting, 50, in einer neuen Generalabrechnung.
Pünktlich zu den Bayreuther Festspielen, die am vergangenen Sonntag begonnen haben, legt Rechnungsprüfer Kesting 471 "Originalquellen zu Wagners Geldquellen" offen* - ein unkommentierter, _(* Hanjo Kesting (Hrsg.): "Das ) _(Pump-Genie. Richard Wagner und das ) _(Geld". Eichborn Verlag, Frankfurt am ) _(Main; 512 Seiten; 78 Mark. ) nicht immer leseleichter, dafür erhellender Kassensturz in ein Faß ohne Boden.
Die pekuniäre Skala, so Kesting, reichte bei Richard Wagner "von schierer Geldnot über luxuriöse Verschwendung bis zur hochmoralischen Verwerfung des Geldes".
Die skurrile Tatsache, daß der Verschwender Wagner das Geld auch schon mal verteufelt hat, bemühte sogar Ex-Staatspräsident Michail Gorbatschow bei seinem ersten Bayreuth-Besuch am vergangenen Sonntag.
"Auch wenn Richard Wagner gegen die ,dämonische'' Macht des Geldes war, so geht es ohne Geld leider nicht", bemerkte der Moskauer Festspiel-Debütant, als er, vor der "Tristan"-Premiere, "das Schicksal der russischen Kultur" beschwor, zu deren Rettung er ein Komitee gegründet hat und nun allerseits um klingende Unterstützung bittet.
Nein, Wagner dirigierte sein Leben mit dem Bettelstab. Und wenn die meisten Dokumente, die Kesting jetzt in chronologischer Ordnung hinblättert, auch schon lange bekannt sind, zeigen sie Wagner noch einmal in seiner lebenslangen Lieblingsrolle: als begnadeten Parasiten. Virtuos konnte er schnorren und schmarotzen, und alle hat er angepumpt: Juden und Deutschtümler, Schulfreunde und Schneidermeister, Ärzte, Kollegen, den Millionär Otto Wesendonk, mit dessen Frau Mathilde er ein Verhältnis hatte, immer wieder Franz Liszt, seinen gutwilligen Schwiegervater, und den zweiten Bayern-Ludwig, der sich fast bis zur Staatskrise von ihm die Schatulle plündern ließ.
Mit allen psychologischen Tricks, mit dreistem Anspruchsdenken und schamloser Indiskretion bekniete, beschwatzte und beschwindelte der geniale Tonsetzer seine Geldgeber.
"In sehr guter Laune zu lesen", begann er, wie ein Scherzo, ein Schreiben an den Pariser Musikverleger Maurice Schlesinger, um dann auf einmal auf die Pauke zu hauen: "Sie haben mir in diesen Tagen Geld versprochen; das ist schön und herrlich. Wissen Sie aber auch, wieviel ich jetzt brauchte?"
Jedenfalls immer mehr, als er bekam. Kam weniger als erwartet, sparte er nicht mit Vorwürfen: "Was helfen mir Hunderte, wenn Tausende nötig sind?" Wurde es dem bedürftigen Musiker zu bunt mit der Knauserigkeit seiner Wohltäter, konnte er sie auch ruppig angehen: "Jetzt wird''s mir aber zu arg", fuhr er Liszt brieflich an, "Liebster, ist es Dir möglich, mir sogleich 500 Franc zu schicken?"
Zuweilen versprach sich der Bittsteller von der wehleidigen Tour mehr Erfolg. "Mit Ende dieses Monats Oktober", ließ er Liszt im Herbst 1849 wissen, "gehen uns die letzten Gulden aus - und eine weite herrliche Welt liegt vor mir, in der ich nichts zu essen, nichts zum Wärmen habe!"
Nach solchen Jeremiaden erhielt der Bittsteller selten eine Abfuhr. Der Mainzer Verleger Franz Schott immerhin lehnte auch schon mal ab: "Ihre Bedürfnisse", teilte er dem Nimmersatt mit, "kann nur ein enorm reicher Bankier bestreiten oder ein Fürst, der über Millionen zu verfügen hat."
Sogar dem Pump-Genie selbst gingen die Bedürfnisse und Forderungen gelegentlich über die Hutschnur: "Ja, mein Gott!" empörte er sich in einem Brief an Liszt, "ich werde ewig ein Lump bleiben." Doch selbst der Lump kannte seinen Wert: "Ich bin ein großer Verschwender; aber wahrlich, es kommt etwas dabei heraus." Y
* Hanjo Kesting (Hrsg.): "Das Pump-Genie. Richard Wagner und das Geld". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 512 Seiten; 78 Mark.

DER SPIEGEL 30/1993
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