26.07.1993

SchmuckBrüste aus purem Gold

Der Karikaturist und Buchautor Tomi Ungerer, bekannt durch seinen Hang zur Provokation, hat erotische Schmuckstücke entworfen: primäre und sekundäre Geschlechtsorgane aus teuren Steinen und edlem Metall.
So ein Schwein: Mal reitet da eine Schöne, nur bekleidet mit Helm und Pumps, auf einer Sau herum; dann schlängelt sich, mitten aus dem Anus einer schenkelhoch gestiefelten Katzenfrau heraus, lüstern ein Rutenschwanz in die Höhe; schließlich ist da noch ein weiterer Schwanz, nämlich der eines giftgrünen Drachens, der eine bäuchlings auf ihm liegende Nackte a tergo beglückt.
Die erotischen Phantasien des Zeichners und Karikaturisten Tomi Ungerer, 61, sind hinlänglich bekannt - immer geht es um das eine, wenngleich meist auf ungewöhnliche Weise. Was dem Elsässer "wie von selbst, sozusagen pollutiv", auf das Papier fließt, hat nun der Stuttgarter Schmuck-Designer Günter Krauss ins Dreidimensionale umgesetzt. Das Ergebnis geht an die Grenzen der Goldschmiedekunst - und an die des guten Geschmacks.
Über 30 anzügliche Schmuckstücke haben Krauss und Ungerer in zweijähriger Zusammenarbeit geschaffen: Anhänger, Ringe, Broschen und Ohrclips, dazu Handschmeichler in Gestalt primärer Geschlechtsorgane sowie das Geduldsspiel "Blindgänger", bei dem es darum geht, einen an Kettchen aufgehängten Penis aus rosaroten Diamanten in einen geöffneten Korallenmund hineinzufummeln. "Der Schmuck in Deutschland ist so katastrophal eintönig", erläutert Krauss das gemeinsame Werk. "Wir wollten einfach einmal aufregende Objekte fertigen."
Für Ungerers Entwürfe nahm Krauss nur edelste Materialien: Die Brüste sind aus purem Gold, die Brustwarzen aus Rubinen oder schlesischem Chrysopras, einem seltenen Edelstein in Kreischgrün, während das männliche Gemächte meist in Diamant erstrahlt. Die hochstelzigen Stiefeletten sind beispielsweise aus Onyx, die Preise scharf: Sie liegen zwischen 900 und 25 000 Mark.
Viele der Objekte, die mit Titeln wie etwa "Die Liebe macht blind" oder "Zwei Herzen im Dreifickeltakt" benannt wurden, verfügen über eine eingebaute Mechanik: Mittels eines Schiebers fährt beispielsweise aus dem Mund einer Frau lasziv eine korallrote Zunge aus. "Ein Anhänger wie dieser", empfiehlt Ungerer, "ist so zu tragen, wie der Pfarrer den gekreuzigten Jesus um den Hals hat."
Alle seine Talente, erzählt der Künstler, habe er vom früh verstorbenen Vater; die Mutter "sprudelte über vom germanischen Gefühl und gallischen Schwung".
Er sei "pervers und subversiv" und übe einen schlechten Einfluß auf seine Mitschüler aus, schrieb ihm ein entnervter Lehrer ins Zeugnis, als Ungerer ohne Abiturabschluß die Schule verließ. Der Künstler, der nach seiner Militärzeit in Algerien als Werbezeichner in New York begann, hält das bis heute für ein Kompliment.
Ungerer, dessen ausgeprägter Hang zur Provokation häufig für Unmut sorgte und aufgebrachte Feministinnen in Scharen auf die Straße trieb, versteht seine Arbeit als Satire und sieht sich in der künstlerischen Tradition des Mittelalters. "Was es da alles gab, da hatte man überhaupt keine Hemmungen", schwärmt er. Inzwischen seien - sehr bedauerlich - kaum noch Tabus zu brechen; nur bei der Erotik gebe es erstaunlicherweise immer wieder Skandale. "Aber das gefällt mir, das gibt der künstlerischen Arbeit einen gewissen Sportsgeist."
Schon als Milchbart, mit 16 Jahren, erzählt Ungerer, habe er Schmuck gestaltet. Als Material dienten ihm alte Bleisoldaten, die er zu Vögeln und anderem Getier umgoß und seinen Freundinnen zwecks körperlicher Annäherung als Broschen an den Busen heftete. "Das Ende der Welt", fabuliert der Mann, stelle sich ihm "gleichsam als eine Juwelenmoräne dar, in der ich mich zu Tode suhlen könnte".
Zu einer "erneuten Herzensaffäre" sei ihm die Kreation von Schmuck an jenem Abend geworden, an dem er im gewohnt unnüchternen Zustand nach Hause kam und gegen die Wohnungstüre fiel - wobei sich die Nadel seines Reverssteckers (es handelte sich um eine Kröte mit gespreizten Beinen und Vagina) öffnete und in seine Brust drang. "Ein bißchen weiter und sie wäre mir durchs Herz gegangen", erzählt er. "Da hat es mich gereizt, selbst erotischen Schmuck zu entwerfen."
Für seine Meisterleistung hält der Erotomane den Kettenanhänger "Alles Gute kommt von hinten", bei dem sich ein hechelnder roter Teufel rittlings in das Gesäß einer hüllenlosen Frau krallt und diese mit ihren eigenen langen Haaren voranpeitscht. Sie hingegen streckt lüstern ihren Hintern raus und zieht den Leibhaftigen am Schwanz - doch das ist bei weitem noch nicht alles.
Denn baumelt das 15 Zentimeter hohe Geschmeide aus Koralle und Perlmutt erst einmal am Hals seiner Trägerin, dann geht es geradewegs orgiastisch zu: rauf und runter mit den goldenen Hoden, rein und raus mit den Zungen, hin und her mit den Gesäßen. "Und in jeder Stellung", erklärt Schmuckgestalter Krauss stolz, "stimmt die Anatomie." Y

DER SPIEGEL 30/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schmuck:
Brüste aus purem Gold

Video 02:13

Unglück in Kirgisien Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord

  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Naturschauspiel: Der letzte Supermond des Jahres" Video 00:45
    Naturschauspiel: Der letzte Supermond des Jahres
  • Video "Virales Video: 45 Klapperschlangen unter dem Haus" Video 01:06
    Virales Video: 45 Klapperschlangen unter dem Haus
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf" Video 01:58
    Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord