25.10.1993

Politisches BuchEin Limes teilt die Welt

Seit zwei Jahrzehnten ist klar: Was der Westen als Ziel seiner Entwicklungspolitik ausgibt, darf er gar nicht wollen. Daß die Länder des Südens alle so werden wie wir, wollen wir nicht, den Sonntagsrednern zum Trotz.
Käme in Indien, China oder Ostafrika auf zwei Einwohner ein Motorfahrzeug, der ökologische Kollaps wäre eine Sache weniger Jahre. In der Entwicklungspolitik vollzieht sich die eher zynische Praxis längst außer Hörweite der optimistischen Theorie. Die schönen Reden vom Umweltgipfel in Rio beziehen sich nicht auf den Globus, auf dem entschieden wird.
Sicher, es gibt Wissenschaftler, Intellektuelle, die das Konzept der "Entwicklung", das ja erst 1948 von US-Präsident Truman erfunden wurde, zum Irrtum und in jedem Fall für gescheitert erklären. Die westliche Politik nimmt davon offiziell keine Notiz. Sie redet weiter so, als ob die armen Länder nur aufzuholen hätten - und einige wenige haben es ja getan, und sie lehren unsere Industrie jetzt das Fürchten. Die Regierungen handeln nach ihren Interessen, scheinbar ohne und gegen jede Theorie.
Nun kommt ein Franzose, Jean-Christophe Rufin, der sich im Süden auskennt, und liefert eine Theorie, genauer: Er unterlegt sie der Praxis, er folgert sie aus der Praxis. Schon der Titel seines Buches skizziert die Umrisse: "Das Reich und die neuen Barbaren"*.
Dabei meint er mit "Reich" nicht, was die Deutschen seit 1871 mit diesem Begriff verbinden, auch nicht das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, sondern das ganz und gar unheilige, für ein halbes Jahrtausend den Erdkreis beherrschende Reich der Römer. Rufins These ist einfach: Nach dem Ende des Kommunismus sucht der Westen seine neue Position in der Welt wie einst die Römer nach der Zerstörung Karthagos.
Damals, als Rom plötzlich ohne Feindbild leben mußte, gab der Geschichtsschreiber Polybios den Römern rückwirkend den Auftrag, auf diesem Erdkreis für Frieden, Zivilisation, Gerechtigkeit und vor allem für Ordnung zu sorgen. Allerdings nur auf dem bekannten Erdkreis. Außerhalb gab es _(* Jean-Christophe Rufin: "Das Reich und ) _(die neuen Barbaren". Verlag Volk & Welt, ) _(Berlin; 280 Seiten; 38 Mark. ) noch Massen unzivilisierter Barbaren, gegen die Rom sich abgrenzen und schützen mußte.
Lange nach Polybios haben die Römer dazu den Limes gebaut (siehe Grafik), dessen Reste heute süddeutsche Schulklassen pflichtgemäß bestaunen. Er war ursprünglich keine zusammenhängende militärische Front, sondern "die ideologische Grenze zwischen dem, was das Reich als zu sich gehörig anerkennt, und dem, was es als fremd ablehnt. Der Mensch hat auf dieser und auf jener Seite des Limes nicht denselben Preis". Erst später wurde daraus eine durchgehende Verteidigungslinie.
Gekämpft wurde weniger am Limes selbst, wenn Barbaren aufmüpfig wurden, sondern im Grenzgebiet jenseits des Limes, wenn die Legionen vorbeugend zur Züchtigung und "Befriedung" jener Barbarenstämme ausgerückt waren, deren Nachkommen auch wir sind. Was sich weit hinter dem Limes abspielte, in den Terrae incognitae, den unbekannten und unbetretenen Gebieten, interessierte die Römer nicht.
Je trockener Rufin die Funktion des römischen Limes beschreibt, desto unerbittlicher ordnen sich die Nachrichten unserer Tage: der Golfkrieg, der eine neue Ordnung wohl gar nicht zum Ziel hatte, sondern die "castigatio", die - immer neue - Züchtigung, zu der inzwischen gar keine Legionen mehr ausrücken müssen, es reichen 23 Marschflugkörper; der wachsende Zweifel daran, ob es einen Sinn hat, in Somalia zu intervenieren. Schließlich liegt dieses Land weitab vom Limes, und wenn man dort die Banden sich gegenseitig umbringen läßt, dann entsteht eben eine jener neuen Terrae incognitae wie im Sudan, im Tschad, in Mosambik oder Liberia, wo der Norden sich auch nicht einmischt, zumal kaum mehr jemand berichtet, was dort Menschen einander antun. Und es berichtet niemand mehr, weil das Berichten lebensgefährlich ist.
Aber der Limes wächst auch im Norden selbst: in Deutschland, wo die Änderung des Asylrechts Abgrenzung signalisiert, noch mehr in Frankreich, wo Innenminister Pasqua die Zuwanderungsquote Null anpeilt und dabei ehrwürdige Grundsätze französischen Rechts aufgibt, in Italien, wo Lombarden den Limes am liebsten irgendwo südlich von Rom bauen möchten, in Griechenland, wo Tausende von Albanern gewaltsam abgeschoben werden.
Und natürlich finden die anderen Europäer, sogar die Skandinavier, daß sie schließlich nicht alle aufnehmen können, die andere nicht mehr haben wollen. Die Vereinigten Staaten versuchen, die mexikanische Grenze dichtzumachen, und die Japaner haben schon immer dafür gesorgt, daß niemand sie für ein Einwanderungsland hält.
Das Imperium des Nordens hat sich formiert in jenem geschwätzigen Gremium, das wir, bescheiden, wie wir sind, die Großen Sieben nennen. Drei davon sind schon im Uno-Sicherheitsrat. Zwei weitere, so fordern nun auch die USA, sollen hinzukommen. Von Indien oder Brasilien ist nicht mehr die Rede.
Schwierig einzuordnen bleibt nur Bosnien. Offenbar variieren in Europa die Meinungen, ob dieser Wetterwinkel Europas mit seinen vielen Muslimen diesseits oder jenseits des Limes anzusiedeln sei, und die Amerikaner haben keine Lust, die Knochen ihrer Boys zu riskieren, wenn die zuständigen Europäer sich zu schade sind. Aber könnte die Botschaft aus Bosnien nicht lauten: Eroberungskriege sind wieder möglich, zumindest außerhalb des Limes?
Jean-Christophe Rufin ordnet in seinem Buch natürlich noch andere Beobachtungen in sein Bild von der Limesgeteilten Welt ein.
Was bisher Nord und Süd zusammenhielt, war "der Mythos der Entwicklung". Danach waren die Völker des Südens einfach um ein paar Jahrzehnte zurück, und das ließe sich aufholen. Jetzt, da dieses Aufholen allenfalls bei den vier kleinen Tigern Asiens nachweisbar ist, da Schwarzafrika von vielen aufgegeben ist, "birst der Mythos von der Entwicklung auseinander und legt eine lange Zeit verborgene Realität frei: Süden und Norden befinden sich zueinander nicht in einem Verhältnis von Zurückgebliebenheit und fortgeschrittener Entwicklung. Sie entwickeln sich in entgegengesetzter Richtung".
So stimme vor allem nicht die Theorie vom "demographischen Übergang". Danach machten alle Gesellschaften drei Phasen durch: zuerst hohe Fruchtbarkeit bei hoher Sterblichkeit, dann hohe Fruchtbarkeit bei niedriger Sterblichkeit (im Europa des 19. Jahrhunderts) und schließlich geringe Fruchtbarkeit bei niedriger Sterblichkeit. Das mag auch in einigen Ländern des Südens so ablaufen, schließlich sogar in China, aber dort nur mit Methoden, die gegen die Menschenrechte verstoßen. Anders läuft es in Indien (das seit mehr als drei Jahrzehnten Geburtenregelung propagiert), im Iran, wo trotz Krieg die Bevölkerung in 15 Jahren von 33 auf 56 Millionen anstieg, anders auch in Brasilien und vor allem in Afrika, wo ein makabrer Wettlauf zwischen Aids und einer hohen Geburtenrate droht.
Jedenfalls: Diesseits des Limes stagniert oder schrumpft die Bevölkerung, jenseits des Limes wächst sie in erschreckendem Tempo. Doch erschrocken ist der Norden. Da ist von Flut, Springflut die Rede. Dabei geht es um ein paar hunderttausend Flüchtlinge pro Jahr, während in die großen Städte des Südens, vor allem in ihre Slums, 40 Millionen im Jahr einströmen.
Für Rufin ist "die größte abhängige Masse der Menschheitsgeschichte", etwa eine Milliarde an Flüchtlingen oder Slumbewohnern des Südens, letztlich ein Produkt dessen, was wir bislang Entwicklung genannt haben. In Brasilien, dem Musterland der Wachstumsfanatiker, lebt heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung in äußerster Armut, ein Beispiel für "Wachstum ohne Entwicklung".
Wie weit sich die politische Rhetorik von der Wirklichkeit entfernt hat, zeigt die skurrile Tatsache, daß ausgerechnet jetzt das Wort "Entwicklung" in die offizielle Bezeichnung des zuständigen Bonner Ministeriums eingeführt wurde. Die "Mythologie der universellen Entwicklung" hatte immerhin die eine Welt aus Nord und Süd als ein zusammengehörendes Ganzes verstanden, jetzt, wo der Mythos verblaßt oder sich verfärbt, "setzt sich die Limes-Ideologie das Ziel, sie noch schärfer zu trennen".
Diese Trennung verhärten auch jene "Ideologien des Bruchs", die Rufin im Süden ausgemacht hat. Sie mögen die Form von religiösem oder nationalistischem Fundamentalismus annehmen, manchmal auch aus fast nichts als Haß bestehen, gemeinsam ist ihnen der "Bruch mit den griechisch-lateinischen Idealen", also den Wertsystemen des Westens. Der Marxismus war offenbar nur eine der Masken des Westens.
Jetzt geht man ideologisch nicht mehr "auf etwas zu, sondern gegen etwas". Entsprechend haben sich die Aufstandsbewegungen verändert. Rufin, der gerade hier auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen kann, konstatiert "das Ende der wohlerzogenen Guerillas".
Hatten die Rebellen um Che Guevara noch den linken Teil der Weltöffentlichkeit für ihre Revolution gewinnen wollen, so gilt heute: "Sie schließen sich ab, sie splittern sich auf, und der Terror wird zur allgemeinen Regel." Das gilt vom Leuchtenden Pfad in Peru bis zur PKK Kurdistans. Was dabei allenfalls herauskommen kann, ist nicht ein neuer Staat, sondern das Ende des Staates. Somalia, Liberia, Mosambik, Teile des Sudan sind Beispiele dafür.
Der Eintritt in das Chaos ist meist erreicht, wenn nach dem Ausbleiben der Touristen und dem Absprung der Journalisten "auch die humanitären Organisationen das Feld räumen". Es gibt immer mehr Gebiete, die "nicht zugänglich" sind, nicht unter der "Kontrolle regulärer Behörden" und "jedem Eindringen von Fremden feindselig gegenüber" stehen: die neuen Terrae incognitae.
Der Limes macht auch Schluß mit dem Gedanken der Interdependenz, der gegenseitigen Abhängigkeit. In der Tat, darin ist viel Lyrik. Wenn Schwarzafrika heute in einem Loch versänke, würde dies Europa wirtschaftlich kaum berühren. Und wenn sich jetzt Tschechien, Ungarn oder die Ukraine als Standort verlängerter Werkbänke bei minimalen Löhnen anbietet, dann werden auch Asien und Nordafrika weniger interessant. Ökonomisch kann der Westen sich den Limes leisten, schließlich haben auch die Römer über den Limes hinweg Handel betrieben. Aber wie ist es ökologisch? Für Rufin ist die Vernichtung der tropischen Wälder kein Argument gegen den Limes, auch nicht das Wuchern der Wüsten. Das alles sei ja Folge jener "Entwicklung", die der Westen gefordert und gefördert habe. Das mag stimmen, auch wenn die Brandrodung durch landlose Bauern eher etwas mit jenem Anwachsen der Bevölkerung zu tun hat, die den Süden wohl auch künftig vom Norden unterscheidet.
Ohne Einwirkung, sprich Hilfe, aus dem Norden wird der Süden seine - und damit unsere gemeinsamen - Lebensgrundlagen in wenigen Jahrzehnten aufgezehrt haben. Die Spirale: Immer mehr Elend - immer weniger Bäume - immer weniger Wasser - immer mehr Elend - immer mehr Menschen dreht sich wohl noch schneller, wenn der Westen keine Entwicklung mehr verordnet, sondern aus sicherer Distanz zusieht.
Rufin meint: "Die Apartheid funktioniert gut", zum Entsetzen der Moralisten, zu denen er auch sich selbst zählt. Der Westen brauche nur sein Bedürfnis nach Gerechtigkeit seinem Streben nach Sicherheit zu opfern, er müsse sich nur der Einsicht fügen, "daß die Zivilisation des Nordens darauf verzichten muß, universell zu sein, wenn sie fortdauern will". So habe es in der Antike der Kaiser und Philosoph Mark Aurel gehalten, nicht ohne daran zu leiden.
Natürlich könne man das Konzept des Limes auch ablehnen, wobei - nicht ganz schlüssig - Rufin Napoleons elsässischen General Kleber, den Statthalter in Ägypten, als Exempel solcher Verweigerung bemüht. Jedenfalls ist Kleber dabei umgekommen. Und schließlich könne man das Konzept umkehren, "behaupten, daß allein die Unsicherheit, die Destabilisierung des Nordens Gerechtigkeit herbeiführen kann". Das führt zu einer Art anarchischem Terrorismus, für den der zaristische Offizier Roman von Ungern als Beispiel herhalten muß.
Ist die Wahl zwischen autistischer Abschottung, Suizid und Wahnsinn alles, was uns bleibt? Wie genau beschreibt das Bild vom Limes unsere Wirklichkeit?
Schließlich hatte Mark Aurel nicht mit Fernsehjournalismus im Stile von CNN zu tun, er wußte wirklich so gut wie nichts von den Barbaren weit jenseits des Grenzwalls, und wenn er, Monate später, etwas erfuhr, dann wußten es die Bürger Roms oder gar Alexandrias noch lange nicht. Es gab keine Weltöffentlichkeit, die man erst hätte teilen, beschwichtigen oder betrügen müssen.
Mark Aurel hatte auch noch kein Foto des herrlichen blauen Planeten aus der Astronauten-Perspektive vor sich, es gab noch kein Bewußtsein vom Raumschiff Erde. Es gab noch keine Uno, keine römische Weltkirche und keine christliche Ökumene, die vom Limes-Denken ihre Existenz bedroht sehen müßten.
Der neue Limes wäre nur zu bauen auf den Trümmern alles dessen, woran auch das säkularisierte Abendland zu glauben behauptet. Daher werden die bestechenden Parallelen, die Rufin zeigt, von Ökonomen und Politikern ins Konzeptheft der Geschichte eingetragen, von denen die meisten eine Limes-Ideologie ehrlich empört zurückweisen würden.
Schließlich gibt es da noch andere verwaschene Stellen im Bild: etwa den Osten. Konsequenterweise müßte Rußland, von Kasachstan ganz zu schweigen, außerhalb des Limes liegen. Aber beides sind Atommächte, militärische Giganten. Wenn wir durch den Limes schon Sicherheit kaufen sollen, dann wäre Chaos im Osten um beinahe jeden Preis zu verhindern. Oder das Anwachsen der Dritten Welt in der Ersten: nicht nur in New York, London, Berlin.
Kurz: Das Bild vom Limes vermittelt Einsichten, die uns erst stutzen, dann erschrecken und schließlich nachdenken lassen. Es entstellt, wie Adolf Muschg in seinem Vorwort meint, "die Weltkarte der Gegenwart zu überraschender Kenntlichkeit". Das ist gut so.
Rufin bläst viel von dem Nebel weg, auf dessen Erzeugung sich die meisten westlichen Regierungen so gut verstehen. Was wird dann sichtbar? Eine Möglichkeit, welche die Zukunft birgt, nicht so sehr, weil einige den Limes wollen, sondern weil viele, ebenso gedankenlos wie ziellos, ihn befördern.
Sichtbar wird eine hilflose Politik, die sich für pragmatisch hält, weil sie das Durchwursteln schon für eine Höchstleistung hält und dabei gar nicht merkt, wohin sie steuert. Sie wird geleitet von der wahrscheinlich unvermeidlichen Einsicht, daß Migration zwar nicht zu vermeiden ist, daß also alle westlichen Länder die Zuwanderung aus Süd und Ost begrenzen müssen, wenn nicht - eher früher als später - verängstigte Wähler die Demokratie ihrer Vorstellung von Sicherheit opfern sollen.
Sichtbar wird, daß die westliche Südpolitik eher zynisch ist, also ein Ziel anzupeilen vorgibt, das gar nicht erreicht werden soll. Sichtbar wird, daß inzwischen in den meisten Ländern des Südens die Hoffnung rar wird und gleichzeitig eigenständiges Nachdenken über eigene Ziele beginnt; daß dabei Ideologien des Bruchs entstehen, die im Nein viel stärker sind als im Ja, daß diese Ideologien im Norden als Argument für den Limes dienen.
Aber damit ist nicht gesagt, daß wir die Erkenntnis der Astronauten einfach vergessen können: Wir haben nichts außer diesem herrlichen kleinen Planeten, den wir nur durch gemeinsame Anstrengung bewohnbar erhalten können. Die Verantwortung der Reichen für die Armen bleibt. Migration und ökologische Zerstörung sorgen dafür, daß diese Verantwortung auch durch Abhängigkeit bewußt gemacht wird.
Der Norden ist nicht gefragt, welche neuen Konzepte er dem Süden anbieten will, sondern wie er sich selbst verändern muß, damit Nord und Süd eine Chance bekommen. Der neue Limes wäre kein Schutzwall für ein halbes Jahrtausend, sondern eine Anstiftung zum Selbstbetrug für zwei Jahrzehnte.
Einen sehr praktischen Schluß kann der Leser dieses bedrückenden Buches allerdings ziehen: Könnte es nicht sein, daß sich in Sachen Intervention die Fronten bald verkehren? Es stimmt, daß für militärische Interventionen im Süden meist zynisches Kalkül entscheidet. Aber wird über Nicht-Intervention etwa weniger zynisch befunden?
Könnte es nicht sein, daß demnächst, wenn weit jenseits des Limes Hunderttausende im Chaos verrecken, die politische Rechte wegsieht, weil nationale und ökonomische Interessen nicht berührt sind und weil sich ein Chaos von außen nun einmal schwer ordnen läßt? Und daß dann auf der Linken einige aufstehen und schreien, das könne doch wohl nicht alles sein?
Die Linken, die in jeder Uno-Intervention nur nationale Machtgelüste wittern, müssen lernen, daß es in Somalia oder im Südsudan nichts zu holen gibt - außer vielleicht ein Argument für den Platz im Sicherheitsrat. Das "Hände weg" könnte für die entlegenen Gebiete bald zum Schlagwort rechter Zyniker werden. Ziel der Linken muß eine handlungsfähige Uno sein, die Nord und Süd in allen Gremien immer fester verbindet und schließlich, irgendwann im nächsten Jahrhundert, ein internationales Gewaltmonopol zuwege bringt.
Ein Signal für eine solche Politik wäre die Feststellung: "Deutschland will nicht in den Sicherheitsrat. Westeuropa ist dort ausreichend vertreten. Deutschland wird die Kandidaturen Indiens und Brasiliens unterstützen. Es wird im übrigen dafür arbeiten, daß Frankreich und Großbritannien immer mehr die Europäische Gemeinschaft dort vertreten."
Das wäre Außenpolitik fern aller Kinkellitzchen. Y
Die Regierungen handeln nach ihren Interessen, scheinbar ohne Theorie
Ökonomisch kann der Westen sich den Limes leisten
Bleibt nur die Wahl zwischen Abschottung, Suizid und Wahnsinn?
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die weißen Flecken *
auf der Landkarte nehmen zu - so die These des französischen Mediziners und Politikwissenschaftlers Jean-Christophe Rufin. Terrae incognitae entstünden, weil der reiche Norden unüberwindbare Schutzwälle gegen den immer mehr ins Elend treibenden Süden errichte. Rufin, 41, arbeitete als Mitglied der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" jahrelang in der Dritten Welt. SPD-Mitglied Erhard Eppler, 66, war früher Entwicklungspolitiker und Kirchentagspräsident.
* Jean-Christophe Rufin: "Das Reich und die neuen Barbaren". Verlag Volk & Welt, Berlin; 280 Seiten; 38 Mark.
Von Eppler, Erhard

DER SPIEGEL 43/1993
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