18.05.1992

„Beide Unternehmen ruinieren“

Nach achtjährigen Ermittlungen beginnt in Frankfurt der wahrscheinlich größte Umweltprozeß in der Geschichte der Bundesrepublik: Vor Gericht stehen Chemie-Manager, die giftige Holzschutzmittel auch dann noch verkauft haben sollen, als schwere Gesundheitsrisiken für Tausende von Verbrauchern schon absehbar waren.
Unheimlich gemütlich" war es in dem alten Fachwerkhaus, das Helga und Volker Zapke 1972 im oberbergischen Engelskirchen kauften und voller Tatkraft renovierten. Für die vielen Holzbalken und Wandverkleidungen verbrauchten die Zapkes an die 100 Liter Holzschutzmittel.
Frohgemut zog das Grafiker-Paar mit seinen vier Kindern ein. Doch die Idylle hielt nicht lange. Bald wurde die gesamte Familie von rätselhaften, schweren Krankheiten befallen.
Manchmal hatte Helga Zapke das Gefühl, sich "in einem Lazarett zu befinden". Ehemann Volker vermißte immer öfter den "Witz und die Fröhlichkeit", die vor dem Umzug das Familienleben geprägt hatten. Die ehedem lebhaften Kinder, beobachtete der Vater besorgt, zeigten sich zunehmend "apathisch". Außerdem klagten sie immer öfter über Kopf- und Gelenkschmerzen, litten unter Fieberschüben, Ekzemen und Lymphdrüsenschwellungen.
Auch Helga Zapke erlebte einen "markanten gesundheitlichen Abstieg". Oft "schmerzte und brannte" ihr "gesamter Körper". Den wöchentlichen Ballett-Tanz mit ihren Kindern und das regelmäßige Klavierspielen mußte sie wegen heftiger Gelenkschmerzen und Schwächegefühlen aufgeben. Manchmal überfiel sie Todesangst. Volker Zapke registrierte ebenfalls "mit Bestürzung ein deutliches Nachlassen der körperlichen Kräfte".
Unter merkwürdigen Symptomen litt alsbald auch der knapp zwei Jahre alte Bernhardiner-Rüde der Familie. Der Hund wurde offenkundig von Gelenkschwäche, extremem Speichelfluß und epileptischen Anfällen geplagt.
Im März 1983 analysierten Mediziner bei dem Hund pro Liter Blut 260 Mikrogramm des extrem giftigen Pentachlorphenol (PCP). Das Zeug war jahrzehntelang, bis zu einem von Bonn 1989 verhängten Produktions- und Anwendungsverbot, Bestandteil vieler Holzschutzmittel. Der Bernhardiner wurde eingeschläfert.
Mittlerweile geht es Familie Zapke gesundheitlich wieder besser. Nachdem das Ehepaar Hinweise erhalten hatte, daß als Ursache der geheimnisvollen Krankheitssymptome giftige Holzschutzmittel in Frage kommen könnten, zogen die Zapkes 1983 aus.
Das Fachwerk-Kleinod ist seitdem ein Gespensterhaus, voll möbliert, aber ohne Leben. Selbst Kinderspielzeug und Wäsche ließ die Familie zurück - aus Angst vor dem hochtoxischen PCP, das sich, aus dem Holz ausgasend, überall festgesetzt hatte.
So wie den Zapkes erging es von den sechziger Jahren an, als die Holzschutzmittel-Industrie boomte, Tausenden von Bundesbürgern. Sie alle hoffen jetzt, daß ihnen endlich Genugtuung widerfährt: Am Montag übernächster Woche beginnt vor der 26. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts das wohl bedeutendste Umweltstrafverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik.
Zwei Geschäftsführer der Düsseldorfer Desowag Materialschutz GmbH, einer früheren Tochterfirma des Chemiekonzerns Bayer, müssen sich wegen "gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit schwerer Gefährdung durch Freisetzung von Giften" verantworten.
Den angeklagten Managern Kurt Steinberg, 66, und Fritz Hagedorn, 62, drohen jeweils bis zu zehn Jahren Haft. Sollten die Beschuldigten verurteilt werden, könnte das den geschädigten Verbrauchern helfen, in anschließenden Zivilverfahren hohe Schadensersatzforderungen durchzusetzen.
Seit 1984 hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft in dem Strafverfahren ermittelt, zunächst gegen 40 Manager von Chemie-Firmen, die Holzschutzmittel produzierten. Übrig geblieben sind Verfahren gegen den Marktführer Desowag _(* Vor ihrem verseuchten Haus in ) _(Engelskirchen. ) (Hauptmarken: Xyladecor und Xylamon) und die Firma Sadolin GmbH im norddeutschen Geesthacht.
Mit Hilfe einer Sonderkommission des Bundeskriminalamts und mit Unterstützung der Interessengemeinschaft Holzschutzmittel-Geschädigter, die 1983 vom Ehepaar Zapke ins Leben gerufen worden war, ging der Frankfurter Staatsanwalt Erich Schöndorf rund 2300 Strafanzeigen nach. In akribischer Recherchearbeit trug der Strafverfolger schließlich Hunderte von dramatischen Leidensgeschichten zusammen.
Sechseinhalb Pfund schwer ist die 645 Seiten starke Anklageschrift, die der Ermittler schon Ende 1989 dem örtlichen Landgericht präsentierte. Doch die Richter der zuständigen Umweltstrafkammer lehnten damals die Eröffnung der Hauptverhandlung ab - unter anderem mit der Begründung, der Nachweis der Kausalität sei "nicht mit der für eine strafrechtliche Verurteilung zu fordernden Sicherheit zu erbringen".
Das Blatt scheint sich mittlerweile gewendet zu haben. In einem anderen Umweltverfahren - einem Prozeß um gesundheitsschädigende Ledersprays - befand der Bundesgerichtshof (BGH) 1990, es genüge, wenn in "rechtsfehlerfreier Weise" festgestellt werde, daß die Beschaffenheit eines Produkts "schadensursächlich" war. Auf den letzten naturwissenschaftlichen Beweis komme es nicht an.
Das BGH-Urteil ist ein großer Fortschritt für die Verbraucher. Die hatten zuvor, wenn sie durch ein chemisches Produkt geschädigt worden waren, exakte Beweise erbringen müssen - ein meist aussichtsloses Unternehmen.
Angesichts des BGH-Beschlusses gab der 1. Strafsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts der Beschwerde von Staatsanwalt Schöndorf statt. Verwiesen wurde der Fall an die 26. Strafkammer, die zuvor die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt hatte.
Das Obergericht hält die Umweltstrafkammer keineswegs für befangen. Begründung: Zum Zeitpunkt der damaligen Entscheidung war das BGH-Urteil noch nicht veröffentlicht.
Allein die Zulassung der Anklage ist für die Chemie-Industrie ein schwerer Schlag. Vor allem der Bayer-Konzern, bis 1986 mit 37 Prozent an der Desowag beteiligt, muß mit Imageschäden rechnen. Denn die Ermittler haben bei einer Durchsuchung skandalträchtiges Material sichergestellt.
In einer Reihe von Protokollen und Vermerken, von denen viele als "streng vertraulich" gekennzeichnet sind, haben die Desowag- und Bayer-Manager anfechtbares Verhalten dokumentiert: Obwohl firmenintern schon in den siebziger Jahren die potentielle Gefahr von PCP bekannt war, klärten die Desowag-Manager die Öffentlichkeit nicht auf.
Schnell verworfen wurde die Idee, den Kunden, die in Wohnräumen Hölzer mit dem PCP-haltigen Xyladecor imprägniert hatten, einen "Nachanstrich" mit dem PCP-freien Desowag-Produkt "Seidenglanz" zu empfehlen, um ein gesundheitsbedrohendes Ausgasen von Pentachlorphenol zu verhindern.
Auch im Mai 1977, als sich die Desowag-Hierarchen nach Presseberichten über die Gefährlichkeit von Holzschutzmitteln zu einer Krisensitzung zusammenfanden, entschieden sie sich für die weitere Vermarktung von PCP-Produkten.
Der Gedanke, kurzfristig die Rezeptur der Holzschutzmittel und die Verpackung zu ändern, stieß auf wenig Zustimmung. Desowag-Geschäftsführer Hagedorn argumentierte laut internem Protokoll: "Wenn wir die Packungen ändern, machen wir doch im nachhinein auf die Giftigkeit aufmerksam."
Ein anderer Gesprächsteilnehmer gab zu bedenken, das PCP-haltige Xyladecor sei doch noch für vier Jahre zugelassen: "Vorzeitig kündigen können wir den Prüfbescheid nicht, solange noch die alte Ware auf dem Markt ist." Bevor PCPfreie Produkte offeriert wurden, sollten die giftigen Altbestände restlos abgesetzt werden.
Der Verkauf wurde noch durch Tricks forciert. Die Firma ließ die Aufdrucke, wie die Staatsanwaltschaft vermerkt, "verbraucherfreundlich" umgestalten: Statt eines roten wurde ein grüner Schriftzug aufgedruckt. Zudem räumte das Unternehmen gewerblichen Kunden großzügige Preisnachlässe ein.
Wie skrupellos die Chemie-Manager operierten, belegt eine von der Revisionsabteilung des Konzerns im November 1984 angefertigte Aktennotiz ("streng vertraulich"), mit der ein übler Deal sanktioniert wurde. Just zu dieser Zeit, als sich im Inland bereits Tausende von Holzschutzmittel-Geschädigten gemeldet hatten, verhökerte die Desowag das Xyladecor nach Indonesien. Dabei galt dort, wie den Beteiligten nach Erkenntnissen der Ermittler bekannt war, ein totales Import- und Verwendungsverbot für dieses Mittel. Im Fall Indonesien arbeitete die Desowag laut internem Vermerk mit Umdeklarationen. So wurde Natriumpentachlorphenol, das Desowag von der Dynamit Nobel AG bezog, als "Basilit PN Perlen" an die holländische Firma Flexchemie fakturiert.
Dieses Unternehmen markierte die Ware auf Kosten von Desowag um und verkaufte sie an den indonesischen Kunden "als nicht PCP-haltige Ware". Die Konzern-Revision hielt dazu schriftlich fest, das Procedere mit der "falsch deklarierten Ware" sei "zur Erhaltung des Marktes erforderlich".
Mit höchst dubiosen Methoden arbeiteten die Angeklagten nach Recherchen der Staatsanwaltschaft offenbar auch, wenn es darum ging, das Bundesgesundheitsamt (BGA) oder unabhängige Gutachter auf ihre Seite zu bekommen.
So spielte die Berliner Kontrollbehörde das PCP-Risiko noch bis in die achtziger Jahre herunter. Zwar erklärten die Gesundheitshüter aufgrund zahlreicher Untersuchungsergebnisse, eine Gefahr sei nicht ganz auszuschließen. Es fehle aber noch an eindeutigen Beweisen.
Wie eng der Kontakt zwischen BGA und Desowag war, zeigen mehrere interne Vermerke. Wegen eines kritischen Fernsehberichts im Sommer 1978 wurde ein Treffen vereinbart, "um die mit Sicherheit auf das BGA und die Industrie zukommenden Fragen in gleichem Tenor beantworten zu können".
Im Holzschutzmittel-Skandal ist die Kontrollbehörde nach Auffassung von Staatsanwalt Schöndorf ihrer Rolle denn auch "nicht oder nicht ausreichend nachgekommen". Vielmehr gebe es Anhaltspunkte dafür, "daß beide Seiten identische Interessen verfolgt" hätten. Auch gegen das BGA wird deshalb wegen des Verdachts der "Körperverletzung im Amt" ermittelt.
Möglicherweise spielten bei den Absprachen finanzielle Zuwendungen der Desowag an das BGA eine Rolle. Laut Firmenprotokoll genehmigte das Unternehmen die vom BGA gewünschte Finanzierung von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern für die Dauer von zwei bis drei Jahren - Kostenpunkt: 140 000 Mark im Jahr.
Auch in diesem Fall wurde, ausweislich der Vermerke, falsch deklariert. Während die Desowag intern eine amtliche Untersuchung zum "Themenkomplex Holzschutzmittel" wünschte, schlug das BGA wegen der "politischen Brisanz der Förderung einer solchen Studie" angeblich vor, "offiziell" sollte von dem Chemie-Betrieb ein "Arbeitsprogramm zur Verbesserung der Analytik von Dioxinen im Innenraum gefördert werden".
Auf der Suche nach Verbündeten setzten sich die Chefs der Desowag mit Abgesandten des PCP-Lieferanten Dynamit Nobel AG und sogar mit Vertretern der Konkurrenzfirma Sadolin zusammen, um eine gemeinsame Abwehrstrategie zu finden.
Über das Motiv für das gemeinsame Vorgehen waren sich die Beteiligten einig: "Keiner dieser Prozesse darf verloren werden. Dies würde die beiden Unternehmen ruinieren."
* Vor ihrem verseuchten Haus in Engelskirchen.

DER SPIEGEL 21/1992
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