25.10.1993

Geheimdienste„Wie eine offene Sprache“

SPIEGEL: Herr Männchen, wenn Sie hier in der Berliner SPIEGEL-Redaktionsvertretung an ein x-beliebiges Telefon gehen und irgendeiner hat Interesse, dieses Gespräch mitzuhören - ist das machbar?
Männchen: Selbstverständlich. Für Organe des Staates ist das ganz leicht.
SPIEGEL: Welche Technik wird da eingesetzt?
Männchen: Sie können hier im Haus an die telefonische Verteileranlage gehen. Dann hören Sie alles, was über die Hausanlage geht. Oder im nächsten Wählamt werden die Nummern Ihrer Redaktion aufgeschaltet, von da ab läuft alles automatisch. Die Gespräche werden dann auf Tonband mitgeschnitten oder direkt mitgehört. Genauso einfach ist Telefax. Da wird statt eines Tonbands halt ein Fax angeklemmt.
SPIEGEL: Braucht man zum Abhören immer die Hilfe der Post?
Männchen: Auch Privatpersonen können illegal ein Kabel anzapfen. Die schneiden das einfach irgendwo an der Strecke auf und gehen an die Ader. Hochohmig, also mit großem elektrischen Widerstand, damit bei einer Überprüfung keine Veränderung auffällt. Das sind alles technische, nie prinzipielle Probleme.
SPIEGEL: Welche Techniken der Nachrichtenübermittlung sind denn absolut sicher?
Männchen: Was heißt schon absolut sicher? Gespräche lassen sich natürlich verschlüsseln, etwa mit Elcrovox-Geräten. Die werden seit langem in der BRD benutzt und sind sehr sicher. Aber ganz allgemein gilt: Was mit einer Maschine verschlüsselt wurde, läßt sich auch mit einer Maschine entschlüsseln. Das ist immer nur eine Frage des Aufwands.
SPIEGEL: Nichts ist also sicher?
Männchen: Genauso ist es. Es gibt sehr sichere Schlüssel- und Chiffriermethoden, an denen sich Nachrichtendienstler die Zähne ausbeißen. Aber auch diese sind zu knacken, wenn man an die Hersteller der Chiffriertechnik rankommt. Es gibt nur wenige Firmen, die halbwegs sichere Verschlüsselungstechnik herstellen.
SPIEGEL: Die neuen Mobilfunk-Betreiber werben damit, daß ihre Systeme D 1 und D 2 einen hohen Abhörschutz garantieren.
Männchen: Na ja, wissen Sie, wenn vor der Wende die Bundespost gefragt worden wäre, ob ihre Kabel abgehört werden können, hätte die auch nein gesagt. Bei den Funksystemen ist zum Abhören nur ein größerer Aufwand erforderlich. Städte wie Berlin etwa sind in verschiedene Wabensysteme aufgeteilt, die Gespräche springen also von Wabe zu Wabe, wenn ein Telefonierer unterwegs ist. Aber technisch ist das Abhören der Mobilfunker natürlich ebenfalls möglich.
SPIEGEL: Und wie könnte das gehen?
Männchen: Indem Sie einfach jede einzelne Wabe abhören. Ein einfacher Computer sorgt dafür, daß das Gespräch ohne Unterbrechung weiterverfolgt werden kann.
SPIEGEL: Die Digitaltechnik hat das Telefonieren also auch nicht sicherer gemacht?
Männchen: Digitalisiert heißt doch nur, daß die Wellen in reine Impulse zerlegt und dann wieder zusammengesetzt werden. Das ist ein technischer Code. Aber weil ich den Code kenne, ist er wie eine offene Sprache.
SPIEGEL: Wer lauscht denn eigentlich nach Ende des Kalten Krieges noch auf deutschem Boden?
Männchen: Jedes Land mit technisch einigermaßen versierten Fachkräften betreibt technische Aufklärung. Freund oder Feind zählt beim Abhören wenig. Alle Botschaften zum Beispiel sind im _(* Nach der Grenzöffnung 1989 in einem ) _(Bunker nahe Gera. ) Prinzip ideale Lauschstationen, weil sie exterritoriale Rechte genießen. Ohne es heute beweisen zu können: Den Libyern, den Irakern, den Iranern traue ich das zu. Am leistungsfähigsten noch vor den Russen waren und sind die Amerikaner. Deren National Security Agency, die NSA, hat nach meiner Überzeugung das Gebiet der DDR fast zu 100 Prozent mit Hilfe von hochempfindlichen Lauschgeräten abgeschöpft.
SPIEGEL: Und wie gut hatte die NSA die Bundesrepublik unter Kontrolle?
Männchen: In der BRD ging der Aufbau der Horchposten schon unter Besatzungsrecht los. Die NSA hatte Zugriff, wo immer sie es wünschte. Die haben in Europa gemacht, was sie wollten. Die NSA versteht sich selbst weltweit als eine Art Ätherpolizei. Sie haben Flugzeuge, sie haben Schiffe, sie können mobile Horchposten einsetzen. Außerdem: Abhören per Satellit wird immer bedeutsamer.
SPIEGEL: Wie funktioniert das ?
Männchen: Der Satellit bietet die besten Möglichkeiten: Funkwellen breiten sich auf dem Erdboden mit einer gewissen Dämpfung aus, nach oben gibt es diese Dämpfung aber praktisch nicht. Satelliten, die meist in etwa 36 000 Kilometer Höhe stehen, empfangen Funk- und Telefonwellen fast dämpfungsfrei und schicken das Abgehörte direkt aus dem Weltall zur Auswertungszentrale. Das kann jedes Land machen, wenn es einen entsprechenden Satelliten anmietet.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik werden jährlich rund 40 Milliarden Telefongespräche geführt. Wie hat denn Ihre Stasi-Abteilung das Interessante herausgefiltert?
Männchen: Da gibt es die verschiedensten Methoden. So läßt sich eine Nummer programmieren, dann springt der Computer mit angeschlossener Abhörtechnik nur an, wenn dieser Anschluß aktiv wird. Oder man gibt bestimmte Stichworte, zum Beispiel Bundeskanzler, ein - nur wenn dieses Schlüsselwort fällt, wird aufgezeichnet. Man kann Wortkombinationen speichern. Technisch problemlos ist es auch, eine Originalstimme zu programmieren. Dann ist der Horcher nur in der Leitung, wenn die Stimmidentifizierung positiv ist. Politikerstimmen dafür lassen sich leicht aus Fernsehen und Rundfunk besorgen. Elektronische Aufklärung ist häufig wie ein Puzzle. Ein Baustein ergibt nichts. Aber eine Lieferung und noch eine Lieferung ergibt für die Amerikaner plötzlich, daß die Deutschen die Giftgasanlage im libyschen Rabita bauen.
SPIEGEL: Wie einfach ist es denn für Privatleute, abzuhören?
Männchen: Technische Aufklärung beschafft heute, nach Ende des Kalten Krieges, immer mehr sensible wirtschaftliche Daten, Betriebsgeheimnisse. Viele Nachrichtendienste wie die der Amerikaner versorgen ihre Firmen schon lange mit solchen Informationen. Große Unternehmen können das natürlich theoretisch auch selbst tun. Es gibt Spezialfirmen, die einschlägige Geräte auch Privatkunden anbieten, zum Beispiel moderne Lasertechnik. Dabei richtet der Lauscher einen Laser auf die Fensterscheibe, hinter der er ein interessantes Gespräch vermutet. Die Sprache in dem Raum bringt die Scheibe zum Schwingen. Der Laser mißt die Schwingungen, und die werden wieder in Töne umgesetzt.
SPIEGEL: Und dann hört man Klartext?
Männchen: Die Sprache ist ein bißchen verzerrt, aber es funktioniert. Gegen Laser hilft allerdings schon eine Dreifachscheibe. Ein anderer Störtrick ist: In den Zwischenraum einer Doppelscheibe wird Musik eingespielt. Jede _(* Auf dem Teufelsberg in Berlin. ) technische Aufklärung ist machtlos, wenn der Gegner sich wirksam schützt. Aber meistens ist dies den entsprechenden Behörden zu teuer, oder sie unterschätzen die Gegenseite.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt das Anzapfen von Computern bei der technischen Aufklärung?
Männchen: Wer an Computer heranwill, hat verschiedene Möglichkeiten. Einmal natürlich über das Telefon. Viele Computer werden über Telefon gespeist und abgefragt. Das kann man mithören, da bekommt man alle Daten.
Dann kann man den Computer natürlich selbst anwählen. Gute Systeme haben Sperren, ein Öffner, ein Paßwort oder dergleichen ist erforderlich. Wenn man vorher abhört, kriegt man das natürlich mit. Außerdem hat ein Computer eine Eigenstrahlung, wenn man nah dran kommt, läßt sich alles mitlesen, was das Gerät gerade verarbeitet.
Die Technik, die dafür gebraucht wird, ist nicht besonders kompliziert: Fahren Sie einen VW-Bus mit den entsprechenden Apparaturen vor das Gebäude; das Teuerste ist dann noch das Strafmandat, wenn der Lauscher im Parkverbot steht.
SPIEGEL: Für wen lohnt der technische Aufwand eigentlich noch?
Männchen: Jetzt sind vor allem ökonomische Daten begehrt. Wenn ich weiß, Rußland will alle seine Atomkraftwerke umrüsten, da ist es für die Deutschen doch wichtig zu wissen, wer diese Umrüstung machen soll. Die Japaner, die Amerikaner? Die Aufteilung in Freunde und Feinde ist bei der elektronischen Aufklärung eine Illusion. Bei der Nato gibt es eine gemeinsame Auswertung, zu der jedes Mitgliedsland Informationen zuliefert. Aber da wird genau selektiert.
SPIEGEL: Die Stasi hat jahrelang auch den SPIEGEL umfassend abgehört, sowohl die Hamburger Zentrale als auch das Berliner Büro. Hat es sich gelohnt?
Männchen: Journalisten sind potentielle Spione, weil sie von Nachrichten und Informationen leben. Das Problem ist immer: Wie kommen sie dazu? Wen suchen sie auf, was berichten sie? Darüber läßt sich beim Mithören sehr viel erfahren.
SPIEGEL: Ihre ehemaligen Gegner bescheinigen Ihnen, die DDR sei in der elektronischen Aufklärung Spitzenklasse gewesen.
Männchen: Und was hat es geholfen? Y
* Nach der Grenzöffnung 1989 in einem Bunker nahe Gera. * Auf dem Teufelsberg in Berlin.

DER SPIEGEL 43/1993
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