17.08.1992

„Hier ist alles gesund und munter“

Die Stimme von Ahmed, dem glattgeschorenen Sprecher der Gefangenen im nordbosnischen Lager Manjaca, zittert, als er dem serbischen Offizier meldet: "Herr Oberleutnant, die Häftlinge sind zur Inspektion bereit."
Der Blick der Besucher fällt auf eine Elendskulisse: In mehreren schier endlos scheinenden Reihen kauern Hunderte von Gefangenen, Körper an Körper gepreßt, auf Sägemehl und Lumpen. Viele sind bis auf die Knochen abgemagert.
Die Gefangenen halten die Köpfe tief gesenkt. Wer befragt wird, antwortet höflich: "Hier im Lager ist alles in Ordnung." Dann ein schneller Blick zu einem der Aufpasser, die hinter jedem Frager stehen und deren Anwesenheit für die Gepeinigten Warnung genug ist, ihr Schicksal nicht durch Klagen zu verschlimmern.
Das Lager Manjaca mit 3500 Kriegsgefangenen liegt rund 20 Kilometer von der nordbosnischen Stadt Banja Luka entfernt und ist nur über Schotterpisten erreichbar. Daneben befindet sich ein Armee-Camp der Serbischen Republik Bosnien. Auf dem Gelände stehen mindestens 40 Panzer.
Soldaten robben einen Hügel empor, dessen Gipfel von Wald bedeckt ist. "Gleich hinter diesem Berg wartet der Feind, die werden auf uns schießen", hatten Offizielle noch in letzter Minute den Besuch einer britischen Parlamentarierdelegation mit Liberaldemokraten-Chef Paddy Ashdown zu blockieren versucht. Doch die Engländer blieben hart: entweder Lagerbesuch oder Abreise.
Einem Fotografen wird der Film aus der Kamera gerissen. Abgelichtet werden darf nur, was die Militärs ausdrücklich genehmigen. Am Stacheldrahtzaun um das Camp hängen Warnschilder: "vermint". Weitab von der Vorzeige-Baracke Nummer 1 ziehen Häftlinge in Kolonnen langsam am Drahtverhau vorbei. Kontakt unerwünscht.
Lagerkommandant Boza Popovic bemüht sich, den Neugierigen aus England klarzumachen, wie überflüssig ihre Visite eigentlich ist. Zunächst sollten sie mal die "um 90 Prozent schlechteren" Lager der Moslems für die Serben inspizieren.
Der weißhaarige Oberleutnant knallt seinen Schlüsselbund ein dutzendmal wütend auf den Tisch, während er Ashdown und Begleitern versichert, daß die Gefangenen hier menschlich nach den Vorschriften der 4. Genfer Konvention behandelt würden. Und natürlich auch hygienisch nach besagter Konvention.
So fahre alle 14 Tage ein mobiles Bad vor, verfüge das Lager über einen Zahnarzt. Bisher habe es nur fünf natürliche Todesfälle zu beklagen gegeben. Popovic: "Hier ist alles gesund und munter. Die leben zwar nicht wie die Maden im Speck, aber besser als meine Soldaten an der Front." Die Forderung nach mehr Obst und Gemüse sei eine Anmaßung, zürnt der Kommandant: "Ich bin jetzt zehn Monate im Krieg und weiß auch nicht mehr, was ein Apfel ist."
Über tausend Neuzugänge bekam Manjaca vorvergangene Woche, als das serbische Folterlager Omarska aufgelöst werden mußte. Die Aufnahmen von den zu Skeletten abgemagerten Gefangenen hatten weltweite Empörung ausgelöst. In Omarska, so ein serbischer Aufseher, habe es bis vor kurzem auch ein eigenes Frauenlager gegeben. Fast tausend Moslem-Frauen hätten dort "freiwillig" bei den Serben Schutz gesucht.
"Lager wie unseres hier", behauptet ein Aufseher, "sind keine Todesfabriken. Gefährlich sind die über 500 Privatlager, die niemand kontrolliert. Dort wird massakriert, liquidiert, abgeschlachtet." Niemand weiß, wie viele Serben sich solche gleichsam privaten Folterstätten halten.
Auch Paddy Ashdown bestätigt nach dem Besuch in Manjaca: "Dies ist kein Konzentrationslager im traditionellen Sinn. Die Zustände sind schlecht, aber nicht unzumutbar." Dem Engländer, der selbst Dschungelkämpfer bei den Royal Marines war, fällt auf, daß es nahezu keine kroatischen Kriegsgefangenen gibt. Es ist wohl ein Zeichen dafür, daß zwischen Serben und Kroaten in Bosnien längst ein verabredeter Gefangenenaustausch stattfindet.
Die Strecke vom Lager Manjaca zum Lager Kula nahe des Flughafens von Sarajevo, acht Stunden Autofahrt, wird von Serben kontrolliert. Der Korridor führt an der Nordgrenze Bosniens entlang, über Schotterstraßen, Feldwege und unwegsames Gelände, über Behelfsbrücken und durch unzählige Sperren aus Eisenstangen und Autoreifen. Die serbischen Soldaten wirken gelassen, das gewünschte Terrain ist erobert.
Die Erinnerungen an Tschetnik-Führer Draza Mihajlovic, die serbische Symbolfigur aus dem Zweiten Weltkrieg, scheint allgegenwärtig. Uniformierte mit langen Bärten, die serbische Sajkaca-Kappe auf dem Haupt und die Kalaschnikow im Anschlag, kontrollieren den Verkehr. Die Läden am Wegesrand sind leer, gute Geschäfte machen nur die Verkäufer von Trauerkränzen.
Bei Pale, wo Bosniens Serben-Führer Radovan Karadzic herrscht, beginnt der Belagerungsring der Serben um Sarajevo. Von den Hügeln von Lukavica wird die Stadt bombardiert. Serbische Soldaten sitzen scheinbar gelangweilt an Holztischen oder unter provisorischen Zeltplanen, die Sliwowitz-Flasche in Reichweite, die Munitionsvorräte daneben. Eine lange, in den Wald geschlagene Schneise weist auf das Ziel - Wohnhäuser der bosnischen Hauptstadt.
Im Lager Kula leben rund 170 Kriegsgefangene. Der Aufseher mit dem Spitznamen "Sonnyboy" ("Ich war vor dem Krieg Lehrer") läßt schon durch seine Catcherstatur keinen Zweifel aufkommen, wer hier das absolute Regiment führt.
Im Vorhof warten die Gefangenen. Fast alle stammen aus Hadzici, einem Ort, der vor dem Krieg überwiegend von Moslems bewohnt war. Kemal wurde vom Frühstückstisch weggeholt, Mustafa vom Arbeitsplatz, andere schleppten die Serben von der Straße weg. Für 130 Moslems aus Hadzici begann mit einem Verhör auf der Polizeistation ein dreimonatiger Überlebenskampf.
Es gelingt, eine Gruppe von Moslems ohne Aufseher zu fragen. 47 von ihnen vegetierten fünf Wochen in einer 20 Quadratmeter großen Garage, einem sogenannten Privatlager. Sie wurden auf brutalste Weise mißhandelt. Häftling Seki berichtet: "Danach warf man uns wie Säcke auf Lastwagen und brachte uns in das Schreckenslager Lukavica." Dort warteten bereits andere Kriegsgefangene. "Statt Essen gab es nur Prügel", erzählt Hassan. "Viele wurden zu Tode gefoltert. Jeden Tag kamen die Aufseher mit Listen. Wen sie aufriefen, den sahen wir nie wieder."
Als Einzelheiten über die Greueltaten in Lukavica an die Öffentlichkeit gelangten, wurde das Lager geschlossen.
Alle Gefangenen im Lager Kula haben seit ihrer Festnahme mehr als 20 Kilogramm abgenommen. "Dies hier", sagt Seki und zeigt auf die englischen Politiker, die über eine Dolmetscherin und im Beisein der Lagerwärter mit den Gefangenen reden, "ist doch eine Zirkusvorstellung." Einige Räume seien eigens für die Visite "frisiert" worden. "Heute durften wir erstmals wieder ins Freie und uns rasieren."
"Gibt es in Serbien noch den Milosevic?" fragt einer. Und wie es um den Krieg stehe? Seit drei Monaten haben diese Elendsgestalten keine Zeitungen mehr gelesen, keine Nachrichten gehört. Ihre Familien wissen nicht, ob sie noch am Leben sind.
Schließlich der dramaturgische Höhepunkt: Mit Polizeieskorte und Blaulicht fährt Serben-Führer Karadzic vor. Generös drückt er den Parlamentariern aus dem Vereinigten Königreich zehn Entlassungsurkunden in die Hand und führt gleichzeitig Regie. Die BBC soll drehen, wie die auserkorenen zehn Häftlinge - fast alle sind krank - in die Freiheit entlassen werden. Die Engländer weigern sich, beim Amnestie-Spektakel mitzumachen.
Den glücklichen zehn gibt Karadzic hinterher einige Überlebenstips: "Kehrt nicht in eure Heimatdörfer zurück, denn die sind mittlerweile serbisch. Geht lieber zu Freunden." Denn, so die Warnung des Chefs der ethnischen Säuberer: "Die Serben in eurem Dorf, die sind blutrünstig geworden."
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 34/1992
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