17.02.1992

„Stellen Sie 'nen Eimer hin“

Frühgeborene, die weniger als 1000 Gramm wogen, wurden in der größten Frauenklinik der DDR über Jahre hinweg ertränkt - eine Praxis, die offenbar überall in der DDR betrieben wurde. Die Tötungen halfen, die Statistik über die Säuglingssterblichkeit der auf internationales Renommee bedachten DDR zu schönen.
Das Baby war mit der Geburtszange geholt worden und hatte eine Riesenwunde am Kopf. Die Ärzte hielten es zunächst für eine Totgeburt.
Doch die Annahme erwies sich rasch als Irrtum. Daraufhin wurde die Hebammenschülerin Christine Hersmann angewiesen, mit einem unsterilen Zipfel Restbinde aus dem Kramkasten einen Nabelverband anzulegen. Als die junge Frau sich weigerte, derart unsachgemäß zu arbeiten, wurde sie belehrt, der unsaubere Verband reiche völlig aus.
Auch den Brutkasten durfte sie nicht einschalten, nicht einmal angezogen werden durfte der Säugling. Wenig später wurde Christine Hersmann aufgefordert, ein Pappschildchen "mit Namen, Geschlecht und der Einstufung ,Totgeburt''" zu beschriften. Als sie sich weigerte, weil das Kind lebte, "mit den Beinchen strampelte und schrie", hieß es: "Was wollen Sie denn, das Kind zeigt doch nur Reflexe."
Christine Hersmann befestigte zwar das Schild mit der Aufschrift "Totgeburt" am Beinchen des Babys, wickelte _(* In der neonatologischen Station der ) _(Frauenklinik der Medizinischen Akademie ) _(Erfurt. ) das Kind aber in saubere Putzlumpen ein und legte es auf ein dickes Brett, das auf der Heizung stand. Der Säugling überlebte ein paar Tage - dann starb er an Lungenentzündung.
Dieser Vorfall, Anfang der sechziger Jahre, war nicht das einzige Vorkommnis, das Christine Hersmann dazu bewog, die Erfurter Frauenklinik zu verlassen. Zuvor schon hatte sie mehrfach erlebt, wie Säuglinge getötet wurden.
Stets handelte es sich um besonders kleine Frühgeborene, die nach der Entbindung in den sogenannten Schieber kamen: "Dort erstickten oder ertranken sie", so die Hebamme, "weil sie zu schwach waren, den Kopf aus dem Blut und dem Fruchtwasser zu erheben."
Erst Jahrzehnte später, 1982, kehrte die Frau an die Erfurter Klinik zurück, damals die größte ihrer Art in der DDR. Als sie erfuhr, daß "diese Sache mit den Frühchen immer noch so praktiziert" werde, bedang sich die Hebamme aus, nicht im Kreißsaal arbeiten zu müssen.
Schon nach kurzer Zeit jedoch wurde sie wieder aufgefordert, sich an der Tötung von Neugeborenen zu beteiligen: "Am Wochenende erwarten wir Fehl- oder Frühgeburten", wurde sie angewiesen, "stellen Sie sich dazu ''nen Eimer Wasser hin."
Welchem Zweck der Wassereimer dienen sollte, wurde ihr so erklärt: "Sobald entbunden ist, nabeln Sie die Kinder schnell ab. Lassen Sie die, bevor sie ihren ersten Schrei tun, in den Eimer Wasser plumpsen."
Aus Gewissensgründen, schrieb Christine Hersmann damals an den Direktor der Erfurter Klinik, Erich Wagner, sei es ihr nicht möglich, die ihr "angetragene Aufgabe" zu erfüllen und Frühgeborene "in einem bereitgestellten Eimer mit Wasser" zu ertränken. Daß sich Ärzte im Kreißsaal zu Richtern über Leben und Tod von Kindern aufspielten, empfand sie als "Mord".
In allen Fällen habe es sich, berichtet Christine Hersmann, um besonders kleine, unreife Frühchen gehandelt, durchweg mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1000 Gramm. Die Tötungspraxis hatte, so scheint es, Methode - zumindest in Teilen der einstigen DDR.
Das jedenfalls behaupten Geburtshelfer und Neonatologen - Ärzte, die sich auf die Lebenserhaltung von Frühgeborenen spezialisiert haben. "Es gab in der ehemaligen DDR Bezirke, wo Frühgeborene mit 1000 Gramm vorkamen, und es gab Bezirke, wo sie nicht vorkamen; daran läßt sich nichts deuteln", sagt etwa Ludwig Grauel, 57, der an der Ost-Berliner Charite die neonatologische Abteilung der Kinderklinik leitet und der jahrelang statistisches Material zur Säuglingssterblichkeit in der DDR ausgewertet hatte.
Der Verdacht liegt nahe, daß mit Hilfe des Wassereimers die Ost-Statistiken auf Erfolg getrimmt werden sollten. Denn: Lebensschwache Frühgeborene unter 1000 Gramm, die kurz nach der Entbindung verstarben, wurden lediglich als Abort registriert. Weil sie diese Frühgeburten im Gegensatz zum Westen nicht als Tot- oder Lebendgeburten erfaßten, wurden die offiziellen Statistiken über die Säuglingssterblichkeit entlastet, mit denen die DDR im internationalen Vergleich zu renommieren gedachte.
"Die Säuglingssterblichkeit sollte hier niedrig gehalten werden, das war ein Politikum", bestätigt ein Frauenarzt der Erfurter Klinik, "schließlich sollte bewiesen werden, daß der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen war." Statistisch lagen Bundesrepublik und DDR lange Zeit in puncto Säuglingssterblichkeit gleichauf.
Politische Motive scheinen allerdings nicht ausschlaggebend für die Babytötungen in der DDR gewesen zu sein. Neonatologen sehen einen weiteren Grund in dem unter Geburtshelfern in Ost- wie Westdeutschland weitverbreiteten Pessimismus: "Trotz aller Erfolge, die wir mit dem Durchbringen so kleiner Kinder haben", sagt der Tübinger Neonatologe Helmuth Mentzel, "glauben Frauenärzte nach wie vor, daß diese Kinder sowieso keine Chance haben und deshalb auch gleich im Kreißsaal sterben können."
"Frühchen unter 800 Gramm", berichtet Mentzel, seien auch in der westlichen Forschungsliteratur "jahrelang überhaupt nicht aufgetaucht". Daraus sei "aber nicht zu schließen, daß es sie nicht gab", sagt der Mediziner, der jüngst auf einer Tagung mit Forschungsergebnissen für Aufsehen gesorgt hat. Dort berichtete Mentzel über gute Überlebenschancen auch extrem unreifer Frühgeborener.
Fest steht, daß der Gesetzgeber es Ärzten in der DDR besonders leicht machte, Frühgeborenen unter 1000 Gramm von vornherein keine Chance zu geben. Wenn sie lediglich eines von zwei Lebenszeichen - Herzschlag oder Atmung - aufwiesen, galten sie nicht einmal als menschliche Leiche, sondern als Abortus. Wogen Kinder mit nur einem Lebenszeichen hingegen mehr als 1000 Gramm, wurden sie als Totgeburt registriert. Im Westen Deutschlands dagegen genügte in jedem Fall ein einziges Lebenszeichen, um Frühgeburten als Lebendgeburten einzustufen.
Vorstellbar ist, daß die DDR-Gesetzgebung auch das Unrechtsbewußtsein jener Erfurter Geburtshelfer getrübt hat, die den Wassereimer einsetzten. Denn laut Gesetz war es nicht strafbar, Frühchen unter 1000 Gramm, deren Herz schlug oder deren Atmung funktionierte, in den Wassereimer zu befördern - sie galten, im juristischen Sinn, nicht als lebendig. "Und ein laut Gesetz totes Kind kann man nicht töten", sagt Klinikdirektor Wagner.
Der Mediziner - 1982 brieflich mit Hersmanns Weigerung konfrontiert, sich an den umstrittenen Praktiken zu beteiligen - erließ sogleich eine schriftliche Anordnung, "den Wassereimer nicht mehr zu benutzen". Seinen Mitarbeitern will er damals gesagt haben, das Recht auf Leben sei nicht vom Gewicht abhängig.
Der Wassereimer, glaubt Wagner, sei nicht nur in Erfurt, sondern DDR-weit benutzt worden. Denn besonders kleine Frühchen hätten bis in die siebziger Jahre hinein keine Überlebenschance gehabt: Moderne Beatmungsapparate fehlten ebenso wie Sauerstoff-Überwachungsgeräte.
An die Diskussion über den Wassereimer, die einst unter Erfurter Ärzten, Hebammen und Krankenschwestern geführt wurde, kann sich auch Heinz Dziambor erinnern, der dort bis 1982 arbeitete und heute die Frauenklinik im sächsischen Freiberg leitet. Nach dem Eingang des Hersmann-Briefes rief er das "Schwesternkollektiv" zusammen. "Meine Position, die ich dort vertrat, war klar: Jedes Kind hat ein Recht auf Leben, wir dürfen uns nicht zum Richter machen", berichtet Dziambor.
Er selber unterscheide zwischen zwei Verhaltensweisen: einerseits dem "Verzicht auf Reanimation", andererseits "wirklich kriminellen" Aktivitäten. Denn das Benutzen von Wassereimern oder Schiebern, so erklärte Dziambor, sei für den Arzt "weitaus schlimmer" als der Verzicht auf die medizinische Versorgung von Frühgeburten.
Weniger hart beurteilt Wolfgang Buchenau, Neonatologe an der Erfurter Klinik, das Verhalten der Ärzte. Er und seine Kollegen hätten in Diskussionen mit den Geburtshelfern zugeben müssen, daß extrem kleine Winzlinge auf der Erfurter Neugeborenenstation wegen fehlender Technik nur schlechte Überlebenschancen hatten.
Jahrelang bekam der Arzt Frühgeborene mit einem Gewicht unter 1000 Gramm auf seiner Station nicht zu Gesicht. "Wir haben uns immer gewundert", sagt Buchenau, "warum wir diese Patientengruppe in all den Jahren hier nie hatten. Als uns West-Kollegen besuchten, mußten wir denen immer sagen, diese Kinder bekommen wir nicht von den Geburtshelfern."
Später versuchten die DDR-Pädiater, die Geburtshelfer umzustimmen: "Wir stellten unsere Arbeit so dar, daß sie anfingen, ihre Einstellung zu den Überlebenschancen der Neugeborenen zu verändern."
Erst in den letzten Jahren seien er und seine Kollegen von den Frauenärzten in den Kreißsaal hinzuzitiert worden, wenn Kinder unter 1000 Gramm als lebend eingestuft worden waren. Aber das, so Buchenau, "waren sehr wenige Fälle".
Zahlen belegen diesen Eindruck. Bereits in den ersten vier Wochen dieses Jahres hatte Buchenau sechs Frühchen unter 1000 Gramm auf seiner Station - mehr als beispielsweise im gesamten Jahr 1985. o
* In der neonatologischen Station der Frauenklinik der Medizinischen Akademie Erfurt.

DER SPIEGEL 8/1992
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