09.11.1992

„Hier herrscht seit '33 Diktatur“

Sie trugen Springerstiefel und schwarze Lederklamotten, einer schleppte eine Fahne mit. Als der Domküster die zwölf Männer den Schloßhof heraufstapfen sah, ereilte ihn eine ungute Vorahnung.
Hatten sich mit solcherart Szenen nicht schon früher, viel früher, an diesem Ort schlimme Entwicklungen angekündigt? Und war nicht am Ende diese Kirche (und nicht nur sie) in die Hände von Barbaren gefallen? Domküster Werner Bley, 47, kennt die alten Geschichten um die Schloßkirche zu Quedlinburg, die einstmals eine Wallfahrtsstätte der Nazis war, nur aus den zerfledderten Blättern zwischen vergilbten Aktendeckeln, die in seiner Schreibstube lagern.
Als an diesem Julitag 1991 die Stiefelabsätze über das Kopfsteinpflaster der Kreisstadt am nordöstlichen Harzrand hallen, wird für den Domhüter jedoch augenblicklich plastisch, was in den NS-Akten nur in biederen Beamtenworten festgehalten ist: die beklemmende Ohnmacht seiner kirchlichen Amtsvorgänger, denen der ehrwürdige Stiftsdom einst von der SS entrissen wurde.
Der Küster schickt ein Stoßgebet gen Himmel, daß der liebe Gott ihm zur bevorstehenden Kirchenführung schnell noch ein paar Touristen senden möge. Bley will in dem Gotteshaus auf keinen Fall allein mit diesen Männern sein. Doch da stehen sie schon vor ihm, zahlen brav ihren Eintritt und sehen wie Milchgesichter aus.
Darauf, daß Fahnen nicht in die Kirche mitgenommen werden dürfen, mag Bley lieber nicht bestehen. Drinnen sind die jungen Leute dann auch _(* Festnahme eines bewaffneten ) _(Demonstranten vor dem Asylbewerberheim ) _(im September. ) gleich bereit, das Tuch mit dem Reichsadler einzurollen. Und noch etwas läßt der Domhüter durchgehen: Im Schummerlicht der Krypta haben die Besucher plötzlich eine Kamera gezückt, obwohl in dem alten Gewölbe mit seinen wertvollen Deckenmalereien strengstes Fotografierverbot gilt - das Klicken des Auslösers überhört der Kirchendiener.
Weiter ist an jenem Sommertag im Dom nichts vorgefallen. Den Küster aber beschleichen manchmal Selbstzweifel, ob er sich damals richtig verhalten habe. In seiner Amtsstube am Schloßberg rutscht er unruhig auf dem Stuhl hin und her. "Hätte ich mich denn zusammenschlagen lassen sollen?"
Fragen dieser Art werden jetzt auch in dem Gewirr von Pflastergäßchen erörtert, das dem Dom zu Füßen liegt: Die Provinzstadt, in der sich jahrhundertealte Fachwerkhäuser wie enge Freunde aneinanderlehnen, ist unversehens zu einem Brennpunkt deutscher Zustände geworden.
Da steckten Unbekannte aus reiner Zerstörungswut parkende Autos an, andere schlugen reihenweise Schaufensterscheiben ein. Linke und rechte Jugendliche lieferten sich in der City eine Straßenschlacht. Ausländer und Behinderte wurden gehetzt und geschlagen.
"Fast unvorstellbar", sagt Helmut Windweh, der zuständige Oberstaatsanwalt im nahegelegenen Halberstadt, sei das "Ausmaß an Brutalität" in der Region. Einige ältere Quedlinburger fühlen sich gar an "Weimarer Verhältnisse" erinnert. Der schmucke Fachwerkflecken - ein braunes Nazinest?
Vermutlich geht es in dem Harzstädtchen nicht schlimmer zu als anderswo im deutschen Osten, und auch nicht weniger friedlich. "Es gibt nicht zu viele Nazis hier", sagt Dietrich Rehbein, 56, ein Mann der Bürgerbewegung, der mittlerweile Chef des Kreissozialamts ist, "es stellen sich ihnen nur zuwenig Demokraten entgegen."
Aber gibt es genügend Demokraten? Rechtsradikale melden, das Gebiet sei "sehr im Kommen". Einheimische trauen NPD und Republikanern bei der nächsten Kommunalwahl 15 bis 20 Prozent der Wählerstimmen zu: Im dritten Jahr nach der Novemberwende ''89 haben Rattenfänger Hochkonjunktur.
Rund 27 000 Einwohner, davon mittlerweile etwa 44 Prozent ohne Beschäftigung (die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 18 Prozent) - während die einen ihr Glück machen, fühlen sich andere in der Kleinstadt abgehängt. Da wächst Neid und Mißgunst untereinander: Jeder kennt hier schließlich jeden.
Hinter dem reichgeschmückten Rathausportal sitzt beispielsweise der Bürgermeister Rudolf Röhricht, 53, in seinem Amtszimmer und duckt den Kopf unter die Schulterblätter, als wolle er dazwischen verschwinden. "Das Beschämendste für mich ist", sagt Röhricht, der dem linksliberal orientierten Bürgerforum angehört, "daß Quedlinburger auf Quedlinburger Steine geschmissen haben."
In einem Hinterhofbüro fernab vom Stadtzentrum fixiert indessen der Transportunternehmer Heinz Hohmann, 53, aufgeregt sein Gegenüber. Es müsse, poltert er unvermittelt los, noch einmal "mit dem Besen gekehrt werden", um all die Wendehälse wegzujagen, die es sich in den neuen politischen Ämtern bequem gemacht hätten.
Zusammen mit 30 Gesinnungsgenossen hat der Unternehmer letzte Woche in der Harzstadt einen Kreisverband der Republikaner gegründet. Hohmann prophezeit: "In Quedlinburg ist die Revolution noch nicht beendet."
Ein paar hundert Meter von Hohmanns Büro entfernt steht eine buntbepinselte Baracke inmitten häßlicher Neubaublocks. Es ist ein städtisches Jugendzentrum, der Treff der rechten Szene. "Wir versuchen, Quedlinburg ein bißchen sauberzuhalten", behaupten die Jugendlichen hier - mit schlimmen kriminellen Aktionen einer selbsternannten "Bürgerwehr".
Schon 15jährige können haarklein erklären, wie man einen Molotowcocktail baut ("Ganz einfach: Du zapfst Benzin aus deinem Moped in ''ne Bierflasche") und wer einem die Gaspistole besorgen kann ("Jeder zweite hat doch hier ''ne Knarre"). Dabei schauen die Kinder so harmlos drein, als ginge es um eine Lego-Bauanleitung.
Manchmal steigen die Knilche in einen alten grünen Lkw vom DDR-Typ "W 50", dann geht''s zum "Einsatz" raus. Den Laster steuert der Sohn eines ortsbekannten Bauunternehmers. Sascha Zech ist 19, etwas schmächtig und, nach Einschätzung der Ermittler, ein überzeugter Rechtsradikaler. Den 15jährigen imponiert der Neonazi vor allem, weil er einen weißen Mercedes fährt, CB-Funk und genügend Kleingeld für eine Runde Flaschenbier hat.
Ob sie allein aus Quedlinburg kamen oder mit auswärtiger Unterstützung zur Sache gingen - Halbwüchsige haben in der beschaulichen Provinzregion mittlerweile eine schier unglaubliche Spur der Gewalt hinterlassen. Da wurde, im Frühjahr ''92, ein Mitbürger, den die Bürgerwehr als asozial betrachtete, in die Bode gestoßen, den kleinen Fluß, der die Kreisstadt durchquert. Der Mann überlebte den Brückensturz wie durch eine Wunder.
Im Quedlinburger Vorort Neinstedt wurde im Umfeld einer Heilanstalt mit Schreckschußpistolen herumgeballert, Körperbehinderte sind überfallen und geschlagen worden. Auf dem Hexentanzplatz, einem bekannten Ausflugsziel und Treffpunkt von fliegenden Händlern und Hütchenspielern bei der benachbarten Kleinstadt Thale, veranstaltete die Knabengang im Sommer mehrfach Hetzjagden auf Ausländer.
Vor den Augen von Touristen und Passanten, die "Beifall klatschten", wie sich der 16jährige Kay erinnert, wurde eines der Opfer beinah zu Tode geprügelt - zunächst mit Baseballschlägern, dann mittels eines schweren Eisenrohres mit ausziehbarer Stahlfeder, einem sogenannten Totschläger.
Die Bilder, die ihm später bei der Polizei von drei Schwerstverletzten (mit Schädel-Hirn-Trauma, zertrümmerten Kiefernknochen und ausgeschlagenen Zähnen) gezeigt wurden, kamen dem Oberschüler Kay "schon schrecklich" vor. Aber er fände trotzdem gut, sagt der Junge und grinst verlegen, "wenn da noch mal was gemacht wird". Kay möchte nach dem Abitur zur Bundeswehr. Derzeit läuft gegen ihn freilich ein Verfahren wegen Körperverletzung und versuchten Totschlags.
Der Gewaltrausch der Jugendlichen steigerte sich im Laufe des Jahres noch: Mitte Oktober wütete ein Dutzend Kids, darunter auch ein 13jähriges Mädchen, im Asylbewerberheim von Thale. Sie brachen Wohnungstüren auf, verprügelten Heiminsassen, traktierten sie mit Messern und rissen drei Vietnamesinnen die Kleider vom Leib - die anrückende Polizei konnte gerade noch verhindern, daß ein 16jähriger eine der Frauen vergewaltigte.
Kaum weniger schlimm, was, gleich um die Ecke vom Jugendklub, Anfang September vorm Asylantenheim in Quedlinburg geschah. Abend für Abend belagerten die Jungen das Haus. Steine flogen und Molotowcocktails, Schaulustige applaudierten, und auch das Fernsehen war zugegen: Alles lief nach Rostocker Vorbild.
Doch anders als im Norden stellte sich den jugendlichen Rowdies in Quedlinburg eine Gruppe von Bürgern entgegen, darunter Stadtverordnete, Geschäftsleute und der Bürgermeister. Gegen die Steine demonstrierten die Bürger mit Blumensträußen.
Mehrere Leute wurden verletzt, eine Rathausbedienstete mußte mit einer Platzwunde am Kopf und einem zersplitterten Handgelenksknochen in ärztliche Behandlung. Einer der Polizisten, die dem Steinhagel untätig zugeschaut hatten, gab ihr noch einen guten Rat mit auf den Weg: "Hätten Sie da nicht gestanden, wäre Ihnen nichts passiert."
Nicht nur die brutale Gewalt der Jugendlichen schreckt. Schwerer noch wiegt, was ihre Anschläge in der Bevölkerung auslösen: Viele Bürger sind hilflos und passen sich an. "Die Leute schweigen schon wieder zuviel", beobachtet der Domküster Bley.
Auf einem Gymnasium kursiert Hitlers "Mein Kampf", als handele es sich um ein Deutschlesebuch. In der Berufsschule kritzeln Lehrlinge Hakenkreuze ins Berichtsheft. Eltern entdecken ein Foto vom Führer in der Brieftasche ihres Sprößlings, und manch ein Schüler bekundet zu Hause schlicht: "Ich halte mich jetzt rechts, da lebe ich gesünder."
Eine Realschullehrerin schaut hilflos zu, wie sich die Pennäler in ihrer Klasse _(* Im Quedlinburger Behindertenheim. ) vorm Unterricht den Hitlergruß abnehmen; eingeschüchtert durch den Hinweis, es sei ja bekannt, wo sie wohne, wagt die Frau nicht einzugreifen. Ein sozialdemokratischer Lokalpolitiker möchte anonym bleiben, wenn er von seinem Sohn erzählt, aus Angst, das Kind könnte dann von rechten Gesinnungsgenossen verprügelt werden. "Papa, du bist politisch zu aktiv", hat ihm der Sprößling vorgehalten.
Kürzlich ist der Vater mit dem 15jährigen ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald gefahren. Beim Anblick des Krematoriums kommentierte der Junge ungerührt: "In Neuguinea machen sie auch Schrumpfköpfe."
Angesichts wachsender Ressentiments gegen Ausländer und Andersdenkende in den Schulen reagierten die Eltern eines 16jährigen, eher links orientierten Gymnasiasten nachgerade erleichtert, als die ungarische Brieffreundin einen geplanten Besuch absagte. Erst vor kurzem war ein französischer Freund ihres Sohnes in Quedlinburg ständigen Beschimpfungen von Mitschülern ausgesetzt gewesen.
Selbst der Sozialamtschef Rehbein, der bei der Mahnwache dabei war, ist ein wenig vorsichtiger geworden. Kürzlich blies er die mit viel öffentlichem Tamtam vorgesehene Einweihung des neu eingerichteten Behindertenheimes ab. Statt dessen wurde das Haus in aller Stille bezogen - man wollte keine ungebetenen Gäste anlocken.
In seiner Schreibstube am Schloßberg hat Küster Bley mittlerweile die alten Akten hervorgeholt. Daraus geht minutiös hervor, wie die Nazis seinerzeit die Stiftskirche in eine SS-Weihestätte umfunktionierten.
Der Grund dafür liegt in der Krypta des Domes. Dort ist die Grabstätte von Heinrich I., einem sächsischen Herzog, der als erster deutscher König gilt. Daß sich im Juli des Jahres 1936 Heinrichs Todestag (936) zum tausendsten Mal jährte, war für die Nazis "propagandistisch ein Geschenk des Himmels", wie der Chef des Berliner Rasseamtes damals an den Reichsführer SS Heinrich Himmler schrieb.
Zur Tausendjahrfeier gaben sich Himmlers Männer noch damit zufrieden, den Domschlüssel nur leihweise zu bekommen. Bald verlangten die Nazis jedoch die Herausgabe des Gotteshauses, rissen die Kirchenbänke heraus (das neue Gestühl kam aus Dachau) und bauten schließlich den gotischen Chor der Kirche in einen romanischen Bogen um - nur damit die große Hakenkreuzfahne dahinter besser zur Geltung kam.
In diesen Tagen, 47 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft, sollte das Kirchenarchiv endlich veröffentlicht werden. Vorerst habe man davon jedoch wieder Abstand genommen, berichtet Bley: "Das ist jetzt nicht die Zeit dazu."
Wann denn sonst? Vor drei Jahren, im November 1989, waren Woche für Woche an die 20 000 Bewohner friedlich mit Kerzen durch die Stadt gezogen. Arbeiter und Angestellte, Handwerker und Hausfrauen - alle forderten sie mehr Freiheit und Demokratie.
"Greenpeace" sollte gegründet werden und "Amnesty International", Grün-Alternative träumten vom "Biotop Quedlinburg". Statt dessen eröffnete Beate Uhse eine Filiale in der Stadt, acht Autohäuser machten auf, fünf Spielhallen und sechs Videotheken.
Im neugegründeten "Rotary Club" lauschen die Mitglieder einem Vortrag über die Renaissance-Zeit. Der Bürgermeister verhandelt mit einem kanadischen Investor, der einen Golfplatz mit sechsstöckigem Hotel errichten will, für "nationale und internationale Manager-Konferenzen".
"Wir kommen aus der Steinzeit und sind plötzlich im hochmodernen Kapitalismus gelandet", sagt der Domküster Bley, "wer soll denn das nervlich verkraften?" Andere sprechen sarkastisch vom "großen Kaspar-Hauser-Experiment" - Anspielung auf den berühmten Fall eines Jungen im vorigen Jahrhundert, der nach einer Kindheit in einem lichtlosen Raum nicht sprechen, nicht schreiben, nicht lesen konnte und, als er alles auf einmal lernen sollte, an den neuen Anforderungen zerbrach.
Das Vakuum ist besonders in den Schulen spürbar. Früher Indoktrinationsfabrik und Verwahranstalt in einem, tut sich dort heute die große Leere auf. Wurden die Kinder im Honeckerreich auch am Nachmittag agitiert, bei den Jungen Pionieren, der FDJ oder sonstwo, ist es den Lehrern heute nach einem bislang gültigen Schulreformgesetz in Sachsen-Anhalt untersagt, sich außerhalb von Unterrichts- oder Arbeitsgruppenstunden überhaupt noch mit den Schülern zu befassen.
Auch sollen die Lehrer keine politischen Stellungnahmen gegenüber den Schülern abgeben. Das Ergebnis der gutgemeinten Gesetzesanweisungen: In _(* Am 2. Juli 1936 am Grabmal Heinrichs ) _(I. ) der Schule setzt sich keiner mit den verquasten Politansichten der Heranwachsenden auseinander, brisante Themen sparen die Pädagogen tunlichst aus. Denn sie wollen gerade jetzt nichts falsch machen. In Quedlinburg, aber nicht nur dort, laufen zur Zeit die Verbeamtungsverfahren.
Was die ostdeutschen Schulen nicht leisten, können die Elternhäuser nicht nachholen. "Die Alten wissen doch heute nichts mit ihren Kindern anzufangen", weiß Hans-Christoph Jaekel, 32, Jugendbildungsreferent bei der evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, "und die Kinder nichts mit den Alten."
Das verwundert nicht: Im DDR-Regime wurden bereits die Babys in der Krippe abgegeben, hernach lief nicht mehr allzuviel zwischen den Generationen. So lungern die Kinder heute an Bushaltestellen und auf Spielplätzen herum und wissen nichts mit sich anzufangen. "Das Basisproblem", sagt Jugenddiakon Jaekel, "ist die zerrüttete Seele in den ostdeutschen Familien."
Doch das kann den Rechtsruck der Jungen nur zum Teil erklären, mindestens so wichtig ist der Rechtsruck der Alten.
Auffällig oft klingen die Vokabeln der Jugendlichen, als seien sie irgendwo aufgeschnappt. Da erzählt der Lehrling Sven, 18, während der Nazizeit sei es "anfangs ja gut" gewesen: "Hitler hat die Autobahnen gebaut." Und Oliver, 15, meint über die Asylbewerber: "Das sind doch nur Wirtschaftsflüchtlinge."
Aus eigener Anschauung können weder Sven noch Oliver begründen, warum gerade im beschaulichen Quedlinburg Überfremdung durch Asylanten drohen soll: Die stellen ja in der Provinzstadt wenig über 0,1 Prozent der Bewohner (31 von 27 000). In den engen Gassen fallen kaum fremde Gesichter auf, die meisten Ausländer sehen die Quedlinburger im Fernsehen.
In Wahrheit hat die "Suppe aus Frust, Neid und Minderwertigkeitsgefühlen" (Jaekel), die sich bei vielen Ostdeutschen angeschwemmte hatte, ziemlich wenig mit rumänischen Hütchenspielern oder vietnamesischen Hemdenverkäufern zu tun, um so mehr mit Verbitterung über unerfüllte Träume von der eigenen besseren Gegenwart. Da mischen sich nebulöse Stasi-Anschuldigungen _(* Im September. ) mit der Beobachtung, daß in vielen Betrieben immer noch Vertreter der alten Garde das Sagen haben; die Hilflosigkeit vor unverständlichen Behördenformularen belastet die Leute ebenso wie das entwürdigende Gefühl, in der Schlange vor dem Sozialamt zu stehen.
Die Politiker, wie im Bonner Bundestag so auch im Quedlinburger Rathaus, tragen ihr Teil zur trüben Aussicht bei. So stritten sich Stadtverordnete ernsthaft über die Frage, ob die Nazigrößen Hitler und Himmler jetzt endlich aus der Ehrenbürgerliste der Stadt verbannt werden könnten (immerhin: sie wurden gestrichen). Im Kreistag versuchte der Landrat, sich und seinen Dezernenten durch Anerkennung von fiktiven Beschäftigungszeiten erst mal höhere Gehälter zuzuschanzen.
Das sei ein Akt "der Gleichbehandlung", begründeten die Kommunalpolitiker ihren Coup, "da es zu DDR-Zeiten vielen verwehrt war, in der staatlichen Verwaltung tätig zu sein". Derweil werden kleine Häuslebesitzer mit für sie kaum finanzierbaren kommunalen Gebühren belegt. Ob für Abwasseranschlüsse, Autostellplätze oder für Beteiligung an Straßenbaumaßnahmen - plötzlich werden alle Kosten auf einmal erhoben. Schnell können Beträge von 50 000 bis 60 000 Mark zusammenkommen. Und dabei ist manch einer vielleicht schon bis zur Halskrause verschuldet, manch anderer arbeitslos.
Lauter Kleinkram? Die Probleme brechen mit brachialer Gleichzeitigkeit über Menschen herein, die es bislang gewohnt waren, daß ein autoritärer Staat alles regelte. Wundert es da, daß sie nach autoritären Lösungen rufen? Trotz aller Jubelparaden seien "Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in der DDR immer latent vorhanden" gewesen, meint Diakon Jaekel. Küster Bley sagt''s direkter: "Hier in diesem Land herrscht doch seit ''33 Diktatur."
Bei den Quedlinburgern melden Rechtsparteien starke Zuwachsraten: Allein in den letzten drei Monaten, berichtet etwa der NPD-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt, Waldemar Maier, 29, ein Student aus Göttingen, hätten sich in der Region die Mitgliederzahlen "mehr als verdoppelt".
Wenn Flugblätter verteilt würden, sei das Feedback in den Ostländern "dreimal besser als im Westen". Auch sonst stuft der NPD-Mann die Bedingungen als "äußerst rosig" ein. Etwa, was den Kontakt zu den Behörden betrifft: "Das geht im Osten wesentlich glatter."
Zulauf bekommt die NPD nach seinen Worten vor allem von ehemaligen NVA-Soldaten, gefeuerten Lehrern und von jungen Polizisten, außerdem seien "viele Gastwirte" dabei: Insgesamt 55 Personen waren im vergangenen Sommer bei der Gründungsversammlung des Quedlinburger NPD-Ortsverbands zugegen - kaum weniger Leute, als die großen Parteien am Ort Mitglieder zählen (CDU: 100, SPD: 50).
Optimistisch sind neuerdings auch die Reps. Es kämen jetzt, berichtet ein Sprecher, "endlich vernünftige, vorzeigbare Leute aus dem Mittelstand". Eben solche wie der Quedlinburger Spediteur Hohmann.
Der Mann fühlt sich betrogen und verfolgt: Bei der Kommunalwahl hatte Hohmann für die CDU kandidiert, er zog mit den meisten Wählerstimmen ins Stadtparlament. Möglicherweise aufgrund von Eifersüchteleien wurde er jedoch bald aus der Partei gedrängelt, mittels vager Beschuldigungen, er habe für die Stasi gearbeitet. Belege gab es nie.
Wenig später platzten Kreditzusagen, die Hohmann unter anderem für ein Alkoholikerheim benötigt, das er neben seinem Transport- und Bauunternehmen betreibt. Nach der Wende hatte er sein Geschäft stark ausgebaut, eine Sandgrube erworben und auf dem sogenannten Galgenberg draußen vor der Stadt ein Therapiehaus für Suchtkranke errichtet. Jetzt steht ihm das Wasser bis zum Hals: _(* Am Dienstag voriger Woche bei Gründung ) _(des Quedlinburger ) _(Republikaner-Kreisverbandes. ) "Die Vorkommnisse haben mich in die rechte Ecke gedrängt", sagt Hohmann.
Wie weit, das versucht die Staatsanwaltschaft gerade zu klären. Kürzlich rückten die Ermittler mit Mannschaftswagen, Spürhunden und einigen Helfern der Quedlinburger Feuerwehr vor Hohmanns Alkoholikerheim an. Sie umstellten die Sandgrube, legten den Unternehmer und einen Angestellten vorübergehend in Handschellen und durchsuchten stundenlang Privat- und Geschäftsräume. Gefunden wurden allerlei Karabiner- und Kleinkalibergewehre, zwei alte Pistolen und 3200 Schuß Munition.
Die Waffen seien vom Schützenverein, rechtfertigte sich der Hohmann-Angestellte, in dessen Privathaus die meisten Gewehre sichergestellt wurden. Die Munition sei für ein "offenes Schießen des Vereins gedacht".
Einem Lokalreporter verriet Hohmann jedoch hernach, daß "am Himmelfahrtstag und an anderen Tagen" Lehrlinge aus seiner Firma "mit kurzgeschorenen Haaren" in der Sandgrube Schießübungen durchgeführt hatten. Von einigen der rechtsradikalen Jugendlichen habe er sich mittlerweile getrennt, die anderen seien darauf hingewiesen worden, "daß sie sich als Mitarbeiter meiner Firma ihre Haare wieder wachsen lassen sollten".
Nach den Waffenfunden vom Galgenberg und dem Überfall auf das Asylantenheim in Thale ist die Polizei mächtig aktiv in Quedlinburg. Noch im September hatten die Ordnungshüter eineinhalb Stunden lang zugesehen, wie die Bürger der Mahnwache mit Steinen beworfen wurden. Jetzt wurden zahlreiche Kinderzimmer gefilzt und Jugendliche in Untersuchungshaft gesteckt. Auch die Junge Union im Landkreis ruft plötzlich nach "Antiterroreinheiten, Sondereinsatzkommandos, Schnellrichtern".
In seiner Amtsstube am Schloßberg fischt Küster Bley aus einem Wust von Papieren ein Negativ hervor. Darauf ist, schemenhaft, ein Hakenkreuz erkennbar. Der Filmstreifen ist eine Aufnahme des Dom-Innenraumes während der NS-Zeit. Das Negativ hatte mal eine Touristin dem Küster zugesteckt, noch vor der Wende.
Damals, berichtet Bley, habe er den Streifen nicht vergrößern lassen können. Nun mag der Domhüter das Negativ aber schon wieder nicht zum Fotografen bringen. "Ich weiß ja nicht", sagt Bley, "wie viele Abzüge der macht." Den Filmschnipsel hütet der Küster jetzt wie seinen Augapfel. Er fürchtet, solche Aufnahmen des Domes könnten in Umlauf geraten und dann als Kultbilder weitergereicht werden.
Aber das Kultbild gibt es längst - seit im Sommer ''91 die jungen Neonazis den Dom zu Quedlinburg heimgesucht haben.
* Festnahme eines bewaffneten Demonstranten vor dem Asylbewerberheim im September. * Im Quedlinburger Behindertenheim. * Am 2. Juli 1936 am Grabmal Heinrichs I. * Im September. * Am Dienstag voriger Woche bei Gründung des Quedlinburger Republikaner-Kreisverbandes.
Von Christiane Kohl

DER SPIEGEL 46/1992
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