25.10.1993

GeorgienEigenhändig umbringen

Der gewählte, aber gestürzte Präsident Gamsachurdia kämpft um die Rückkehr an die Macht. Schewardnadse sucht Hilfe bei den Russen.
Geben Sie uns Öl, Lebensmittel, Waffen und Panzertechnik", flehte Otar Pazazia, Premierminister in Tiflis, in Moskau seinen russischen Amtsbruder Wiktor Tschernomyrdin an: "Meiner Heimat droht die Katastrophe."
Sein Chef Eduard Schewardnadse, 65, einst Gorbatschows Außenminister und nun glückloser Verweser der im Bruderkrieg verblutenden Kaukasus-Republik, barmte derweil im Moskauer Fernsehen: Wenn Rußland samt den Nachbarn Armenien und Aserbaidschan nicht sofort Schutztruppen schicke, "brechen bei uns Chaos und Hunger aus".
Die russische Rechnung ist aufgegangen. Um das eigensinnige Georgien, das der nachsowjetischen Erbengemeinschaft GUS nicht beigetreten war, unter Druck zu setzen, hatte Moskau Separatisten in Abchasien unterstützt und sich aus Tiflis dafür "Verräter am georgischen Volk" schimpfen lassen. Mit russischen Waffen vertrieben abchasische Freischärler die georgischen Soldaten und über 140 000 georgische Einwohner aus der Provinz am Schwarzen Meer.
Es war eine schmähliche Niederlage für Schewardnadse; sie bot zugleich eigenen Landsleuten die Gelegenheit für eine Revanche: Mehrere tausend bewaffnete Georgier setzten vorige Woche zum Marsch auf Tiflis an, gelenkt von Swiad Gamsachurdia, 54, Schewardnadses Todfeind.
Als er vor zwei Jahrzehnten noch KP-Chef der Sowjetrepublik Georgien war, hatte Schewardnadse den Dissidenten Gamsachurdia ins Gefängnis stecken lassen. Den Schriftsteller und Philologen wählte im Mai 1991 eine überwältigende Mehrheit zum Präsidenten. Nach acht Monaten Amtszeit verjagten ihn Militärclans als "paranoiden Diktator" ins tschetschenische Exil und hievten Schewardnadse ins Präsidentenamt.
Jetzt kehrte Gamsachurdia zurück, mit Gewalt. Zehntausend Anhänger in Sugdidi, 250 Kilometer westlich von Tiflis, feierten die Ankunft ihres Führers. Dessen Truppen besetzten den Schwarzmeerhafen Poti, Schewardnadses Heimatort Lantschchuti und ein Dutzend weiterer Orte, auch die Autobahn nach Tiflis. Vorigen Mittwoch standen sie 15 Kilometer vor Kutaissi, Georgiens zweitgrößter Stadt - 200 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.
Kampflos hatten die Polizei und Georgiens buntscheckige Armee, ein Konglomerat aus Söldnern und schießwütigen Freiwilligen, das Terrain geräumt. Da beantragte Schewardnadse auf eigene Faust den Beitritt zur GUS, und die um Sicherung ihrer Südflanke bemühten Russen halfen ihm nun: Ihre Zusage, gemeinsam mit Armenien Truppen zum Schutz von Eisenbahnlinien und Straßen zu entsenden, stoppte die Offensive der Krieger Gamsachurdias.
Schewardnadse-Einheiten konnten die Kleinstadt Choni und den Bahnknotenpunkt Samtredia zurückgewinnen. Schon rief Tiflis auf, den "Staatsverbrecher" Gamsachurdia dingfest zu machen. Auch US-Präsident Clinton meldete sich mit telegrafischem Zuspruch.
Doch Rußland schickte nach Tiflis über den versprochenen Begleitschutz hinaus "keinerlei Militär", wohl aber Waffen. Die Moskauer Zeitung Sewodnja warnte, den Beistand nicht zu übertreiben: "Wenn wir denen Waffen geben, kehren sich die Kaukasier irgendwann gegen uns."
"Die sind ja nicht mal in der GUS", befand Verteidigungsminister Gratschow - ihm genügt nicht die einsame Willenserklärung Schewardnadses, die den meisten Georgiern als Vaterlandsverrat gilt. Per Unterschriftensammlung ließ der Präsident seinen Alleingang nachträglich von einer knappen Mehrheit der Abgeordneten billigen; das Parlament hatte sich im September seiner Beurlaubung für zwei Monate gebeugt.
Alte Verbündete Schewardnadses wie der Chef der Nationaldemokraten protestierten gegen die "prorussische Politik". Der Geheimdienstchef und ein Vizepremier traten zurück. Der Verteidigungsminister hob letzte Woche eine Order seines Oberkommandierenden einfach auf.
Der Chef der Tifliser Volksfront versprach Gamsachurdia per Telefon, er werde den eigenen Anhang gegen Schewardnadse zu den Waffen rufen, sobald Gamsachurdia die Attacke auf die Hauptstadt beginne. Der Vorsitzende der Unabhängigkeitspartei bat den "einzig legitimen Staatschef" Gamsachurdia um "Verzeihung für früheren Verrat": Wer für den GUS-Beitritt agitiere, den werde er "eigenhändig umbringen".
Gamsachurdia forderte Uno-Truppen statt der Russen, die er einer "Intervention" beschuldigte. Wenn die Russen kommen, verwies er auf eine Umfrage, rechneten 60 Prozent der westgeorgischen Bevölkerung mit Bürgerkrieg. Y
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_177_ Georgien: Umkämpfte Gebiete
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DER SPIEGEL 43/1993
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