17.08.1992

FrühgeboreneKleine Idioten

In der Erfurter Frühchen-Affäre haben Zeugen die Aussagen der Hebamme Christine Hersmann bestätigt. Doch viele Mitwisser schweigen aus Angst weiter.
Es war wie in alten Zeiten - das Neue Deutschland gab die Richtung vor: Als "Rufmordkampagne" diffamierte das einstige SED-Organ den detaillierten Bericht der ehemaligen Hebamme Christine Hersmann, nach dem extrem unreife Frühgeborene in der Erfurter Frauenklinik in Wassereimern versenkt wurden.
Ihre Schilderungen, erstmals im SPIEGEL (8/1992) publiziert, sollten "die Thüringer" lediglich von "ihren wirklichen Problemen" ablenken, wußte das Blatt.
Auch für den obersten Dienstherrn der Klinik, Wissenschaftsminister Ulrich Fickel (FDP), waren die "Anwürfe" schon nach den ersten Dementis der Beschuldigten "glaubwürdig zurückgewiesen". Mit seinem flinken Urteil stand Fickel im Erfurter Kabinett nicht allein. In der Regierungsrunde hätte nach Aufnahme der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen "ein Funke genügt, und die hätten mit Transparenten auf der Straße ,Nieder mit den Ermittlungen' gebrüllt", schildert ein Teilnehmer die Stimmung.
Mit Billigung von Fickel und per Beschluß des Erfurter Kreisgerichts setzte die Klinik Mitte April durch, daß Hersmann ihre Vorwürfe nicht wiederholen durfte - anderenfalls drohte ihr eine Geldstrafe in Höhe von einer halben Million Mark.
Der Maulkorberlaß ist nun vom Bezirksgericht aufgehoben worden. Mitarbeiter, die zur gleichen Zeit wie die Hebamme an der Klinik beschäftigt waren, bestätigten vor Gericht deren Darstellung.
So schilderte die Krankenschwester Doris Woytasik, 38, die auf der Station für pathologische Schwangerschaften arbeitete, daß sie im Jahr 1982 bei einer bevorstehenden Geburt von ihrer damaligen Vorgesetzten angewiesen wurde, einen Wassereimer zu holen. Sie weigerte sich und ging ins Schwesternzimmer. Zu den Wassereimern war ihr schon früher erklärt worden, diese würden benutzt, damit Mütter unreifer Frühchen den ersten Schrei ihres Kindes nicht hörten.
Was mit dem laut Klinikunterlagen 770 Gramm schweren Mädchen geschehen ist, erfuhr Woytasik eine halbe Stunde später, als sie ihre Stationsschwester auf dem Flur wiedersah: "Sie war völlig schockiert und sagte zu mir: ,Ich glaube, ich habe das Kind umgebracht.'" Ihre Vorgesetzte habe ihr erklärt, daß sie das Kind "mehrmals in den Eimer drücken mußte". Gegen die Stationsschwester läuft inzwischen ein Ermittlungsverfahren.
Eine andere Zeugin berichtete über ein Frühgeborenes, das nachts - in Tücher gehüllt - stundenlang auf einer Ablage über der abgestellten Heizung lag. Der Winzling habe "gelebt", schwach gestrampelt und "deutliche Töne" von sich gegeben. An einem Bein habe ein Schild mit der Aufschrift "Totgeburt" gehangen.
Über einen solchen Vorfall hatte auch Christine Hersmann berichtet. Obgleich das Baby gelebt habe, sei sie angewiesen worden, ein Pappschild "mit Namen, Geschlecht und der Einstufung ,Totgeburt'" anzubringen. Als sie protestierte, habe es geheißen: "Was wollen Sie denn, das Kind zeigt doch nur Reflexe." Um dem Baby dennoch notdürftig zu helfen, wickelte Hersmann das Neugeborene in saubere Putzlumpen und legte es auf die Heizung.
Nach Schilderung ihrer Erlebnisse wurde Hersmann massiv unter Druck gesetzt. An ihrer Arbeitsstelle gingen Morddrohungen ein, unter Hinweis auf die Veröffentlichung versetzte sie ihr Arbeitgeber auf eine schlechter bezahlte Stelle. Kein Wunder, daß Augenzeugen Angst haben, über die Praktiken in der Frauenklinik öffentlich zu berichten. "Es gibt noch viele, die etwas wissen, es aber nicht sagen", weiß Hersmann-Kollegin Ute Fahrig.
Die geringe Aussagebereitschaft von Zeugen behindert auch die Arbeit der Thüringer Staatsanwaltschaft. "Wir stoßen hier oft auf eine Mauer des Schweigens", klagt Hans-Peter Huber vom Erfurter Justizministerium.
Hinzu kommt, daß betroffene Mütter oft kaum Angaben machen können. So wurde Anne Korona, bei der die Wehen im siebten Monat einsetzten, gegen Ende ihrer Entbindung narkotisiert. Als sie aus der Narkose erwachte, wurde ihr gesagt, ihr Kind sei tot. Trotz mehrmaligen Nachfragens zeigte man ihr weder den gewünschten Obduktionsbericht noch den Totenschein.
Bis heute lebt Korona im ungewissen, was damals, vor sechs Jahren, mit ihrem Kind geschah: "Bis ich die Narkosespritze bekam", sagt sie, "habe ich doch gefühlt, daß das Kind lebte, das hat doch gestrampelt."
Bei ihren Recherchen werden den Ermittlern auch die beschlagnahmten Klinikakten kaum weiterhelfen, weil das Krankenhauspersonal die dubiosen Praktiken kaum protokolliert haben wird. Zudem durften die Beschuldigten Unterlagen für die Staatsanwaltschaft vorsortieren.
Außerdem haben die Rechtsexperten mit einem diffizilen juristischen Problem zu kämpfen: Lebendgeburten wurden in der alten Bundesrepublik und der DDR unterschiedlich definiert. Während im Westen bereits ein Lebenszeichen - Herzschlag oder Atmung - ausreichte, um ein Kind als Lebendgeborenes einzustufen, mußten in der DDR beide Lebenszeichen vorhanden sein.
Ein extrem unreifes Frühchen mit einem Lebenszeichen in den Wassereimer zu versenken war damit nach DDR-Recht möglicherweise nicht einmal strafbar. Vergebens hatten Kinderärzte beim DDR-Gesundheitsministerium gegen die Regelung protestiert. Denn sie begünstigte eine - auch unter manchen West-Geburtshelfern - verbreitete Haltung, nicht alles zur Rettung der Winzlinge zu versuchen. Sie befürchteten, die Frühgeborenen könnten dennoch sterben oder nur mit dauernden Behinderungen überleben.
Lebensschwache Frühchen, die durchkämen, wären "keine normalen Kinder" und müßten unter schweren Behinderungen leiden, wurde denn auch Doris Woytasik belehrt. "Das wurde uns ja richtig eingebleut", sagt sie. Solche Kinder seien doch, habe es immer wieder geheißen, alle "kleine Idioten". Die Bemühungen um die Winzlinge habe ihre Stationsschwester mit der Frage kommentiert: "Wie viele sollen denn noch davon rumlaufen?"

DER SPIEGEL 34/1992
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