18.05.1992

Die imaginäre Pizza

Eines Abends, in sehr naher Zukunft, werden Deutschlands Fernsehstars nicht mehr wissen, was sie tun. Sabine Christiansen wird laut lachen über ihre Meldungen. Hella von Sinnen wird, ganz ernst, das Wort zum Sonntag verlesen. Ernst Dieter Lueg wird mit klarer Zunge sprechen.
Und am Schluß wird ein bislang unbekannter Zuschauer aus dem Bildschirm gucken und dem erstaunten Publikum erklären, daß er das Ganze mit seiner neuen Fernbedienung gesteuert habe.
Wenn alles gutgeht, sind die Tage der Tagesschau gezählt, und die Nächte mit Gottschalk haben bald ein Ende. Wenn nichts dazwischenkommt, wird demnächst endlich wahr, wovon die Kritiker und Theoretiker schon träumen, solange es den Rundfunk gibt: Das Publikum bricht die Macht der Sender, die Zuschauer machen selbst ihr Programm, die Mattscheibe wird durchlässig für jeden, der etwas zu sagen hat.
Schon 1932 forderte Bert Brecht in einer Rede über die Funktion des Rundfunks, das Radio müsse sich "aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat" verwandeln, dessen vornehmste Aufgabe darin bestünde, den "Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen". Jeder kritische Mensch stimmte ihm zu, keiner wußte, wie die Vision zu verwirklichen sei.
Als dann auch noch das Fernsehen kam, dieses teuerste und komplizierteste aller Massenmedien, da wuchs die Ratlosigkeit der Kritiker ins Unendliche. In jedem kommunikationswissenschaftlichen Grundkurs wurde Brecht referiert, auf jeder Tagung das Recht des Publikums eingeklagt - aber dann begnügte man sich doch mit Ted, jenem Telefonsystem, welches den Zuschauern allenfalls die Mitwirkung an der "ZDF-Hitparade" und die Stimmabgabe bei "Pro und Contra" erlaubt.
Im übrigen tröstete man sich mit der Vermutung, daß die Fernsehkunden an einer Änderung der Verhältnisse gar nicht interessiert seien. Der "Offene Kanal" im Hamburger Kabelnetz etwa zeigt meistens nur ein Aquarium voller Fische: eine ebenso treffende wie trostlose Metapher für die Stummheit des Publikums.
Nun aber kommen vier Männer aus Hamburg, die wollen das ändern. Sie heißen Karel Dudesek, Benjamin Heidersberger, Mike Hentz und Salvatore Vanasco, sie haben Erfahrungen mit Aktionskunst und Performances, und sie haben intensiv über die Möglichkeiten moderner Computer nachgedacht: So kamen sie zu dem Schluß, daß die Revolution im Fernsehen längst machbar sei.
"Piazza virtuale" heißt das Projekt, welches die vier Künstler und Tüftler auf der Kasseler Documenta vorstellen und auf der Frequenz von 3Sat betreiben werden: "Piazza", weil das Fernsehen ein Schauplatz zum Schlendern, Plaudern, Handeln werden soll, leicht zugänglich und ebenso heiter wie der Marktplatz einer italienischen Stadt; "virtuale", weil es ein virtueller Ort sein wird, ein nur gedachter, immaterieller, ein Schauplatz in der Möglichkeitsform.
Wer die gedachte Piazza betreten will, braucht bloß ein digitales Telefon, und seine Vorkenntnisse können sich auf die Kunst des Lesens und Schreibens beschränken - den Rest regelt der Rechner. Mit der Tastatur kann einer Texte auf den Bildschirm schreiben, auf virtuellen Instrumenten spielen oder Computergrafiken animieren. Vor allem aber können sich mehrere Zuschauer zusammenfinden, um auf der Mattscheibe ein Gespräch zu führen, ein Spiel zu veranstalten oder ein Kunstwerk zu schaffen, ohne daß ein Moderator oder Regisseur dabei irgend etwas zu melden hätten.
Wer etwa Lust auf Musik hat, wählt eine Nummer, die ihn mit der synthetischen Trompete verbindet, und wenn die Leitung steht, kann er mit den zwölf Tasten seines Telefons die zwölf Halbtöne einer Oktave spielen.
Ein anderer hat inzwischen die Nummer des Saxophons gewählt, ein dritter lenkt mit seiner Tastatur einen künstlichen Tänzer: Nun müssen drei Musikliebhaber, die einander niemals begegnet sind, miteinander improvisieren. Das hört sich, wie erste Experimente beweisen, anfangs nicht sehr melodisch an, und der Bildschirm ähnelt, zerschnitten von Gebrauchsanweisungen, Symbolen und Grafiken, eher einer virtuellen Pizza.
Wer aber meint, das sei nicht mehr als eine technische Spielerei und der musikalische Mensch werde auch weiterhin mit einer echten Gitarre in einen echten Übungsraum trotten, um dort mit sichtbaren Musikern zusammenzuspielen, weil das harmonischer sei und vor allem authentisch - der hat vom Wesen der Innovation wenig begriffen: Auch Schallplatten und elektrische Verstärker galten, als sie erfunden wurden, für nicht authentisch. Und bald, so vermuten die Erfinder, wird es Musiker geben, die auf ihrem Telefon so perfekt spielen wie andere auf der Gitarre - virtuelle Virtuosen.
Neben dem imaginären Übungsraum wird auf der virtuellen Piazza auch ein Beichtstuhl stehen, ein Kaffeehaus, ein Kunstatelier, ein Markt und ein Parlament, und wenn der Computer nicht versagt, wird es sogar möglich sein, per Telefon einen Kamerawagen durchs Kasseler Ausstellungsgelände zu dirigieren.
Das wird ein großer Spaß sein für jeden, der mitspielt, und vermutlich ein wenig mühsam für den, der bloß zugucken will: Pannen sind programmiert, Durchhänger und Mißverständnisse kaum zu vermeiden - das Projekt verhält sich zu seiner eigenen Zukunft wie eine Flaschenpost zum Telefax. Die Richtung aber stimmt, der Zuschauer kann durch den Bildschirm ins Fernsehen spazieren, so wie einst Alice durch den Spiegel ins Wunderland gelangte.
Für die Künstler allerdings ist das kein Märchen, sondern ein revolutionärer Akt, eine große, kühne Tat des Widerstands: Das Fernsehen ist der Feind für sie, eine Unterdrückungs- und Verdummungsmaschine, die ihrem Publikum die Intelligenz raube, die Zeit und die Geschichte, und außerdem eines der gefährlichsten Suchtgifte, weshalb es eigentlich unters Betäubungsmittelgesetz fallen müßte.
"Ich könnte ja sagen, ich sprenge alles in die Luft", erklärt Benjamin Heidersberger seine Wut; statt dessen arbeitet er an der "Piazza virtuale", weil er diesem Projekt eine größere Sprengkraft als den meisten Bomben zutraut: Der Mitspieler gebrauche sein Telefon zu Zwecken, für die es eigentlich nicht vorgesehen sei; er eigne sich, ganz subversiv, zum erstenmal den eigenen Bildschirm wirklich an und erobere sich die Herrschaft im imaginären Raum; er zerstöre endlich jene Hierarchie, welche den Sender über den Empfänger einer Nachricht stellt und die Nachricht selbst für bedeutsamer hält als die Fragen, die beim Zuschauer offenbleiben.
Womit zumindest die Frage beantwortet wäre, warum diese technische Innovation auf der Kunstausstellung Documenta vorgestellt wird (und nicht etwa auf einer Computerschau oder Elektronikmesse): Die "Piazza virtuale" betreibt die Dekonstruktion des Fernsehens, sie verhöhnt die Gesetze des Mediums, so wie die dekonstruktive Architektur die Gesetze der Schwerkraft verhöhnt - und ist schon deshalb ein Kunstwerk auf der Höhe unserer postmodernen Zeit.
Leider ist den vier Künstlern ein Denkfehler unterlaufen, der nur daher rühren kann, daß die Jungs den ganzen Tag und die halbe Nacht in ihrem Labor verbringen und gar keine Zeit mehr zum Fernsehen haben: Das Medium ist längst dabei, sich selbst zu zerstören, die Inflation der Programme führt zum Überdruß, mit jeder neuen Nachrichtensendung sinkt die Glaubwürdigkeit aller Nachrichten, und mit jeder neuen Talkshow wird deutlicher, daß das allgemeine Geschwafel nur eine Art Grundrauschen unserer Gesellschaft ist - völlig frei von aller Relevanz.
Schon fordern Medienexperten eine "Kommunikationsökologie" - nicht etwa, weil sie das Publikum vor den Massenmedien, sondern weil sie die Medien vor dem massenhaften Desinteresse bewahren wollen.
In dieser Situation bewirkt ein Projekt wie die "Piazza virtuale" nicht die Zerstörung des Fernsehen, sondern dessen Errettung: Wenn die Zuschauer sich überhaupt noch für irgend etwas interessieren können, dann am ehesten für sich selbst. Wenn das Medium noch irgendwelche Botschaften übermitteln will, dann dürfen die ruhig holprig formuliert und amateurhaft inszeniert sein - wichtig ist nur, daß der Empfänger darauf antworten kann.
So nähert sich die Welt wieder ein Stückchen jener Vision an, die Marshall McLuhan vor einem Vierteljahrhundert beschrieb: Die Erde werde sich in ein globales Dorf verwandeln, in welchem die Entfernungen zwischen Ländern und Kontinenten so unbedeutend wären wie der Weg von der Scheune in die Schenke, und über die elektronischen Kanäle werde jeder mit jedem kommunizieren können. Insofern ist "Piazza virtuale", weil zu städtisch, der falsche Begriff: Es handelt sich eher um die globale Dorfdisco oder den globalen Stammtisch.
Und womöglich, in einer etwas ferneren Zukunft, wird sich so ein Stammtischhocker daran erinnern, daß Sabine Christiansen ihre Nachrichten doch ein wenig flotter und professioneller präsentierte als das nette Mädchen aus dem Kontinent nebenan.
Claudius Seidl
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 21/1992
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