25.10.1993

MemoirenUnendliche Geschichte

Drei Filmstars aus großdeutscher Zeit legen ihre Lebenserinnerungen vor - aus Altersgründen zum wiederholten Male.
In großer, aber schwerer Zeit brachten sie Froh- sowie Edelsinn ins Leben der Deutschen. Der eine wollte dauernd "ins Maxim", die andere schwang die Puszta-Lenden, die dritte fand, immer wieder, allerletzte Ruhe in Gewässern.
So waren sie, die Fremdarbeiter des Großdeutschen Reiches, die Stars des Goebbels-Kinos: der Holländer Johannes Heesters, die Ungarin Marika Rökk, die schwedische "Reichswasserleiche" Kristina Söderbaum. Während Hitler ihre Länder besetzte oder bedrohte, gingen sie ihre Künstlerwege, ins Wasser eben oder ins Maxim.
Und weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute; und weil sie schon so lange leben, ergab sich ein kleines Problem: Ihre Memoiren, die sie sich vor 10, 15 oder 20 Jahren von Medienprofis schreiben ließen, waren, angesichts neuer Altersrekorde, schauerlich überholt. Kuriose Lösung:
Die Profis schrieben, in der Art eines Fortsetzungsromans oder einer unendlichen Geschichte, erneut nach dem Munde der Veteranen; und nun liegen dem mittlerweile selbst gebeugten Leser die Leben der großen drei in jüngster (letzter?) Fassung vor*: Für Heesters jetzt zum 90. Geburtstag, für Marika Rökk und Kristina Söderbaum (im vergangenen Jahr) zum 80.
Ehret das Alter. Alle drei sind, so die aktuellen Bulletins der Bücher, wohlauf und kregel. Heesters'' gegenwärtige Gattin ist ein halbes Jahrhundert jünger als der Gemahl; Marika Rökk spielte im vergangenen Jahr, was sie schon 700mal gespielt hatte, die "Gräfin Mariza", sogar in Budapest; und Kristina Söderbaum _(* Johannes Heesters: "Ich bin ) _(gottseidank nicht mehr jung". Edition ) _(Ferenczy bei Bruckmann; 284 Seiten; ) _(39,80 Mark. Marika Rökk: "Herz mit ) _(Paprika". Universitas Verlag; 272 ) _(Seiten; 29,80 Mark. Kristina Söderbaum: ) _("Nichts bleibt immer so". Herbig Verlag; ) _(320 Seiten; 39,80 Mark. ) stand jüngst wieder vor der Kamera, nah am Wasser, nämlich in Venedig, als Oma in "Night Train to Venice".
Und keiner der drei hat dem einst großdeutschen Reich den Rücken gekehrt; Heesters und Kristina Söderbaum bewohnen Bayern, Marika Rökk lebt in Österreich. Wo es mir gutgeht, sprach der Römer, ist mein Vaterland; im jeweils wirklichen waren die drei, nach dem braunen Jahrtausend, verständlicherweise unerwünscht.
Die Neufassungen der Memoiren wecken, ebenso verständlich, die fiese Neugier, ob sich der Blick der drei auf ihre triumphalen Jahre mit der Zeit getrübt, geklärt oder gar geschärft hat. Heesters'' Goethe-Motto dämpft: "Man meint immer, man müsse alt werden, um gescheit zu sein; im Grund aber hat man bei zunehmenden Jahren zu tun, sich so klug zu verhalten, als man gewesen ist."
Als der fesche Danilo der "Lustigen Witwe", der immer ins Maxim will, war Heesters zum Augapfel Hitlers geworden. "Herr Heesters", sprach dieser zu ihm und drückte ihm die Hand, "Sie sind der beste Danilo, den ich je in meinem Leben gesehen habe." Solcherlei Huld hat ihren Preis, Heesters: "Auftritte für NS-Zwecke, vor denen man sich nicht immer drücken konnte."
Zum Beispiel im KZ Dachau. In den Memoiren von 1978 weilt Heesters da zu einer "Lagerbesichtigung", und was er sichtete, gemahnte ihn an ein "Arbeitsdienst- oder Hitlerjugendlager". In den Memoiren von 1993 wird er ins KZ zur "Truppenbetreuung" geladen, und die idyllische Erinnerung ist gestrichen.
Marika Rökk hatte schon 1974 mitgeteilt: "Goebbels war unberechenbar und kleinkariert." Dabei blieb sie, auch beim gütigen Hitler-Wort: "Was, kleine Frau, können Sie eigentlich nicht?" Ihre Antwort damals: "Deutsch, Herr Hitler." Auch dabei blieb es.
Am tiefsten in den braunen Sud geriet Kristina Söderbaum, durch den infamen Hetzfilm "Jud Süß", den ihr Mann Veit Harlan inszenierte und in dem sie, geschändet von einem Juden, wieder einmal ins Wasser stieg. Sie geht, als einzige der drei, ernsthaft mit sich ins Gericht:
Der Film habe eine "Wunde in die Seele gebrannt", die immer wieder aufgerissen werde. "Sie ist mein Schicksal, mit dem ich leben muß." In der Neufassung der Memoiren setzt sie eine Frage hinzu: "Oder verjährt nicht auch einmal für mich die Schuld?"
"Gehorsamkeit und Disziplin" legt Heesters in den 93er-Memoiren seinen Kindern und Enkeln als Lebensweisheit ans Herz. Am 5. Dezember, seinem 90. Geburtstag, spendiert ihm das ZDF eine große Gala, und dann geht es wieder dahin, "ins Maxim". Y
* Johannes Heesters: "Ich bin gottseidank nicht mehr jung". Edition Ferenczy bei Bruckmann; 284 Seiten; 39,80 Mark. Marika Rökk: "Herz mit Paprika". Universitas Verlag; 272 Seiten; 29,80 Mark. Kristina Söderbaum: "Nichts bleibt immer so". Herbig Verlag; 320 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1993
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