17.02.1992

Schön spröde

„Schatten der Vergangenheit“. Spielfilm von Kenneth Branagh. USA 1991; 111 Minuten; Schwarzweiß, Farbe.
Wann es eigentlich angefangen hat, läßt sich nicht genau sagen. Vielleicht in einer Regennacht, kurz nach dem Krieg, in dem Haus mit den hohen Türmen und dem Violinschlüssel am Tor; damals verliebte sich Roman in Margaret. Vielleicht im Dunkel einer Gefängniszelle, ein paar Monate nach ihrer Hochzeit, an dem Tag, als Roman starb; zum Tode verurteilt, weil er, angeblich, seine Frau mit einer Schere erstochen hatte. Damals, kurz vor seiner Hinrichtung, schwor Roman, daß er Margaret liebte, auf ewig.
Vielleicht hat alles aber auch viel später angefangen, 40 Jahre danach, in jener Nacht, als, in einem katholischen Jungeninternat, einem Haus mit Türmen und einem Violinschlüssel am Tor, eine Frau, jung wie Margaret und von derselben ein wenig spröden Schönheit, schreiend aus einem Alptraum erwacht.
Was dann beginnt, was vielleicht nur die Fortsetzung einer alten Geschichte ist und ein Alptraum, der nie endete, das ist ein verwirrendes Spiel um Vergangenheit und Gegenwart, Wahn und Wirklichkeit - ungeheuer raffiniert, weil seine Rätsel sich scheinbar ganz einfach lösen lassen. Nur ein wenig Lust gehört dazu, die Gesetze der Logik zu vergessen. Denn um die schert sich Kenneth Branagh in "Schatten der Vergangenheit", im Original "Dead again", kein bißchen.
Die junge Frau im Knabenheim hat ihr Gedächtnis verloren. Das einzige, woran sie sich erinnert, so, als habe sie es selbst erlebt, ist die Geschichte, die sich vor 40 Jahren in dem seltsamen Haus ereignete, die Geschichte von Margaret und Roman, der berühmten Pianistin und dem aus Deutschland stammenden Komponisten. Mit Hilfe eines Detektivs und eines Hypnotiseurs beschwört sie die Bilder der Vergangenheit: bis das Gestern die Gegenwart einholt und alles noch einmal zu geschehen scheint, zwischen dem Detektiv, Mike, und der jungen Frau, die er Grace nennt und die in Wirklichkeit Amanda heißt.
Und das geschieht ganz ohne Erklärung, vollkommen selbstverständlich.
Kenneth Branagh, der nordirische Arbeitersohn, mit 23 als "Henry V" Star der Royal Shakespeare Company und inzwischen, gerade 31, ob seiner kühnen Kinoversion von Shakespeares Königsdrama als Junggenie gefeiert, er beschwört in seinem zweiten Film die Melodramen der vierziger Jahre in den eleganten Schwarzweißbildern der Rückblenden.
Und er scheint sich, in seiner Dreifachrolle als Regisseur und Darsteller des dämonischen Roman wie des pausbäckigen Detektivs, über seine Wiederbelebungsversuche an dem Genre königlich zu amüsieren: ein Magier, der seine Tricks auf offener Bühne verrät. Weil er begriffen hat, daß Verrat das wahre Geheimnis ist.
Dabei hat sich Kenneth Branagh, wie schon in seinem Shakespeare-Unternehmen, auch bei seinem als Hommage an Hollywood getarnten Geniestreich nicht nur familiären Rückhalt geholt - seine Frau Emma Thompson spielt die weiblichen Hauptrollen -, sondern sich solcher Stars versichert wie Robin Williams, Derek Jacobi, Andy Garcia und Hanna Schygulla.
Der wahre Schrecken, der größte von allen, erzählt dieser Film, ist es, alt zu werden, überlebt zu haben. Was sind dagegen die Sünden der Jugend, ein bißchen Kraftmeierei, verzeihlich. Manchmal ist auch Kenneth Branagh eben doch nur der altkluge Junge, der sein neuestes Spielzeug vorführen möchte.
Am Ende, bei einem schrecklich-komischen Höhepunkt, aber findet er zurück zu der Magie und Musik des Anfangs. Margaret und Amanda, Roman und Mike: Und wenn sie nicht gestorben sind . . .

DER SPIEGEL 8/1992
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