17.02.1992

„Immer obenauf“

Auf William Painters ersten 84 Erfindungen, die ihm bis zu seinem 60. Lebensjahr gelangen, lag kein Segen. Seine Ei-Aufköpf-Maschine und sein Kondomspüler blieben ebenso unbeachtet wie der Eisenbahnsitz, der den Passagier im Kollisionsfall in die Gegenrichtung katapultierte.
Seine 85. und letzte Erfindung machte den gebürtigen Iren, der als 20jähriger nach Amerika ausgewandert war, dann doch noch zum Millionär. Im Februar 1892 wurde ihm auf seine "kreisförmige Vorrichtung aus am Unterrand kronenförmig gestanztem Metall" unter der Artbezeichnung "Crown Cork" das US-Patent No. 468 258 erteilt - in den 100 Jahren seither eroberte Painters Kronkorken die Flaschen dieser Welt.
Kein Getränkeverschluß wird so häufig verwendet wie das aus Weißblech gefertigte Rund mit den 21 Zacken. Weltweit werden jedes Jahr rund 50 Billionen Kronkorken auf Flaschen gepreßt, allein in Deutschland waren es im letzten Jahr über 20 Milliarden Stück.
Ende 1892 hatte der Erfinder in Baltimore die Crown Cork & Seal Company gegründet, in der noch viele Jahrzehnte nach Painters Tod ein seiner irischen Wesensart entsprechend fideles Betriebsklima herrschte: "Wenn zum Beispiel Weihnachten auf einen Donnerstag fiel, begannen die Partys schon am Montag. Und was wurde da getrunken", erinnert sich der alte Frank Field, der 41 Jahre lang als Chemiker bei Crown Cork gearbeitet hat.
Inzwischen ist das Unternehmen einer der größten Hersteller von Abfüllanlagen, Getränkebüchsen und, natürlich, Kronkorken: vier Milliarden Dollar Umsatz, 144 Fabriken weltweit, so gut wie keine Schulden, Aktien mit stolzen Zuwächsen - der Wert eines 1956 erworbenen 100-Dollar-Aktienpakets liegt bei derzeit 41 845 Dollar. Damit seien die Aktionäre ausreichend bedient, entschied das Management schon vor Jahrzehnten und strich die Dividende.
Seiner Gattin Alice, einer wiedergeborenen Christin, die den Erfinder 1880 in eheliches Gewahrsam genommen hatte, war es gelungen, Painter seinen bis dahin lotterlichen Lebenswandel abzugewöhnen und seinen Eifer zielgerichtet auf ein kommerziell verwertbares Projekt zu lenken: einen preiswerten Flaschenverschluß, der die Kohlensäure aus Getränken wie Bier oder Brause nicht entweichen ließ. Mehr als 150 Stöpselpatente gab es damals, keines taugte.
Anfangs scheiterte Painter ein ums andere Mal - bis er auf die geniale Idee mit den Zacken kam: Sie verteilten den für einen luftdichten Abschluß notwendigen Anpreßdruck der Metallkappe so gleichmäßig auf den Flaschenhals, daß dieser bei der Prozedur nicht zersprang. Zudem war das Verfahren maschinengeeignet und darüber hinaus so billig, daß ein Kronkorken auch heute nicht mehr als einen Pfennig kostet.
William Painter starb 1906. Es blieb einem Iren vorbehalten, seiner Erfindertat ein Denkmal zu setzen: "So ein Kronkorken hat die beste aller Existenzen", rühmte der Dubliner Schriftsteller Brendan Behan, "stets obenauf und unter sich immer eine volle Flasche."

DER SPIEGEL 8/1992
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