02.08.1993

HolocaustMörderische Augen

Als historisches Lehrstück war der Prozeß gegen den SS-Mann Demjanjuk geplant. Er endete mit einem für Israel schmerzlichen Freispruch.
Höre Israel", stimmte die gebeugte Gestalt das traditionelle jüdische Glaubensbekenntnis an, "höre Israel, der Herr ist unser Gott." In seinen Gebetsmantel gehüllt, schluchzte der alte Mann, der als Kind den SS-Schergen entkommen war, seinen Schmerz hinaus: "Alle gingen sie in die Öfen, 200 Menschen, meine ganze Familie. Wie soll ich das ertragen?"
Als Meir Schamgar, Präsident von Israels Oberstem Gericht, am vergangenen Donnerstag den Freispruch für den Ukrainer John Demjanjuk, 73, verkündete, brachen leidvolle Emotionen auf.
"Ich bin verletzt", sagte Jaakow Spindler, der einst als Zeuge der Anklage den Autoschlosser Demjanjuk als jenen SS-Sadisten identifiziert hatte, den man "Iwan der Schreckliche" nannte. "Wie soll ich meinen Angehörigen erklären, daß der israelische Staat Nazis laufen läßt?" so der Überlebende des Todeslagers Treblinka. "Demjanjuk ist der Mörder, ich weiß es mit Gewißheit."
"Begründete Zweifel" an der Identität des Angeklagten jedoch bewogen die fünf Obersten Richter, das Todesurteil eines Jerusalemer Bezirksgerichts gegen Demjanjuk aufzuheben.
"Wachmann Demjanjuk ist von uns freigesprochen worden, weil Zweifel bestehen, ob er für die fürchterlichen Anschuldigungen verantwortlich ist, die gegen Iwan den Schrecklichen erhoben werden", schließt die über 500 Seiten lange Begründung. "Die völlige Wahrheit zu finden ist nicht die Aufgabe der menschlichen Richter."
Das Berufungsverfahren dauerte über drei Jahre, am Ende waren noch einmal zwei Wochen nötig, bis auch der letzte Richter sein zunächst abweichendes Urteil änderte: Für den juristisch und moralisch heiklen Freispruch wünschten seine Kollegen ein einstimmiges Votum.
Angesichts der Pressionen der Medien und des Rufs der Öffentlichkeit nach Rache befand Chaim Cohen, 82, früher selbst Richter an Israels Oberstem Gericht: "Die Entscheidung ist ein Sieg des Rechts."
Das fiel nicht leicht. Als historisches Lehrstück hatten die Israelis das Strafverfahren 373/86 geplant, als eine Reprise des Eichmann-Prozesses, der 1961 Israels kollektives Bewußtsein erschüttert hatte. Auch der Prozeß gegen Demjanjuk sollte "die leidvolle Geschichte des jüdischen Volkes, die wichtigste Wurzel für die Staatsgründung Israels, lebendig werden lassen", forderte bei Beginn 1986 der Erziehungsminister Jizchak Navon. Justizminister Mosche Nissim bezeichnete den Angeklagten seinerzeit öffentlich als "Massenmörder".
Nach Eichmann, dem perfiden Schreibtischtäter und Organisator der Juden-Transporte in die Vernichtungslager, sollte nun ein SS-Wachmann gerichtet werden, der 1942/43 am Tod von 875 000 Juden mitgewirkt hatte.
Es ging um mehr als den Schuldnachweis für einen Handlanger der nationalsozialistischen Todesfabriken: Die letzten überlebenden Zeit- und Augenzeugen konnten der ganzen Welt, vor allem der jungen Generation in Israel, den Genozid noch einmal ins Gedächtnis rufen - "als Warnzeichen, daß Völkermord nicht unbestraft bleibt", so Jizchak Arad, damals Vorsitzender der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem.
Mit entsprechendem Aufwand wurde die "Rückkehr ins Grauen" (der Knesset-Abgeordnete Schewach Weiss) in Szene gesetzt. Das Gericht tagte in einem Kinosaal des Kongreßzentrums Binjanej ha''uma, Radio und Fernsehen übertrugen das Verfahren live. Für Schulklassen, Studenten und Soldaten wurden Besuche arrangiert. Demjanjuks Verteidigung sprach von einem "Schauprozeß wie zu Stalins Zeiten".
"Demjanjuk war, was die Israelis Rosch katan nennen - ein kleiner Kopf", schrieb Tom Segev, Kolumnist der angesehenen Tageszeitung Haaretz, "und der Prozeß hätte zeigen können, daß auch diese Menschen für ihre Handlungen verantwortlich sind - statt dessen zog es die Staatsanwaltschaft vor, die Schrecken der Todeslager nachzuerzählen." Und Segev rügte: "Die Atmosphäre, die das Verfahren umgab, und die Zeugen, die aufgerufen wurden, Demjanjuk zu identifizieren, machten einen Freispruch fast unmöglich."
Der Justizirrtum im Bezirksgericht war eine Mißgeburt der Entspannungspolitik aus den siebziger Jahren, die Moskau eine begrenzte Kooperation mit den USA eingetragen, zugleich aber auch Verunsicherung im Sowjetimperium ausgelöst hatte: Die Helsinki-Akte von 1975 weckte Freiheitshoffnungen und Unabhängigkeitsträume, vor allem bei ukrainischen Nationalisten, die in ehemaligen SS-Helfern oft nur Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus sahen.
Um den neuen Partner Washington gegen landeseigene Sowjetgegner einzusetzen, schickte Moskau im Oktober 1975 US-Senatoren eine Liste mit 70 Namen angeblicher NS-Kollaborateure, die nach Amerika emigriert waren.
Darauf stand der Name des Ukrainers Fjodor Fedorenko, der SS-Wachmann im Vernichtungslager Treblinka gewesen war. Fedorenko gab das zu, bestritt aber, Verbrechen begangen zu haben. Washington lieferte ihn den Sowjets aus, die Fedorenko zur Abschreckung ukrainischer Antikommunisten in Simferopol (Krim) hinrichteten.
Auf der Kriegsverbrecherliste stand auch der Automechaniker John Demjanjuk aus Cleveland (Ohio), 1920 als Iwan Demjanjuk im ukrainischen Dorf Dub Makarensy geboren. Nach Abschluß seiner vierjährigen Schulzeit hatte er Zwangskollektivierung und Hungersnot erlebt. "Meine Angehörigen mußten Vögel, Mäuse, Ratten essen", erzählte er.
Als Rotarmist war er nach der Schlacht von Kertsch im Mai 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Um dort nicht zu verhungern ("Für einen Laib Brot hätte ich meine Seele gegeben"), meldete er sich zu Hilfsdiensten für die SS. 1944 sei er - so sagte Demjanjuk später - in die galizische SS-Division zum Kampf gegen die Russen eingezogen worden, was ihm sein Oberleutnant von damals auch bestätigte.
Nach Kriegsende blieb Demjanjuk als Displaced Person in Deutschland, wurde Chauffeur bei der U.S. Army und emigrierte 1952 in die USA. In seinem Einwanderungsantrag log er, um ja nicht in die Sowjetunion repatriiert zu werden, er habe von 1937 bis 1943 in Polen gelebt, als Fahrer in einer Ortschaft namens Sobibor.
Gleich nach dem Krieg war den Alliierten noch nicht voll bewußt, daß sich in Sobibor auch ein Vernichtungslager befunden hatte, in dem die SS und ihre ukrainischen Hilfswilligen 250 000 Juden mit Gas umgebracht hatten.
Wußte Demjanjuk, ein Bauernjunge von schlichtem Gemüt, kein anderes Dorf zu nennen? Hatte er aus Vorsicht oder schlechtem Gewissen die Halbwahrheit gesagt? In Sobibor gab es (wie in Treblinka) neben der Mordstätte noch ein Arbeitslager, dazu ein SS-Gut. _(* Am 25. Februar 1987 vor Gericht in ) _(Jerusalem. ) Wo genau hatte er sich aufgehalten? Beweismittel mußten her - Zeugen und Dokumente. Den Sowjets war Demjanjuk aufgefallen, weil er aus Amerika seiner Mutter in der Ukraine ein Lebenszeichen geschickt hatte, unter Angabe seiner US-Adresse. Dann besuchte auch noch Demjanjuks Ehefrau Wera ihre ukrainische Heimat.
Michael Hanusiak, Herausgeber einer sowjetischen Propagandazeitschrift in New York, veröffentlichte 1976 in seinem Blatt News from Ukraine die Aussage eines Ignat Daniltschenko, der 1949 in der UdSSR zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt worden war: Er habe mit Demjanjuk zusammen bis zum März 1944 in Sobibor, danach im KZ Flossenbürg für die SS Posten gestanden.
Das Mordlager Sobibor wurde allerdings schon vor Ende 1943 von den Nazis geschleift. Im westdeutschen Bundesarchiv lag seit langem eine Akte, die für Flossenbürg einen SS-Hilfswilligen "Demenjuk" mit der Personalnummer 1393 aufführt. Der Zeuge Daniltschenko ist verstorben.
Hanusiak schob nach: 1977 druckte er das Faksimile eines Dienstausweises Nummer 1393, ausgestellt auf den SS-Wachmann Iwan Demjanjuk, der demnach am 27. März 1943 nach Sobibor abkommandiert worden war.
Da betrieb das Office of Special Investigations (OSI) des US-Justizministeriums, das gerade für die Jagd auf versteckte Nazis eingerichtet worden war, Demjanjuks Auslieferung. Aber nicht Moskau bekam ihn, sondern Jerusalem, und nicht wegen Sobibor: Fünf Überlebende von Treblinka wollten in Israel auf einem Foto in Demjanjuk jenen "Iwan" wiedererkannt haben, der an ihrer Leidensstätte das Gas eingeleitet hatte.
Dieser "Iwan der Schreckliche", wie er später genannt wurde, habe Frauen die Brüste abgeschnitten und mit der Peitsche einen Leichenträger gezwungen, eine Zwölfjährige zu schänden.
Der Dienstausweis diente dem OSI als Schlüsselbeweis. Demjanjuk verlor die US-Staatsbürgerschaft und wurde 1986 von zwei US-Polizisten nach Israel gebracht. Seine Verteidiger entdeckten Entlastungsmaterial, das die US-Ermittler unterschlagen hatten, etwa weitere Aussagen Daniltschenkos von 1979, auch Listen mit 43 Treblinka-Wärtern und 200 SS-Hiwis, auf denen Demjanjuks Name nicht erschien.
Die Anwälte argumentierten, ihr Mandant könne nicht gleichzeitig in Sobibor und im 200 Kilometer entfernten Treblinka gewesen sein. Als sie rügten, das Original des Dienstausweises fehle, besorgte der amerikanische Kommunistenfreund und Geschäftsmann Armand Hammer das Dokument aus Moskau.
Es war offenkundig gefälscht. Abteilungsleiter Louis-Ferdinand Werner vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden klärte israelische Ermittlungsbeamte auf: Das Ausstellungsdatum fehle, der Kopf auf dem Lichtbild sei nachträglich einkopiert, die SS-Runen in der Druckschrift seien handgemalt.
Die Israelis verzichteten auf weitere Untersuchungen; einer sagte: "Wie sollen wir das unseren Leuten zu Hause klarmachen?" Werners Resümee: "Die fachlichen Bedenken sollten offensichtlich den politischen Aspekten untergeordnet werden."
In dem 17 Monate dauernden Prozeß hielt sich das Bezirksgericht an die Zeugenaussagen der fünf Treblinka-Opfer sowie an zwei nicht ganz deutliche Erklärungen von SS-Leuten zu Vorgängen, die mehr als 40 Jahre zurücklagen: Demjanjuk sei tatsächlich der Schreckliche.
Der Treblinka-Häftling Eliahu Rosenberg trat im Gerichtssaal vor Demjanjuk (der ihm die Hand bot) und rief: "Ich habe nicht den leisesten Zweifel, nicht ein Zögern. Iwan aus Treblinka, von den Gaskammern. Ich sah die mörderischen Augen, das Gesicht. Wie kannst du es wagen, mir deine Hand zu reichen." Allerdings hatte Rosenberg _(* Mit einem Foto seines ermordeten ) _(Vaters. ) 1945 in einem handschriftlichen Protokoll berichtet und 1947 wiederholt, Iwan der Schreckliche sei beim Häftlingsaufstand 1943 in Treblinka mit einer Schaufel erschlagen worden.
Nachdem das Jerusalemer Gericht ohne den Schatten eines Zweifels am 25. April 1988 Demjanjuk als Treblinka-Massenmörder zum Tode verurteilt hatte, fielen sich viele Zuhörer singend und tanzend in die Arme. Der Gerichtssaal, so ein Kommentator, "bot ein Bild triumphaler Rache". Zeuge Rosenberg: "Jetzt fühle ich mich besser."
Für die Revision kündigte Demjanjuks Verteidiger Dov Eitan (der kurz darauf ums Leben kam) "eine Überraschung" an. Der bayerische Schriftsachverständige Dieter Lehner hatte den Dienstausweis genauer untersucht. Er eruierte falsche Dienstsiegel, fehlerhaftes Deutsch, ein verirrtes "k" von einer Vorlage, die zur Manipulation der Unterschrift verwendet worden war.
Weitere Indizien: Grammatische Zeichen fehlten oder waren nicht gedruckt, sondern gezeichnet. Die Dienstnummer 1393 war noch vor Demjanjuks Gefangennahme ausgegeben worden, das Foto wurde wahrscheinlich aus dem Regensburger Führerschein Demjanjuks von 1947 entnommen und auf Frontalansicht retuschiert.
Um die Zweifel zu entkräften, recherchierten die Ankläger in der zerfallenden Sowjetunion - und sie fanden dort auch Entlastungsmaterial. In den Aussagen von 37 in der UdSSR verurteilten Treblinka-Wächtern erschien der Nachname des schrecklichen Iwan als "Martschenko", Personalnummer 476.
So wurde John Demjanjuk, der im Prozeß durch sein unangebrachtes Grinsen, durch Luftküsse und ein fröhliches "Guten Morgen" auf hebräisch irritiert hatte, nach sieben Jahren Haft freigesprochen, obschon ihn das Gericht für einen Sobibor-Schergen hält - deswegen aber war er nicht angeklagt und auch nicht ausgeliefert worden.
Da auch in Amerika eine gerichtliche Revision seiner Ausbürgerung schwere Fehler der Behörden nachgewiesen hat, kann er womöglich in die USA zurück. Fürs erste wird Demjanjuk in der freien Ukraine erwartet.
Einen "Sieg für all diejenigen, die den Holocaust rundweg leugnen", befürchtet Dina Porat, Direktorin des Instituts für Antisemitismusforschung in Tel Aviv, nach dem spektakulären Freispruch. Doch mehr als die Bestrafung eines nicht einwandfrei Überführten mag Israel der Nachweis nützen, daß es ein Rechtsstaat ist.
Ariel Schalew, Chef der Jad-Waschem-Gedenkstätte, meldete jedenfalls einen "Sieg der jüdischen Gerechtigkeit und Fairness". Y
* Am 25. Februar 1987 vor Gericht in Jerusalem. * Mit einem Foto seines ermordeten Vaters.

DER SPIEGEL 31/1993
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