09.11.1992

„Ich war immer ein Mädchen“

Der Schaffner im D-Zug von Hof nach Berlin läßt sich nichts anmerken, als er die Fahrkarte des Herrn im dunkelblauen Rüschenkleid kontrolliert. Auf zwei Abteilsitzen am Fenster hat Charlotte von Mahlsdorf, vor 64 Jahren geboren als Lothar Berfelde, die von Thrombose geplagten Beine ausgestreckt. Sie freut sich wie ein Kind, so schön und bequem erster Klasse zu fahren.
Zwar hatte der Delta Filmverleih aus Berlin-West für Charlotte und ihre Begleiterin Silvia Seelow nur zweiter Klasse gebucht. Doch Silvia, die im Hause Mahlsdorf die Geschäfte führt, besorgte in Hof, wo das von Rosa von Praunheim verfilmte Leben Charlottes (Titel: "Ich bin meine eigene Frau") uraufgeführt wurde, die Übergangszuschläge zur Ersten. "Für so was", sagt sie, "ist Lottchen eben zu bescheiden."
Aber Hauptdarstellerin Lottchen, deren Film am Donnerstag dieser Woche _(* Im Gründerzeitmuseum im Ost-Berliner ) _(Stadtteil Mahlsdorf. ) bundesweit anläuft, ist auch anders. Wer sechs Jahrzehnte im geschlechtlichen und gesellschaftlichen Abseits gelebt hat, wer erst unter den perversen National-, dann unter den prüden Einheitssozialisten gelitten hat und nun sein Leben als schmuckes Gesamtkunstwerk präsentieren kann, der muß nicht nur über Leidensfähigkeit, sondern auch über Courage und Durchsetzungskraft verfügen.
Die ungewöhnliche Geschichte der Charlotte von Mahlsdorf spiegelt das Schicksal einer ganzen Generation deutscher Homosexueller, mit Verfolgung und Bedrohung, Ablehnung und Ausgrenzung. Und sie wirft ein Licht darauf, wie es Angehörigen dieser Randgruppe im anderen deutschen Staat ergangen ist.
Den Druck der Intoleranz erfuhren Lothar und sein Schulfreund Christian erstmals, als sie mit 13, 14 Jahren in den Kleidern von Christians Mutter einer HJ-Streife in die Arme liefen. Lottchen und Christinchen ("Die dachten, wir sind Mädels, die da auf Drall gehen") wurden zur nächsten Polizeiwache geschleppt. Dort faßten ihnen die Beamten erst zwischen die Beine, dann bekamen die beiden ein paar Maulschellen und, mit den polizeilichen Koppelriemen, den Hintern verbläut.
Zwei Jahre später, 1944, der Vater, diese Reitpeitschennatur, droht, er werde Lottchen "totschlagen wie einen räudigen Hund" und anschließend die geliebte Mutter und die Geschwister "über den Haufen schießen", greift Charlotte in Todesangst zum "massiven Küchenrührholz". Nachts schleicht sie sich an das väterliche Bett, wo schon der geladene Dienstrevolver des Soldaten liegt, und schlägt zu: "Einmal, zweimal, dreimal . . ."
Nach Wochen in der Psychiatrie und Untersuchungshaft wird die 16jährige ("Ich war immer ein Mädchen im Jungenkörper") wegen der Tötung des Vaters zu vier Jahren Jugendgefängnis verurteilt, kommt aber bald wieder frei. Vom Gefängnisdirektor - die Rote Armee marschierte schon auf Tegel - zwei Wochen vor Kriegsende wegen "guter Führung" entlassen, läuft Lottchen im Kreuzberger Bombenhagel ("Die Häuser brannten wie die Öfen") einer SS-Streife in die Hände, die Fahnenflüchtige und Drückeberger jagt: einer, der nicht zum letzten Aufgebot der Knaben und Greise gehören will.
Lottchen steht schon vor der Wand eines Kreuzberger Hinterhofes, die vier Gewehrläufe sieht sie nicht, sondern lieber auf den Boden. Eine barsche Stimme befiehlt ihr, das Bündel abzulegen, das sie in der Hand trägt, in Deutschland wird ordentlich gemordet. Die 17jährige weigert sich, denn Lottchen ist noch ordentlicher: In dem sauberen weißen Handtuch sind ein Brotlaib und eine ihrer geliebten Weckeruhren eingewickelt. "Und die jetzt in den Schutt auf den Boden stellen? Nein, dazu war ich damals schon viel zu sehr die saubere Hausfrau."
Das Zögern rettet ihr Leben. Denn plötzlich hört sie eine andere Stimme, gütig und sonor: Was denn hier eigentlich los sei. Als sie dem grauhaarigen Wehrmachtsoffizier in die Augen blickt, sieht sie einen Menschen vor sich, der Anstand und Geborgenheit ausstrahlt. Er kann aber auch brüllen: "Soweit sind wa noch nüscht, dat wa schon die Schulkinder erschießen."
Gesehen hat sie den Retter nie wieder. Geblieben ist ihr, die den geliebten Großonkel und Vaterersatz kurz vor dem gewaltsamen Ende ihres biologischen Erzeugers verloren hatte, die seelische Zuneigung und sexuelle Liebe zu älteren Männern.
Was unter den Nazis im KZ und mit Tod durch Erschlagen enden konnte, führte in den 40 Jahren SED-DDR zur Existenz am Rande der Gesellschaft. Charlotte ging wieder zurück in das Haus des verstorbenen Großonkels im Stadtteil Mahlsdorf und überzeugte die sozialistischen Bürokraten, das Schloß Friedrichsfelde nicht abzureißen, sondern lieber ihr zur Instandsetzung und -haltung zu überlassen.
Zwei Jahre durfte sie dort wohnen - inmitten ihrer Sammlung von alten Kaffeemühlen, verbeulten Grammophontrichtern und verschmierten Petroleumlampen, die sie schon als Kind von den Müllhalden abgeschleppt und, als ordentliche kleine Hausfrau, natürlich geölt, geputzt und wieder geradegebogen hatte. Ihr Mobiliar stammt samt und sonders aus den Jahren zwischen 1870 und 1900, dem sie mit Haut und Haaren, Putzfeudel und Staubtuch verfallen ist.
Erst deponierte sie Möbel und Trödel, die sie zusammengetragen hatte, in der kleinen Villa des grundgütigen Großonkels, eines pensionierten Automobilingenieurs von Daimler-Benz, der nicht nur Lottchens Sammel-, sondern auch die sexuellen Leidenschaften des Knaben akzeptierte: "Wärst du schon um die Jahrhundertwende dagewesen, wärst du meine Perle gewesen und hättest mir den Haushalt gemacht."
Geworden ist sie dann ihre eigene Perle und die Mutter ihres Mobiliars. Mit weiblicher Überredungskunst und männlichen Arbeiterhänden bewahrte sie auch Schloß Dahlwitz-Hoppegarten vor der Abrißbirne und schwatzte den SED-Genossen schließlich ein altes Mahlsdorfer Gutshaus ab, das sie noch aus Kindertagen als Domizil des Schularztes kannte.
Der Magistrat wollte die Halbruine mit zerlöchertem Dach, zerschlagenen Scheiben, herausgerissenen Dielen und kaputten Türen für 60 000 Mark Ost wegsprengen lassen. Doch die Aussicht auf Ersparnis dieser Summe überzeugte auch die sturesten Bürokraten. Und so schleppte Charlottchen auf dem Leiterwagen aus Abrißhäusern originalen Stuck, von Haushaltsauflösungen Türen und Fensterrahmungen der Jahrhundertwende, schippte dreieinhalb Jahre lang Schutt, brach falsche Wände heraus, arbeitete nebenan auf dem Gutshof als Nachtwächter und ferkelte Schweinchen ab, um Geld für Kalk und Steine, Klempner und Elektriker zu verdienen.
1972 wurde ihr "Gründerzeitmuseum" unter Denkmalschutz gestellt, die Besucher kamen da freilich schon seit zwölf Jahren: kunsthistorisch interessierte Individuen und neugierige Werktätige in ganzen Arbeitsbrigaden. Nach der Führung durch Charlotte, mal in Damenhosen, mal im sauberen Kleid mit Schürze gegen den Staub, versammelten sich alle im Keller, verzehrten mitgebrachte Würstchen und selbstgemachten Kartoffelsalat, alles ganz stilecht.
Denn als Kellereinrichtung hatte Charlotte das komplette Interieur der "Mulack-Ritze" erstanden, einer legendären Berliner Kneipe, in der schon zur Kaiserzeit die Nutten und ihre Zuhälter, Ganoven und wilhelminische Kunst-Schickeria, Homosexuelle und Transvestiten Buletten aßen und Frischgezapftes soffen, sich prügelten und zu Musik aus dem Trichtergrammophon schwoften.
Der Versuch der Hausherrin, sich in die realsozialistische Arbeitswelt zu integrieren, scheiterte allerdings. Zwar wurde sie im Märkischen Museum Restaurator für die Uhren und mechanischen Musikwerke, machte Führungen durch die Musikabteilung. Doch als sie auf einer Feier mit Kollegen im himmelblauen Kleid und mit goldblonder Perücke erschienen war, verweigerte der Museumsdirektor eine Vertragsverlängerung. Lottchen nahm''s nicht tragisch: "Meine Großtante sagte immer: ,Wenn etwas Unglückliches auf dich zukommt im Leben, dann denke immer daran, daß das vielleicht sogar sehr gut sein kann.''"
Nach dem Ende der Ära Ulbricht ging es etwas lockerer zu, Schwule und Lesben konnten wieder Kontaktanzeigen in Zeitungen aufgeben. Und eine Zeitlang durften in Charlottens "Mulack-Ritzen"-Keller Vorträge übers gleichgeschlechtliche Dasein gehört werden, in zwei weiteren Räumen wurde schwul-lesbisch geschwoft und getanzt wie Anno 1904.
Als aber Lottchens Freundinnen ein Treffen für Lesben aus der ganzen alten DDR planten, erschienen vorher noch zwei Herren in fabrikneuen Polizeiuniformen. Die Firma Horch und Guck klopfte an Charlottes Tür und untersagte sämtliche derartigen Veranstaltungen.
Auch Kunstklauer von Schalck-Golodkowskis Koko rückten der Museumsbetreiberin auf die Pelle und versuchten, sich von Staats wegen Charlottens Schätze unter den Nagel zu reißen. 10 000 Mark Steuern sollte sie urplötzlich für ihre Antiquitäten zahlen. Da schlief sie eine Nacht nur wenig, und als sie aufwachte, hatte sie auf einmal weiße Haare.
Monatelang verschenkte sie daraufhin Gemälde und Kupferstiche, Petroleumlampen und Regulatoren-Uhren an Besucher. Als nur noch ein Viertel der Sammlung übrig war, schaltete sich der prominente DDR-Jurist Friedrich Karl Kaul ein, ließ seine Verbindungen zur SED-Spitze spielen und bewirkte eine Rücknahme des Steuerbescheids. ** Charlotte von Mahlsdorf: "Ich bin meine ei- _(gene Frau". Edition dia, Berlin; 224 ) _(Seiten; 25 Mark. * Bei den Dreharbeiten ) _(zu "Ich bin meine eigene Frau" in ) _(Berlin. )
Seit ein paar Jahren lebt das Lesbenpärchen Beate und Silvia samt fünf großen Hunden im Haus - allerdings auch nach der deutschen Vereinigung nicht immer ungestört. Zum traditionellen Frühlingsfest der Ost-Berliner Schwulen und Lesben erschienen letztes Jahr in Lottchens Garten auch 30 Skinheads mit Baseballschlägern und schlugen Gäste zusammen.
Charlotte mußte im Hause festgehalten werden, weil sie sich, mit dem Hammer in der Hand, dazwischenwerfen wollte. "Wenn ich einen von denen gekriegt hätte, ich hätte den totgeschlagen."
Als die Polizei dann irgendwann den Weg nach Mahlsdorf gefunden hatte, lümmelten sich auch noch einige der Täter grinsend heran, wie Silvia Seelow erzählt: "Obwohl die Nachbarn zu den Polizisten sagten, ,der da und der da waren auch dabei, warum nehmen Sie die denn nicht endlich fest?'', haben die nichts gemacht, gar nichts."
Im August schließlich eine späte Ehrung im Gründerzeitmuseum: Berlins Kultursenator Ulrich Roloff-Momin persönlich heftete "Lothar Berfelde (Charlotte von Mahlsdorf)" das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland vor laufenden Kameras an die Bluse. Dafür, daß der Senator den Sekt, den Saft und die Gläser auch mitbrachte, hatte Silvia Seelow, Charlottes "Feldwebel und Bürochefin", unmißverständlich gesorgt.
Denn es mangelt, auch nach der Einheit, am Gelde in Mahlsdorf: Die 600-Mark-Rente und die freiwilligen Spenden der Besucher reichen nicht hinten und nicht vorne, um Haus und Garten, Dach und Tor instand zu halten, die Heizung und das warme Wasser zu bezahlen. Entlastung bringt das Honorar von Charlottens Lebenserinnerungen, die zur Buchmesse erschienen und ein kleiner Renner wurden**. Die ersten 5000 Exemplare sind ausverkauft, weitere 10 000 kommen am nächsten Montag in den Handel. "Und Rosa von Praunheim", sagt Silvia Seelow, "hat uns versprochen, daß wir zehn Prozent abkriegen, wenn der Film tatsächlich mal Gewinne einbringen sollte."
So wird Charlotte nun zum gefragten Stargast in Talk-Shows und bekommt Applaus vom Hetero-Publikum bei den Hofer Filmtagen. Und sie hat die besten Chancen, auf ihre alten Tage zur ersten Galions- und Integrationsfigur der deutschen Schwulen und Lesben zu werden. Im Kleidchen und, wenn''s kalt ist, in Damenhosen.
* Im Gründerzeitmuseum im Ost-Berliner Stadtteil Mahlsdorf. ** Charlotte von Mahlsdorf: "Ich bin meine eigene Frau". Edition dia, Berlin; 224 Seiten; 25 Mark. * Bei den Dreharbeiten zu "Ich bin meine eigene Frau" in Berlin.

DER SPIEGEL 46/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich war immer ein Mädchen“

Video 00:42

England Mann wird von Bus gerammt - und geht in den Pub

  • Video "England: Mann wird von Bus gerammt - und geht in den Pub" Video 00:42
    England: Mann wird von Bus gerammt - und geht in den Pub
  • Video "Fahrrad-Cops: Der Arbeitsalltag der Kölner Mountainbike-Staffel" Video 01:54
    Fahrrad-Cops: Der Arbeitsalltag der Kölner Mountainbike-Staffel
  • Video "Air-Asia-Wackelflug: Der Pilot hat die Panik geschürt" Video 01:11
    Air-Asia-Wackelflug: "Der Pilot hat die Panik geschürt"
  • Video "Missglückte Wettervorhersage: Windböe fegt Reporter vom Bildschirm" Video 00:41
    Missglückte Wettervorhersage: Windböe fegt Reporter vom Bildschirm
  • Video "Verwässerter US-Travel-Ban: Trumps Reisewarnung" Video 01:22
    Verwässerter US-Travel-Ban: Trumps Reisewarnung
  • Video "America´s Cup: Neuseeland feiert Sieg über USA" Video 00:44
    America´s Cup: Neuseeland feiert Sieg über USA
  • Video "Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf" Video 00:46
    Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf
  • Video "Hochspannungsleitung vs. Flora: Da brennt der Baum" Video 00:38
    Hochspannungsleitung vs. Flora: Da brennt der Baum
  • Video "Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: Er scheint die Nerven verloren zu haben" Video 01:20
    Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: "Er scheint die Nerven verloren zu haben"
  • Video "Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel" Video 00:36
    Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel
  • Video "Amateurvideo zeigt Schiffsunglück: Ausflugsschiff sinkt auf Stausee" Video 00:55
    Amateurvideo zeigt Schiffsunglück: Ausflugsschiff sinkt auf Stausee
  • Video "Neues Drohnenvideo aus Aleppo: Leben in der Trümmerwüste" Video 01:31
    Neues Drohnenvideo aus Aleppo: Leben in der Trümmerwüste
  • Video "US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert" Video 01:01
    US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert
  • Video "Gerhard Schröder auf SPD-Parteitag: Ich wundere mich schon..." Video 02:31
    Gerhard Schröder auf SPD-Parteitag: "Ich wundere mich schon..."
  • Video "Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten