24.02.1992

„Die Debatte steht jetzt an“

SPIEGEL: Nach dem SPIEGEL-Bericht über die Tötung von extrem schwachen Frühgeborenen an der Erfurter Frauenklinik hat Martin Link, Chefarzt an der Dresdner Frauenklinik, behauptet, die Frage, "ob Frühgeburten in einen Wassereimer kamen", stellte sich nicht nur in der DDR, sondern überall.
HUBER: Ich teile Links Ansicht, denn ich kann nicht ausschließen, daß so etwas auch in Krankenhäusern in anderen westeuropäischen Ländern, auch in den alten Bundesländern, vorgekommen ist. Ost- und West-Ärzte handeln in dieser Konfliktlage gleich.
SPIEGEL: In der DDR aber hat die Gesetzgebung es den Ärzten erleichtert, Frühchen unter 1000 Gramm keine Chance zu geben. Denn während in der Bundesrepublik ein einziges Lebenszeichen - Herzschlag, Atmung oder pulsierende Nabelschnur - genügt, um ein Frühchen als Lebendgeburt einzustufen, mußten dort Herzschlag und Atmung registrierbar sein.
HUBER: Es gibt eine Grauzone der Lebensfähigkeit. Heute ist für die Medizin mit ihren technischen Möglichkeiten das Leben an seinem Beginn und an seinem Ende manipulierbar geworden. Das führt zu schwierigen ethischen Problemen. In jedem Einzelfall muß sich der Arzt fragen, was humaner ist - einen Patienten sterben zu lassen oder ein leidvolles Leben sinnlos zu verlängern.
SPIEGEL: Können klare gesetzliche Regelungen helfen, ärztliches Handeln in dieser Grauzone zu beeinflussen?
HUBER: Bei Fragen von Leben und Tod brauchen wir gebildete Ärzte mit einem hohen Humanitätsideal, und das läßt sich nicht gesetzlich verordnen.
SPIEGEL: Die Frage, ob Leben um jeden Preis mit Hilfe der modernen Apparatemedizin gerettet werden muß, das Problem der Sterbehilfe, wurde bislang meist nur auf das Ende, nicht auf den Beginn des Lebens bezogen.
HUBER: Das stimmt. Diese Debatte - mit all ihrem ethischen Zündstoff - steht jetzt an.
SPIEGEL: Sind Ärzte beim allgemeinen Streß im Kreißsaal nicht überfordert, wenn sie schnell entscheiden müssen, ob ein extrem Frühgeborenes lebensfähig ist oder nicht und ob es um jeden Preis reanimiert werden soll?
HUBER: Wenn bei einer Geburt unter 1000 Gramm mit nur einem Lebenszeichen die Frage ,Ist dieses Kind lebensfähig oder nicht?' in Sekundenschnelle entschieden wird, dann halte ich das für falsch. Und die "Methode Wasser", wie sie für Erfurt beschrieben wurde, ist nicht gangbar, denn das ist eine aktive Handlung zum Tod.
SPIEGEL: Darf im Fall von extrem unreifen Frühgeborenen auf Reanimation verzichtet, also passive Sterbehilfe geleistet werden?
HUBER: Ich finde es wichtig, daß die Ärzteschaft, ausgelöst durch den SPIEGEL-Artikel, nun offen über diese Frage sprechen muß. Doch eine allgemein gültige Verhaltensnorm kann es bei diesem schwierigen Problem nicht geben.
SPIEGEL: In den USA sind schon viele Prozesse gegen Ärzte geführt worden, die bei extrem schwachen Frühchen nicht alle Möglichkeiten zur Lebenserhaltung genutzt haben. Wer soll das Urteil fällen, ob ein Frühgeborenes weiterleben darf oder nicht - die Ärzte, die Eltern oder die Richter?
HUBER: Das kann nur gemeinsam von der Gruppe aller Beteiligten entschieden werden. Aber letztlich muß der Arzt das gemeinsam gefällte Urteil umsetzen.
Wir erwarten, daß Ärzte, die sich um Frühgeborene bemühen, bereit sind, diese immense Verantwortung zu tragen. Denn gleichgültig, wie die ärztliche Entscheidung ausfällt, sie beschränkt sich nicht nur auf das Leben des frühgeborenen Kindes, sondern sie hat weitreichende Konsequenzen auch für das Leben der Eltern.
SPIEGEL: Nach welchen Kriterien soll ein Arzt bei einem extrem schwachen Frühgeborenen entscheiden, wann er es leben oder wann er es sterben läßt? Welche Rolle dürfen die Behinderungen spielen, die ein Frühchen, das mit allen Mitteln durchgebracht wird, zu erwarten hat?
HUBER: In der Anfangsphase kann ein Neonatologe gar nicht wissen, welche und wie schwerwiegende Behinderungen ein frühgeborenes Kind davontragen wird. Deshalb muß er zunächst alles Mögliche zum Lebenserhalt tun. Aber nach diesem ersten Schritt muß neu entschieden werden - dann, wenn etwa nach allen medizinischen Erkenntnissen absehbar ist, daß dieses Kind auf Dauer nur mit Hilfe von Apparaten am Leben erhalten werden kann.
Auch diese spätere Entscheidung wird mit Risiken behaftet sein. Zutiefst inhuman ist es, grundsätzlich alles, was technisch machbar ist, zu tun. Denn dieser technokratische Machbarkeitswahn ignoriert wesentliche Aspekte menschlichen Lebens, etwa soziale oder spirituelle Dimensionen.
SPIEGEL: In der öffentlichen Diskussion über den Umgang mit Frühgeborenen sehen einige Ost-Ärzte, wie schon nach dem Charite-Skandal, einen pauschalen Angriff des Westens auf den Medizinerstand der ehemaligen DDR.
HUBER: In der Ärzteschaft, Ost wie West, wird Kritik an einzelnen Ärzten, die berechtigt ist, subjektiv immer als Angriff auf alle Ärzte verstanden. Kritik an der Medizin, obgleich heutzutage bitter notwendig, wird ebenso mißverstanden. Das führt dazu, daß man nicht die kritikwürdigen Verhältnisse beseitigt, sondern die Kritiker ausgrenzt und die Mängel toleriert.
Die Ärzteschaft muß hier einfach lernen, daß ihr sozialer Auftrag sie dazu zwingt, für Offenheit, Ehrlichkeit und Klarheit nach innen und nach außen zu sorgen.

DER SPIEGEL 9/1992
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DER SPIEGEL 9/1992
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