16.11.1992

Zeitgeschichte

Unternehmen Zeppelin

Alte Stasi-Akten erhellen ein blutiges Stück SS-Geschichte: Für geheime Kommandoaktionen wurden Hunderte von russischen Kriegsgefangenen geopfert.

Die ärztliche Diagnose vom 28. Januar 1943 klang ernst genug: "Tbc Pulmonum II-III Stadium" - Lungentuberkulose. Doch daß dieser Befund ein Todesurteil war, konnte der Patient in Breslaus Allerheiligen-Hospital, der kriegsgefangene Sowjetsoldat Jakow Semjonow, 26, nicht ahnen.

Am selben Tag aber schrieb ein SS-Hauptsturmführer namens Walter Weißgerber der "SS-Sondereinheit Auschwitz", für Semjonow ebenso wie für einen anderen kranken Russen sei "weitere stationäre Behandlung hier nicht mehr durchführbar"; daher werde "gebeten, selbige sonderzubehandeln".

Der Bewacher, der die Kranken nach Auschwitz begleitete, schilderte später, wie die Patienten in einen Waschraum geführt wurden. Dann sei ein SS-Angehöriger mit einem Spezialgewehr aufgetaucht und habe die beiden erschossen.

Weißgerber, Urheber des mörderischen Marschbefehls, blieb nach dem _(* Im Lager Stalag 326 bei Paderborn. ) Krieg unbehelligt. Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Stade stellte ein Ermittlungsverfahren gegen ihn in den sechziger Jahren ein und schrieb allen Ernstes, aus dem Wortlaut des Vermerks könne "nicht zwingend geschlossen werden, daß der Verfasser die wahre Bedeutung des Schreibens erkannt hat".

Dabei hatte schon der Nürnberger Gerichtshof deutschen Strafjuristen klargemacht: "Sonderbehandlung war der Fachausdruck des nationalsozialistischen Deutschlands für Ermordung."

Weißgerber und Semjonow stehen als Täter und Opfer für ein weithin unbekanntes Kapitel des SS-Staats: das "Unternehmen Zeppelin", eine mehrjährige Kommandoaktion der SS, bei der das Leben russischer Kriegsgefangener vorsätzlich geopfert wurde.

Initiator des Unternehmens war das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die von Reinhard Heydrich kommandierte Zentrale des Unterdrückungsapparates der SS. Eichmanns "Judenreferat" firmierte in der berüchtigten Behörde, ebenso die Gestapo und der Auslandsnachrichtendienst, der im März 1942 die Aktion "Zeppelin" ersann, bei der unter russischen Kriegsgefangenen Freiwillige für Agenteneinsätze hinter den Linien der Roten Armee geworben wurden.

Die Chancen für die Hilfswilligen, mit dem Leben davonzukommen, waren gleich Null. Wer hinter der Front nicht von seinen Landsleuten abgefangen wurde und die Rückkehr zu den Deutschen schaffte, wurde als lästiger Wissensträger beseitigt oder auch gemäß der "Verfügung des RSHA VI C1 vom 1. 12. 1942 betreffs Abgabe kranker Aktivisten" getötet.

Daß viele hundert russische Freiwillige umgebracht wurden, belegen bislang unbekannte Unterlagen über das Unternehmen Zeppelin. Die Akten zeigen beispielsweise, wie ein Mann namens "Wassil Sasmusches dem KL Auschwitz überstellt", wie "der Aktivist Emeljanow, Oleg, sonderbehandelt" oder ein Gefangener "als turkestanischer Jude entlarvt" und "nach Auschwitz zur Sonderbehandlung überstellt" wurde.

Als die Wehrmacht bei einem Vorstoß den RSHA-Agenten Michail Koschilew aufgriff und als Spion festhielt ("Fragt sich nur, ob in deutschen oder in russischen Diensten"), übernahm die SS ihren Mann zwar. Doch auch Koschilew wurde dann, wie im Dezember 1942 ein Unterscharführer Göbel vermerkte, "der Sonderbehandlung zugeführt".

Beweise gibt es auch für Massenexekutionen von Zeppelin-Freiwilligen. Einmal waren in Auschwitz 200 Russen erschossen worden - die SS hatte sie unregistriert eingeliefert; im Transportbefehl fand sich lediglich der Hinweis "Zeppelin Geheimnisträger".

Akten über das Mordunternehmen sind mittlerweile im Berliner Osten aufgetaucht, wo das DDR-Ministerium für Staatssicherheit eine Hauptabteilung unter anderem mit der Aufklärung von Nazi-Verbrechen betraut hatte. Auch in Westdeutschland nehmen Staatsanwälte nun verlorengeglaubte Spuren wieder auf.

Der Berliner Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann, NS-Forscher an der Freien Universität, ließ einen seiner Studenten eine Magisterarbeit schreiben: Verfasser Thorsten Querg, 30, hat die erste Analyse des "Amtes VI" verfaßt, jenes SS-Auslandsnachrichtendienstes, der das Unternehmen Zeppelin zu verantworten hatte.

Den Startbefehl zum Mordunternehmen hatte der Chef der Geheimen Staatspolizei, Heinrich Müller ("Gestapo-Müller"), in einer "Geheimen Reichssache" vom 10. März 1942 gegeben: Um "die Ostfront - wenn auch nur in bescheidenem Maße - zu entlasten", gelte es unter den Kriegsgefangenen "wertvolle Kräfte" für Aktionen hinter den feindlichen Linien auszuheben.

Ein Vierteljahr lang rekrutierte Heinrich Himmlers SS daraufhin unter gefangenen Rotarmisten Freiwillige. Hingebungsvoll sorgten die Auftraggeber für die Indoktrination ihrer Kandidaten, die sie "Aktivisten" nannten und vorzugsweise unter Stalin-Gegnern, Angehörigen nationaler Minderheiten sowie Überlebenden der "zaristischen Führungsschicht" suchten.

Gruppenweise wurden die Lagerinsassen auf Stadtrundfahrt nach Berlin geschickt, um sich von der "Größe und Reinlichkeit der Auslagen und Geschäfte" (SS-Bericht) beeindrucken zu lassen.

Der Besuch von Sportveranstaltungen stand auf dem Programm, ferner die Teilnahme an Betriebsweihnachtsfeiern, Zoobesichtigungen und Sanssouci-Fahrten.

Politisch geschult wurden die Auserwählten an mehreren Orten, auch in Konzentrationslagern. 113 Mann erhielten in Auschwitz-Birkenau ("4 bis 5 km vom Draht entfernt") den Schliff.

Im brandenburgischen KZ Sachsenhausen gab es für die Freiwilligen sogar ein "Besichtigungslager" - mit Sport, Spielautomaten und Aufführungen "volkstümlicher Lustspiele in ihrer Muttersprache"; auch "Lochbillards mit Genehmigung des RSHA" seien gekauft worden, rühmte die Lagerleitung.

Aus Auschwitz berichtete ein SS-Ausbilder im Februar 1943, "daß das seelische Feuer bei den Aktivisten zu glimmen beginnt": Er hoffe, "daß dieses gerade dann am hellsten brennt, wenn die vorgesehenen Einsätze starten".

Verschiedentlich nutzten die Zeppelin-Aktivisten zwar ihren Auftrag, um sich schleunigst abzusetzen. Deshalb galt die Aktion bei Insidern auch als "Partisanennachschub-Unternehmen", wie der SS-Sturmführer Wilhelm Stedry später sagte.

Der spektakulärste Fall ereignete sich bei einem Parallelunternehmen: Zeppelin-Freiwillige, die nicht als agententauglich befunden wurden, landeten in "Druschina-Verbänden", von Deutschen kommandierten Kampftrupps.

Eine Druschina-Einheit, die von ihren SS-Führern gezwungen worden war, am Massaker gegen ein Partisanendorf teilzunehmen, tötete anschließend das deutsche Begleitkommando und wechselte geschlossen zur Roten Armee. Das Schicksal des Trupps ist ungewiß.

Während SS-Brigadeführer Walter Schellenberg, der Chef des "Amtes VI", nach dem Krieg bekundete, der Druschina-Anführer, ein Oberst Rodianow, sei von Stalin persönlich mit dem Stalin-Orden ausgezeichnet worden, sagte Rodianows unmittelbar Vorgesetzter, der SS-Hauptsturmführer Klaus von Lepel, der Oberst und seine Männer seien von den Landsleuten liquidiert worden.

Die meisten Aktivisten indessen machten ihren Kommandeuren Freude. Sie bewährten sich als Informanten, spähten Eisenbahnlinien aus und gründeten in den Wäldern Widerstandsgrüppchen.

Ein Dreiertrupp schaffte sogar den Einbruch ins Moskauer Verkehrsministerium. Insgesamt seien "Tausende" durch deutsche Kampfflieger hinter der Front per Fallschirm abgesetzt worden, berichtete Schellenberg, oberster Aufseher in Sachen Zeppelin.

Beim Unternehmen Zeppelin war die SS auf Kooperation mit den Frontaufklärungsstellen des Heeres angewiesen. Die Militärs taten wacker mit. So belieferte die Abteilung "Fremde Heere Ost" unter General Reinhard Gehlen, der nach dem Krieg den Bundesnachrichtendienst gründete, das Unternehmen mit Informationen aus dem russischen Hinterland.

Zeppelin hinterließ unter den russischen Beteiligten wenige Überlebende. Dennoch wurden nur selten Täter wegen Mordes zur Rechenschaft gezogen. Den SS-Untersturmführer Max Grabner etwa, dem Weißgerber die beiden kranken Russen zur Ermordung geschickt hatte, hängten die Polen 1947 als Auschwitz-Täter. SS-Brigadeführer Erich Naumann, der den Tod des Agenten Koschilew anordnete, wurde 1951 für seine Taten als Chef der Einsatzgruppe B in Landsberg hingerichtet.

Als bislang letzten holte die Vergangenheit den früheren SS-Unterscharführer Josef Blösche ein. Blösche war im berüchtigten Zeppelin-Lager Wissokoje in Belorußland tätig gewesen und hatte anderweitig makabren Weltruhm erlangt: Ein legendäres Schreckensfoto von der Vernichtung des Warschauer Ghettos zeigt SS-Männer, die einen kleinen Jungen mit Schirmmütze und erhobenen Händen abführen.

Ermittlungen der Stasi ergaben: Einer der Schergen, abgebildet mit Gewehr und Zigarette, war Blösche, auch verantwortlich für Morde und Folterungen im Pawiak-Gefängnis der Warschauer Gestapo. Blösche wurde 1969 vom Bezirksgericht Erfurt zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Einer der Hauptverantwortlichen aber überlebte jahrzehntelang unbehelligt: Obersturmbannführer Dr. Rudolf Oebsger-Röder, Gründer und erster Leiter des Unternehmens Zeppelin.

Der gelernte Journalist und fanatische SS-Mann war zu Zeiten der Weimarer Republik wegen Körperverletzung und als Autor von Traktaten "im Kampfe für die Bewegung" vorbestraft und trug den "Ehrenwinkel" seiner Organisation.

In Archiven wie dem Berlin Document Center oder der Stasi-Registratur hat Oebsger-Röder breite Spuren hinterlassen, wie der Berliner Amt-VI-Forscher Querg herausfand.

Vor seiner Versetzung zum RSHA hatte Röder ein Einsatzkommando der SS geleitet, das 1939 in Bromberg ein Massaker unter der polnischen Bevölkerung verübte. Später war er Leiter von "Sonderunternehmen" in Rußland und der Ukraine.

Ein hoher RSHA-Insider, der frühere Sturmbannführer Wilhelm Höttl, vertraute an seinem österreichischen Ruhesitz dem Berliner Junghistoriker an, Röder habe nach dem Krieg "Kontakte" zum Gehlen-Geheimdienst gehabt; später sei er in Indonesien "untergetaucht".

Höttl, der Intimus des in Nürnberg gehenkten letzten RSHA-Chefs Ernst Kaltenbrunner war, stand in häufiger Verbindung mit "unserem Rußland-Spezialisten".

Mehrere deutsche Staatsanwaltschaften haben ihre Röder-Ermittlungen dagegen schon vor Jahren vorläufig eingestellt - wie es die Strafprozeßordnung erlaubt, wenn der Beschuldigte auf Dauer unaufgreifbar im Ausland lebt.

Diesen Umstand nutzte Himmlers Mordgehilfe zu gelegentlichen Heimatvisiten. Als der mittlerweile 80jährige am 21. Juni wieder mal unerkannt durch die bayerische Hauptstadt spazierte, brach er auf der Straße zusammen und starb. Höttl: "Sozusagen ein schöner Tod."

* Im Lager Stalag 326 bei Paderborn.

DER SPIEGEL 47/1992
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