16.11.1992

„Schmeichelei und Unterwürfigkeit“

Kotschemassow, 74, war von 1955 bis 1960 Botschaftsrat und Gesandter in der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin und von 1983 bis Mai 1990 deren Leiter.
SPIEGEL: Herr Kotschemassow, Ex-DDR-Chef Erich Honecker behauptet als Reaktion auf die Anklage, der Schießbefehl an der Mauer sei nicht von ihm allein, sondern auch von der Moskauer Führung zu verantworten.
KOTSCHEMASSOW: Daß solch eine Entscheidung kollektiv getroffen wurde, ist mir nicht bekannt. Aber wir in Moskau hielten diesen Beschluß eigentlich für unumgänglich. Ich kann mich an keinen einzigen Protest erinnern, wenn es zu Todesfällen an der Mauer kam. Honecker wurde bei seinen Moskau-Besuchen auch nie zu einer Änderung seines Grenzregimes aufgefordert. Insofern gibt es schon eine kollektive Verantwortung.
SPIEGEL: Als Sie 1983 in die DDR geschickt wurden, galten Sie als Symbolfigur für einen neuen Umgang zwischen Moskau und Ost-Berlin,
KOTSCHEMASSOW: KPdSU-Generalsekretär Andropow rief mich damals zu sich und sagte: "Wir brauchen einen neuen Botschafter in der DDR, keinen Gouverneur mehr." Die Führung in Ost-Berlin sei bisher nur kommandiert worden, jetzt müsse man zusammenarbeiten.
SPIEGEL: Sie kannten Honecker ja schon lange.
KOTSCHEMASSOW: Er machte auf mich immer den Eindruck eines vernünftigen, zielstrebigen Menschen. Auch als Partei- und dann als Staatschef behielt er anfangs den kollegialen Führungsstil bei. Das änderte sich mit dem wachsenden Ansehen der DDR - Honecker begann seine Verdienste zu überschätzen, verlor den Bezug zur Realität, wurde unkontrollierbar. Schmeichelei und Unterwürfigkeit bestimmten die Atmosphäre.
SPIEGEL: Das heißt, Moskau konnte ihn gar nicht mehr an der kurzen Leine halten?
KOTSCHEMASSOW: Bis auf eine größere Ausnahme - als unsere Parteiführung den geplanten Staatsbesuch in der Bundesrepublik verbot. Honecker reagierte äußerst gekränkt und regte sich im engeren Kreis furchtbar über das Moskauer Mißtrauen auf. Wir wußten, daß er gegen Ende des Jahres 1987 im engeren Kreis unsere Politik der Perestroika offen zu kritisieren begann. Bei der Diplomatenjagd 1988 sagte er mir direkt ins Gesicht: Wir werden Ihren Begriff der "Perestroika" nicht mehr verwenden.
SPIEGEL: Das war sein Fehler.
KOTSCHEMASSOW: Angesichts der Euphorie, die unsere Reformen in der _(* 1986 mit DDR-Außenminister Oskar ) _(Fischer beim Neujahrsempfang in ) _(Ost-Berlin. ) DDR ausgelöst hatten, gab es tatsächlich die Chance eines demokratischen Wandels in der DDR. Der hätte aber in der Partei beginnen müssen, deren Führung dazu nicht im mindesten bereit war. Wir wußten auch, daß es um Honecker herum ernsthafte Kritiker gab. Im vertraulichen Gespräch sagte mir schon 1986 eines der Politbüromitglieder, daß die Situation unerträglich geworden sei.
SPIEGEL: Wer?
KOTSCHEMASSOW: Werner Krolikowski. Er sprach von einem totalen Dogmatismus in der Politik, es gebe keinerlei Diskussion mehr, eine ins Absurde getriebene Zentralisierung, eine absolut unglaubwürdige Informationspolitik. Man müsse etwas dagegen tun. Was denn? fragte ich. Krolikowski: Man muß die Führung auswechseln.
SPIEGEL: Mit Moskauer Hilfe?
KOTSCHEMASSOW: Ich dankte ihm fürs Vertrauen und fragte ihn, ob es weitere Politbüromitglieder gebe, die dieser Ansicht seien. Als er das bestätigte, konnte ich ihn nur darauf verweisen, daß Moskau nicht mehr für die Ernennung der Generalsekretäre zuständig sei. Sie müßten ihre inneren Probleme allein lösen, wobei wir natürlich nicht abseits bleiben würden.
SPIEGEL: Übte Honecker irgendeinen Druck auf Sie aus?
KOTSCHEMASSOW: Das gab es. In den letzten Jahren brachte er in unseren Gesprächen viele Forderungen vor. Die betrafen zum Beispiel unsere Presse, bestimmte Politiker, Schriftsteller . . . Da sei angeblich die Konterrevolution im Kommen. Damals durfte die DDR-Presse ohne persönliche Absprache zwischen mir und Honecker schon nichts mehr über die Vorgänge in der Sowjetunion berichten, einige Gorbatschow-Reden inbegriffen. Eine besonders negative Rolle spielte das für die Medien verantwortliche Politbüromitglied Joachim Herrmann.
SPIEGEL: Honecker war also längst nicht mehr von Moskau abhängig, wie er heute glauben machen will.
KOTSCHEMASSOW: Seine Vorwürfe uns gegenüber häuften sich. Eines Tages warf er mir sogar Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR vor: Einer meiner Botschaftsmitarbeiter habe angeblich in einem Gespräch mit einem Politiker der DDR-CDU die SED-Politik kritisiert. Ich versuchte, seine Vorwürfe zu entkräften, ohne Erfolg. Das sei unzulässig, wiederholte er und schrie, er könne die Frage auch so lösen wie bei meinem Vorgänger.
SPIEGEL: Sie meinen Pjotr Abrassimow, dessen Ablösung Honecker 1983 erfolgreich betrieben hatte.
KOTSCHEMASSOW: Ich verbat mir diesen Ton und erklärte ihm, für solcherlei Vorhaltungen gebe es keinerlei Grundlage. Es sei mir peinlich, solche Drohungen mit anzuhören.
SPIEGEL: Offenbar aber hat man in Moskau Ihre Warnungen über die Vorgänge in der DDR nicht ernst genommen.
KOTSCHEMASSOW: Man verstand sie wohl, aber die Reaktionen waren unterschiedlich. Mit den eigenen Problemen beschäftigt, haben wir die DDR ihrem Schicksal überlassen.
SPIEGEL: Der Gorbatschow-Besuch zum 40. Jahrestag der DDR trat dann die Lawine los?
KOTSCHEMASSOW: Er wollte gar nicht nach Berlin fahren, er war ja zu Hause schon ohne eigenes Hinterland. Ich habe für die Reise gekämpft. Wir vereinbarten zwei Treffen: eine Begegnung mit Honecker im kleinen Kreis und danach eine mit dem gesamten Politbüro - wohl wissend, daß Honecker nach Vier-Augen-Gesprächen seine Führung oft ganz anders informierte. Auf Gorbatschows Frage nach der Situation behauptete Honecker, man habe die Lage im Griff. Das wiederholte er dann so vor dem Politbüro, und enttäuschenderweise meldete sich dort niemand zu Wort. Gorbatschow auf dem Flur niedergeschlagen zu mir: Was du auch tust, hier prallt alles ab.
SPIEGEL: Hat die DDR-Führung im Herbst 1989 Sie irgendwann aufgefordert, russische Panzer sollten zur Niederschlagung der Demonstrationen eingesetzt werden?
KOTSCHEMASSOW: Nein. Ich selbst habe das ausgeschlossen und bin später darin aus Moskau bestärkt worden.
SPIEGEL: Es stimmt also nicht, die DDR-Führung habe SOS nach Moskau gefunkt, der Kreml aber habe nicht reagiert?
KOTSCHEMASSOW: Im Juni hatte Honecker gegenüber Gorbatschow über den wachsenden Druck der BRD-Regierung auf die DDR geklagt und Gegenmaßnahmen verlangt. Auf einem Treffen aller Generalsekretäre irgendwann im Herbst 1989 sollte darüber gesprochen werden. Faktisch war das eine Bitte um sowjetische Unterstützung.
* 1986 mit DDR-Außenminister Oskar Fischer beim Neujahrsempfang in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 47/1992
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