24.02.1992

Rüstung

Abschied vom Klub

Dilemma für London und Paris: Der Nutzen des eigenständigen Nuklearpotentials sinkt, trotzdem wollen sie von neuen Atomwaffen nicht lassen.

Anfang März - das genaue Datum war lange Zeit wie ein Staatsgeheimnis gehütet worden - darf in der mittelenglischen Hafenstadt Barrowin-Furness der Kalte Krieg eine kleine Wiederauferstehung feiern.

Bis dahin liegt in einer riesigen überdachten Montagehalle der VSEL-Werft das atomgetriebene U-Boot "Vanguard" zum Stapellauf bereit - das erste von insgesamt vier Schwesterschiffen, die bis zum Jahr 2000 das neue Kernstück der eigenständigen britischen Atommacht bilden sollen.

Während die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher vor fünf Jahren die "Vanguard" noch mit großem Getöse persönlich auf Kiel legte, versucht ihr Nachfolger John Major alles, um das 30 Milliarden Mark teure Waffensystem möglichst harmlos erscheinen zu lassen.

Das wird ihm schwerfallen: Die U-Boote der Trident-Klasse, die vier veraltete Polaris-Boote ersetzen sollen, sind erdacht worden als die gefährlichsten Waffen des Kalten Krieges. Unverwundbar und ausgerüstet mit je 16 Interkontinentalraketen und 128 unabhängig voneinander lenkbaren Sprengköpfen, sollte die Unterseeflotte im Fall des Falles die Zerstörung der Sowjetunion auch dann noch garantieren, wenn nach einem sowjetischen Erstschlag Moskaus Kernwaffen London längst vernichtet hätten.

Ähnlich wie Frankreichs Force de frappe dienten die britischen Atomwaffen als Rückversicherung gegen Freund und Feind - furchteinflößend genug, den Kreml von einem Angriff abzuhalten, selbst wenn sich die Amerikaner im entscheidenden Augenblick weigern würden, ihre eigenen Atomwaffen für die Verteidigung Europas einzusetzen.

Nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West-Konflikts haben die Atomwaffen der beiden EG-Mächte ihre Abschreckungsfunktion verloren. Anders als Amerikaner und Russen wollen die Atomzwerge von London und Paris dennoch nicht abrüsten.

Mit gleichlautenden Argumenten wiesen Major und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand darauf hin, daß noch völlig unklar sei, was mit den mehr als 27 000 Nuklearwaffen der ehemaligen Sowjetunion geschehen wird. Neue Gegner sind auch schon gefunden: Frankreich und Großbritannien wollen sich künftig gegen mögliche Erpressungsversuche von atomar, biologisch oder chemisch hochgerüsteten Drittweltstaaten sichern - eine "abstrakte Abschreckung", kommentiert die Londoner Financial Times.

Dennoch gelang es London und Paris nicht, den Funktionsverlust ihrer Prestigewaffen zu verschleiern. Sie mußten eingestehen, daß ein Teil ihrer Nuklearrüstung überflüssig geworden ist - und die bereits beschlossene Nachrüstung unzeitgemäße Dimensionen angenommen hat.

Wiederholt versicherten Major und sein Verteidigungsminister Tom King vor dem Londoner Unterhaus, daß sie nicht daran dächten, alle 512 nuklearen Sprengköpfe zu bauen, die ursprünglich als Bewaffnung für die Trident-Raketen vorgesehen waren. Das Paradox, nach dem Ende der Sowjetunion stärker gerüstet zu sein als zu Zeiten des Kalten Kriegs, versuchte King mit dem Hinweis zu entkräften, daß Großbritanniens übrige Atomwaffen (derzeit etwa 175 Flugzeugbomben und 25 Anti-U-Boot-Bomben) de facto bereits eingemottet seien.

Beim Besuch des russischen Präsidenten Boris Jelzin in Paris versprach auch Mitterrand seinem Gast, Frankreich werde den beschlossenen Ausbau seiner Atomstreitmacht "verlangsamen" und "abändern".

Die französischen Kurzstreckenraketen "Pluton" und "Hades", die ohnehin nur Ziele in Deutschland und Mitteleuropa erreichen könnten, sind wertlos geworden. Der Bau der Hades ist gestoppt, 30 fertige Raketen werden nicht an die Truppe ausgeliefert.

Seit der Aufstellung der zielgenauen SS-20-Raketen durch die Sowjetunion waren auch die 18 auf dem südfranzösischen Plateau d'Albion in Silos stationierten strategischen S-3D-Raketen verwundbar geworden. Die Hoffnung auf ein Nachfolgemodell mußten französische Nuklearstrategen allerdings schon vor einiger Zeit aufgeben; durch das Ausschlachten vorhandener Waffen soll das veraltete System noch ins nächste Jahrtausend hinübergerettet werden.

Offiziell hält Frankreich zwar an dem Ziel fest, seine strategische Unterseeflotte von derzeit fünf auf sechs Boote auszuweiten. Doch in den Planungsstäben der Militärs wird bereits darüber gestritten, ob die endgültige Zahl der Schiffe bei vier oder fünf liegen soll.

Neue Waffenentwicklungen können sich weder Frankreich noch Großbritannien leisten. Das seit Jahren diskutierte Projekt einer gemeinsamen Abstandsrakete, die, von einem Flugzeug abgeschossen, ein 1000 Kilometer entferntes Ziel treffen könnte, ist stillschweigend auf Eis gelegt worden.

Beide Länder gehen davon aus, daß ihre U-Boot-Flotten ihnen ein ausreichendes Abschreckungspotential zur Verfügung stellen. Eine "zweite Fahrkarte nach Armaggedon" (so ein hoher britischer Offizier) wird einstweilen nicht gebraucht.

Ist schon der militärische Sinn der europäischen Nukleararsenale fragwürdig geworden (zur Abschreckung eines größenwahnsinnigen Drittwelt-Diktators wären einige auf See stationierte Cruise Missiles genauso wirksam wie die gewaltigen Trident-Raketen), so ist der politische Nutzen eigener Atomwaffen fast vollständig geschwunden.

Schon heute bangt den westeuropäischen Atomplanern vor der internationalen Überprüfungskonferenz, die 1995 die Zukunft des Vertrages über die Nichtverbreitung von Atomwaffen beraten soll. London und Paris fürchten, daß nukleare Schwellenländer im Nahen Osten (Irak und Iran) oder in Südasien (Indien und Pakistan) den Hinweis auf die europäischen Arsenale nutzen könnten, um ihre eigenen heimlich gebauten Bomben zu rechtfertigen.

Die Einsicht, daß Atomwaffenbesitz allein nicht mehr taugt, ein Land in den Rang einer Großmacht zu erheben, zeigt sich bei den Vereinten Nationen. Hatten sich bislang die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats auch als Klub der Atommächte verstanden, so drängen jetzt mit Japan, Brasilien und Deutschland nichtnukleare Mächte in die exklusive Runde.

So klang es wie Einsicht in den Bedeutungsschwund, als der französische Präsident im vergangenen Monat ein gaullistisches Tabu brach, an das sich auch die Sozialisten stets gehalten haben. In vager Frageform gab Mitterrand zu bedenken, ob Frankreichs und Englands Nuklearpotentiale nicht den Ausgangspunkt einer gemeinsamen Nukleardoktrin der EG-Staaten bilden könnten, die sich "sehr schnell zur Hauptfrage einer gemeinsamen Verteidigungspolitik entwickeln" würde.

"Warum sollte innerhalb der EG nicht auch ein nuklearer Planungsrat möglich sein, wie er in der Nato bereits existiert?" fragt Francois Heisbourg, Chef des Londoner Internationalen Instituts für Strategische Studien.

Doch über die mögliche Struktur einer europäischen Atommacht wird nicht allein in London und Paris entschieden. Wenn sich Russen und Amerikaner wirklich auf ein gemeinsames Raketenabwehrsystem einigen sollten, müssen die Atommächte der EG ihre Nuklearstrategie von Grund auf überdenken.

Versuchen sie, selbst unter diesen Schutzschild zu kriechen, bliebe ihnen nur der Status von Juniorpartnern, die weiterhin von den strategischen Entscheidungen in Moskau und Washington abhängig sind.

Beharren sie dagegen auf totaler Eigenständigkeit, fürchtet der Experte Heisbourg eine neue Aufrüstungsrunde: Um die Glaubwürdigkeit ihrer Abschreckungspotentiale aufrechtzuerhalten und sich gegen politische Unwägbarkeiten im GUS-Bereich abzusichern, müßten England und Frankreich neue Raketen bereitstellen. Die müßten in der Lage sein, den Schutzschild notfalls zu durchbrechen. o

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_176_ Rüstung:


/ London und Paris vergrößern ihr strategisches


Atomwaffenarsenal

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DER SPIEGEL 9/1992
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