02.03.1992

„Wie in die Fremde“

Der Zeuge Hans-Joachim Hoffmann bietet ein Bild der Zerknirschung. Als ehemaliger DDR-Kulturminister - am vorletzten Donnerstag vor den Bonner Schalck-Ausschuß geladen - hat er von allem nichts gewußt.
Was sollte er ausrichten gegen den Ausverkauf von DDR-Kunstwerken und Antiquitäten? Wie hätte er dem Devisenscheffler Alexander Schalck-Golodkowski in den Arm fallen können?
"Wissen Sie, Herr Vorsitzender", klagt der Minister a. D., "es war auch immer irgendwie entwürdigend, im ZK-Gebäude vor den Türen warten zu müssen, um sich dann die dämlichsten Ratschläge und Ungereimtheiten anzuhören. Sie können sich das gar nicht vorstellen."
Doch, der Ausschuß-Vorsitzende Horst Eylmann (CDU) kann das. Er hat viel Geduld mit dem Zeugen Hoffmann - so viel Geduld, daß Ingrid Köppe platzen könnte.
Die kleine, energische Frau mit den klaren blauen Augen und dem kurzen dunklen Haar - einzige Vertreterin der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Grüne im Ausschuß - hält es kaum noch auf ihrem Platz. Zum Glück hat sie sich mit den Füßen unter ihrem Drehstuhl festgeknotet, sonst würde sie abheben.
Es drängt sie, dem Mann, der seit ihrem 15. Lebensjahr bis zum Ende der DDR, von 1973 bis 1989, für die Kultur verantwortlich zeichnete, die entscheidende Frage zu stellen, die dem Vorsitzenden Eylmann partout nicht einfallen will.
Ruhig und routiniert bringt sie jetzt das Mikrofon in die richtige Position. Dann fragt sie sehr eisig den "Doktor Hoffmann", wer ihn denn eigentlich gezwungen habe, "trotz dieser vielen Demütigungen so lange Minister zu sein".
Ingrid Köppe vermutet richtig, was der Doktor Hoffmann antworten wird: daß er "nur die Wahl hatte, entweder die Front zu wechseln", aus "der DDR rauszugehen", sich "einsperren zu lassen" oder eben "zu versuchen, das Schlimmste zu verhindern" - das Übliche eben.
Trotzdem will sie es hören, weil es für sie nie das Übliche war. Niemals hat sich die 33jährige in ihrem DDR-Leben einbinden, disziplinieren oder ruhigstellen lassen. Zweimal hat sie feste Jobs hingeschmissen und auf sicheres Einkommen verzichtet. Sie hatte keine Lust, sinnlose Arbeiten zu erledigen.
1984 zum Beispiel: Da kündigte die gelernte Bibliothekarin, weil man sie von einer Kinderbücherei in Berlin-Weißensee, die sie mit großem Erfolg geführt hatte, zur "Zentralen Einarbeitung" in die Verwaltung steckte. Lieber wollte sie Post und Zeitungen austragen, als in einem dumpfen Kontor Bücher für die Ausleihe zu stempeln.
Oder 1988: Da gab sie den Posten als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DDR-Zentralinstitut für das Bibliothekswesen auf und wurde Fleurop-Botin in Köpenick. Sie mochte ihre Zeit nicht länger damit verschwenden, potemkinsche Abhandlungen über die Einführung von Bibliothekscomputern zu verfassen, von denen jeder wußte, daß sie niemals kommen würden.
Nie wäre es ihr in den Sinn geraten, vor irgendwelchen Türen auf Weisungen zu warten wie der Kulturminister Hoffmann. Dafür hat sie allerdings auch keinen Vaterländischen Verdienstorden in Gold, sondern die Stasi am Hals, als sie 1976 die geforderte Unterschrift zur Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann verweigert.
Zwei sehr verschiedene, sehr deutsche Biographien stoßen da aufeinander. Ingrid Köppe, die nie mitmachen wollte, hat die Konfrontation mit dem Mitläufer gesucht, weil sie Klarheit braucht und Unterscheidung wünscht - auch für ihre Arbeit in Bonn.
"Wut und Ohnmacht" empfindet sie bei Politikern, die "alles für Karriere machen, alles mit Karriere erklären", die "ihre Fehler immer nur als Fehler der anderen hinstellen" und am Ende "niemals zur Verantwortung gezogen werden".
Ingrid Köppe weiß aber, daß diese Eigenschaften keineswegs nur zur Ausstattung des erfolgreichen DDR-Politikers gehörten, sondern auch im Westen weiterführen.
"Schalck und Hoffmann", so formuliert sie knapp, "hätten in Bonn auch Karriere gemacht." Hier beginnt ihr Problem.
Auf der Bonner Bühne sieht sie keineswegs wie eine Laienspielerin aus. Sie fand sich so rasch und professionell in ihre neue Rolle, daß man sie bald schon für eine richtige Politikerin nach westlichem Muster hielt. Nun hat sie manchmal Sorge, mit den Bonner Mitmachern verwechselt zu werden.
"Wie in die Fremde" fährt sie an den Rhein. Die Bonner Politik empfand sie immer schon "als etwas Fernes", und das soll möglichst lange so bleiben. Je fremder ihr die Kollegen erscheinen, mit denen sie im Schalck-Ausschuß oder im Bundestag sitzt, desto wohler fühlt sich Ingrid Köppe.
Sie findet es ärgerlich, stundenlang unter Berufspolitikern zu sitzen, die ihre Akten nicht kennen, und als Vertreterin der Minderheit immer erst am Ende gerade mal für "fünf Minuten" an der Reihe zu sein.
Immerhin haben ihre "fünf Minuten" genügt, den Kanzleramtsminister Lutz Stavenhagen um das Amt zu bringen und die Glaubwürdigkeit des neuen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble anzukratzen.
Bei Stavenhagen bohrte Ingrid Köppe so lange, bis klar war, daß der CDU-Politiker im Akten-Chaos seines Geheimdienst-Ressorts die Übersicht verloren und dem Ausschuß die Unwahrheit gesagt hatte. "Schneewittchen"-Schalck hatte vom BND eben doch mit Wissen des Kanzleramts den falschen Paß bekommen.
Schäuble bekam seine ersten Blessuren, weil sich Ingrid Köppe besser als er an Briefe erinnerte, von denen schon in ihrem ersten "Fünf-Minuten-Gespräch" mit dem Zeugen Schalck die Rede gewesen war. Nun muß der ehemalige Innenminister erklären, warum er Schalcks briefliche Informationen über den Fortgang der KoKo-Geschäfte nach der Wende als Privatsache verharmloste.
Wie eng der Obrist Schalck mit dem Stasi-Ministerium verbandelt, wie sehr er nach der Wende dem Bundesnachrichtendienst zu Diensten war: Immer wieder ist es Ingrid Köppe, die die Fakten aus den Akten besser kennt als andere und die mit ihren Fragen die Zeugen das Fürchten lehrt - wie weiland Otto Schily im Flick-Tribunal.
Nichts hat sie tiefer getroffen als der Verdacht, selbst eine Helferin der Stasi oder Agentin des sowjetischen KGB gewesen zu sein.
"Unsere Mitgift ist das Gift der Stasi" stand auf einem Plakat, das Ingrid Köppe zusammen mit anderen vor dem Rednerpult der Volkskammer entfaltete, als dort über den Einigungsvertrag abgestimmt wurde. Das Gift wirkt - auch bei ihr.
Daß ausgerechnet Bärbel Bohley, mit der sie gemeinsam im Sommer 1990 in der ehemaligen Stasi-Zentrale an der Normannenstraße gegen die Herausgabe der Akten an westdeutsche Geheimdienste in den Hungerstreik getreten war, im Mai vorigen Jahres an ihr zweifelte, hat sie bis heute nicht verwunden. Die Freundschaft der beiden Frauen ist zerstört. Daran hat auch die Befreiung vom Verdacht nichts geändert, für die der Aktenbewahrer Joachim Gauck sorgte.
Manchmal fühlt sie sich in Bonn so ähnlich wie zehn Jahre zuvor in der DDR. Damals sagten alle ihre Freunde: Es muß etwas geschehen - aber es passierte nichts.
Bei Ingrid Köppe passierte dann etwas: Mit einer Freundin und einem Freund hat sie nächtens kleine Flugblätter hergestellt und sie tagsüber in Briefkästen gesteckt. Konspirativ und generalstabsmäßig wurden vorher die Routen und Bezirke ausgesucht. Ständig wechselten sie das Revier, um nicht entdeckt zu werden.
Weil es in der DDR nicht genug Buchstaben-Stempel gab, um die Flugblätter aufzudrucken, schrieben sie ihre kleinen Texte auf eine Glasplatte, die später in der Dunkelkammer auf dünnes Fotopapier gelegt und belichtet wurde. _(* Im September 1990 vor der ) _(Stasi-Zentrale in Ost-Berlin; am ) _(Mikrofon: Bärbel Bohley. )
Es war der Versuch, mit Nadelstichen gegen den großen Wahnsinn der Raketen-Rüstung anzupiken: Nicht nur gegen die Nato argumentierten die Flugblätter, sondern vor allem gegen die neuen SS-20 der Russen. "Wir dachten damals: Einer muß damit anfangen. Und wir waren schon der Meinung, daß dies der Osten sein sollte."
Nie hat sie irgendeine Reaktion gehört. Sie weiß bis heute nicht, wer ihre Schriften las. "Wir hätten natürlich auch ein Transparent entfalten und auf die Straße gehen können. Aber wir wollten nicht ins Gefängnis."
Ingrid Köppe ist immer eine Einzelkämpferin geblieben. Zu den organisierten Dissidenten-Gruppen in den Kirchen hielt sie Distanz: "Ich wollte mich nicht einbinden lassen." Außerdem störte sie "der etwas merkwürdige Humor, mit dem diese Leute ziemlich von oben herab über die Verhältnisse in der DDR herzogen".
Sie spielte eine beherrschende Rolle am Runden Tisch, weil es nur wenige gab, die in der Lage waren, über die Ziele der Bürgerbewegung so einfach und einleuchtend zu reden im November 1989: _____" Voraussetzung für Basisdemokratie ist, sich selbst " _____" zuständig zu fühlen und nicht nur nach kompetenten Leuten " _____" zu rufen, die aus der Krise herausführen und denen man " _____" sich dann letztendlich wieder fügt. Die Zuständigkeit für " _____" dieses Land wollen wir uns nicht mehr absprechen lassen. " _____" Wir wollen sie auch keiner Partei, keinem Gremium mehr in " _____" Verwaltung geben. "
Alles nur geträumt und schiere Illusion? Von der Bonner Realität jedenfalls sind diese Ziele weit entfernt.
Deshalb ist die Abgeordnete Köppe auf der Hut. Sie will sich nicht die Frage zumuten lassen, warum sie denn in Bonn geblieben sei, obwohl sie dort nichts ausrichten konnte. Und sie will nicht antworten müssen, sie sei nur geblieben, um Schlimmeres verhindern zu helfen.
Deshalb geht sie - spätestens 1994. Das ist beschlossene Sache. "Selbst wenn das Bündnis 90 bei der nächsten Wahl 98 Prozent der Stimmen bekäme und mich zur Ministerin machen wollte: Ich täte es nicht - nein, niemals, nie!" o
* Im September 1990 vor der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin; am Mikrofon: Bärbel Bohley.
Von Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 10/1992
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