22.02.1993

„Dramatisch wie nie zuvor“

SPIEGEL: Herr Cromme, Sie planen die Schließung kompletter Werke. Wen wird es treffen, Krupp in Rheinhausen oder Hoesch in Dortmund?
CROMME: Das steht noch nicht fest. Die Entscheidung hängt von den Kostenberechnungen ab, die wir intern gerade anstellen. Rheinhausen und Dortmund haben jeweils Vor- und Nachteile, die wir gegenüberstellen müssen. Das Ziel ist die konsequente Konzentration auf wenige Produktionsanlagen und deren Auslastung bis zur Halskrause. Erst dann können wir international mithalten.
SPIEGEL: Was macht die Standortwahl so schwierig?
CROMME: Rheinhausen hat durch die Lage am Rhein den Vorteil günstiger Transportkosten bei Erzlieferungen. Allerdings fehlt dort ein Walzwerk, das in Dortmund unmittelbar in Nähe der Hochöfen ist. Da gibt es einiges zu bedenken. Den Ausschlag könnten unter anderem die Verhandlungen mit der Ruhrkohle geben.
SPIEGEL: Was hat die damit zu tun?
CROMME: Rheinhausen hat eine eigene Kokerei und produziert Koks zu Kosten, die um rund 80 Mark unterhalb des Preises der Ruhrkohle liegen. Wenn die Ruhrkohle künftig aus ihrer neuen Kokerei in Dortmund Hoesch zu ähnlichen Konditionen beliefern kann, hat dies erheblichen Einfluß auf die Rechnung.
SPIEGEL: Durch die Stillegung von Rheinhausen gingen 2000 Arbeitsplätze verloren. Insgesamt aber wollen Sie wie Thyssen rund 8000 Stellen streichen. Wo und wie soll das geschehen?
CROMME: Ich kann noch keine genaue Zahl nennen. Es steht auch noch nicht fest, welche Betriebe in welchem Umfang betroffen sein werden. Ich gehe aber davon aus, daß der Abbau bei uns nicht wesentlich von den Thyssen-Zahlen abweichen wird.
SPIEGEL: Werden Sie im Gegensatz zu früheren Krisen diesmal auch Kündigungen aussprechen?
CROMME: Die deutsche Stahlindustrie bemüht sich, den Personalabbau wie in der Vergangenheit sozialverträglich durchzuziehen. Doch das ist leider nicht mehr so einfach. Es mangelt dafür an einer ausreichenden Zahl von Beschäftigten in einem Alter, das für einen vorzeitigen Ruhestand in Frage kommt. Hinzu kommt, daß unsere Kassen leer sind.
SPIEGEL: Es wird also erstmals Massenkündigungen geben?
CROMME: Wir möchten, wenn es eben geht, Kündigungen vermeiden. Das geht aber nur, wenn Bonn und Brüssel unterstützend einschreiten. Andernfalls sehe ich keine Möglichkeit, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.
SPIEGEL: In der Stahlindustrie sind insgesamt ein halbes Dutzend Werke mit über 30 000 Arbeitsplätzen unmittelbar von der Stillegung bedroht. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
CROMME: Die Situation ist so dramatisch wie nie zuvor. Die europäische Stahlindustrie ist von einem Mengen- und Preisrückgang betroffen, den es in diesem Ausmaß noch nie gab. Durch die enormen Kosten der Restrukturierungen und Anpassungen in den letzten Jahren sind die einzelnen Unternehmen nicht in bester Verfassung. Deshalb hat die derzeitige Krise eine so durchschlagende Wirkung, viele Firmen kämpfen ums Überleben.
SPIEGEL: Die Branche hat gerade einen Boom mit Rekordgewinnen hinter sich, sie müßte doch bestens gerüstet sein.
CROMME: Die Ursachen für den Preisverfall sind teilweise hausgemacht. Wenn die Preise rutschen, will jedes Werk noch möglichst schnell viel verkaufen. Das drückt zusätzlich auf die Preise und beschleunigt den ganzen Effekt, bis alle, wie das jetzt der Fall ist, unten am Boden sind. Daß alle gegenseitig die Preise runterschaukeln, wäre nicht einmal tragisch, wenn am Ende dieses Prozesses diejenigen, die Haus und Hof verspielt haben, auch ausscheiden würden.
SPIEGEL: Wer hat denn Haus und Hof verspielt?
CROMME: Da gibt es eine lange Liste. In vielen Ländern werden marode Firmen mit Subventionen gestärkt, bei anderen werden durch einen Vergleich die Uhren wieder auf Null gestellt. Und damit geht das ganze Spiel von neuem wieder los. Weil die Grenzanbieter nicht ausscheiden, befindet sich die gesamte Stahlindustrie in einem solchen Dilemma.
SPIEGEL: Sie meinen die bayerische Maxhütte und die Klöckner-Werke, die im Dezember Vergleich beantragen mußten?
CROMME: Die Fälle sind alle bekannt. Wir bei Krupp-Hoesch versuchen durch einschneidende Maßnahmen zu verhindern, daß die Belegschaften, die Eigentümer und die Banken über das Erforderliche hinaus zur Kasse gebeten werden. Im Falle eines Vergleichs müssen Banken und andere einem Wettbewerber beispringen, der dennoch seine komplette Produktion praktisch aufrechterhalten möchte.
SPIEGEL: Was wollen Sie dagegen tun?
CROMME: Ich hoffe, daß Politik und Wirtschaft eine derartige Perversion unseres Systems verhindern. Um es noch deutlicher zu sagen: Wer seinen Einsatz verspielt hat, muß zahlen, das heißt Kapazität abbauen. Wenn das nicht der Fall ist, wird dieses Beispiel Schule machen und eine Lawine losgetreten, weil viele andere auf die gleiche Idee kommen. Dann wäre das Ende der deutschen Stahlindustrie und vieler anderer Branchen greifbar nahe.
SPIEGEL: Nicht einmal in der Krise können sich die Firmen auf Kooperationen und Fusionen verständigen. Ist das nicht der Hauptgrund für das heutige Dilemma?
CROMME: Wir bei Krupp haben uns mit der Übernahme von Hoesch da nichts vorzuwerfen. Ich bin doch wie ein Wanderprediger durch Deutschland und Europa gezogen, um größere übergreifende Lösungen anzuregen. Allerdings ohne Erfolg.
SPIEGEL: Nun wird es notgedrungen dazu kommen müssen?
CROMME: Die deutsche Stahlindustrie wird nicht umhinkommen, sich auf die besten Standorte und die besten Anlagen zu konzentrieren. Andernfalls haben wir keine Chance mehr. Mittlerweile hat sich alles so zugespitzt, daß wir uns fragen müssen, ob wir am Standort Deutschland mit dem Produkt Stahl in den kommenden Jahren noch wettbewerbsfähig sind.
SPIEGEL: Droht der Stahlindustrie eine Entwicklung wie der Kohle mit einer Einheitsgesellschaft für die gesamte Branche?
CROMME: Von einer Deutschen Stahl AG sind wir noch einiges entfernt. Ob wir dahin gelangen, hängt von den Unternehmen selbst ab. Wenn wir nach übergreifenden Lösungen suchen, kommen wir mit Sicherheit volkswirtschaftlich weiter, als wenn jeder für sich allein weitermacht.
SPIEGEL: Was muß konkret geschehen, um die dramatische Entwicklung zu stoppen?
CROMME: Die Kommission in Brüssel hat vorgegeben, daß eine Überkapazität von rund 30 Millionen Tonnen abgebaut werden muß. Und zwar überall, in Italien, in Spanien, in den Beneluxländern und auch bei uns.
SPIEGEL: Wer sind denn außer der Maxhütte und den Klöckner-Werken für Sie weitere Stillegungskandidaten?
CROMME: Mir steht es nicht zu, eine Sterbeliste aufzustellen. Nur soviel: Die Menge des produzierten Stahls und auch die Zahl der Anbieter muß gesenkt werden. Nur dann ist die Kommission bereit, den Prozeß der Restrukturierung zu fördern. Am Ende des Prozesses in vielleicht drei Jahren wird sich die deutsche Stahlindustrie erheblich schlanker präsentieren.
SPIEGEL: Wer wird außer Thyssen, Krupp-Hoesch und Preussag den Prozeß überleben?
CROMME: Die drei haben sicher die besten Überlebenschancen. Ob es hinterher noch einen mehr oder einen weniger gibt, da will ich mich heute nicht festlegen. Aber auch dieses Trio wird langfristig nur Überlebenschancen haben, wenn alle Möglichkeiten zur Optimierung untereinander genutzt werden.
SPIEGEL: Branchenführer Thyssen erwägt bei weiterer Zuspitzung der Lage, aus dem Stahlbereich völlig auszusteigen. Ist das für Krupp-Hoesch auch denkbar?
CROMME: Das ist eine durchaus realistische Erwägung. Ich hoffe allerdings, daß wir durch eine Reihe einschneidender Maßnahmen einen derartigen Schritt umgehen können.

DER SPIEGEL 8/1993
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