01.06.1992

FrauenTrophäen für die Sieger

Ein Drei-Stunden-Film dokumentiert Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee im Frühjahr 1945.
Frau Ludwig erzählt ihre Geschichte in angestrengt-sachlichem Ton, als ginge es um Blumendünger oder Schuhcreme: "Ich lag im Keller auf einem Feldbett. Drei russische Soldaten kamen mit vorgehaltener Maschinenpistole rein und sagten nur ,Frauen raus.''"
Die Rotarmisten zerrten sie die Kellertreppe hoch, stießen sie in einen Raum, in dem ein Sofa stand, und vergewaltigten sie nacheinander. Danach schleppten sie ihr Opfer ins Nebenhaus. Dort erschien ein russischer Offizier: "Ein ganz junger. Der sprach ziemlich gut deutsch und erklärte mir höflich, daß er mich nun auch vergewaltigen müsse. Es täte ihm zwar leid, aber es ginge nicht anders."
Frau Ludwig zuckt die Achseln, als sei das nichts Besonderes gewesen. Was mit ihr geschah, das weiß sie, widerfuhr damals vielen. So war das eben.
Fünf Jahre lang haben die Filmemacherin Helke Sander und die Historikerin Barbara Johr recherchiert, was Frauen im Frühjahr 1945 beim Vormarsch der Roten Armee auf Berlin passierte. Das Ergebnis ist ein fast dreistündiger Dokumentarfilm (Titel: "BeFreier und Befreite"), der bei den Filmfestspielen in Berlin gezeigt wurde und bundesweit im Oktober anläuft, sowie ein Buch mit Interviews und Dokumenten Betroffener, das gerade erschienen ist*.
Sander und Johr stießen während ihrer Recherchen häufig auf Ablehnung und Unverständnis. Diese Geschichten seien doch "olle Kamellen", bekamen sie zu hören und wurden gefragt, warum sie Gorbatschow in seinen Friedensbemühungen stören wollten.
Dabei ist die Schilderung der kollektiven Verdrängung eines Kriegsverbrechens, auf das die Autorinnen stießen, ganz aktuell: Die Frau als Beute, der Sieger als Räuber, der Besiegte als Mann, der seinen Besitz verliert - diese Rollen sind in jedem Krieg dieselben. Daß Soldaten Frauen verletzen und erniedrigen, ist offenbar eine unvermeidliche Begleiterscheinung militärischer Konflikte.
Irakische Soldaten verübten während des Kampfes um Kuweit systematisch Massenvergewaltigungen, im jugoslawischen Bürgerkrieg schändeten Serben und Kroaten Frauen des jeweils anderen Volkes. Nach neuesten Untersuchungen von Amnesty International werden in mehr als 40 Staaten der Welt barbarische Menschenrechtsverletzungen an Frauen begangen.
Es waren 1945 nicht nur Soldaten der Roten Armee, die deutsche Frauen vergewaltigten. Als französische Truppen in Stuttgart und Umgebung einmarschierten, wurden nach Polizeiakten 1198 Frauen im Alter zwischen 14 und 74 Jahren Opfer des Gewaltdelikts. Das Heidelberger Hauptquartier der US-Streitkräfte gibt an, daß im März und April 1945 insgesamt 487 Vergewaltigungen durch GIs vor Gericht kamen. Über Taten britischer Soldaten ist nichts _(* Helke Sander, Barbara Johr (Hrsg.): ) _("BeFreier und Befreite. Krieg, ) _(Vergewaltigungen, Kinder". Verlag Antje ) _(Kunstmann, München; 228 Seiten; 34 Mark. ) bekannt, ebenso wie über die Gesamtzahl aller Vergewaltigungen bei Kriegsende.
Buch und Film sind daher nicht als plumpe Anklage gegen Russen gemeint. Sie prangern vielmehr jene männliche Aggressivität an, die sich - unabhängig von der jeweiligen Nationalität - in Kriegszeiten immer wieder ungehemmt austobt.
Mittels Zeitungsannoncen suchten Sander und Johr nach betroffenen Frauen, die bereit waren, ihre Erlebnisse zu schildern. Viele weigerten sich, vor der Kamera aufzutreten, willigten aber ein, ihre Geschichte für die Buchveröffentlichung ausführlich zu erzählen. Manche sprachen zum erstenmal seit 40 Jahren darüber.
Die Autorinnen interviewten ehemalige russische Soldaten, werteten Tagebücher, Biographien und wissenschaftliche Dokumentationen über das Kriegsende aus sowie Krankenakten der Berliner Charite. Ihre Recherchen offenbaren erstmals das Ausmaß der Gewalttaten: Rund 1,9 Millionen Frauen und Mädchen wurden während des Vormarsches auf Berlin von Rotarmisten vergewaltigt, davon 1,4 Millionen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und während Flucht und Vertreibung, 500 000 in der späteren Sowjetischen Besatzungszone.
Im Gebiet von Großberlin wurden die meisten Frauen zwischen dem 27. April und dem 4. Mai vergewaltigt - zu jener Zeit also, in der die Russen die Stadt allein beherrschten. "Wir waren Kriegsbeute, Trophäen für die Sieger", sagt eine 65jährige Berlinerin leise. Vergewaltigung sei in diesen Wochen zum Massenschicksal geworden, "zum Trauma einer ganzen Generation".
Manche Frauen mußten 20, andere 50 oder sogar 100 Vergewaltigungen über sich ergehen lassen. "Das ging mit Anstehen", sagt eine Berlinerin. Man habe die Frauen auf Ziegelhaufen geschmissen, dann seien sie nacheinander von einer ganzen Schlange von Männern vergewaltigt worden. "Der eine hat den anderen am Gürtel gepackt und gesagt: ,Nu'' mach'' Schluß, ich will auch.''"
Die Autorin Ruth Andreas-Friedrich schildert in ihrem Buch "Schauplatz Berlin" den Fall einer 18jährigen, die noch unberührt war und 60mal vergewaltigt wurde. "Jede Nacht neue, jede Nacht andere", sagte das Mädchen Tage nach den Taten mit dumpfer Teilnahmslosigkeit. "Als sie mich das erste Mal vornahmen und Vater zwangen, ihnen zuzuschauen, dachte ich, daß ich sterbe."
Viele Frauen, vor allem junge, starben tatsächlich. Panik und Selbstmordstimmung breiteten sich im besetzten Berlin aus. Eltern versteckten ihre Töchter im Dachgebälk, gruben sie in Kohlenhaufen ein und vermummten sie wie alte Weiber. Den meisten half es nichts.
"Ehre verloren, alles verloren", sagte ein verstörter Vater und drückte seiner zwölfmal vergewaltigten Tochter einen Strick in die Hand. Gehorsam erhängte sie sich am nächsten Fensterkreuz. "Wenn man euch schändet, bleibt euch nichts als der Tod", erklärte zwei Tage vor Kriegsende die Lehrerin einer Mädchenklasse. Mehr als die Hälfte der mißbrauchten Schülerinnen zog die geforderte Konsequenz und ertränkte sich im nächstliegenden Gewässer.
Solidarität, Verständnis oder gar Hilfe für die Opfer waren selten. Selbst innerhalb der eigenen Familie wurden 10- oder 15jährige Mädchen, die mehr als 100mal vor den Augen ihrer Angehörigen vergewaltigt worden waren, wie Aussätzige behandelt. Man verzieh ihnen nicht, was ihnen zugestoßen war. Wer das Pech hatte, Opfer zu werden, "Treppenbeute", wie es damals hieß, erlebte Verachtung von allen Seiten.
Absurde Reaktionen zeigten Männer, selbst wenn sie mit eigenen Augen gesehen hatten, wie Frauen, die Mündung eines Gewehrlaufs am Kopf, vergewaltigt worden waren. "Als ich das Glück hatte, lebendig in den Bunker zurückzukommen", erzählt eine Berlinerin, "da sagte in diese Stille hinein ein ehemaliger deutscher Offizier: ,Wenn das meiner Frau passiert wäre, würde ich sie erschießen.''"
Ein anderes Opfer erlebte bei der Heimkehr des Ehemannes, daß auf Anteilnahme nicht zu zählen war: "Er meinte, ich hätte ihn betrogen, ich hätte mich wehren müssen." Der Mann hielt ihr vor, sie habe ihm doch ewige Treue geschworen: "Nun ist das passiert, und was du mir damit angetan hast, das müßtest du wissen." Er sah nur sich _(* Im zweiten Weltkrieg. ) als Opfer, nicht seine Frau, war völlig außer sich und erst nach einem Jahr wieder imstande, einigermaßen freundlich mit ihr zu sprechen.
Die Wut der deutschen Männer erklärt die Freudenstädter Ärztin Renate Lutz-Lebsanft, die damals selbst solche Reaktionen erlebt hat, so: Sie fühlten sich in ihrer Ehre gekränkt, sahen ihr eigenes Hab und Gut gemindert. Lutz-Lebsanft: "Die Frau war ein Besitz, und dieser Besitz wurde beschädigt. Eine kaputte Tasse nimmt man nicht mehr."
Um zu zeigen, daß auch Rache ein wesentliches Motiv für die Gewalttaten von Rotarmisten war, hat die Dokumentarfilmerin Sander gegen die Bilder aus dem besiegten Berlin Aufnahmen aus der besetzten Sowjetunion gestellt: Frauenleichen mit entblößten Unterleibern und zerschundenen Brüsten - russische Opfer deutscher Gewalt. Kommentar eines ehemaligen russischen Soldaten: "Hatten die Deutschen unsere Frauen nicht vergewaltigt? Also Blut um Blut. Wenn die es getan haben, tun wir jetzt das gleiche. Soviel zum Thema Haß."
Sander sieht darin "eine furchtbare Logik des gegenseitigen Aufrechnens von Unrecht" - ein Zusammenhang, den auch betroffene Frauen verinnerlicht hatten. Nach all den Kriegsverbrechen, die das faschistische Deutschland an anderen Völkern verübt hatte, glaubten sie, kein Recht zur Klage zu haben. Daß unter den Opfern des Vergeltungswahns auch zehn- und zwölfjährige Kinder waren, die von Russen schwerlich als Faschistinnen eingeschätzt worden sein konnten, galt als schrecklich, aber nicht zu ändern. Zwar fühlten sich die meisten Frauen kriegsbeschädigt, aber kaum eine wagte nach der Kapitulation, eine Entschädigung vom Staat zu fordern.
Russen, die damals in Berlin dabei waren, bieten im Film und im Buch äußerst simple Erklärungen für die Taten an. Vergewaltigungen, sagt einer von ihnen, ließen sich damit erklären, daß Männer "schon im biologischen Sinne" sexueller seien als Frauen und nach längerer Abstinenz zum Tier würden: "Ein Krieg ist ein Krieg, und wenn ein Mann eine Frau vor sich sah, so konnte bei ihm das Bedürfnis entstehen, sie zu vergewaltigen."
Iwan Stasewitsch etwa ist damals mit 16 Jahren an die Front gekommen, er mußte Schmiere stehen, wenn seine älteren Kameraden in Häusern nach Frauen suchten. Mit ungerührter Miene behauptet er, daß gewaltsame Übergriffe gar nicht vorgekommen seien. Die Wahrheit sei, daß die deutschen Frauen sich den Rotarmisten freiwillig angeboten hätten, um sie "aus purem Patriotismus" mit Geschlechskrankheiten zu infizieren. Die Russen hätten ihrerseits nichts dagegen gehabt, sich anstecken _(* Barockgemälde "Raub der Sabinerinnen". ) zu lassen: "Der Geschlechtsverkehr war eine Art Sabotage für sie", so hätten sie sich krank melden und vor Einsätzen an der Front drücken können.
Folge des massenhaften "Zwangsverkehrs", wie es in deutscher Amtssprache hieß, waren nicht nur körperliche und seelische Schäden, die nie heilten, sondern auch zahlreiche Kinder - nach Schätzungen rund 300 000. Einige dieser Nachkommen - heute fast 50jährig - beschreiben die komplizierten Beziehungen zu ihren Müttern. Viele Frauen standen ihren Kindern, im Behörden-Jargon "Besatzungsschäden" genannt, äußerst ablehnend gegenüber und weigerten sich jahrzehntelang, über deren Herkunft zu sprechen.
Wie eine fortgesetzte "soziale Kränkung", erklärt Wiltrud Rosenzweig, habe sie ihre Existenz empfunden. Obwohl aktenkundig war, daß sie bei einer Vergewaltigung gezeugt worden war, nervte das Arbeitsamt sie monatelang mit Briefen: Sie solle gefälligst "den Aufenthaltsort und das letzte Gehalt ihres Vaters angeben".
Wie unangenehm das Thema der Dokumentation von Sander und Johr für manche Männer ist, wurde nach der Uraufführung von "BeFreier und Befreite" bei der diesjährigen Berlinale deutlich. Ein junger Zuschauer fand, der Film über Männergewalt im Krieg sei doch ein "typisches Frauenthema". Damit wolle er "lieber nichts zu tun haben".
* Helke Sander, Barbara Johr (Hrsg.): "BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder". Verlag Antje Kunstmann, München; 228 Seiten; 34 Mark. * Im zweiten Weltkrieg. * Barockgemälde "Raub der Sabinerinnen".

DER SPIEGEL 23/1992
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