10.05.1993

Die Rache der Höllenkolonnen

Die Französische Revolution ist beendet", hatte der Revolutionshistoriker Francois Furet 1989 geschrieben. Eine Banalität? Nein, eine Falschmeldung.
Auch vier Jahre weiter ist, was Wunder, die Falschmeldung immer noch nicht richtig, stehen die beiden Frankreich von 1789 - das "weiße" (nach der Wappenfarbe der Bourbonen) und das "blaue" (nach der Uniform der Nationalgarde) - immer noch gegeneinander.
1989, zum 200. Revolutionsgeburtstag, hatte das Volk an der Bastille so ausgelassen getanzt, als seien der blutige Revolutionär Robespierre und die Seinen lauter lustige Gesellen gewesen. Heute triumphiert die Rechte, niemals seit 1815 war sie so stark wie nach der Parlamentswahl vom März 1993. Sie versteht sich weithin als die Anti-Revolution, und diese hat ein Symbol: die Vendee. Sie ist ein Skandal, der nicht aufhört, an Frankreichs Seele zu zerren.
So kennt die überwiegend der Revolution verpflichtete "republikanische" Geschichtsschreibung, kennen Generationen von Franzosen die Vendee: Ein Komplott von Aristokraten, reaktionären Priestern und Ausländern trieb 1793 unwissende königstreue Bauern südlich der Loire in einen Aufstand gegen den Fortschritt der Menschheit, eben die Revolution. Gottlob wurde das Ärgernis beseitigt, die dabei eingetretenen Verluste waren unerfreulich, aber unvermeidlich.
Nichts als Verfälschung und Verleumdung, protestieren dagegen - früher heimlich, heute offen - die Vendeefreundlichen Historiker: Der Aufstand in der Vendee war eine Volksbewegung von Handwerkern und Bauern gegen die Schreckensherrschaft des Pariser Nationalkonvents, den eifernde Revolutionstheoretiker - Anwälte, Journalisten, abgefallene Priester - und hochgekommene Besitzbürger dominierten, in dem aber kein einziger Arbeiter saß und nur ein einsamer Bauer.
Die Auflehnung gegen jene, die "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" predigten, aber die eigene totale Macht meinten, war demnach "Resistance", die blutige Niederschlagung dieses Widerstands aber "ethnische Säuberung", die erste der Moderne, Vorläufer des stalinistischen Kulaken- und des nazistischen Judenmords.
Diese Glaubensrichtung, bislang von der Mehrheit als unpatriotisch an die Wand gedrückt, macht nun mächtig mobil. Während der Pariser Express seine Titelzeile "Vendee, 200. Jahrestag eines Völkermords" noch mit einem ängstlichen Fragezeichen versieht, klingen etliche Buchtitel wie die Trompeten der Revanche: "Der Krieg in der Vendee und das System der Entvölkerung", "Der franko-französische Völkermord" oder gar "Juden und Vendeer - von einem Genozid zum anderen".
Eine Flut von fast 20 000 Büchern und Traktaten hat die 200jährige Geistesschlacht _(* Gemälde von 1900. ) um die Vendee bisher hervorgebracht, ebensoviel Tinte sei da vergossen worden wie seinerzeit Blut in der Vendee, meint der Express, und das will was heißen. Denn die Schlachten um die Vendee kosteten 600 000 Menschen das Leben, mehr als der amerikanische Sezessionskrieg, etwa so viele wie der Spanische Bürgerkrieg.
Mit Literatur über die Massaker zwischen den Blauen und Weißen können sich Fans auf einer großen Vendee-Ausstellung eindecken, die im Pariser "Espace des Blancs-Manteaux" eröffnet wurde, "unter dem hohen Patronat von Jacques Chirac, Bürgermeister von Paris". Der staatliche Sender F-3 heizt das Vendee-Fieber im Sommer mit einem fast dreistündigen Fernsehfilm an, ein Kinofilm, "Vent de galerne", läuft seit 1989.
Dabei ist die Vendee gar keine der alten französischen Provinzen wie die Bretagne oder die Provence, sondern ein von der Revolution geschaffenes kleines Kunst-Departement, das erst durch den Aufstand von 1793 eigene Identität gewann: Mit Teilen dreier angrenzender Departements des Anjou und des Poitou geriet es zum Kriegsgebiet der "Vendee militaire" - und zu einem positiv wie negativ besetzten Begriff.
"Treu bis in die Vendee" wollte Bismarck seinem König sein, Bolschewisten nannten den Widerstand in der Ukraine von 1917 "ukrainische Vendee" und empörten sich 1980 über die "afghanische Vendee".
Die Vendee war vor allem ein Aufstand des traditionalistischen ländlichen Frankreich gegen das modernistische Städtische, der Provinz gegen Paris. Und somit begeht das weite, wellige Land südlich der Loire das 200. Jubelfest seines Eintritts in die große Geschichte noch inniger als Paris.
Da werden Gedenkkreuze geweiht und Gedenktafeln enthüllt, auf gleich vier akademischen Kolloquien Disputationen gehalten, Wallfahrten zu den Heiligtümern von 1793 veranstaltet.
Zum Mont des Alouettes etwa, auf dem vier Windmühlen, zwei noch erhalten, durch Stellung ihrer Flügel über Land signalisierten, ob die Blauen an- oder abrückten. Am 22. Mai gibt''s hier ein "grand rassemblement" der Vendeer und ihrer Apologeten unter der Schirmherrschaft von "Monseigneur, dem Prinzen Louis, Herzog von Anjou, Familienoberhaupt der Bourbonen".
Oder sie pilgern zum gerade eingeweihten Vendee-Museum in der "Märtyrer-Stadt" Cholet, dessen Sanktuarium eine Rotunde ist mit zehn lebensgroßen Gemälden der legendären Vendee-Heerführer. Deckenspiegel verdoppeln den Anblick der Helden.
Da ist, als "Erzengel der Vendee" verehrt, Henri du Vergier de La Rochejaquelein, der mit kaum 21 Jahren Generalissimus der Vendee und fünf Monate später im Gefecht getötet wurde. Historienkult? Nicht nur. Das Bild des schönen ranken "Monsieur Henri", Lichtgestalt des Vendee-Aufstands, ziert den neuesten Werbeprospekt der Wirtschaft von Cholet.
Da ist ferner Maurice-Joseph-Louis Gigost d''Elbee, der den Blauen, 14fach verwundet, in die Hände fiel. Sie setzten ihn in einen Sessel und erschossen ihn.
Oder Charles-Melchior-Arthur de Bonchamps, der, tödlich getroffen, seinen Soldaten noch befahl, 4000 gefangene Blaue leben zu lassen, was die Blauen mit den weißen Gefangenen so gut wie nie taten. Die Vendee hat ihre Märtyrer und ihre Mythen.
Eine Adelsrevolte war der Aufstand dennoch nicht - die Landjunker hatten sich den rebellierenden Bauern erst auf deren Bitten zur Verfügung gestellt. Der erste Generalissimus, Jacques Cathelineau, ist ein einfacher, doch von den Seigneurs respektierter Fuhrmann.
Der Aufstand bricht Anfang 1793 los, als die Jakobiner in Paris Ludwig XVI. guillotinieren, katholische Priester verfolgen und die Aushebung von 300 000 Rekruten für ihre Eroberungskriege beschließen. Die Vendeer kämpfen mithin, um nicht kämpfen zu müssen - die erste Massen-Kriegsdienstverweigerung der neueren Geschichte.
Von ihren adeligen Anführern ausgebildet - meist Offizieren der ehemaligen königlichen Armee -, erobern die Aufständischen die Städte Cholet, Saumur und Angers, ermorden oder verjagen die Blauen, fällen die heidnisch-revolutionären _(* Deutsch: "Der Eichener". Manholt ) _(Verlag, Bremen, 1986. ) "Freiheitsbäume", richten auf einem Gebiet von rund 100 mal 150 Kilometern eine eigene Verwaltung ein. Sie scheitern erst bei dem Versuch, auch das große Nantes nahe der Loire-Mündung einzunehmen.
Der Konvent wirft 100 000 Mann erprobte Linientruppen von der Ostgrenze in den Westen. Bei Cholet geschlagen, setzen rund 80 000 Vendeer über die Loire und ziehen nordwärts quer durch die Bretagne bis vor den normannischen Hafen Granville, in der Hoffnung, dort Hilfe durch die Briten zu finden. Doch sie können Granville nicht nehmen, müssen wieder zurück - das ist, im Dezember 1793, das Ende des organisierten Widerstands.
Nun kommt der Genozid über die Vendee. Der in Panik geratene, tief beleidigte Nationalkonvent in Paris, dem "unerklärlich" ist, daß ein ganzer Landstrich den Genuß der Früchte der Freiheit verweigert, schreit nach Rache. Am 6. Februar 1794 beschließt er formell "die vollständige Zerstörung der Vendee und die Ausrottung seiner Bevölkerung", Frauen und Kinder der "Verbrecher" ausdrücklich einbegriffen.
Monatelang ziehen zwölf "colonnes infernales" (Höllenkolonnen) kreuz und quer durch das Land, zerstören Dorf für Dorf, brennen Felder und Wälder ab, erschießen, erstechen, ertränken oder erwürgen die Einwohner, sofern sie nicht geflüchtet sind - für die Vendee-Historiker "lauter Oradours".
Der Schriftsteller Michel Ragon beschreibt in seinem Buch "Die roten Taschentücher von Cholet" ein bestraftes Dorf so*: _____" An der Hackbank einer Fleischerei waren Männer mit " _____" Schlachterhaken am Kinn aufgehängt. " _____" An dem großen Kreuz eines Kalvarienbergs hing noch ein " _____" Priester in schwarzem Gewand. Sein von Kugeln " _____" zerschmetterter Schädel baumelte über einer zerbrochenen " _____" Laterne, die auf seiner Brust befestigt war und die den " _____" Schützen wohl geleuchtet hatte. " _____" Auf dem ehemaligen Marktplatz lagen alle Dorfbewohner, " _____" starr, wie für eine Zählung . . . " _____" fünfhundertvierundsechzig Leichname, davon " _____" einhundertsiebenundvierzig Kinder. Die Kleinsten, die " _____" Knirpse, waren auf Bajonette, die man in die Erde gerammt " _____" hatte, aufgespießt. Die Frauen lagen mit hochgeschürzten " _____" Röcken da, sie zeigten ihre Scham, die von den " _____" eingeführten Patronen aufgerissen war. " _____" Der Bürgermeister war an seiner blau-weiß-roten Schärpe " _____" zu erkennen. Obwohl Republikaner, hatten ihm die Blauen " _____" Ohren und Nase abgeschnitten. Vielen der mit " _____" Lammfelljacken bekleideten Dorfbewohner hatten sie den " _____" Schädel zerspalten und die Finger abgehackt. Schwaden von " _____" Fliegen schwirrten umher, berauschten sich an dem " _____" geronnenen Blut. "
Die Exzesse erscheinen um so absurder, als die Vendeer "Royalisten" nur dem Namen nach sind. Wohl taufen sie ihre Streitmacht "Armee catholique et royale", und ihr Symbol ist das rote "Vendee-Herz" mit aufgesetztem rotem Kreuz und der Umschrift: "Dieu Le Roi". Aber sie berufen sich in ihrem Widerstand auf jene "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" von 1789, die als große Charta der Revolution verehrt wird. Und Geld vom britischen Landesfeind haben sie nie empfangen.
In ihrem Blutrausch geben sich die Pariser Radikalen mit der bekannten Strategie der verbrannten Erde nicht zufrieden. Sie erwägen vielmehr, Gewässer und Alkoholvorräte in der Vendee mit Arsen zu vergiften und sogar Gas einzusetzen. Sie veranlassen auch die entsprechenden Gas-Experimente mit Schafen, leider kommen die beauftragten Wissenschaftler mit der Technik nicht klar.
Wenn aber die Vendee nicht physisch zu vernichten war, dann wenigstens moralisch. Offiziell wird beschlossen, das Departement Vendee, den Hort dessen, was nur eine Verschwörung der Finsternis sein konnte, umzubenennen in "Venge" - zu deutsch: Gerächt. Dem Genozid sollte der "Memorizid" folgen, wie eine französische Geschichtszeitschrift dieses Jahr schreibt.
Die beiden letzten Heerführer der Aufständischen, der bürgerliche Ex-Korporal Jean Stofflet und der adelige Francois-Athanase de la Contrie de Charette, werden erst 1796 gefaßt und erschossen. Napoleon erläßt eine Amnestie, schon zuvor hat die Vendee zwei Millionen Francs Entschädigung erhalten, was sie aber begehrt, eine moralische Rehabilitierung, nie.
1795 brandmarkt erstmals ein Autor "das System der Entvölkerung" in der Vendee in einem Traktat. Er heißt Gracchus Babeuf, gilt als der Urvater des modernen Kommunismus und wird wegen einer umstürzlerischen Verschwörung hingerichtet.
Sein Buch, das sich auf die blutigen Erfolgsberichte der blauen Rache-Generale an den Konvent stützt, bleibt lange Zeit vergessen - sollte vergessen bleiben. Erst 1980 wird es wieder herausgegeben.
Babeuf schon zitiert den Pariser Befehl an die "colonnes infernales", "alles zu verbrennen, was brennbar ist, und alle Menschen, die angetroffen werden, mit dem Bajonett zu erledigen". Bedenken überwindet der exekutierende General: "Ich weiß, es kann in diesem Land auch ein paar Patrioten geben - das ist egal, wir müssen sie alle opfern." Ein gewisser Stalin muß das gelesen haben.
Laut Friedrich Sieburg werden die Menschen mit der Französischen Revolution niemals fertig - die Franzosen schon gar nicht und die Vendeer am wenigsten. Ihre Wunden schwären. Auf einem Kongreß in der Hauptstadt La Roche-sur-Yon ist nicht nur von "ethnischer Säuberung", sondern auch von "Endlösung" die Rede. Der rechte Abgeordnete Philippe de Villiers, Präsident des Generalrats der Vendee, verlangt, "die Mauer der Schande niederzureißen, die den Völkermord in der Vendee vergessen machen soll".
Die Voraussetzungen dafür sind heute besser denn je: In den März-Wahlen verlor der letzte linke Abgeordnete der Vendee sein Mandat. Die Nachbar-Departements Loire-Atlantique mit Nantes und Maine-et-Loire mit Cholet, Teile der "Vendee militaire", sind schon längst sozialistenfrei. Im vierten der betroffenen Departements, Deux-Sevres, bringt es die Linke gerade noch auf einen Deputierten.
Die Vendeer leben mit ihrer Geschichte. In der Pariser Vendee-Ausstellung verkaufen sie Vendee-Herzen zum Anstecken und sammeln Geld für ein Denkmal, sie klagen an, enthüllen, erforschen auch die letzten Details ihrer Tragödie.
In La Roche-sur-Yon teilt der Historiker Amblard de Guerry so Bedeutendes mit wie: Henri de La Rochejaquelein hatte keineswegs flachsblonde Locken, wie auf allen Bildern zu sehen. Der "Erzengel der Vendee" sei vielmehr brünett gewesen.
Viele Franzosen führt die Retro-Besinnung in historische Gefilde jenseits der Vendee: In gleich 114 Kinos spielt sich ein "Louis Enfant Roi" (Ludwig Kind-König) in die Herzen seiner Fans. Er wurde vor immerhin schon 355 Jahren geboren, nach 23 kinderlosen Jahren seiner Eltern. Der Knabe hatte es schrecklich schwer als Kind-König, mußte gegen den Aufstand der "Fronde" kämpfen, wurde aber schließlich ein ganz großer Franzose: Ludwig XIV., daheim als "Louis le Grand" bekannt.
"Louis Enfant Roi" läuft fast drei Stunden lang, ist laut Werbung ein "grand spectacle francais" und entspricht der aktuellen Seelenlage der Nation geradezu wundervoll.
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
600 000 Tote *
kostete ein Krieg, den die Bevölkerung der westfranzösischen Vendee 1793/96 gegen die Revolutionäre in Paris führte. Die Aufständischen wurden grausam bestraft - der erste Genozid der neueren Geschichte. Ein "Memorizid" kam hinzu: Die Schmach des Aufstandes gegen die Große Revolution sollte vergessen werden, und das Gemetzel ebenso. Erst dieses Frühjahr, zum 200. Vendee-Jahrestag, erinnert sich Frankreich wieder.
[Grafiktext]
_167_ Die Vendée
[GrafiktextEnde]
* Gemälde von 1900. * Deutsch: "Der Eichener". Manholt Verlag, Bremen, 1986.
Von Dieter Wild

DER SPIEGEL 19/1993
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