16.11.1992

GastronomieKoks in der Küche

Deutschlands Spitzenkoch Eckart Witzigmann steht wegen Drogenbesitzes vor Gericht - und danach womöglich vor dem beruflichen Ruin.
Um sechs Uhr morgens stürmte ein halbes Dutzend Polizisten in Zivil die Wohnung im Lehel, einem Münchner Innenstadtbezirk zwischen Isar und Staatskanzlei. Erst traten die Beamten die Türe ein, dann nahmen sie den Hausherrn in ihre Mitte.
Schlaftrunken zeigte der Münchner Meisterkoch Eckart Witzigmann, 51, den ungestümen Herren, was sie suchten: Aus der linken Schubladenreihe seines Schreibtischs zog er ein Briefchen mit sechs Gramm Kokain, dazu eine ADAC-Kreditkarte, die bei der schnupffertigen Zerkleinerung der weißen Droge eingesetzt worden sein soll.
Auch ein paar Haschisch-Joints lagen herum. Nach Angaben des Wohnungsinhabers hatte ein Teppich- und Gardinenverleger namens Gianfranco, 41, sie dagelassen. Bei einer Simultan-Razzia in Witzigmanns Drei-Sterne-Lokal "Aubergine" stellten die Fahnder lediglich ein paar Kleinigkeiten sicher, die amtlich als "Utensilien für den Rauschgiftkonsum" gedeutet werden. _(* Bei Witzigmanns 50. Geburtstag. )
Seit Anfang letzter Woche liegt dem Elite-Koch und zwei Mitangeklagten die zehn Seiten lange Anklageschrift vor. Die Münchner Staatsanwaltschaft, die das gefundene Sechs-Gramm-Briefchen um einen vorerst fiktiven, nur durch eine Zeuginnenaussage belegten 100-Gramm-Beutel Kokain vermehrt hat, will den Prominenten-Fall dem für Großkalibrigeres zuständigen Schöffengericht überantworten.
"Das ist natürlich schon ernster zu nehmen als ein einzelner Amtsrichter", fürchtet Witzigmann-Anwalt Walter Lechner. Und sein Kollege Thomas Zeeh bescheinigt der energisch zupackenden Polizei und Justiz, "wie besonders rührend die sich um Witzigmann gekümmert haben".
Da die bayerischen Gerichte trotz mildernder Vorgaben im Betäubungsmittelgesetz auch bei Ersttätern fast nie von einer Bestrafung absehen, steht Witzigmann eine Bewährungsstrafe zwischen einem halben und einem Jahr ins Haus.
Das Ungemach trifft einen hochdekorierten Maestro der Küche, der den Münchnern eine verfeinerte Eßkultur hoch über dem hausbackenen Bierkeller- und Festzelt-Niveau beigebracht hat. In München selbst nicht immer voll gewürdigt, rückte er zu einem weltweit bekannten Markenzeichen der Isar-Metropole auf.
"Was hat München schon zu bieten", umschreibt Anwalt Lechner den Ruhm seines Mandanten, "außer dem FC Bayern, dem Deutschen Museum und Witzigmann?"
Mit Besessenheit hatte sich Witzigmann, Sohn eines Schneidermeisters aus Badgastein, in die Abenteuer der Haute Cuisine gestürzt. Als Eleve praktizierte er bei den großen Meistern der Branche, in Österreich, der Schweiz, in Frankreich und den USA.
Mit 27 arbeitete er noch als angestellter Koch für 300 Mark im Monat. Elf Jahre später bekam er als erster Küchenchef Deutschlands die drei Sterne des Guide Michelin - und er behielt sie länger als alle Konkurrenten, bis zum heutigen Tag.
Das verlangt tagtäglich allerhöchsten Einsatz. Den Gästen auf den stets ausgebuchten 45 Plätzen im ehemaligen Hotel Regina serviert er - Durchschnittsmenü: acht Gänge - mittags und abends an die 300 individuelle Kreationen a la minute. Eine immer gleiche Spitzenqualität ist obligatorisch, denn die Inspektoren vom Michelin kommen inkognito wie Harun el-Raschid.
Wohler als in der kühlen, tempelartigen Atmosphäre des Restaurants fühlt sich der MaItre in der Hitze am blanken Herd. Dort befehligt er die 20köpfige Crew mit unerbittlicher Ackuratesse. "Da herrscht ein Drill wie unter Kaiser Wilhelm", wundert sich Anwalt Lechner, "da traut sich keiner, einen Muckser zu machen."
Lange Jahre konnte der Kaiser am Ofen seinen Streß mit probaten Mitteln abfedern - dem täglichen Glas Schampus, einem Spaziergang im Hofgarten, Jogging oder Tennis, eher selten: Skilaufen. Doch vieles ging auch daneben: Die Ehefrau Monika, eine Jugendliebe aus Badgastein, lange Zeit Managerin im "Aubergine", ertrug Lärm und Hitze auf dem kulinarischen Kasernenhof nicht mehr. Die Scheidung ist in Vorbereitung.
Der Streß wurde größer, der Mann mit den drei Sternen legte nach. Der Griff nach Drogen war inmitten der Münchner Schickeria alltäglich. Kreisverwaltungsreferent Hans-Peter Uhl: "In der Gastronomie wimmelt es doch von Rauschgiftsüchtigen."
Doch als Witzigmann sein Laster mit Koch-Groupies teilte, die mal da, mal dort in den Hochküchen hospitieren, wurde es kritisch. Eine Marielouise, der von Eingeweihten "ein Mordstrumm Busen" nachgerühmt wird, erstattete, rasend eifersüchtig, Anzeige gegen den ehefern lebenden Küchenchef.
Die mit dem Busen geht nun als Kronzeugin straffrei aus, Rivalin Christine steht in Kürze zusammen mit Witzigmann und dem Teppichleger vor Gericht.
Daß die Exkursionen ins Drogen- und Mädchenmilieu der Kochkunst des Meisters geschadet hätten, läßt sich wahrlich nicht sagen. Noch im Juli kredenzte Witzigmann auf dem Münchner Wirtschaftsgipfel ein meisterliches Menü. US-Präsident Bush gab die Teller wie geleckt zurück und lud den Star nach Washington: "Let''s cook together." Vielleicht haben ja beide bald dafür Zeit.
Denn die rechtlichen Nebenwirkungen seiner Kokain-Affäre bedrohen den Gastronomen viel mehr als die zu erwartende Bewährungsstrafe. Routinegemäß, "wie hundert andere" (Uhl), wird er nun vom Kreisverwaltungsreferat bürokratischen Überprüfungen unterzogen. Bei einem Psychiater mußte Witzigmann eine "Fahreignungsbegutachtung" absolvieren (Resultat: "Keine Bedenken"), ein Führerschein-Check beim TÜV steht noch bevor.
Schon zweimal wurden dem Angeklagten im Institut für Rechtsmedizin Haarbüschel entnommen, um Kokain-Spuren aufzuspüren und damit zu einer gültigen "Sozialprognose" zu finden. Am liebsten hätte sich der sensible Küchenkünstler durch Ganzkörperrasur in einen Skinhead verwandelt, um der lästigen Tortur zu entgehen; die Anwälte rieten ab.
Von der Gesundheitsbehörde droht der "Schank- und Speisewirtschaft Aubergine" eine vorerst zurückgestellte Überprüfung der Konzession nach dem Gaststättengesetz. Anwalt Lechner: "Die waren schon drauf und dran, den Laden dichtzumachen."
Laut Kreisverwaltungsreferent Uhl wäre es der erste Konzessionsentzug wegen Rauschgiftkonsums. Witzigmann-Anwalt Zeeh: "Die ganze Welt würde über uns lachen."
* Bei Witzigmanns 50. Geburtstag.

DER SPIEGEL 47/1992
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