08.11.1993

Affären Waffen für den Todfeind

Irakgate, der Skandal um die heimliche Aufrüstung des irakischen Diktators Saddam Hussein durch die US-Präsidenten Reagan und Bush, soll neu aufgerollt werden. Während Justizministerin Reno die verbotenen Waffenlieferungen nach Bagdad untersuchen läßt, bringt ein neues Buch Licht in die illegalen Geschäfte.
Die fast vollständige Bedeutungslosigkeit des Amtes beschert jedem amerikanischen Vizepräsidenten unentrinnbaren Spott. Freund und Feind mokieren sich über Ersatzbeschäftigungen und Bildungsreisen, mit denen die meist im eigenen Ehrgeiz verletzten Stellvertreter bei Laune gehalten werden.
Die große Nahostreise von George Bush im Sommer 1986 schien keine Ausnahme.
Alles nur Show für die Kameras, befanden die mitreisenden Kommentatoren. Die Nummer zwei wollte schließlich in zwei Jahren selbst Chef werden, und für den Wahlkampf benötigte Bush Fotos, die seine Welterfahrung dokumentieren sollten.
So traf Ronald Reagans Vize am 4. August auch in Kairo ein. Neben dem Pyramidenbesuch stand selbstverständlich ein Treffen mit Staatspräsident Husni Mubarak auf dem Programm.
Doch was die beiden zu besprechen hatten, ging weit über die erwarteten Unverbindlichkeiten hinaus. George Bush wollte eine wichtige Botschaft loswerden, die so delikat war, daß er Mubarak als Überbringer brauchte: Der Reagan-Vize hatte wertvolle Ratschläge für den irakischen Diktator Saddam Hussein - den Mann, der Bush vier Jahre später in Kuweit vor die größte Bewährungsprobe seiner Präsidentschaft stellen sollte.
Zu jener Zeit aber war die amerikanische Regierung dringend an Saddams Überleben interessiert. Der Iraker stand in einem erbitterten Abwehrkampf gegen die Heerscharen eines vermeintlich viel gefährlicheren US-Feindes: des iranischen Schah-Bezwingers Ajatollah Ruhollah Chomeini.
Offiziell nahmen die USA im schon sechs Jahre andauernden Krieg zwischen dem Iran und dem Irak eine neutrale Haltung ein. Doch die nur mühsam vorgetäuschte Überparteilichkeit hatten die Amerikaner längst aufgegeben. In Wahrheit standen sie fest auf seiten Saddams und waren aufs höchste besorgt, daß die fundamentalistischen Gegner ihres neuen Nahost-Schützlings die Oberhand erringen könnten.
Saddam müsse endlich seine Luftwaffe wirkungsvoller einsetzen, ließ Bush deshalb dem Diktator in Bagdad über Mubarak ausrichten. Die Experten im Nationalen Sicherheitsrat hatten dem Vizepräsidenten aufgeschrieben, daß nur eine Bombardierung strategischer Ziele im iranischen Hinterland den iranischen Vormarsch aufhalten könne. Bush habe, hieß es hinterher zufrieden in Washington, die Zielliste präzise übermittelt.
Der Erfolg der Geheimmission wurde bald sichtbar: Schon im September erhöhte Saddam die Zahl seiner Luftangriffe drastisch. Seine Bomben richteten auf den iranischen Ölfeldern und Verladestationen entlang der Golfküste schwere Schäden an.
Kriegsentscheidend war der Ratschlag wohl nicht, Unheil richtete er indes genug an: Aus Rache für Bagdads Bombenangriffe beschossen die Mullahs verstärkt zivile Ziele im Irak. Der "Krieg der Städte" geriet zur letzten, blutigsten Phase im ersten Golfkrieg.
Die Bomben-Tips des Vizepräsidenten für seinen späteren Todfeind enthüllt ein _(* Alan Friedman: "Spider''s Web". Bantam ) _(Books, New York; 460 Seiten; 23,95 ) _(Dollar. ) Buch des amerikanischen Journalisten Alan Friedman, das in dieser Woche in New York herauskommt*. Der US-Korrespondent der angesehenen Londoner Tageszeitung Financial Times beschreibt das Treffen von Kairo als Teil einer gigantischen, meist illegalen Hilfsaktion, mit der die Regierungen von Ronald Reagan und George Bush jenen Mann stärkten, der nur wenig später als zweiter Adolf Hitler dämonisiert werden sollte.
Das Buch, das demnächst auf deutsch im Wilhelm-Heyne-Verlag, München, erscheint, zeichnet bis ins peinliche Detail die katastrophalen Fehlentscheidungen und Gesetzesbrüche nach, mit denen vor allem die USA, aber auch andere westliche Länder wie Großbritannien und Italien den Irak hochrüsteten. Klammheimlich, aber sehenden Auges verschafften sie dem Diktator von Bagdad Zugang zu jenen Massenvernichtungswaffen, für deren Beseitigung Bush später in den Krieg zog.
Selbstverständlich kannten die Washingtoner Irak-Freunde von Anfang an den wahren Charakter ihres zwielichtigen Verbündeten am Golf. Gerade weil sie sich keine Illusionen über Saddams grausame Herrschaft machten, mußte die Unterstützung verdeckt erfolgen. Wären die Hintergründe der schmutzigen Geschäfte von Irakgate gleich nach dem amerikanischen Triumph am Golf bekannt geworden, hätte sich im Kongreß wohl unweigerlich der Ruf nach einer Amtsenthebung des Präsidenten oder seines Außenministers geregt.
Dieses Trauma blieb den Amerikanern zwar erspart, doch das ganze Ausmaß der Vertuschung, die Einflußnahme der Republikaner auf die Justiz und die zweifelhaften Abmachungen mit Irakgate-Beschuldigten sollen jetzt gleichwohl ans Tageslicht gezerrt werden. Janet Reno, Justizministerin des Bush-Nachfolgers Bill Clinton, hat versprochen, die Hintergründe des Skandals aufzuhellen.
Friedmans Enthüllungen haben dafür gründliche Vorarbeit geleistet. Zugleich räumen sie mit etlichen Mystifikationen auf, die - wie sich jetzt herausstellt - von der amerikanischen Verstrickung ablenken sollten.
Als 1991 Saddams Scud-Raketen auf israelische Städte niedergingen, galten vor allem deutsche Firmen, wie die Washington Post schrieb, als "Iraks verläßlichste und nützlichste Quelle" für die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen. Friedman weist nach, daß die Dummheit, den gefährlichen Despoten bis an die Zähne zu bewaffnen, den meisten westlichen Staaten gemeinsam war.
Paradoxe Folge: Die US-Truppen, die im zweiten Golfkrieg Saddams Republikanische Garden aus Kuweit hinauswarfen, mußten auch gegen Kriegsgerät aus heimischer Produktion kämpfen.
Panische Angst vor einer Ausbreitung des Teheraner Gottesreiches hatte die USA an die Seite Saddams getrieben. Der kuweitische Teil des Ölfelds Rumeila lag nur 100 Kilometer, die ergiebigen Quellen im Norden Saudi-Arabiens befanden sich nur 600 Kilometer von der Front und damit vom Zugriff der Mullahs entfernt.
Der damalige CIA-Chef William Casey, Sicherheitsberater William Clark und Vizepräsident George Bush gehörten zu den Männern, die sich innerhalb der Reagan-Regierung am intensivsten für den Irak verwandten. Im Sommer 1982 überredete Casey seine zum Teil widerstrebenden Kollegen, den Militärs in Bagdad Satellitenaufnahmen vom Kampfgebiet zur Verfügung zu stellen.
Der CIA-Chef, ein unorthodoxer, draufgängerischer Geheimdienstler aus Leidenschaft, fürchtete eine unmittelbar drohende Niederlage der irakischen Truppen. Als Kurier, der die Bilder eigenhändig zu Saddam brachte, konnte Casey einen prominenten Helfer gewinnen - König Hussein von Jordanien.
Das war kein Zufall: Fast der gesamte heimliche Waffennachschub für Bagdad wurde über das haschemitische Königreich abgewickelt. Jordanische Endverbraucherzertifikate stellten sicher, daß die US-Regierung das noch von Präsident Jimmy Carter stammende Verbot, Waffen an eine der kriegführenden Parteien zu liefern, formal einhielten.
Caseys "aktive Neutralität", so der Spott des übergangenen Außenministers Alexander Haig, sorgte dafür, daß Saddam Hussein erhielt, was er benötigte. Der Geheimdienstchef achtete aber auch darauf, daß jede Regierungsbeteiligung geleugnet werden konnte - der CIA freundschaftlich verbundene Ex-Agenten und Waffenhändler übernahmen das Geschäft.
Friedmans Kronzeuge bei der Aufdeckung der Waffenschiebereien ist ein New Yorker Exportkaufmann, der in Jordanien geborene und perfekt arabisch sprechende Fred Haobsh. Im Frühjahr 1981 lernte der Händler, der bis dahin vor allem Waschmaschinen in den Nahen Osten ausgeführt hatte, durch Zufall den irakischen Leutnant Abu Ali kennen.
Der Offizier begleitete damals Saddams Ehefrau Sajjida Cheirallah auf einen Einkaufstrip nach New York und nutzte die Gelegenheit, um Angebote für gepanzerte Limousinen, kugelsichere Westen und Sicherungselektronik einzuholen.
Das Geschäft mit dem irakischen Militär kam zwar nicht zustande, aber wenige Monate später folgte Haobsh einer Einladung nach Bagdad. Dort ging es um Transaktionen in ganz anderen Größenordnungen. Abu Ali, so stellte sich heraus, war in Wirklichkeit der Saddam-Schwiegersohn Hussein Kamil, einer der mächtigsten Männer des Irak.
Von ihm erhielt Vermittler Haobsh eine Wunschliste, deren Einzelposten sich auf über eine Milliarde Dollar addierten. Hussein Kamil bestellte nur vom Feinsten: Radarausrüstungen, Panzer, Flugzeuge, Kampfhubschrauber und Lenkwaffenraketen.
Ein halbes Jahr später besprach Haobsh den Großauftrag im Büro der Firma Johnson Consultants in einem Washingtoner Vorort. Die Chefs des Unternehmens, die ehemaligen CIA-Angestellten Robert Johnson und Richard Smith, hatten trotz des geltenden Waffenembargos keine Skrupel. Sie sicherten die Ausführung des Auftrages zu, sofern Haobsh dank seiner guten Kontakte in Jordanien für die gefälschten Endverbraucherbescheinigungen sorgen könne.
Schon ein Jahr nach seinem ersten Bagdad-Besuch konnte Haobsh seinem Gastgeber Hussein Kamil melden, daß die gewünschten Rüstungsgüter bald zur Auslieferung bereitstünden. Zum Dank für die gute Nachricht stellte der Iraker den Waffenhändler seinem Schwiegervater Saddam vor.
Howard Teicher, Nahostexperte im Nationalen Sicherheitsrat unter Ronald Reagan, bestätigte gegenüber Friedman, daß die Erzählungen von Haobsh keine Märchen seien. Er gibt zu, daß die Firma Johnson Consultants "einer der Kanäle" gewesen sei, die das Weiße Haus benutzt habe. Bei den illegalen Geschäften habe sich Casey auf ein ganzes Netz privater Lieferanten verlassen. Für "unsere dreckige Politik", so Teicher, "standen eine Menge Tarnorganisationen bereit".
Zahlreiche amerikanische Waffenschieber konnten auf diese Weise am Golfkrieg prächtig verdienen. Robert Johnson flog beispielsweise mit einer zum Transportflugzeug umgerüsteten Boeing 707 nach Bukarest, um dort eingekaufte Ostblockwaffen direkt nach Bagdad zu transportieren.
James Guerin, ein Unternehmer aus Pennsylvania, verschob mit CIA-Billigung Raketentechnologie über Südafrika in den Irak - gleich ein doppelter Embargobruch. Selbst ein bereits unter Anklage stehender Waffenhändler, Sarkis Soghonalian aus Miami, war der Casey-Mafia noch gut genug, um den Verkauf von 45 Hubschraubern der Firma Bell an Bagdad einzufädeln.
Je besser die Geschäfte liefen, um so weniger Skrupel leistete sich das Weiße Haus. Haig-Nachfolger George Shultz kabelte im Juni 1984 an seinen amerikanischen Geschäftsträger in Bagdad: _____" Unter den gegebenen Umständen - bei einem Irak, der " _____" eindeutig in die Defensive geraten ist, und einem Iran, " _____" der kaum in Gefahr ist zu verlieren - leisten wir keinen " _____" Widerstand gegen Waffenexporte in den Irak, die nicht " _____" durch die USA kontrolliert werden. Im Interesse " _____" regionaler Stabilität wünschen wir ein strategisches " _____" Gleichgewicht der kriegführenden Parteien. "
Diese unverhohlene Aufforderung, bei künftigen Waffenschiebereien nicht mehr auf den Absender zu achten, kam einer Art Blankoscheck für Saddam gleich. Saudi-Arabien leitete amerikanische Bomben an den Irak weiter - schwerlich "unbeabsichtigt", wie es das Weiße Haus später darstellte.
Ägyptens Präsident Mubarak, ein weiterer US-Klient, verkaufte Waffen für über 3,5 Milliarden Dollar an Bagdad. Zusammen mit dem Irak wollte Ägypten die Mittelstreckenrakete Condor II entwickeln, die auch atomare Gefechtsköpfe befördern sollte. Selbst über Kuweit strömte Kriegsgerät mit stillschweigender amerikanischer Billigung nach Bagdad.
Friedman beschreibt, wie sogar Munitionslager auf der amerikanischen Rhein-Main Airbase geplündert wurden, um die irakischen Militärs zu versorgen. Nachdem die Amerikaner Waffen und Ersatzteile heimlich auf Paletten geladen hatten, konnten Frachtjumbos aus Bagdad das Material gleich auf dem benachbarten Frankfurter Zivilflughafen abholen.
Besonders schwer wiegt Friedmans Vorwurf, Caseys Protege und späterer Nachfolger Robert Gates habe persönlich dafür gesorgt, daß Saddam in den Genuß modernster Technologie für die besonders verheerenden Streubomben gekommen sei.
Die Iraker bezogen die gefürchteten "cluster bombs", die kurz vor dem Aufprall auf dem Boden Hunderte von kleineren Sprengsätzen freigeben, vom chilenischen Hersteller Carlos Cardoen. Saddams Generäle nutzten die schrecklichen Waffen vor allem gegen Kindersoldaten und Revolutionsgardisten, die Teheran zu Tausenden in die Schlacht schickte.
Friedman behauptet, Gates habe Cardoen mit neuesten Verfahren für die Bombenherstellung beliefert - ein Vorwurf, den der Ex-CIA-Chef heute energisch bestreitet. Nicht zu leugnen ist allerdings, daß Cardoen in den USA zwei komplette Rüstungsfabriken erwerben konnte. Die brauchte er, um in Chile den irakischen Großaufträgen nachkommen zu können.
"Ich muß Jimmy Carter eine Statue errichten", spottete der Bombenproduzent gern, "ohne das US-Embargo hätte ich nie in die Waffenproduktion investiert."
Auch in den Kriegsverlauf selbst haben die Amerikaner laut Friedman aktiv eingegriffen.
Die ersten in Bagdad stationierten Amerikaner waren Geheimdienstexperten, die den Irakern helfen sollten, Caseys Satellitenaufnahmen zu interpretieren. Später verteilten auch Militärs guten Rat. "Spätestens im Jahre 1987", so gibt ein Regierungsmitarbeiter gegenüber Friedman zu, "haben unsere Leute den Irakern taktische Anweisungen für die Gefechtsfeldsituation gegeben und sind manchmal mit irakischen Truppen sogar auf iranisches Gelände vorgerückt."
Als die Reagan-Regierung 1987 den Geleitschutz für kuweitische Öltanker im Golf übernahm, nutzten die CIA-Aktivisten den Truppenaufmarsch gar für verdeckte Operationen gegen den Iran. CIA-Kommandos bombardierten iranische Ziele und sprengten ein Munitionslager.
Doch von ihrem Waffenbruder Saddam ernteten die US-Militärs wenig Dank: Ein irakischer Pilot traf - angeblich aus Versehen - die US-Fregatte "Stark" mit zwei Exocet-Raketen. 37 Navy-Soldaten starben.
Reagan-Nachfolger Bush und sein engster Vertrauter, Außenminister James Baker, setzten sich wiederholt persönlich für den Irak ein, wenn andere Regierungsbehörden Bagdad aus politischen Gründen Kredite sperren wollten.
Über fünf Milliarden Dollar konnte sich Saddam von der Commodity Credit Corporation (CCC) besorgen. Das CCC-Programm bot ausländischen Kunden staatlich garantierte Kredite, um amerikanische Landwirtschaftsprodukte zu kaufen.
Schon 1983 steckte Saddam in erheblichen Geldschwierigkeiten. Seine Öleinnahmen waren von 28 Milliarden Dollar drei Jahre zuvor auf 8 Milliarden gesunken. Noch bevor Washington und Bagdad Ende 1984 wieder diplomatische Beziehungen aufnahmen, konnte sich Saddams Bank über das CCC-Programm bereits 650 Millionen Dollar besorgen.
Der Dreh an der Sache: Die Kreditvergabe wurde so schlampig überwacht, daß sich niemand darum kümmerte, ob die in den USA gekauften Landwirtschaftsprodukte ihren Bestimmungsort auch wirklich erreichten.
Saddam konnte seine vom amerikanischen Agrarministerium verbürgten Kredite deshalb nach Gutdünken nutzen. Einen Großteil des eingekauften Getreides tauschte er sofort gegen Waffen ein, vor allem aus dem Ostblock - ein Verfahren, über das die US-Regierung dank ihrer Agenten bestens unterrichtet war.
Alle Versuche, etwa des Finanzministeriums, diese Manipulation zu verhindern, machte Bakers Außenamt wieder zunichte. Laut Auskunft eines Mitarbeiters gedachten Bush und Baker, "Saddam in einen Kokon der Mäßigung einzuschließen".
Den Großteil der CCC-Kredite für den Irak zahlte unter Umgehung amerikanischer Bankengesetze eine Filiale der italienischen Banca Nazionale del Lavoro (BNL) in Atlanta. Filialleiter Christopher Drogoul, in Bankkreisen als "Mister CCC" bekannt, gewährte den Irakern unvergleichlich niedrige Zinssätze.
Und er bot ihnen mehr - die phantasievolle Nutzung der CCC-Kredite. So verschiffte der New Yorker Exporteur Entrade mit BNL-Krediten eingekaufte "300 Tonnen Garn", wie es in den Papieren hieß. Was Entrade in Wahrheit verladen hat, wird wohl niemals genau zu klären sein. Empfänger dieser angeblichen Zwirnladung, so steht es in einem Telex von Drogoul an Bagdad, war jedenfalls die irakische Atomenergiekommission.
Mit den CCC-Krediten als Sicherheit finanzierte Drogouls BNL-Filiale den Einkauf von Artilleriegranaten und anderer Munition. BNL-Kreditbriefe zahlten für Nachtsichtgeräte sowie den illegalen Transfer von Raketen- und Nukleartechnologie - alles unter den Augen der US-Geheimdienste.
Noch nachdem im August 1989 Drogouls Bank von FBI-Agenten durchsucht und der Manager entlassen worden war, stellte eine Studie des Pentagon-Geheimdienstes DIA fest, daß der "BNL-Mechanismus Teil einer größeren Nato-Strategie war, die einen Sieg des Irak im Krieg mit dem Iran sichern sollte".
Eine von Bush unterzeichnete Direktive zur nationalen Sicherheit legte als verbindlich fest, daß "wirtschaftliche und politische Anreize für den Irak" Washingtons Einfluß in Bagdad vergrößern sollten. Energisch kämpfte Baker dafür, Saddam trotz des BNL-Skandals von Atlanta die Segnungen des CCC-Programms zu erhalten. Gegen den Widerstand anderer Ministerien blieb der Außenminister erfolgreich; der umworbene Saddam verfügte weiterhin über einen Kreditrahmen von einer Milliarde Dollar.
Nachdem der irakische Diktator im Frühjahr 1990 gedroht hatte, "halb Israel mit Feuer auszulöschen", geriet der Schmusekurs des Weißen Hauses gegenüber Bagdad ins Kreuzfeuer Israelfreundlicher Abgeordneter. Doch alle Forderungen nach Sanktionen lehnte die Bush-Regierung mit dem Hinweis ab, es bestehe "die Möglichkeit, daß sich der Irak zum Positiven verändern" werde.
Erst als Saddams Panzer im Morgengrauen des 2. August 1990 in Kuweit einrollten, erlosch auch bei Bush und Baker die Hoffnung auf eine Kursänderung in Bagdad. Was sich indes nicht sofort änderte, waren liebgewordene Gewohnheiten:
Obwohl amerikanische Geheimdienste berichteten, daß der Irak auch nach der Besetzung Kuweits über Jordanien Waffen bezog, billigten Beamte in Bakers Außenministerium zwischen dem 2. August und dem 4. Oktober insgesamt zwölf Anträge für Waffenlieferungen in das Reich König Husseins, des letzten Saddam-Verbündeten.
Erst heute wird die abgründige Infamie dieses Skandals ersichtlich, den die Regierung Bush nach dem US-Sieg am Golf nach besten Kräften zu vertuschen trachtete.
Kongreßabgeordneten, die nach Einzelheiten der amerikanischen Unterstützung für Saddam fragten, wurde mit Hinweis auf die Rechte der Exekutive jede Auskunft verweigert. Die Einsetzung eines Sonderstaatsanwalts lehnte die Regierung ab; die Angeklagten im BNL-Skandal von Atlanta profitierten von einem fragwürdigen Kompromiß zwischen Verteidigung und Anklage.
Marvin Shoob, der erste Richter im Prozeß gegen den Filialleiter Drogoul, hat deutlich gemacht, was er davon hält, die Helfer zu verurteilen und die Verantwortlichen laufen zu lassen.
Bevor er den Fall abgab, schrieb Shoob eine Art vorläufiges Schlußwort: "Die Regierung hat es von Anfang an als nationale Politik verstanden, den Irak zu unterstützen. Um ihre Vorstellungen zu erreichen, nutzte sie die CIA. Viele Dinge, die geschehen sind, haben Kongreßbestimmungen und Exportgesetze verletzt. Die Regierung kannte das Gesetz und hat es umgangen." Y
Mit Saddams Ehefrau zum Einkaufen nach New York
"300 Tonnen Garn" für die irakische Atomenergiekommission
* Alan Friedman: "Spider''s Web". Bantam Books, New York; 460 Seiten; 23,95 Dollar.

DER SPIEGEL 45/1993
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