07.09.1992

„Früher war hier ein Blumenmeer“

Mitten in der heimeligen Augsburger Innenstadt, im Bismarckviertel am Roten Tor, spielt sich seit Monaten ein Mieterdrama ab. Ein vierstöckiger Altbaukomplex mit 24 Wohnungen soll nach dem Willen seiner Besitzer offenbar systematisch entmietet werden - mit Hilfe hierzulande besonders unbeliebter Asylbewerber: Zigeuner.
In den Häusern Rote Torwallstraße 16 und Schülestraße 4 sind 160 Ausländer einquartiert, darunter rund 100 Sinti und Roma, vorwiegend Großfamilien aus der Tschechoslowakei. Daneben wohnen 35 einheimische Altmieter in den Häusern - noch, denn es werden bald weniger sein.
"Jede frei werdende Wohnung wird mit Asylanten belegt", soll Hausbesitzer Wolfgang Egger, Alleingesellschafter der Augsburger Immobilienfirma Patrizia GmbH, angekündigt haben. Hinzugefügt habe er, so versichern Zeugen: "Dann ziehen die anderen Mieter schon von alleine aus."
Egger bestreitet diese Äußerung. Er will bis zuletzt nicht gewußt haben, "welche Asylanten" er beherbergt und "welchen Ärger" die verursachen. Es gebe, beruhigt er sich, "keine Probleme, die bei der Polizei aktenkundig" seien. Doch was sich in den Multikulti-Mietshäusern abspielt, kommt ihm vermutlich zupaß.
Ein rüstiges Rentnerehepaar beispielsweise, das wie viele Mieter schon seit Kriegsende am Roten Tor wohnt und da auch seinen Lebensabend verbringen wollte, hält es nun "nervlich nicht mehr aus". Die beiden Senioren haben sich bei einem Altenheim angemeldet. "Wir haben", sagt die 68jährige Frau, "wirklich alles versucht, um mit den Sintis auszukommen, aber das zermürbt."
Raus will auch der Hausmeister, 62, der, wie er betont, gegenüber früher "das Vierfache an Arbeit" habe: "Ich muß umeinander rennen wie ein Schäferhund. Kaum habe ich die Wiese gesäubert, liegt da wieder ein Scheißhaufen."
"Früher war hier ein Blumenmeer vor dem Haus", erinnert sich die Frau des Hausmeisters. Jetzt wachse da gar nichts mehr richtig, weil die Zigeunerkinder alles zertrampeln.
Abfall überall, demolierte Briefkästen, herausgerissene Türgriffe, Lärm und beißende Gerüche - das alles läßt auch einen 53jährigen Gerichtsvollzieher resignieren. Der streitbare Mann sucht sich jetzt eine neue Wohnung: "Man schämt sich ja, hier jemand einzuladen."
Bislang hatte der Gerichtsvollzieher den Kampf der Mieter gegen die, wie er sagt, "Immobilienhaie" und gegen die Stadt Augsburg angeführt. Der Ärger begann 1990, als die Häuser von Egger und dessen Partner Rupert Sprang erworben wurden.
Eggers Vorhaben, die alten Mieter nach und nach "umzusetzen" und die großen Altbauwohnungen in kleine Apartments aufzuteilen, scheiterte. Da bot er, im Oktober vergangenen Jahres, seine "baufällige Burg" (Egger) als Quartier für Asylbewerber an. Die Stadt griff sofort zu.
Die zuständige Sozialreferentin Margarete Rohrhirsch-Schmid habe zwar, erinnert sich der Gerichtsvollzieher, versprochen, "nur handverlesene" Asylbewerber zu schicken. Aber es kamen erst 40, dann 60 und immer mehr Sinti.
Die Altmieter sind offensichtlich überfordert. Gewohnt an ihre eher biedere Ordnung, können sie sich mit der völlig anderen Lebensweise ihrer neuen Nachbarn nicht anfreunden.
Nicht den Eigentümer Egger, sondern die einquartierten Gäste machen sie für ihren Frust verantwortlich: Die Fremden sind es plötzlich, die den Wohnfrieden bedrohen.
Alle Abneigungen und Vorurteile, mit denen kinderreiche Familien oft zu kämpfen haben, treffen nun die Ausländer. Die unbeaufsichtigten Kinder sind in den Augen vieler Mieter eine "absolut wilde Horde" und der Keim für "Jugendbanden".
Der wahre Kern des Problems: Zwei Kulturen mit völlig unterschiedlichen Umgangsformen und Traditionen prallen aufeinander.
"Die Sintikinder kommen aus allen Ecken und Enden angerannt", beklagt eine Deutsche, Mutter eines kleinen Mädchens. Doch es ist gerade nicht Angriffslust, die das Treiben der kleinen Zuwanderer beflügelt, sondern Zuneigung: "Die sind wahnsinnig überschwenglich, heben meine kleine Lena hoch, busseln sie ab wie wild."
Die Folgerung der angstvollen Mutter: Sie läßt Lena nicht mit den Zigeunerkindern spielen. "Das ist man nicht gewöhnt, das kann ja auch gefährlich werden." Die Sinti äußern Unverständnis: "Kinder spielen müssen."
Sozialreferentin Rohrhirsch-Schmid hat mittlerweile erkannt, was da angerichtet worden ist. Es werde, schrieb sie den Mietern am Roten Tor, "zu keiner ähnlich gelagerten Entscheidung mehr kommen".
"Leider können wir", gestand die Referentin allerdings ein, "die aufgetretene Entmietung des Hauses nicht mehr rückgängig machen."

DER SPIEGEL 37/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Früher war hier ein Blumenmeer“

  • Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding
  • Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!
  • Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars
  • Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine